{"id":51639,"date":"2019-05-12T11:45:00","date_gmt":"2019-05-12T09:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51639"},"modified":"2019-05-14T07:47:06","modified_gmt":"2019-05-14T05:47:06","slug":"eine-andere-sicht-auf-die-alliierte-luftbruecke-zur-70-jahr-feier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51639","title":{"rendered":"Eine andere Sicht auf die alliierte Luftbr\u00fccke. Zur 70-Jahr-Feier."},"content":{"rendered":"<p>Vermutlich haben die meisten NachDenkSeiten-Leserinnen und -Leser wie bisher auch ich eine andere Sicht von der Alliierten Luftbr&uuml;cke und ihren Hintergr&uuml;nden als der Autor des folgenden St&uuml;cks, der Journalist Klaus-Detlef Haas. Was er schreibt, macht nachdenklich. So zum Beispiel die zitierte Aussage des sp&auml;teren US-Au&szlig;enministers Dulles. Interessant ist auch, dass der Autor von &bdquo;Die Kehrseite der USA&ldquo;, L. L. Matthias, die Sicht unseres Autors best&auml;tigt. Nebenbei: Falls Sie dieses Buch nicht kennen, unbedingt nachholen. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Hier der Text zur Beendigung Luftbr&uuml;cke und zu den heutigen Feierlichkeiten:<\/strong><\/p><p>Ich bin am 22. Januar 1949 geboren worden. Unter der Luftbr&uuml;cke. Das Krankenhaus, in dem ich das Licht dieser aerodynamischen Welt erblickte, lag unter der Einflugschneise der &bdquo;Rosinenbomber&ldquo; auf deren Weg zum Flughafen Berlin-Tempelhof.<\/p><p>Auf dem Gel&auml;nde des legend&auml;ren Aerodroms findet am 12. Mai 2019 eine gro&szlig;e Feier statt &ndash; aus Anlass des 70. Jahrestages der Beendigung der Luftbr&uuml;cke. So lauten etliche Mitteilungen (unter anderem in der online-Ausgabe der Berliner Zeitung vom 5. Mai 2019). Die Hauptstadt (jedenfalls aber eine gro&szlig;e Zahl von Politikern, Medienvertretern und VIPs) erwarte ein gro&szlig;es Fest. Luftbr&uuml;ckendenkm&auml;ler w&uuml;rden nachempfunden; eine Allee der Alliierten repr&auml;sentiere die westlichen Schutzm&auml;chte &ndash; von USA, Gro&szlig;britannien und Frankreich &uuml;ber Kanada, S&uuml;dafrika bis Australien und Neuseeland. Helden der Luftbr&uuml;cke wie Gail Halverson mit seinen 98 Jahren und K&uuml;nstler wie Andrej Hermlin mit seinem Swing Dance Orchestra seien aufgeboten. 50.000 G&auml;ste seien zu erwarten. Die Kosten des Festes bezifferte Senatssprecher Julian Mieth auf eine Million Euro.<\/p><p>Um was zu feiern? Das Ende der Luftbr&uuml;cke? Das bei Amerikanern und Briten &bdquo;Airlift&ldquo; genannte politische Transportunternehmen dauerte vom 25. Juni 1948 bis 6. Oktober (!) 1949. Was tats&auml;chlich am 12. Mai 1949 beendet wurde, ist die Blockade der Westsektoren von Berlin, begonnen durch die sowjetische Besatzungsmacht am 24. Juni 1948. Dieses Gleichsetzen oder Verwechseln von Blockade und Luftbr&uuml;cke ist nur der kleinere Teil dessen, was von Medien und Politikern &uuml;ber die damaligen Ereignisse in die Welt gesetzt, aufgebauscht oder verschwiegen wurde beziehungsweise bis heute wird. Die historischen, politischen und finanziellen Umst&auml;nde der Jahre 1945 bis 1949, die in wesentlichen Fragen bis heute nachwirken, werden fast g&auml;nzlich uner&ouml;rtert gelassen beziehungsweise einseitig dargelegt; zugunsten der Westalliierten, zum Nachteil der Russen &ndash; aus aktueller offizieller Sicht von hoher politischer wie propagandistischer Bedeutung.<\/p><p>Gemeinhin wurde und wird der Eindruck erweckt, die Berliner Westsektoren seien zu Wasser und zu Lande abgeriegelt, der Zugang ins Umland sowie nach Ostberlin versperrt worden.<\/p><p>Die Umst&auml;nde meiner Geburt zeigen ein anderes Bild, in einigen Aspekten ein g&auml;nzlich unterschiedenes. Mein Vater fuhr meine hochschwangere Mutter mit dem Opel Wanderer meines Gro&szlig;vaters binnen weniger Minuten die dreieinhalb Kilometer von unserem Zuhause in Berlin-Baumschulenweg, sowjetischer Sektor, ins Krankenhaus, amerikanischer Sektor. Zwei Wochen zuvor hatte mein Vater diese Tour schon einmal unternommen; probehalber. Keinerlei Beanstandung, keinerlei Kontrolle; nicht durch den Russen, nicht durch den Ami. Genauso unbeobachtet und unbehindert verlief die R&uuml;ckfahrt. Nahezu unbeschwert, zumindest in dieser Hinsicht, stiegen meine k&uuml;nftigen Eltern am 21. Januar 1949 in den Opel Wanderer. Was war denn nun die Berlin-Blockade?<\/p><p>Vor deren offiziellem Beginn kam es in der Nacht vom 31. M&auml;rz zum 1. April 1948 zu einem dramatischen Ereignis im Zusammenhang mit der k&uuml;nftig als erste Berlin-Krise bezeichneten schweren Auseinandersetzung zwischen den Alliierten. Nach &uuml;ber zweieinhalb Jahren normalem Zugverkehr zwischen Berlin und der britischen beziehungsweise US-amerikanischen Zone in Westdeutschland stoppten in dieser Nacht sowjetische Offiziere einen britischen Milit&auml;rzug bei Marienborn; nach &uuml;ber zwanzig Stunden wurde er zu seinem Ausgangsbahnhof Berlin-Charlottenburg zur&uuml;ckgeschickt. Der australische Journalist Wilfred G. Burchett, selbst Insasse des Zuges, nannte das den &ldquo;Beginn der Ereignisse, die zur Blockade von Berlin und zur Gegenblockade der sowjetischen Besatzungszone f&uuml;hrten&rdquo;. (Wilfred G. Burchett: &ldquo;Der kalte Krieg in Deutschland&rdquo;, &uuml;bers. von Elisabeth Rompe-Baumgarten, Berlin (Ost) 1950, S. 36ff.)<\/p><p>Dem Vorfall ging die strategische politische Kehrtwende der Westm&auml;chte gegen&uuml;ber ihrem fr&uuml;heren Alliierten, der Sowjetunion, voraus. Die Rede des ehemaligen britischen Premiers Winston Churchill am 6. M&auml;rz 1946 am Westminster College in Fulton, Missouri, USA, gilt gemeinhin als Er&ouml;ffnung des Kalten Krieges; Churchill lieferte dazu das politische und das ideologische Konzept. In der Folge gingen die Westalliierten Schritt f&uuml;r Schritt von den Festlegungen nicht zuletzt der Potsdamer Konferenz 1945 ab, die ein politisch und wirtschaftlich einheitliches Nachkriegsdeutschland unter Verwaltung der vier Gro&szlig;m&auml;chte vorsah. &Uuml;ber einen l&auml;ngeren Zeitraum haben vor allem die USA und Gro&szlig;britannien im Zusammenwirken mit deutschen Gro&szlig;industriellen und Finanzmagnaten wie mit deutschen Politikern, so Konrad Adenauer (CDU) oder Kurt Schumacher (SPD), Voraussetzungen daf&uuml;r geschaffen, einen westdeutschen Separatstaat zu schaffen. Knapp zehn Monate nach Churchills Rede wurde am 1. Januar 1947 die sogenannte Bizone als zun&auml;chst wirtschaftliche beziehungsweise wirtschaftspolitische Vereinigung der US-amerikanischen und der britischen Zone in Deutschland geschaffen; im M&auml;rz 1948 einigten sich die drei Westm&auml;chte in London auf den Zusammenschlu&szlig; der Bizone mit der franz&ouml;sischen Zone Deutschlands zur sogenannten Trizone, unbestritten und so auch angelegt, den Vorl&auml;ufer der Bundesrepublik Deutschland, die dann im September 1949 gegr&uuml;ndet wurde. Die Politik der Sowjetunion war, entsprechend alliierten Abkommen, auf die Schaffung eines politisch und wirtschaftlich einheitlichen, antifaschistischen und, was sp&auml;ter eine gro&szlig;e Rolle spielen sollte, entmilitarisierten Deutschland gerichtet. Das so entstandene Zerw&uuml;rfnis zwischen den ehemaligen Verb&uuml;ndeten des Zweiten Weltkriegs musste sich konsequenterweise in gegens&auml;tzlichen politischen Pr&auml;missen und  kontr&auml;rer Praxis der Arbeit im Alliierten Kontrollrat zeigen, dessen Sitz in Berlin war. In mehreren Sitzungen der Au&szlig;enminister der Alliierten in London wurde die Problematik er&ouml;rtert. Es kam zu keiner Einigung. Berlin wurde zum Spielball alliierter Widerspr&uuml;che. Sie zeigten sich vor allem und beispielhaft im Kampf um die unterschiedlich interpretierten Rechte des Zugangs zu und von Berlin. Behinderungen, auch Schikanen, gab es auf beiden Seiten; neben allem Kalk&uuml;l spielten auch Emotionen eine Rolle.<\/p><p>Aus zun&auml;chst transportpolitischen, dann direkt politischen Querelen wurden massive gegenseitige Behinderungen &ndash; alles vor dem Hintergrund der Vorbereitung eines westdeutschen Staates und, damit engstens verbunden, einer W&auml;hrungsreform. Zweifelsohne bedurfte es der Regelung des Finanzwesens; trotz langsamer wirtschaftlicher Erholung, vor allem im Westen &ndash; noch immer galt die Reichsmark. Eine alle vier Besatzungszonen einbeziehende L&ouml;sung der W&auml;hrungsfrage w&auml;re politisch wie &ouml;konomisch sinnvoll gewesen; Deutschland war immer noch ein Wirtschaftsgebiet. Doch die Strategie der Westm&auml;chte lie&szlig; das nicht zu: Nach der Einf&uuml;hrung der D-Mark in der Trizone am 21. Juni 1948 war drei Tage sp&auml;ter diese neue W&auml;hrung auch die f&uuml;r Westberlin. Deutschland war de facto gespalten. Die Sowjetunion reagierte am gleichen Tag mit der Sperrung der Land-, Wasser- und Schienenwege zwischen den Westsektoren Berlins und Westdeutschland.<\/p><p>Es kam zu Engp&auml;ssen in der Versorgung der Westberliner Bev&ouml;lkerung. Doch, wenn auch gelegentlich kontrolliert, hatte sie Zugang ins Brandenburger Umland und nach Ostberlin, ja, sie war sogar durch den Osten dazu aufgefordert &ndash; auch sich zu versorgen. Im Westen dagegen wurde die auch &ldquo;airlift&rdquo; genannte Luftbr&uuml;cke installiert; zweifellos eine planerische und fliegerische Meisterleistung. Doch eine 2,2 Millionen z&auml;hlende Bev&ouml;lkerung kann nicht mit allem aus der Luft versorgt werden; zumal der volle Leistungsumfang des Transports erst drei Monate nach seinem Beginn erreicht wurde. So hatte die Luftbr&uuml;cke au&szlig;er der Versorgung vor allem eine enorme propagandistische Bedeutung, die bis heute anh&auml;lt. Zumeist und bis heute herrscht das Bild eines v&ouml;llig abgeriegelten Stadtteils vor, einer hungernden und frierenden Bev&ouml;lkerung.<\/p><p>Der sp&auml;tere US-Au&szlig;enminister John Foster Dulles sagte im Januar 1949 in kleinem Kreis in Paris: &ldquo;Zu jeder Zeit h&auml;tte man die Situation in Berlin kl&auml;ren k&ouml;nnen [&hellip;] Die gegenw&auml;rtige Lage ist jedoch f&uuml;r die USA aus propagandistischen Gr&uuml;nden sehr vorteilhaft. Dabei gewinnen wir das Ansehen, die Bev&ouml;lkerung von Berlin vor dem Hungertod bewahrt zu haben, die Russen aber erhalten die ganze Schuld wegen ihrer Sperrma&szlig;nahmen.&ldquo; (Zitiert in George S. Wheeler: &bdquo;Die amerikanische Politik in Deutschland (1945-1950)&ldquo;, Berlin (Ost) 1958, S. 223) Sehr deutlich wird auch L. L. Matthias: &bdquo;Einen sehr willkommenen Anla&szlig;, die &ouml;ffentliche Meinung der Welt gegen die Russen zu mobilisieren, bot die Berliner Blockade [&hellip;] Es war ganz offenbar, da&szlig; Truman, Acheson und General Clay die Blockade absichtlich verl&auml;ngert hatten, um einen Zwischenfall zu einem welthistorischen Ereignis aufzublasen und die Last der Verantwortung, die auf den Schultern der Russen lag, zu vervielfachen.&rdquo; (L. L. Matthias: Die Kehrseite der USA, Reinbek bei Hamburg 1971, S. 146ff.) Die Reihe solcher Propagandaleistungen der USA oder Briten, hilfreich begleitet von deutschen Medien, l&auml;sst sich m&uuml;helos erg&auml;nzen und bis in die Gegenwart verfolgen.<\/p><p>Mag das Fest der Luftbr&uuml;cke auch andere Akzente setzen. Westberlin ist nicht abgeriegelt gewesen. Ich kann das beweisen.<\/p><p><em>Klaus-Detlef Haas<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vermutlich haben die meisten NachDenkSeiten-Leserinnen und -Leser wie bisher auch ich eine andere Sicht von der Alliierten Luftbr&uuml;cke und ihren Hintergr&uuml;nden als der Autor des folgenden St&uuml;cks, der Journalist Klaus-Detlef Haas. Was er schreibt, macht nachdenklich. So zum Beispiel die zitierte Aussage des sp&auml;teren US-Au&szlig;enministers Dulles. Interessant ist auch, dass der Autor von &bdquo;Die Kehrseite<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51639\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[212,165,11],"tags":[1043,469,1268,2653,2250,2147,1556],"class_list":["post-51639","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gedenktagejahrestage","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-strategien-der-meinungsmache","tag-frankreich","tag-grossbritannien","tag-kalter-krieg","tag-luftbruecke","tag-nachkriegszeit","tag-sowjetunion","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/51639","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=51639"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/51639\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":51680,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/51639\/revisions\/51680"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=51639"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=51639"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=51639"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}