{"id":51602,"date":"2019-05-10T10:55:42","date_gmt":"2019-05-10T08:55:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51602"},"modified":"2019-05-24T15:27:54","modified_gmt":"2019-05-24T13:27:54","slug":"gelbwesten-appell-franzoesische-kuenstler-lassen-sich-nicht-fuer-dumm-verkaufen-die-deutsche-kulturszene-schweigt-zum-sozialen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51602","title":{"rendered":"Gelbwesten-Appell: Franz\u00f6sische K\u00fcnstler lassen sich \u201enicht f\u00fcr dumm verkaufen\u201c &#8211; Die deutsche Kulturszene schweigt zum Sozialen"},"content":{"rendered":"<p>Ihre Solidarit&auml;t mit den Gelbwesten haben prominente franz&ouml;sische K&uuml;nstler in einem feurigen Appell formuliert. Leider ist eine solch eindeutige Unterst&uuml;tzung sozialen Protests von der deutschen Kulturszene nicht zu erwarten. Von <strong>Tobias Riegel<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7439\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-51602-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190510_Gelbwesten_Franzoesische_Kuenstler_lassen_sich_nicht_fuer_dumm_verkaufen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190510_Gelbwesten_Franzoesische_Kuenstler_lassen_sich_nicht_fuer_dumm_verkaufen_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190510_Gelbwesten_Franzoesische_Kuenstler_lassen_sich_nicht_fuer_dumm_verkaufen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190510_Gelbwesten_Franzoesische_Kuenstler_lassen_sich_nicht_fuer_dumm_verkaufen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=51602-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190510_Gelbwesten_Franzoesische_Kuenstler_lassen_sich_nicht_fuer_dumm_verkaufen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"190510_Gelbwesten_Franzoesische_Kuenstler_lassen_sich_nicht_fuer_dumm_verkaufen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Einen Appell der Solidarit&auml;t mit der Bewegung der Gelbwesten haben franz&ouml;sische Kulturschaffende ver&ouml;ffentlicht. Der von 1400 teils prominenten K&uuml;nstlern und Kulturarbeitern unterschriebene <a href=\"https:\/\/www.liberation.fr\/debats\/2019\/05\/05\/gilets-jaunes-nous-ne-sommes-pas-dupes_1725126\">Aufruf<\/a> in der Zeitung &bdquo;Lib&eacute;ration&ldquo;  l&auml;sst an Deutlichkeit nichts zu w&uuml;nschen &uuml;brig. Diese klare Positionierung franz&ouml;sischer K&uuml;nstler gegen Ausw&uuml;chse wirtschaftsliberaler Politik l&auml;sst fragen, warum ein vergleichbares Signal von der deutschen Kulturszene nicht zu erwarten ist.<\/p><p><strong>Die bedrohlichste Form der Gewalt ist &bdquo;sozial und &ouml;konomisch&ldquo;<\/strong><\/p><p>Der Aufruf wurde unter anderem von der Schauspielerin Juliette Binoche, der Schriftstellerin Dani&egrave;le Sallenave und zahlreichen <a href=\"http:\/\/www.nousnesommespasdupes.fr\/\">weiteren K&uuml;nstlern<\/a>  aus der ersten Reihe der franz&ouml;sischen Kulturszene unterzeichnet, darunter ber&uuml;hmte Musiker, Schriftsteller und Regisseure. In dem Appell wird zum einen die Polizeigewalt gegen die Demonstranten scharf kritisiert. Aber die bedrohlichste Form der Gewalt sei &bdquo;sozial und &ouml;konomisch&ldquo;: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die bedrohlichste Gewalt ist die wirtschaftliche und soziale. Es ist die Gewalt einer Regierung, die die Interessen einiger weniger auf Kosten aller verteidigt. Es ist die Gewalt, die die K&ouml;rper und K&ouml;pfe derjenigen kennzeichnet, die sich bei der Arbeit ruinieren, um zu &uuml;berleben.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Gegen die Medien-Propaganda<\/strong><\/p><p>Die Gelbwesten seien &bdquo;eine Bewegung, die alle kulturellen Berufe repr&auml;sentiert. Eine Bewegung, die durch die Regierung diskreditiert und unterdr&uuml;ckt&ldquo; werde, so der Text. Den medialen Versuch, einen Graben zwischen den Demonstranten und den &bdquo;normalen&ldquo; B&uuml;rgern und konkret der Kulturszene zu ziehen, erteilen die Unterzeichner eine Absage:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Was sie verlangen, verlangen sie f&uuml;r euch alle. Wir sind diejenigen, die die gelben Westen tragen. Wir, K&uuml;nstler, Techniker, Selbstverwalter all dieser kulturellen Berufe, ob prek&auml;r oder nicht, sind von dieser historischen Mobilisierung zutiefst betroffen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Und auch den dominanten Medienkonzernen rufen die Unterzeichner zu: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir lassen uns nicht t&auml;uschen! Wir k&ouml;nnen die &uuml;berm&auml;&szlig;ig abgenutzten Strategien sehen, mit denen die Gelbwesten diskreditiert werden sollen, die als Anti&ouml;kologen, Extremisten, Rassisten beschrieben werden.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Ein Appell ohne Hintert&uuml;r &ndash; Ein mutiger Schritt<\/strong><\/p><p>In deutschen Medien hat dieser Vorgang entsprechend wenig Widerhall gefunden, so haben nur der &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/gelbwesten-proteste-kuenstler-gegen-macron\/24309860.html\">Tagesspiegel<\/a>&ldquo; und die &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/franzoesische-kuenstler-solidarisieren-sich-mit-gelbwesten-16173712.html\">FAZ<\/a>&ldquo; (Bezahlschranke) dar&uuml;ber berichtet. Der &bdquo;Tagesspiegel&ldquo; r&auml;umt immerhin ein, dass &bdquo;die Medienversion von den Gelbwesten als einer gewaltbereiten Horde antisemitischer, homophober Rechtsradikaler nicht zu halten ist&ldquo;.<\/p><p>Als ein Defizit des Appells k&ouml;nnte man die nicht ausreichende Thematisierung der Privatwirtschaft und des Einflusses von Konzernen auf die Handlungen der zu Recht scharf kritisierten Regierung anf&uuml;hren. Dennoch ist dieser Aufruf in seiner Leidenschaft und Klarheit eine positive &Uuml;berraschung. Er ist ein mutiger Schritt &ndash; denn er transportiert keine verdruckste Pseudo-Solidarit&auml;t mit Hintert&uuml;r, sondern eine f&uuml;r die Unterzeichner riskante St&auml;rkung von Menschen, die in aufwendigen Medienkampagnen als rechte Hooligans gezeichnet werden. <\/p><p><strong>Ist Juliette Binoche ein anti-&ouml;kologischer Nazi-Hooligan?<\/strong><\/p><p>Ein solch eindeutiger Schritt ist aus Deutschland nicht bekannt. Eine &auml;hnlich kompromisslose Abrechnung prominenter Kulturschaffender mit dem wirtschaftsliberalen System in einem relevanten Medium (und eben nicht auf einem unbemerkten Nischen-Podium) steht aus und wird schmerzlich vermisst. Denn Propaganda ist nur dann besonders effektiv, solange sie auf keinen (akzeptierten und h&ouml;rbaren) Gegenpol trifft. <\/p><p>Einen solchen Gegenpol haben die franz&ouml;sischen K&uuml;nstler nun geschaffen: Wer die Gelbwesten als anti-&ouml;kologische Nazis verunglimpft, schlie&szlig;t ab jetzt die Schauspiel-Ikone Juliette Binoche in dieses Urteil ein. Das macht es den Medienkonzernen erheblich schwieriger, mit dieser Diffamierung fortzufahren. M&ouml;glicherweise werden sie sich aber die Unterzeichner merken. Mit zeitlichem Abstand zum Appell ist eine mediale Retourkutsche gegen die engagierten Kulturschaffenden nicht ausgeschlossen.<\/p><p>Solche Retourkutschen k&ouml;nnen sehr schmerzhaft sein. In Deutschland konnte man etwa am Beispiel <a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/medien\/keine-gerechtigkeit-fuer-peter-handke\/\">Peter Handke<\/a> beobachten, wie ein K&uuml;nstler medial fertiggemacht wird, der es etwa wagte, sich gegen die dominante offizielle <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50139\">Propaganda vor dem Jugoslawienkrieg<\/a> zu stellen.<\/p><p><strong>Gro&szlig;e und kleine Medien gegen Gelbwesten und &bdquo;Aufstehen&ldquo;<\/strong><\/p><p>Die gro&szlig;en deutschen Medien stehen den Gelbwesten &auml;hnlich feindlich gegen&uuml;ber wie der Sammlungsbewegung &bdquo;Aufstehen&ldquo;, wie die NachDenkSeiten etwa <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50147\">hier<\/a> oder <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48320\">hier<\/a> beschrieben haben. <\/p><p>Ein Beispiel daf&uuml;r, wie diese &bdquo;Kritik&ldquo; aber auch von kleinen Medien und von pseudolinker Seite befeuert wird, liefern etwa die &bdquo;<a href=\"https:\/\/blaetter.de\/archiv\/jahrgaenge\/2019\/april\/der-aufstand-der-gelbwesten-eine-rechte-revolte\">Bl&auml;tter<\/a>&ldquo;, die schreiben, ein Teil der franz&ouml;sischen Linken, aber auch einige ihrer deutschen Genossen, darunter Sahra Wagenknecht, w&uuml;rden &bdquo;in den Gilets Jaunes vor allem eine klassenk&auml;mpferische Bewegung der Unterprivilegierten sehen. Bei n&auml;herer Betrachtung erweist sich das allerdings als gef&auml;hrliche Illusion: Diese Bewegung bef&ouml;rdert weniger die soziale Gerechtigkeit als eine Abwendung vom republikanischen Konsens. Unter dem Gelb der Warnwesten findet sich, neben dem Rot, auch sehr viel Braun.&ldquo;<\/p><p><strong>Engagierte K&uuml;nstler leben gef&auml;hrlich<\/strong><\/p><p>Angesichts des Risikos der sozialen und beruflichen Isolierung ist das Z&ouml;gern vieler K&uuml;nstler gegen&uuml;ber einer Positionierung pro Gelbwesten oder pro Friedensbewegung nicht &uuml;berraschend. In diesem Text soll auch keine pauschale Verpflichtung f&uuml;r politische Positionierungen durch K&uuml;nstler eingefordert werden! Im Gegenteil: Die Qualit&auml;t und Eigenst&auml;ndigkeit vieler aktueller Kunstproduktionen leiden sehr unter einer scheinbar engagierten und in Moral getr&auml;nkten Pseudo-Politisierung, auf die gut verzichtet werden k&ouml;nnte. <\/p><p>K&uuml;nstler haben jedes Recht, sich vom real-existierenden Polit-Betrieb abzuwenden. Problematisch und aufreizend wird es aber, wenn zur sozialen Frage einerseits geschwiegen wird &ndash; andererseits aber ein Engagement vorgesch&uuml;tzt wird: Dieses &bdquo;Engagement&ldquo; entpuppt sich mitunter schnell als Verteidigung der aktuellen, vor allem privat dominierten Machtstrukturen.<\/p><p><strong>Das neue Pseudo-Engagement: Von &bdquo;Pulse Of Europe&ldquo; bis &bdquo;Tu was f&uuml;r Europa&ldquo;<\/strong><\/p><p>Unter diesem Label kann mutma&szlig;lich die &bdquo;neue und partei&uuml;bergreifende&ldquo; Initiative &bdquo;<a href=\"https:\/\/ondemand-mp3.dradio.de\/file\/dradio\/2019\/05\/10\/parteiuebergreifendes_engagement_kampagnenstart_des_dlf_20190510_0550_f4c11594.mp3\">Tu was f&uuml;r Europa<\/a>&ldquo; , eingeordnet werden, f&uuml;r die sich unter anderem der prominente deutsche Schauspieler Daniel Br&uuml;hl einsetzt. In eine &auml;hnliche Richtung geht eine Aktion &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.noz.de\/deutschland-welt\/kultur\/artikel\/1181368\/aufruf-von-kuenstlern-fuer-kuenstler-kreative-sollen-fuer-europa-werben\">von K&uuml;nstlern f&uuml;r K&uuml;nstler<\/a>&ldquo;, bei der &bdquo;Kreative Ideen entwickeln sollen, wie man B&uuml;rger wieder f&uuml;r Europa begeistern k&ouml;nne. Denn Europa drohe von &sbquo;nationalistischen und spaltenden Kr&auml;ften&lsquo; zerrieben zu werden. Zum problematischen Charakter der Kampagne &bdquo;<a href=\"https:\/\/pulseofeurope.eu\">Pulse Of Europe<\/a>&ldquo;, die ebenfalls von Sternchen der Kulturszene unterst&uuml;tzt wird, findet Ulrike Gu&eacute;rot in der &bdquo;taz&ldquo; die passenden Worte: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir machen das ganz toll &ndash; und wenn die anderen das machen wie wir, schaffen die das auch. Nur leider sind die nicht so toll. Dar&uuml;ber, was wirklich passiert ist, haben die FAZ oder die Bild doch nicht berichtet. Und jetzt auf einmal kommt aus der deutschen Zivilgesellschaft heraus dieses Moment f&uuml;r Europa. Nat&uuml;rlich verstehen das die Menschen in den europ&auml;ischen Nachbarl&auml;ndern nicht unbedingt.&rdquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Diese hier genannten Appelle, Bewegungen und Events haben keine Probleme, K&uuml;nstler zu finden, die die B&uuml;hnen bespielen oder die ihr Gesicht &bdquo;f&uuml;r Europa&ldquo; in die Kamera halten. Doch Aufrufe gegen Hartz-IV-Schikane, f&uuml;r einen w&uuml;rdigen Mindestlohn, f&uuml;r eine gerechte Steuer- und Rentenpolitik, f&uuml;r eine R&uuml;ckeroberung staatlicher Souver&auml;nit&auml;t gegen&uuml;ber der Privatwirtschaft oder f&uuml;r eine Auss&ouml;hnung mit Russland m&uuml;ssen noch immer weitgehend auf prominente Namen aus der deutschen Kulturszene verzichten.<\/p><p><strong>K&uuml;nstler f&uuml;r das &bdquo;Zentrum f&uuml;r politische Sch&ouml;nheit&ldquo; und gegen Putin<\/strong><\/p><p>Das weitgehende Schweigen der Kulturszene zur sozialen Frage sollte nicht dar&uuml;ber hinwegt&auml;uschen, dass viele Kulturschaffende gegen das Prinzip des &bdquo;engagierten&ldquo; Aufrufs nicht einzuwenden haben. So <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/gesellschaft\/offener-brief-fuer-die-freiheit-der-kunst-gegen-ermittlungen-gegen-das-zps-a-1262320.html\">engagieren<\/a> sie sich f&uuml;r das problematische &bdquo;Zentrum f&uuml;r politische Sch&ouml;nheit&ldquo; und manche K&uuml;nstler unterzeichnen gar <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/berlin\/russische-botschaft-in-berlin-hunderte-protestieren-gegen-krieg-in-aleppo-25240120\">Petitionen gegen Putin<\/a>.<\/p><p>Nicht ganz so kritisch zu sehen sind Initiativen &bdquo;gegen Rechts&ldquo; wie etwa das <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46491\">hier<\/a> von Albrecht M&uuml;ller zu Recht dekonstruierte  &bdquo;Unteilbar&ldquo; oder die von Berliner Kulturschaffenden angesto&szlig;ene &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.dievielen.de\/erklaerung-der-vielen\">Erkl&auml;rung der Vielen<\/a>&ldquo;. Hinter beiden &bdquo;Bewegungen&ldquo; stehen viele Forderungen, die man sofort unterschreiben kann. Interessanter und problematischer sind jene Aspekte, die bei dieser Fokussierung auf den Kampf &bdquo;gegen Rechts&ldquo; nicht thematisiert werden: Die wirtschaftsliberale Politik als eine zentrale Ursache des Rechtsrucks wird verschwiegen und damit besch&uuml;tzt. Diese Konzentration der &bdquo;linken&ldquo; Analyse auf Symptome (den Rechtsruck) ist unbefriedigend und wird das fortschrittliche Lager weiter spalten.<\/p><p><strong>Kultur als Teil des Verteidigungsb&uuml;ndnisses f&uuml;r die neoliberale Ordnung<\/strong><\/p><p>So erscheinen die Initiativen von &bdquo;Pulse Of Europe&ldquo; bis &bdquo;Unteilbar&ldquo; trotz ihrer teils sch&ouml;nen Formulierungen doch als Verteidigungsb&uuml;ndnisse des neoliberalen Status Quo: Demnach sollen die &bdquo;Errungenschaften&ldquo; des wirtschaftsliberalen Systems (von innen) gegen die &bdquo;rechten Horden&ldquo; und (nach au&szlig;en) gegen Russland verteidigt werden. <\/p><p>Darauf kann man nun auch in den Worten von prominenten franz&ouml;sischen K&uuml;nstlern antworten: Die &bdquo;Hasssprache&ldquo; der Nazis und die &bdquo;Propaganda&ldquo; der Russen m&ouml;gen Probleme bereiten &ndash; aber die wahren Probleme liegen laut Appell woanders: &bdquo;Die bedrohlichste Gewalt ist die wirtschaftliche und soziale.&ldquo;<\/p><p><strong>Es gibt positive Ausnahmen in der deutschen Kulturszene<\/strong><\/p><p>Eine seltene und darum besonders bemerkenswerte Ausnahme von diesem Mainstream der deutschen Kulturschaffenden ist etwa der Dramaturg Bernd Stegemann, der eine wichtige Rolle bei der Sammlungsbewegung &bdquo;Aufstehen&ldquo; spielt. Zu <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2018\/33\/sahra-wagenknecht-sammlungsbewegung-aufstehen-dramaturg-bernd-stegemann\/seite-2\">nennen<\/a> w&auml;ren auch etwa der Schauspieler Sebastian Schwarz von der Berliner Schaub&uuml;hne, der Soziologe Wolfgang Engler oder der Schriftsteller Eugen Ruge. Mit starken inhaltlichen Abstrichen k&ouml;nnte man auch noch den Konzept-K&uuml;nstler <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/kultur\/article192205647\/Alle-Kuenstler-sind-Menschen.html\">Jochen Gerz<\/a> oder den Schriftsteller <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/literatur\/freitext\/neoliberalismus-widerstand-demokratie-marktwirtschaft\">Robert Niemann<\/a> nennen. Sicher gibt es noch weitere in dieser Art engagierte Kulturschaffende, die hier nun keine Erw&auml;hnung finden.<\/p><p>Stegemann <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/aufstehen-sammlungsbewegung-die-angst-war-vorher-da\/23194296.html\">benennt<\/a> eine m&ouml;gliche Erkl&auml;rung f&uuml;r die Ber&uuml;hrungs&auml;ngste der &bdquo;Linken&ldquo; und der Kulturschaffenden mit der sozialen Frage: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Einer interessanten Theorie zufolge haben sich die linken Kr&auml;fte in den Neunzigern mit dem Erstarken von Globalisierung und Neoliberalismus ein neues Bet&auml;tigungsfeld gesucht. Weil sie merkten, dass ihnen die Mittel aus der Hand genommen wurden, die soziale Frage noch machtpolitisch zu stellen, haben sie sich auf das neue Feld der symbolischen Anerkennung verlegt. Damit haben sie unwillentlich ein B&uuml;ndnis geschlossen, das Nancy Fraser &sbquo;progressiven Neoliberalismus&rsquo; nennt.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Wenn &bdquo;linke&ldquo; Intellektuelle in den Chor einstimmen: &bdquo;Uns geht es doch gut!&ldquo;<\/strong><\/p><p>Der Umgang mit der Sammlungsbewegung &bdquo;Aufstehen&ldquo; war ein guter Test f&uuml;r diese Theorie. Die teils offene Feindschaft der K&uuml;nstler und Intellektuellen gegen&uuml;ber &bdquo;Aufstehen&ldquo; muss als schockierend bezeichnet werden. Ein besonders drastisches Beispiel f&uuml;r diese Gegnerschaft ist Klaus Staeck. Der einstige Polit-Grafiker und Ex-Chef der Akademie der K&uuml;nste <a href=\"https:\/\/www.lr-online.de\/nachrichten\/politik\/kuenstler-klaus-staeck-kritisiert-wagenknechts-sammlungsbewegung-scharf_aid-24217251\">sieht<\/a> in der Sammlungsbewegung &bdquo;republikbekannte linke Spieler am Werk&ldquo;. Diese infame Haltung hat Albrecht M&uuml;ller <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45643\">hier<\/a> eingeordnet und selbst der &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/linke-initiative-aufstehen-die-beissreflexe-der-schnell.1005.de.html?dram:article_id=425984\">Deutschlandfunk<\/a>&ldquo; kommentiert diese reflexhafte Abwehr der Kulturschaffenden:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es sind Stimmen, die in aller Eile ihre eigenen Grenzlinien markieren, bevor eine andere Seite, die bisher nur Luft geholt hat, &uuml;berhaupt spricht. Offenbar wird eine erhebliche St&ouml;rung der Ruhe bef&uuml;rchtet. Als wollten sie sagen: Okay, es fehlen Zehntausende Schullehrer, Hunderttausende Kitapl&auml;tze und Zehntausende Pflegekr&auml;fte. Die Aufstiegschancen f&uuml;r Kinder aus der Unterschicht sind im europ&auml;ischen Vergleich mit die schlechtesten. Ein paar Millionen Vollbesch&auml;ftigte k&ouml;nnen nicht von ihrer Arbeit leben. Aber es ging uns doch noch nie so gut!&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Titelbild: pcruciatti \/ Shutterstock<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Mehr zum Thema:<\/strong><\/p><ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48902\">Die Sprachlosigkeit der Intellektuellen zum Sozialen<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48320\">Die Diffamierung der &bdquo;Aufstehen&ldquo;-Bewegung geht weiter<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51026\">Wie das kritische Lager aufgebrochen wird. Sogar schon von Kabarettisten. Interessant. Aufschlussreich<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51263\">Die Heute Show kann man tats&auml;chlich vergessen. Statt Aufkl&auml;rung gibt&lsquo;s dort Unterst&uuml;tzung f&uuml;r eine zentrale Botschaft der westlichen Propaganda gegen Russland<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=49250\">Kulturpropaganda und Preisverleihungen<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=50350\">Kulturpropaganda bei Leipziger Buchmesse: Wenn Spaltung zu &bdquo;Verst&auml;ndigung&ldquo; erkl&auml;rt wird<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48949\">DDR-D&auml;monisierung mit Grusel-M&auml;rchen, Meinungsmache mit &bdquo;wahren Begebenheiten&ldquo;<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ihre Solidarit&auml;t mit den Gelbwesten haben prominente franz&ouml;sische K&uuml;nstler in einem feurigen Appell formuliert. Leider ist eine solch eindeutige Unterst&uuml;tzung sozialen Protests von der deutschen Kulturszene nicht zu erwarten. Von <strong>Tobias Riegel<\/strong>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":51603,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,107,35,123,200,146],"tags":[2430,1043,2545,1678,1662,2553,291],"class_list":["post-51602","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","category-audio-podcast","category-aufbau-gegenoeffentlichkeit","category-kampagnentarnworteneusprech","category-soziale-bewegungen","category-soziale-gerechtigkeit","tag-aufstehen","tag-frankreich","tag-gelb-westen","tag-kuenstler","tag-staeck-klaus","tag-stegemann-bernd","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/shutterstock_1253339149.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/51602","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=51602"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/51602\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":51622,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/51602\/revisions\/51622"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/51603"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=51602"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=51602"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=51602"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}