{"id":5145,"date":"2010-04-12T09:05:29","date_gmt":"2010-04-12T07:05:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5145"},"modified":"2014-11-25T09:55:59","modified_gmt":"2014-11-25T08:55:59","slug":"billig-discounter-und-freihandel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5145","title":{"rendered":"Billig-Discounter und Freihandel"},"content":{"rendered":"<p>In letzter Zeit h&auml;ufen sich die Meldungen, dass einige Billig-Discounter sich nicht an ihre Zusagen halten, faire Arbeitsbedingungen f&uuml;r Besch&auml;ftigte bei ihren Lieferanten sicherzustellen. Orlando Pascheit meint, dass an einer generellen Regelung des globalen Handels im Sinne des Arbeiter- und Umweltschutzes kein Weg vorbeif&uuml;hrt.<br>\n<!--more--><\/p><p>Auch der Tagesspiegel und die FR haben dar&uuml;ber berichtet:<\/p><ul>\n<li><strong>Klage gegen Lidl eingereicht<\/strong><br>\nDie Handelskette Lidl steht erneut in der Kritik. Wie am Donnerstag bekannt wurde, hat die Verbraucherzentrale Hamburg gemeinsam mit zwei Menschenrechtsorganisationen den Discounter wegen unlauteren Wettbewerbs verklagt. &bdquo;Das Unternehmen verspricht in seiner Werbung ganz offensiv faire Arbeitsbedingungen f&uuml;r Besch&auml;ftigte bei seinen Textilzulieferern in Bangladesch &ndash; aber h&auml;lt sich nicht daran&ldquo;, sagte G&uuml;nter H&ouml;rmann, Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der Verbraucherzentrale am Donnerstag. &bdquo;Die Kunden werden so irregef&uuml;hrt.&ldquo; Im Auftrag der Menschenrechtsorganisationen hatten Kontrolleure vier f&uuml;r Lidl t&auml;tige Textilfirmen in Bangladesch besucht. Die dort befragten Arbeiter sollen von extremen Arbeitszeiten und mickrigen L&ouml;hnen berichtet haben.<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/wirtschaft\/Lidl;art271,3079141?_FRAME=33&amp;_FORMAT=PRINT\">Tagesspiegel<\/a>\n<\/li>\n<li><strong>Der faire Wert<\/strong><br>\nSeit den neunziger Jahren geh&ouml;rt zum neuen Qualit&auml;tsbewusstsein auch die punktuelle Solidarit&auml;t mit den Leidtragenden der Globalisierung. &ldquo;Fair&rdquo; gehandelte Produkte anst&auml;ndig entlohnter Kleinbauern und Textilarbeiterinnen d&uuml;rfen schon mal zehn Prozent teurer sein als normale Produkte. Jetzt klagen Verbraucher- und Menschenrechtsgruppen gemeinsam gegen den Discounter Lidl wegen der Zust&auml;nde bei dessen Textil-Lieferanten. Das Problem ist nicht neu, daf&uuml;r aber die Gegenstrategie: Verbrauchersch&uuml;tzer pochen nicht einfach auf &ldquo;gut und billig&rdquo;, sondern packen Importeur und H&auml;ndler am eigenen Anspruch, weltweit die Menschenrechte zu achten. Sie bedienen sich dabei des deutschen Wettbewerbsrechts, das offensichtlich irref&uuml;hrende Werbung verbietet. Seit den sechziger Jahren wird der Vormarsch der Discounter durch Dumpingpreise getragen, die wiederum auf rigorosen K&uuml;rzungen der Personalkosten, der L&ouml;hne also basieren. Inzwischen st&ouml;&szlig;t bei einem Niveau der Arbeitskosten von gerade noch f&uuml;nf bis zehn Prozent der Verkaufserl&ouml;se diese Strategie allerdings an ihre Untergrenzen. Sie treibt die Betroffenen in die Arme von Hartz IV. Die Eigent&uuml;mer der Billig-Ketten tummeln sich derweil im Spitzenfeld der reichsten Deutschen.<br>\nDie Zust&auml;nde in den armen L&auml;ndern r&uuml;cken mehr und mehr in den Mittelpunkt von Verbraucher- und Arbeitnehmerschutz. Das f&uuml;hrt zu verst&auml;rkter Selbstkontrolle der Importeure, die auf eine gute Selbstdarstellung Wert legen m&uuml;ssen. Der Kunde soll kein schlechtes Gewissen beim Kauf seines Billig-T-Shirts haben, obwohl die niedrigen Einstandspreise der m&auml;chtigen Eink&auml;ufer aus Deutschland doch nur den flinken H&auml;nden der Weberinnen von Dhaka zu verdanken sind. Es bleibt das Problem, dass die Multis immer weniger vor Ort selbst produzieren, sich stattdessen aus dem System der Unter- und Unter-Unter-Lieferanten billig beliefern lassen. Wenn dann Firmen &ndash; wie vor kurzem Metro und aktuell Lidl sowie Kik &ndash; mit den Folgen des Systems konfrontiert werden, booten sie die von ihnen abh&auml;ngigen, aber offenbar unbelehrbaren Lieferanten aus.<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/_em_cms\/_globals\/print.php?em_ssc=MSwwLDEsMCwxLDAsMSww&amp;em_cnt=2518907&amp;em_loc=1775&amp;em_ref=\/in_und_ausland\/politik\/meinung\/&amp;em_ivw=fr_meinung\">FR<\/a>\n<\/li>\n<\/ul><p>So clever es ist, das Problem der Arbeitsbedingungen in Billiglohnl&auml;ndern &uuml;ber das hiesige Wettbewerbsrechts anzugehen, zeigt uns doch dieses Vorgehen, dass diese Problematik nicht aus eigenem Recht angegangen werden kann. Niemand verbietet unseren&nbsp; Discountern in der Dritten Welt unter Mi&szlig;achtung von Sozial- und Umweltstandards produzieren zu lassen. In der WTO ist es bisher zu keiner Verankerung von Mindeststandards gekommen. Bereits in der der Ministererkl&auml;rung von Singapur im Jahre 1996 wurde deutlich, dass die Entwicklungsl&auml;nder Sozial- und Umweltstandards ablehnen, da sie den Verlust von Kostenvorteilen und den Mi&szlig;brauch von Normen zu protektionistischen Zwecken f&uuml;rchten. Auch in Doha (2001) kam man nicht weiter als bis zu Verhandlungsauftr&auml;gen.<br>\nDie Aussetzung der multilateralen Handelsgespr&auml;che im Rahmen der Doha-Runde hat sowohl seitens der EU wie auch der USA verst&auml;rkt zu Bem&uuml;hungen gef&uuml;hrt, den Freihandel durch bilaterale und regionale Vereinbarungen zu ersetzen. Beide Wirtschaftm&auml;chte versuchen seit 2006\/2007 in diesen Vertr&auml;gen Umwelt- und Sozialstandards zu verankern. Diese haben in den Vertr&auml;gen der USA allerdings einen verbindlicheren Charakter. So f&uuml;hrte der Vertrag mit Marokko u.a. dazu, dass das Mindestalter von Arbeitskr&auml;ften von 12 auf 15 Jahre angehoben wurde, die Wochenarbeitszeit von 48 auf 44 Stunden gesenkt wurde, die Arbeitnehmer ferner das Recht erhielten, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Die <a href=\"http:\/\/finance.senate.gov\/download\/?id=8A8BC038-77A1-4C11-AD3D-34A2B336BE52\">Einschr&auml;nkung der Trade Promotion Authority des US-amerikanischen Pr&auml;sidenten 2007 [PDF &ndash; 8,6 MB]<\/a> macht allerdings deutlich, dass es nicht nur um den Schutz von Arbeitnehmerrechten und der Umwelt in den Verhandlungsstaaten selbst geht, sondern auch um den Schutz amerikanischer Arbeiter und Unternehmen.<br>\nF&uuml;r den f&uuml;hrenden Freihandelstheoretiker Jagdish Bhagwati ist das eindeutig eine <a href=\"http:\/\/www.columbia.edu\/~jb38\/FT%20bipartisan.doc\">strategische Nutzung von Umwelt- und Sozialstandards im Sinne eines Exportprotektionismus [DOC &ndash; 30 KB]<\/a>.<\/p><p>Andererseits ignorieren Freih&auml;ndler gerne, dass m&uuml;hsam errungene Arbeitszeitvorgaben, Standards beim Unfallschutz am Arbeitsplatz und Umweltauflagen in den alten Industriestaaten von global agierenden Unternehmen und Finanzinstituten umgangen werden k&ouml;nnen, indem Arbeit in solche L&auml;nder verlagert wird, die weniger fordern. Kinderarbeit und Umweltzerst&ouml;rung werden im Ringen und Weltmarktanteile von vielen Entwicklungs- &nbsp;aber auch den Schwellenl&auml;ndern immer noch als Wettbewerbsvorteile wahrgenommen. So lehnt die indische Regierung in den derzeitigen Verhandlungen mit der EU die vertragliche Aufnahme von Sozial- und Umweltstandards ab. &bdquo;Es gibt f&uuml;r uns gewisse rote Linien&ldquo;, warnte Indiens Staatssekret&auml;r f&uuml;r Handel, Rahul Khullar. &bdquo;Wenn die EU keine Freihandelsabkommen ohne Sozialklauseln akzeptiert, dann kann ich nur sagen: Pech gehabt.&ldquo; In vielen indischen Exportbranchen vom Steinmetzhandwerk bis zur Textilindustrie arbeiten Kinder f&uuml;r einen Hungerlohn. Um u.a. diesen &bdquo;Vorteil&ldquo; zu wahren verzichtet die indische Regierung <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/_b=2546735,_p=6,_t=ftprint,doc_page=0;printpage\">auf einen besseren Zugang zu den europ&auml;ischen M&auml;rkten<\/a>.<\/p><p>Bei aller Sympathie f&uuml;r die Vorgehensweise im Falle Lidls oder den vielen Fair Trade- Aktionen: Es f&uuml;hrt kein Weg an einer generellen Regelung des globalen Handels im Sinne des Arbeiter- und Umweltschutzes vorbei. Fatal w&auml;re es allerdings, wenn wir in kleineren Entwicklungsl&auml;ndern Sozial- und Umweltstandards durchsetzen, aber vor m&auml;chtigen Schwellenl&auml;ndern wie Indien und China einknicken w&uuml;rden. Verfehlt w&auml;re es auch anzunehmen, in solchen Handelsabkommen allein bei den Entwicklungsl&auml;ndern eine Bringschuld zu verorten. So sollten wir viel mehr den Entwicklungsl&auml;ndern zugestehen, dass sie in einer &Uuml;bergangsphase ihre aufstrebenden Industrien z.B. mit Z&ouml;llen sch&uuml;tzen, bis sie mit uns konkurrieren k&ouml;nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In letzter Zeit h&auml;ufen sich die Meldungen, dass einige Billig-Discounter sich nicht an ihre Zusagen halten, faire Arbeitsbedingungen f&uuml;r Besch&auml;ftigte bei ihren Lieferanten sicherzustellen. 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