{"id":51689,"date":"2019-05-14T11:45:35","date_gmt":"2019-05-14T09:45:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51689"},"modified":"2019-05-14T13:36:43","modified_gmt":"2019-05-14T11:36:43","slug":"tragischer-tod-eines-epoche-praegenden-russischen-journalisten-von-ulrich-heyden-moskau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51689","title":{"rendered":"Tragischer Tod eines Epoche-pr\u00e4genden russischen Journalisten. Von Ulrich Heyden, Moskau."},"content":{"rendered":"<p>Der russische Fernseh- und Radiojournalist Sergej Dorenko wagte viel Kritik an russischen Politikern und Zust&auml;nden, verkaufte sich aber nicht an die Putin-Gegner. Am 9. Mai 2019 starb der 59 Jahre alte Journalist nach einem Motorradunfall.<br>\n<!--more--><br>\nAm 9. Mai 2019 kam der bekannte russische Radio- und Fernsehjournalist Sergej Dorenko ums Leben, als er <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Fqfg-hUcewY\">die Kontrolle &uuml;ber sein Motorrad verlor<\/a>.  Das  Fahrzeug schlitterte in hohem Tempo auf die Gegenfahrbahn und stie&szlig; dann gegen eine Stra&szlig;enbegrenzung. <\/p><p>Nach ersten Untersuchungen war die Aorta des Journalisten geplatzt, weshalb er die Kontrolle &uuml;ber das Motorrad verlor. Der Journalist starb im Krankenhaus. Hinweise auf einen politischen Hintergrund des Todes gibt es nicht. Die Ehefrau des Toten erkl&auml;rte, dass bei ihrem Mann 2016 eine Aorta-Schw&auml;che festgestellt wurde, die &Auml;rzte aber nicht zu einer Operation geraten h&auml;tten. <\/p><p><strong>Karrierebruch nach U-Boot-Reportage<\/strong><\/p><p>Der mit seinem Motorrad auf tragische Weise Verungl&uuml;ckte  pr&auml;gte die russische Medienlandschaft vor allem in der zweiten H&auml;lfte der 1990er Jahre. Zum Karrierebruch kam es nach dem Untergang des russischen Atom-U-Bootes Kursk im August 2000, bei dem alle Besatzungsmitglieder starben. Dorenko fuhr nach dem Ungl&uuml;ck mit seinem Kamerateam in den Norden Russlands, in die kleine Stadt Bidjajewo, wo das U-Boot Kursk seinen Heimathafen hatte. <\/p><p>In seiner Reportage f&uuml;r den damals wichtigsten Fernsehkanal, ORT, beschrieb der Journalist schonungslos das &auml;rmliche Leben der U-Boot-Fahrer und ihrer Familien. Eine Kernthese der Reportage war, dass das russische Verteidigungsministerium nicht rechtzeitig etwas zur Rettung der Besatzung unternommen hatte. Diese Kritik wurde damals auch massiv von deutschen Medien vorgetragen. <\/p><p>Russlands gerade neugew&auml;hlter Pr&auml;sident, Wladimir Putin, der damals nach Bidjajewo gefahren war, um den Angeh&ouml;rigen der toten Marine-Soldaten Rede und Antwort zu stehen, nahm die russische Milit&auml;rf&uuml;hrung damals in Schutz.<\/p><p>Nach der Ver&ouml;ffentlichung der Reportage am 2. September 2000 musste Dorenko den Fernsehkanal ORT verlassen. Hauptaktion&auml;r des Kanals war damals der Oligarch Boris Beresowski, der Wladimir Putin zun&auml;chst unterst&uuml;tzte, sich dann aber mit ihm &uuml;berwarf und nach London emigrierte.<\/p><p><strong>Chef der russischen Eisenbahn der Korruption bezichtigt und Prozess verloren<\/strong><\/p><p>Dorenko, der sich in 1990er Jahren schon mehrmals einen neuen Job suchen musste, fand eine Stelle beim liberalen Radio Echo Moskwy, wo er seit 2004 ein Morgen-Programm moderierte. Doch der Journalist wechselte erneut. 2008 wurde er Chefredakteur beim Radio-Sender Russkaja Sluschba Nowostej. 2013 verlie&szlig; Dorenko den Sender, nachdem der damalige Leiter der russischen Eisenbahn, Wladimir Jakunin, eine Klage gegen den Journalisten eingeleitet hatte. Anlass der Klage war, dass Dorenko den Eisenbahn-Chef in einer Sendung der Korruption bezichtigt hatte. Dorenko verlor den Prozess. Er musste 1.000 Euro Strafe zahlen und seine Behauptung widerrufen.<\/p><p>2014 gr&uuml;ndete Dorenko den Radiosender &bdquo;Goworit Moskwa&ldquo;, wo er Chefredakteur wurde. &bdquo;Goworit Moskwa&ldquo; ist einer der wenigen russischen Radiosender, in denen Interviews gesendet und die H&ouml;rer live mit Kommentaren zugeschaltet werden. Der Autor dieser Zeilen wurde selbst mehrmals zu Interviews eingeladen und war immer erstaunt &uuml;ber die offene Diskussions-Atmosph&auml;re, die in den Sendungen herrschte. &bdquo;Goworit Moskwa&ldquo; geh&ouml;rt dem &Ouml;l- und Medien-Unternehmer Michail Guzerijew, der aus der Kaukasusrepublik Inguschetien stammt. Der Sender hat <a href=\"https:\/\/www.prfm.ru\/radio\/rating.html\">tags&uuml;ber 360.000 H&ouml;rer<\/a>.<\/p><p><strong>Ein Kind der Perestroika<\/strong><\/p><p>Das Leben von Dorenko ist typisch f&uuml;r viele derjenigen Journalisten, denen sich mit der Perestroika in den 1980er Jahren ganz neue journalistische M&ouml;glichkeiten er&ouml;ffneten. <\/p><p>Der am 9. Mai t&ouml;dlich Verungl&uuml;ckte wurde in Kertsch auf der Krim geboren. 1982 beendete er in Moskau an der Universit&auml;t f&uuml;r V&ouml;lkerfreundschaft ein Dolmetscher-Studium f&uuml;r Spanisch und Portugiesisch. W&auml;hrend seiner Studentenzeit war er als Dolmetscher in Afrika und Lateinamerika t&auml;tig. <\/p><p>Dorenko leitete in der zweiten H&auml;lfte der 1990er Jahre das politisch-analytische Programm &bdquo;Wremja&ldquo;. Als das Land 1998\/99 mit einer Finanzkrise und terroristischen Attacken tschetschenischer Fundamentalisten immer mehr an Stabilit&auml;t verlor, war es Dorenko, der sich in seinen Sendungen f&uuml;r ein Durchgreifen des Staates aussprach. <\/p><p>Der Journalist berichtete positiv &uuml;ber den neuen Ministerpr&auml;sidenten Wladimir Putin und <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?time_continue=163&amp;v=TTWWR_iaUpk\">gei&szlig;elte<\/a> dessen Vorg&auml;nger Jewgeni Primakow, der sich nach Meinung des Journalisten als Chef der russischen Auslandsspionage, als Au&szlig;enminister und Ministerpr&auml;sident nicht energisch genug gegen die USA und ihren Krieg in Jugoslawien und im Irak durchgesetzt habe.<\/p><p>Als Dorenko dann auch noch den Moskauer B&uuml;rgermeister Juri Luschkow wegen seines gro&szlig;en Immobilienbesitzes ins Visier nahm, bekam Dorenko von den liberalen Medien den Spitznamen &bdquo;Tele-Killer&ldquo;.<\/p><p>Bei den Zuh&ouml;rern war der Journalist beliebt f&uuml;r seine oft ungehobelte Sprache und seine patriotische Grundeinstellung. Dorenko hatte etwas Volkst&uuml;mliches, denn er griff immer wieder Politiker an und musste mehrmals seinen Arbeitgeber wechseln. Die Russen lieben solche Leute, insbesondere wenn sie die F&auml;higkeit haben, nach einem Rauswurf wieder aufzustehen und weiterzumachen.<\/p><p><strong>Kritik am Oberhaupt Tschetscheniens<\/strong><\/p><p>Dorenko hatte zwar 1999 seinen Posten beim wichtigsten Fernsehkanal Russlands verloren, aber er trat in den letzten Jahren mehrmals mit kritischen Wortmeldungen im Fernsehen auf. So stellte er Putin im April 2018 bei einer live &uuml;bertragenen B&uuml;rgersprechstunde, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=euul5Bx2M0w\">die Frage<\/a>, wie es komme, dass  der russische Staat gewaltverherrlichende &Auml;u&szlig;erungen seiner Vertreter nicht ahnde. Gemeint waren Drohungen des Oberhauptes der Teilrepublik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, der russische Oppositionelle als &bdquo;Volksfeinde&ldquo; bezeichnet hatte. <\/p><p>In seiner ruhig vorgetragenen Erwiderung erinnerte Putin daran, dass Russland Tschetschenien Dank Ramsan Kadyrow und dessem Vater zur&uuml;ckgewonnen habe. Er hoffe, dass Kadyrow erkenne, welche Verantwortung er vor Tschetschenien und vor Russland trage. Mit &bdquo;&auml;u&szlig;ersten Methoden&ldquo; k&ouml;nne man in Russland keine Stabilit&auml;t herstellen.<\/p><p><strong>&bdquo;Die Russen haben ein stark entwickeltes Gerechtigkeitsgef&uuml;hl&ldquo;<\/strong><\/p><p>Dorenko entwickelte sich in den letzten Jahren immer mehr zum zynischen Kritiker. Als er dem bekannten Video-Blogger &bdquo;Wdud&ldquo; letztes Jahr <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Ufbtj14TdpM\">ein langes Interview<\/a> (f&uuml;nf Millionen Clicks) gab, erkl&auml;rte er, Russland sei eine &ldquo;feudale Gesellschaft&rdquo;. Die Russen h&auml;tten ein stark entwickeltes Gerechtigkeitsgef&uuml;hl, aber eine Zivilgesellschaft h&auml;tten die Russen nie kennengelernt. &ldquo;Russen sind wie heldenhafte Kinder. Wenn sie zuf&auml;llig ein Feuerzeug in die Hand bekommen, k&ouml;nnen sie die H&uuml;tte anstecken, wenn man ihnen aber ein gutes Mittagessen macht, k&ouml;nnen sie auch heldenhaft Granaten unter einen Panzer werfen.&rdquo; <\/p><p>Das war nat&uuml;rlich nicht w&ouml;rtlich gemeint. Es war nur eine &Uuml;berspitzung, mit welcher der Journalist versuchte, die Mentalit&auml;t im Land zu beschreiben.<\/p><p>Dorenko hat nie westliche Journalistenpreise bekommen. Er wurde in westlichen Medien kaum erw&auml;hnt, im Gegensatz zu vielen anderen russischen Journalisten, die daf&uuml;r eintraten, Russland nach westlichen Rezepten zu &bdquo;modernisieren&ldquo; und am besten gleich auch noch Putin zu st&uuml;rzen. <\/p><p>Der tragisch mit seinem Motorrad verungl&uuml;ckte Journalist passt in keine Schublade. 2003 trat er in die KPRF ein, verlie&szlig; die Partei aber 2012 wieder.&nbsp;<\/p><p><strong>Beerdigung verschoben<\/strong><\/p><p>Die Beerdigung des Journalisten war f&uuml;r den 12. Mai 2019 geplant, wurde aber auf unbestimmte Zeit verschoben, weil die beiden T&ouml;chter des Journalisten aus erster Ehe eine zweite medizinische Untersuchung beantragt hatten. Auf einem Moskauer Friedhof kam es zu einem Streit der T&ouml;chter aus erster Ehe mit der zweiten Frau von Dorenko. Die russischen Medien griffen diesen Familien-Zwist begierig auf und spekulierten &uuml;ber m&ouml;gliche finanzielle Interessen der T&ouml;chter aus erster Ehe. Diese wollten eine Vergiftung ihres Vaters nicht ausschlie&szlig;en.  <\/p><p>Der bekannte linke Video-Blogger Maksim Schewtschenko meinte in seinem Nachruf, Sergej Dorenko sei Jemand gewesen, der die nachsowjetische Epoche entscheidend mitgepr&auml;gt habe. Mit dem Tod des Journalisten sei ein wichtiger Kritiker verloren gegangen. &bdquo;Ohne ihn wird das Leben einf&ouml;rmiger&ldquo;.<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/973929a0771f42f98fc90e7f800b1190\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der russische Fernseh- und Radiojournalist Sergej Dorenko wagte viel Kritik an russischen Politikern und Zust&auml;nden, verkaufte sich aber nicht an die Putin-Gegner. Am 9. 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