{"id":51553,"date":"2019-05-09T08:50:24","date_gmt":"2019-05-09T06:50:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51553"},"modified":"2019-05-10T07:30:29","modified_gmt":"2019-05-10T05:30:29","slug":"am-9-mai-1969-gab-es-einen-wichtigen-vorstoss-gegen-exportueberschuesse-und-zugleich-fuer-den-ersten-kanzlerwechsel-von-kiesinger-cdu-zu-brandt-spd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51553","title":{"rendered":"Am 9. Mai 1969 gab es einen wichtigen Vorsto\u00df gegen Export\u00fcbersch\u00fcsse. Und zugleich f\u00fcr den ersten Kanzlerwechsel von Kiesinger (CDU) zu Brandt (SPD)"},"content":{"rendered":"<p>Heute vor 50 Jahren hat der damalige Bundeswirtschaftsminister Professor Dr. Karl Schiller (SPD) in der Sitzung des Kabinetts Kiesinger (CDU) offiziell die Aufwertung der D-Mark vorgeschlagen. Dieser Schritt hatte eine gro&szlig;e wirtschafts- und w&auml;hrungspolitische Bedeutung. Und er hatte eine gro&szlig;e Bedeutung f&uuml;r die vier Monate sp&auml;ter stattfindende Bundestagswahl. Auch damit wurde der Wechsel von der CDU-Kanzlerschaft zu Willy Brandt (SPD) eingeleitet. Ich hatte das Gl&uuml;ck, an dieser Entscheidung und ihrer Umsetzung beteiligt gewesen zu sein und so ein bisschen am Rad der Geschichte mitgedreht zu haben. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3835\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-51553-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190509_Am_9_Mai_1969_gab_es_einen_wichtigen_Vorstoss_gegen_Exportueberschuesse_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190509_Am_9_Mai_1969_gab_es_einen_wichtigen_Vorstoss_gegen_Exportueberschuesse_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190509_Am_9_Mai_1969_gab_es_einen_wichtigen_Vorstoss_gegen_Exportueberschuesse_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190509_Am_9_Mai_1969_gab_es_einen_wichtigen_Vorstoss_gegen_Exportueberschuesse_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=51553-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190509_Am_9_Mai_1969_gab_es_einen_wichtigen_Vorstoss_gegen_Exportueberschuesse_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"190509_Am_9_Mai_1969_gab_es_einen_wichtigen_Vorstoss_gegen_Exportueberschuesse_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Der Vorgang ist in mehrerer Hinsicht interessant:<\/strong><\/p><ol>\n<li><strong>Mit dem Vorsto&szlig; dokumentierte Schiller die Wirtschaftskompetenz der SPD.<\/strong><\/li>\n<li><strong>Die Entscheidung f&uuml;r die Aufwertung ist aktuell, weil die w&auml;hrungs- und wirtschaftspolitische Situation der heutigen sehr &auml;hnlich ist. Heute ist man stolz auf Export&uuml;bersch&uuml;sse; damals sah man darin eine unn&ouml;tige Belastung der eigenen Volkswirtschaft und der Defizitl&auml;nder.<\/strong>\n<div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/190509-Bundestagswahlkampf-1969-02.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/190509-Bundestagswahlkampf-1969-02.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div>\n<p><em>(Anzeige aus dem Bundestagswahlkampf 1969)<\/em>\n\t<\/p><\/li>\n<li><strong>Die Entscheidung von Schiller und der SPD f&uuml;r die Aufwertung der D-Mark hatte gro&szlig;e Bedeutung f&uuml;r den Wahlkampf und h&ouml;chstwahrscheinlich auch f&uuml;r das Wahlergebnis und damit f&uuml;r den ersten Regierungswechsel nach 20 Jahren Bundesrepublik unter F&uuml;hrung der CDU mit den Bundeskanzlern Adenauer, Erhard und Kiesinger.<\/strong><\/li>\n<\/ol><p>Der Regierungswechsel ber&uuml;hrte und betraf auch jene, die damals nicht in der Bundesrepublik West, sondern in der DDR lebten. Denn die Ostpolitik des neuen Bundeskanzlers Willy Brandt  war von entscheidender Bedeutung f&uuml;r die weitere Entwicklung des Zusammenlebens, von der Konfrontation zur Zusammenarbeit und Vereinigung der beiden Teile Deutschlands. Der Regierungswechsel hatte auch unmittelbare Bedeutung f&uuml;r die Menschen im geteilten Deutschland. Es folgten gro&szlig;e Schritte zur Erleichterung von Begegnungen der Menschen zwischen Ost- und Westdeutschland.<\/p><p><strong>Pers&ouml;nliche Vorbemerkung:<\/strong> Ich war von August 1968 bis einschlie&szlig;lich Oktober 1969 Redenschreiber von Bundeswirtschaftsminister Schiller und ab Mai 1969 auch sein Kontaktmann f&uuml;r die Wahlkampff&uuml;hrung. Deshalb hat der folgende Text unvermeidbar biografische Z&uuml;ge. Jene Leser, die die biografischen Teile nicht interessieren, k&ouml;nnen sich auf die gefetteten Passagen konzentrieren.<\/p><p><strong>Sp&auml;testens ab Fr&uuml;hjahr 1968 war erkennbar, dass die D-Mark im Vergleich zu den anderen mit festen Wechselkursen verbundenen W&auml;hrungen, insbesondere gegen&uuml;ber dem US-Dollar, unterbewertet war. Schon ab Sommer 1968 sprachen wir im Bundeswirtschaftsministerium intern davon, dass eine Aufwertung der D-Mark f&auml;llig ist. Im November kam es auf Einladung des deutschen Bundeswirtschaftsministers zu einer Konferenz in Bonn. Eine Aufwertung wurde damals von Bundeswirtschaftsminister Schiller noch nicht vorgeschlagen. Stattdessen hatten sich Wirtschaftsminister Schiller und Finanzminister Strau&szlig; darauf verst&auml;ndigt, dass eine Exportsteuer von 4% eingef&uuml;hrt und die Einfuhr entsprechend entlastet wird. (Vgl. das Absicherungsgesetz vom 29. Nov. 1968 (BGBl. I 1255) und <a href=\"http:\/\/www.bundesarchiv.de\/cocoon\/barch\/00\/k\/softlink\/19681121-147-A\/suche.xhtml\">147. Sitzung am 21. Nov. 1968 TOP A<\/a> (Kabinettsprotokolle 1968, S. 454-456). Diese Entscheidung war keine L&ouml;sung des Problems der aus den Fugen geratenen und von W&auml;hrungsspekulationen gepr&auml;gten Au&szlig;enwirtschaftssituation. <\/strong><\/p><p><strong>Bundeskanzler Kiesinger hatte sich zur gleichen Zeit, also im November 1968, eindeutig gegen eine Aufwertung der D-Mark ausgesprochen und damit festgelegt. Das hatten wir im Umkreis des Bundeswirtschaftsministers Schiller sehr wohl notiert und als Fehler betrachtet &ndash; sowohl aus w&auml;hrungspolitischer als auch aus wahlstrategischer Sicht. <\/strong><\/p><p><strong>Zum Verst&auml;ndnis muss man wissen: im Bundeswirtschaftsministerium war zwar ziemlich viel wirtschaftspolitischer Verstand versammelt, zugleich aber war der Kreis der einflussreichen Personen politisch ziemlich gespalten. Die konservative, der CDU\/CSU verbundene Gruppe war in der Mehrheit und besonders einflussreich; auch Karl Schiller, der Minister, neigte oft seinen konservativen Beratern zu. <\/strong><\/p><p>Zum CDU\/CSU-nahen Beraterkreis geh&ouml;rten der beamtete Staatssekret&auml;r Sch&ouml;llhorn (meines Wissens CSU-Mitglied), er war die m&auml;chtigste Person nach Schiller und hatte auch den gr&ouml;&szlig;ten Einfluss auf ihn. Dann der Leiter der Grundsatzabteilung Otto Schlecht und der Grundsatzreferent Dr. Hans Tietmeyer, damals Vorsitzender der CDU Bad Godesberg und sp&auml;ter Staatssekret&auml;r noch zu SPD-Kanzlerzeiten bei Otto Graf Lambsdorff (FDP), Mitverfasser des Lambsdorff Papiers und dann sp&auml;ter zu Kohls Zeiten Bundesbankpr&auml;sident. Dass Tietmeyer dann noch viel sp&auml;ter Kuratoriumsvorsitzender der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft wurde, passt ins Bild. Tietmeyer hatte erstaunlich gro&szlig;en Einfluss auf Schiller und war damals der eigentliche Gegenspieler der beiden Redenschreiber Albrecht M&uuml;ller und Ulrich Pfeiffer, beide SPD.  <\/p><p>Zum SPD-Lager geh&ouml;rte auch noch der beamtete Staatssekret&auml;r Klaus von Dohnanyi. Dieser hatte bei Schiller aber wenig zu sagen und war in der Aufwertungsfrage eher auf Seiten von CDU und CSU. Ins Lager der SPD und der Aufwertungsbef&uuml;rworter geh&ouml;rte der Parlamentarische Staatssekret&auml;r Klaus Dieter Arndt, der Unterabteilungsleiter und sp&auml;tere Arbeitsminister Herbert Ehrenberg, der stellvertretende Leiter der W&auml;hrungsabteilung Dieter Hiss und wir beiden Redenschreiber.<\/p><p><strong>Diese Konstellation war bezeichnend. Sie zeigt, wie wenig parteipolitisch durchdrungen das Wirtschaftsministerium nach zweieinhalb Jahren SPD-F&uuml;hrung war. F&uuml;r andere Ministerien galt &auml;hnliches.<\/strong><\/p><p><strong>Die personelle Konstellation wurde dann bei der weiteren Meinungsbildung und Entscheidungsfindung in der Frage der Aufwertung relevant und interessant: Der Minister, Karl Schiller, lud n&auml;mlich sein K&uuml;chenkabinett, zu dem die meisten der genannten Personen geh&ouml;rten, f&uuml;r Samstag, den 15. M&auml;rz 1969, ins Ministerb&uuml;ro ein und stellte rundum an jeden einzelnen die Frage, ob er, Schiller, dem Bundeskanzler und dem Bundeskabinett offiziell die Aufwertung der D-Mark vorschlagen solle. <\/strong><\/p><p><strong>Es war bekannt, dass auch die konservative Seite, also namentlich Sch&ouml;llhorn, Schlecht und Tietmeyer aus fachlichen Gr&uuml;nden f&uuml;r die Aufwertung waren. Aber es war klar, dass ihnen eine solche Entscheidung vor dem Wahltermin politisch und wahlpolitisch nicht ins Konzept passte. Sie wollten Kiesinger nicht in Verlegenheit bringen. Deshalb wohl beantworteten diese dann Schillers Frage mit einem z&ouml;gernden Nein. &ndash; Dieter Hiss, Ulli Pfeiffer und ich votierten mit Ja. <\/strong><\/p><p><strong>Wir, Ulli Pfeiffer und ich, taten dies nicht nur aus fachlichen Gr&uuml;nden; uns war klar, welche g&uuml;nstige wahlpolitische Konstellation daraus erwachsen k&ouml;nnte: n&auml;mlich ein Konflikt mit dem Bundeskanzler von der CDU und der CDU\/CSU insgesamt, ein Konflikt, bei dem die SPD-Seite die &uuml;berwiegende Mehrheit der Medien, einschlie&szlig;lich der konservativen und der Wirtschaftspresse und auch einen gro&szlig;en Teil der Wissenschaftler und die Bundesbank auf ihrer Seite haben w&uuml;rde. Die SPD konnte in einem solchen Fall Wirtschaftskompetenz demonstrieren, die andere Seite war gel&auml;hmt, weil weitgehend zerstritten. <\/strong><\/p><p><strong>Schiller schloss die Sitzung ohne Diskussion. Danach wurde es vor&uuml;bergehend still um das Thema. Anfang Mai 1969 informierte Schiller dann Bundeskanzler Kiesinger und die eigene Parteif&uuml;hrung von seiner Absicht, die Aufwertung offiziell vorzuschlagen. Am Freitag, den 9. Mai, also genau vor 50 Jahren, ging er mit einer Kabinettsvorlage zum Ziel der Aufwertung um 6,25 % in eine Sondersitzung des Bundeskabinetts. So notiert das Bundesarchiv diese Vorlage:<\/strong><\/p><blockquote><p>\n<strong>Der Bundesminister f&uuml;r Wirtschaft<\/strong><\/p>\n<p><strong>Kabinettsvorlage<\/strong><\/p>\n<p><strong>Betr.: Antrag auf Verbesserung der W&auml;hrungsparit&auml;t der Deutschen Mark um 6,25% (1 Dollar = 3,75 DM)<\/strong><\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.bundesarchiv.de\/cocoon\/barch\/00\/k\/k1969k\/kap1_2\/kap2_18\/para3_1.html\">Sondersitzung am 9. Mai 1969 &gt; 1. W&auml;hrungspolitische Lage<\/a><\/strong>\n<\/p><\/blockquote><p><strong>CDU\/CSU hatten die Mehrheit im Kabinett der damaligen gro&szlig;en Koalition. Die Mehrheit &uuml;berstimmte die Minderheit und den Bundeswirtschaftsminister. <\/strong><\/p><p><a href=\"https:\/\/chroniknet.de\/extra\/was-war-am\/?ereignisdatum=9.5.1969\">In einer Chronik<\/a> hei&szlig;t es dazu: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<strong>9.5.1969<\/strong><\/p>\n<p>Nach schweren koalitionsinternen Auseinandersetzungen lehnt das Bundeskabinett aus Unionsparteien und SPD die allgemein erwartete Aufwertung der DM ab.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>&Uuml;brigens, die vom Bundesarchiv wiedergegebenen Protokolle sind interessant &ndash; jedenfalls f&uuml;r Menschen, die sich f&uuml;r Geschichte interessieren. <\/p><p><strong>Damit w&auml;re eigentlich alles klar gewesen und der Konflikt w&auml;re f&uuml;r den Bundestagswahlkampf entsprechend angelegt und durch die unvermeidlichen Spekulationen auf die D-Mark immer wieder aktualisiert worden. Aber das war nicht so:<\/strong><\/p><p><strong>Die SPD-Seite selbst war sich ihres Gl&uuml;ckes nicht bewusst und ausgesprochen unsicher. Der Hintergrund: Die SPD-F&uuml;hrung war mit Ausnahme des Bundesgesch&auml;ftsf&uuml;hrers Hans-J&uuml;rgen Wischnewski von Karl Schiller offensichtlich nicht ausreichend informiert und schon gar nicht &uuml;berzeugt worden. Deshalb stolperte die SPD zun&auml;chst noch einige Wochen lang durch die politische Landschaft. <\/strong><\/p><p><strong>Von ein paar besonderen Episoden und von der eigenen Arbeit zum Thema will ich kurz noch berichten:<\/strong><\/p><p>Damals gab es eine Wahlkampfleitung der SPD. Der Kopf war Hans-J&uuml;rgen Wischnewski. Der Rest bestand aus den Mitgliedern des Pr&auml;sidiums der SPD. Das war eigentlich ein formales Gremium. Die Hauptarbeit wurde von Wischnewski in Kombination mit Willy Brandt geleistet. Und von einem anderen Zirkel. Es gab eine kleine Gruppe von &bdquo;Zuschl&auml;gern&ldquo;, die sinnigerweise &bdquo;Technische Wahlkampfleitung&ldquo; genannt wurde. Dazu geh&ouml;rte als Leiter dieser kleinen Gruppe der Abteilungsleiter &Ouml;ffentlichkeitsarbeit der SPD, Dr. Werner M&uuml;ller, und dann jeweils ein Vertreter der F&uuml;hrungspersonen: f&uuml;r Willy Brandt Leo Bauer, fr&uuml;her einmal Kommunist, dann &uuml;berzeugter Sozialdemokrat. F&uuml;r Herbert Wehner agierte Bruno Friedrich. Er war damals in der fr&auml;nkischen SPD verankert und in der Erwachsenenbildung t&auml;tig. Wie auch Leo Bauer ein patenter Typ. F&uuml;r den Fraktionsvorsitzenden Helmut Schmidt Eugen Selbmann und f&uuml;r den Schatzmeister Alfred Nau Helmut Esters, sp&auml;ter einflussreicher Haush&auml;lter in der SPD-Fraktion. Karl Schiller hatte mich als seinen Vertreter in dieses Gremium entsandt.<\/p><p><strong>Meine Kollegen in dieser Gruppe hatte ich relativ schnell von der Brisanz des Themas Aufwertung &uuml;berzeugt. Auch der Wahlkampfleiter und Bundesgesch&auml;ftsf&uuml;hrer Hans-J&uuml;rgen Wischnewski war &uuml;berzeugt davon, dass das Thema Aufwertung ein fantastisches Wahlkampfthema sein w&uuml;rde. Meine Aufgabe war es dann, dieses schwierige Thema Aufwertung in Texte und Fernsehspots f&uuml;r die &Ouml;ffentlichkeitsarbeit umzusetzen. Das erste Projekt war eine aus fachlicher Sicht grandiose ganzseitige Anzeige f&uuml;r die Bild-Zeitung. Ihre Headline lautete: &bdquo;Wir verschenken jeden 13. VW&ldquo;. In einzelnen kleinen Artikeln war dann auf dieser Anzeige erl&auml;utert, dass Export&uuml;bersch&uuml;sse f&uuml;r unser Land und die arbeitenden Menschen einen realen Einkommensverlust bedeuten. Wir exportieren mehr, als wir importieren und haben damit real weniger f&uuml;r uns zur Verf&uuml;gung. <\/strong><\/p><p><strong>Man kann diese Erw&auml;gungen direkt auf heute &uuml;bertragen. Auch heute exportieren wir viel mehr, als wir importieren. Auch das entspricht einer Verschleuderung von Ressourcen. Der Unterschied besteht nur darin, dass die heutige Bundeskanzlerin Merkel und ihre Finanzminister Sch&auml;uble, Steinbr&uuml;ck und Scholz &ndash; anders als Karl Schiller und seine Mitarbeiter damals &ndash; nicht verstanden haben, was diese &Uuml;bersch&uuml;sse real-&ouml;konomisch bedeuten. Oder auch nicht verstehen wollen und die Konsequenzen bewusst in Kauf nehmen. Gemeint ist der Zerfall eines gemeinsamen W&auml;hrungsraums in &Uuml;berschuss- und Defizitl&auml;nder. Die Konsequenzen dieser Ignoranz gegen&uuml;ber den Defizitl&auml;ndern werden wir Europ&auml;er bei den kommenden Europawahlen zu sp&uuml;ren bekommen.<\/strong><\/p><p><strong>Die erw&auml;hnte Anzeige war schon zum Druck in der Bild-Zeitung vorbereitet. Aber sie erschien nicht. Der Bundesfinanzminister und CSU-Vorsitzende Franz Josef Strau&szlig; hatte Wind davon bekommen, er pr&auml;sentierte diese Anzeige im Kressbronner Kreis, dem damaligen Koalitionszirkel, und tobte dort wohl auch ob der angeblichen Frechheit der SPD; die SPD-Vertreter knickten ein und zogen die Anzeige zur&uuml;ck. 20 Jahre sp&auml;ter, als ich Bundestagsabgeordneter war, erz&auml;hlte mir der CSU-Kollege Erich Riedel, damals in der Zeit des Aufwertungsstreits Referent von Franz Josef Strau&szlig;, die noch nicht gedruckte Anzeige sei dem CSU-Vorsitzenden vom Springer-Verlag, dem Herausgeber der Bild-Zeitung, zugespielt worden.<\/strong><\/p><p><strong>F&uuml;r uns Wahlstrategen war dieser Vorgang ein schwerer Schlag. Er signalisierte, dass Schiller die Mehrheit seiner Parteifreunde in der SPD-F&uuml;hrung nicht f&uuml;r sein Anliegen gewonnen hatte. Deshalb mussten wir in der &bdquo;Technischen Wahlkampfleitung&ldquo; &uuml;berlegen, was zu tun w&auml;re. Bruno Friedrich bot an, dass er auf der Basis eines kurzen Papieres den Versuch machen k&ouml;nnte, Herbert Wehner zu &uuml;berzeugen, und dieser dann f&uuml;r den Rest sorgen muss. Ich formulierte also ein kurzes Papier, das zum einen die fachlich-sachliche Begr&uuml;ndung f&uuml;r die Aufwertung enthielt und zum anderen beschrieb, welche fantastische politische Konstellation der Konflikt um die Aufwertung f&uuml;r die SPD haben w&uuml;rde. Wehner wurde in der Tat t&auml;tig. Ende Juni 1969\/Anfang Juli war dann der Durchbruch geschafft. <\/strong><\/p><p><strong>Wahlkampf mit mehreren Themen &ndash; das Thema Aufwertung erg&auml;nzte den Reigen der sonstigen Wahlkampfthemen mit einem &ouml;ffentlich wirksamen Konflikt.<\/strong><\/p><p><strong>Die SPD f&uuml;hrte dann einen Wahlkampf, der auf mehreren Beinen stand. Ich erw&auml;hne das deshalb und beschreibe es auch noch, weil diese Konstellation sichtbar macht, dass die ansonsten bei Wahlanalysen h&auml;ufig versuchte Erkl&auml;rung, f&uuml;r einen Wahlerfolg sei die Ursache A und nur sie entscheidend gewesen, eigentlich immer falsch ist. Wahlerfolge gr&uuml;nden in der Regel auf einer Konstellation guter Themen und attraktiver Personen, guter Werbemittel und guter Konflikte. Im konkreten Fall des Bundestagswahlkampfs 1969 kamen mehrere gute Gr&uuml;nde zusammen:<\/strong><\/p><ol>\n<li><strong>Die neue Ostpolitik, auch Friedens- und Vers&ouml;hnungspolitik genannt.<\/strong><\/li>\n<li><strong>Eine attraktive personelle Konstellation &ndash; mit Karl Schiller als Wirtschaftsminister, Helmut Schmidt als Fraktionsvorsitzendem  und Willy Brandt als Au&szlig;enminister, Parteivorsitzendem und Kanzlerkandidat. Im Hintergrund half auch noch die Tatsache, dass mit Gustav Heinemann ein hochangesehener Sozialdemokrat gerade zum Bundespr&auml;sidenten gew&auml;hlt und ins Amt eingef&uuml;hrt wurde.<\/strong><\/li>\n<li><strong>Eine ausgesprochen gute Wahlkampagne mit einem ziemlich mittig anmutenden Hauptslogan: &bdquo;Wir schaffen das moderne Deutschland&ldquo;. Dieser war gezielt auf die sogenannten Aufsteiger hin formuliert. Von gro&szlig;er Bedeutung war auch noch die Tatsache, dass die SPD mit einer attraktiven Riege von Pers&ouml;nlichkeiten von au&szlig;erhalb der Politik aufwartete, die f&uuml;r eine neue politische F&uuml;hrung und den Wechsel nach 20 Jahren CDU\/CSU-Regierung warben: Kulenkampff, Frankenfeld, Inge Meysel, Steinbuch, Wibke Bruns, Philipp Rosenthal und viele mehr. Die Anzeigen und Texte dieser Personen von au&szlig;erhalb nannte man Testimonials. Sie wurden damals zum ersten Mal in einen Wahlkampf eingef&uuml;hrt. Die Idee kam aus Schweden. Die Zusammenarbeit mit anderen sozialdemokratischen Parteien in Europa, vor allem mit den Schweden und den &Ouml;sterreichern, war ausgesprochen eng und bereichernd.<\/strong><\/li>\n<li><strong>Dann bescherte das Thema Aufwertung einen bis weit ins konservative und b&uuml;rgerliche Lager hinein positiv bewerteten Konflikt, gleichzeitig verbunden mit der Tatsache, dass die Anh&auml;nger der CDU\/CSU in den Medien und in der Wissenschaft dar&uuml;ber gespalten waren. Der Konflikt unterst&uuml;tzte den Hauptslogan &bdquo;Wir schaffen das moderne Deutschland&ldquo;. <\/strong><\/li>\n<\/ol><p><strong>Der Vorsto&szlig; vom 9. Mai 1969 zahlte sich aus. <\/strong><\/p><p>W&auml;hrend der ganzen Zeit vom Mai bis zur Wahl im September war ich doppelt eingespannt &ndash; als Redenschreiber und als Mitglied der Technischen Wahlkampfleitung und damit auch als Texter f&uuml;r Anzeigen, Fernsehspots, Flugbl&auml;tter usw. zur Wirtschafts- und W&auml;hrungspolitik, mit Schwerpunkt Aufwertung. <\/p><p><strong>Kurz vor dem Wahltermin wurde ich krank und musste in eine Isolierstation der Bonner Klinik auf dem Venusberg. Das war bitter, denn ich h&auml;tte am Wahlabend schon gerne mit geerntet, was ich mit ges&auml;t hatte. Stattdessen sa&szlig; ich vor dem Fernseher in meinem Krankenzimmer und erlebte dort, wie sich schon in der Nacht andeutete, dass der Kanzlerwechsel mit der Bildung einer neuen Koalition, der sogenannten sozialliberalen Koalition m&ouml;glich w&uuml;rde. Willy Brandt, der ma&szlig;gebliche Vertreter eines grundlegenden Wechsels, setzte sich gegen&uuml;ber den Vertretern der Fortsetzung der Gro&szlig;en Koalition, gegen&uuml;ber Herbert Wehner und Helmut Schmidt, durch. Er vereinbarte noch in der Nacht das B&uuml;ndnis zwischen der von ihm gef&uuml;hrten SPD und der von Walter Scheel gef&uuml;hrten FDP. <\/strong><\/p><p>F&uuml;r mich hatte die Wahlnacht und das Wahlergebnis und meine Beteiligung am Wahlkampf eine weit reichende Folge und sie ist mit einer sehr sch&ouml;nen Erinnerung verbunden: <\/p><p>Die weit reichende: Ich wurde von Wischnewski im Auftrag von Willy Brandt gefragt, ob ich vom Bundeswirtschaftsministerium in die Baracke, also in die Zentrale der SPD, wechseln w&uuml;rde und dort Leiter der Abteilung &Ouml;ffentlichkeitsarbeit mit der Zust&auml;ndigkeit f&uuml;r Wahlk&auml;mpfe werden w&uuml;rde.<\/p><p>Die sch&ouml;ne Erinnerung: am Morgen nach dem Wahlabend wurden nacheinander drei Blumenstr&auml;u&szlig;e an mein Krankenbett gebracht: einer von meinem unmittelbaren Chef, Karl Schiller, einer vom Wahlkampfleiter und SPD-Bundesgesch&auml;ftsf&uuml;hrer Hans-J&uuml;rgen Wischnewski und einer vom absehbar neuen Bundeskanzler Willy Brandt. Kurze Zeit sp&auml;ter sa&szlig; der Klinikchef auf dem Rand meines Bettes und wollte wissen, warum ich einen Blumenstrau&szlig; vom neuen Bundeskanzler bekommen hatte. Ich erz&auml;hlte ihm von der Aufwertung der D-Mark und der besonderen Bedeutung dieses Themas f&uuml;r die Bundestagswahl 1969 und den Wechsel im Bundeskanzleramt.<\/p><p>Eine abschlie&szlig;ende Anmerkung: Karl Schiller, dessen makro&ouml;konomische Kompetenz und dessen F&auml;higkeiten als Redner ich bewunderte, konnte nicht verstehen, dass ich nach dem Wahlsieg in die Baracke, wie er mit herablassendem Ton sagte, wechseln und nicht die von ihm avisierte Karriere im wichtigsten Ministerium, dem Bundeswirtschaftsministerium, wie er meinte, einschlagen wollte. Mir war klar, dass ich sehr viel lieber f&uuml;r Willy Brandt arbeiten wollte und au&szlig;erdem sah ich nach den Erfahrungen zwischen August 1968 und dem Beginn des Jahres 69 voraus, dass Schiller sehr schnell in die H&auml;nde seiner CDU\/CSU-nahen Mitarbeiter geraten w&uuml;rde. So ist es auch geschehen. Im Wahlkampf 1972, f&uuml;r den ich dann als Mitarbeiter von Willy Brandt und dem neuen Bundesgesch&auml;ftsf&uuml;hrer Holger B&ouml;rner zust&auml;ndig war, trat Karl Schiller in gemeinsamen Anzeigen mit dem fr&uuml;heren CDU-Bundeskanzler und Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard gegen seine ehemalige Partei, die SPD an. Mein Job war es, diese Unfreundlichkeiten abzuwehren. Das Ergebnis von 45,8 % f&uuml;r die SPD bei der Wahl 1972 spricht daf&uuml;r, dass Karl Schiller in den falschen H&auml;nden keine Zugnummer mehr war. <\/p><p>Dennoch, seine Entscheidung f&uuml;r die Aufwertung der D-Mark im Jahre 1969 war sowohl w&auml;hrungspolitisch als auch wahlstrategisch richtig und von gro&szlig;er Bedeutung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute vor 50 Jahren hat der damalige Bundeswirtschaftsminister Professor Dr. Karl Schiller (SPD) in der Sitzung des Kabinetts Kiesinger (CDU) offiziell die Aufwertung der D-Mark vorgeschlagen. Dieser Schritt hatte eine gro&szlig;e wirtschafts- und w&auml;hrungspolitische Bedeutung. Und er hatte eine gro&szlig;e Bedeutung f&uuml;r die vier Monate sp&auml;ter stattfindende Bundestagswahl. 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