{"id":51714,"date":"2019-05-15T15:09:42","date_gmt":"2019-05-15T13:09:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51714"},"modified":"2019-05-19T12:54:36","modified_gmt":"2019-05-19T10:54:36","slug":"vernetzen-nicht-ersetzen-historische-mission-der-linken-sammlungsbewegung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51714","title":{"rendered":"Vernetzen, nicht ersetzen \u2013 Historische Mission der linken Sammlungsbewegung"},"content":{"rendered":"<p>Dass &bdquo;Aufstehen&ldquo; trotzt des R&uuml;ckzugs von Sahra Wagenknecht aus der Spitze der linken Sammlungsbewegung nicht tot ist, zeigte nicht zuletzt der gut besuchte <a href=\"https:\/\/deutsch.rt.com\/inland\/87626-berlin-aufstehen-kongress-wir-sind-riesen\/\">Aufstehen-Kongress<\/a>, der am 28. April in Berlin stattfand. Einer der Redner dort war der emeritierte Politikwissenschaftler und NachDenkSeiten-Gastautor <strong>Mohssen Massarrat<\/strong>, der unseren Leserinnen und Lesern eine leicht gek&uuml;rzte Abschrift seiner Berliner Rede zur Verf&uuml;gung stellt.<br>\n<!--more--><br>\nDie InitiatorInnen der linken Sammlungsbewegung wurden von einem unerwarteten Zuspruch &uuml;berrascht. &Uuml;ber 170.000 Anmeldungen bei der Initiative spiegelten m. E. die momentan bei Millionen Menschen vorherrschende Meinung wider, dass Deutschland einen neuen Linksruck braucht, den aber die drei potentiellen Reformparteien zusammen, die SPD, die Gr&uuml;nen und die Linke, in ihrem gegenw&auml;rtigen Zustand nicht liefern k&ouml;nnen:<\/p><p><em>Erstens<\/em> haben diese Parteien keine gemeinsame Strategie f&uuml;r einen Politikwechsel und konkurrieren um dasselbe W&auml;hlerpotential. Und <em>zweitens<\/em> sind sie alle viel zu sehr von Lethargie und gegenseitigem Misstrauen durchdrungen, um eine radikale politische Alternative zum rechtsliberalen und konservativen Lager gemeinsam aufbauen und organisieren zu k&ouml;nnen. Tats&auml;chlich wurde auch am Anfang von einigen InitiatorInnen der Sammlungsbewegung der Anspruch formuliert, auf das hier beschriebene Manko eine politische Antwort zu geben.<\/p><p>Eine solche Antwort, die auch mir pers&ouml;nlich vorschwebte, w&auml;re beispielsweise die Vernetzung aller nebeneinander agierenden zivilgesellschaftlichen Bewegungen und dadurch eine St&auml;rkung des au&szlig;erparlamentarischen Druckpotentials, bei gleichzeitiger St&auml;rkung radikaler Positionen in den drei Parteien. Innerhalb der F&uuml;hrung der Sammlungsbewegung haben sich jedoch offensichtlich letztlich diejenigen durchgesetzt, die zu den bestehenden sozialen Bewegungen und den drei Parteien eine neue Bewegung bzw. eine neue Partei hinzuf&uuml;gen wollten. Der Aufbau eigener regionaler Strukturen, die von manchen F&uuml;hrungspersonen angemahnt wurden, weist auf dieses Ansinnen hin. Dass diese Strategie scheitern musste, lag allein aus physischen Gr&uuml;nden auf der Hand. Es war und konnte auch nicht nachvollziehbar sein, wozu noch eine weitere Partei oder eine weitere Bewegung n&ouml;tig sein sollte, wenn alles schon vorhanden ist. Deutschland leidet nicht unter ausreichend Parteien mit Reformpotential, auch nicht unter wenig bunten zivilgesellschaftlichen Initiativen, sondern es leidet darunter, dass diese atomisiert sind. Durch diese falsche Weichenstellung wurden folglich die wenigen m&uuml;hsam mobilisierten menschlichen und finanziellen Ressourcen buchst&auml;blich verpulvert. Einige mussten, allein wegen Termin- und Organisationsstress, letztlich das Handtuch werfen &ndash; sehr verst&auml;ndlich.<\/p><p><strong>Aufstehen als Transmissionsriemen der sozialen Bewegungen<\/strong><\/p><p>Trotz eines Schiffbruchs beim ersten Versuch bleibt die Notwendigkeit eines neuen, die systemkritischen Kr&auml;fte zusammenf&uuml;hrenden Projekts auf der politischen Agenda in Deutschland bestehen. Nun ist es an der Zeit, einen anderen Weg zu versuchen, um mit deutlich weniger Aufwand einen gro&szlig;en politischen Effekt zu erzielen. Aufstehen muss beginnen, wirklich einzusammeln, was schon l&auml;ngst da ist. Gerade in einer solchen Aufgabe steckt die historische Mission von Aufstehen. Aufstehen muss sich als Klammer, als Transmissionsriemen der Zivilgesellschaft begreifen und seine Ressourcen daf&uuml;r einsetzen, um aus politisch atomisierten sozialen Bewegungen ein zusammenh&auml;ngendes politisches Druckpotential zu schaffen. Gegenw&auml;rtig gib es sch&auml;tzungsweise mindestens 1 Million Frauen und M&auml;nner, die bundesweit in diversen Initiativen t&auml;tig sind &ndash; das sind weit mehr als die Aktivisten aller deutschen Parteien zusammen. Und trotzdem stellen sie kaum eine nennenswerte politische Kraft von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung dar, obwohl ihre politischen Ziele von einer gro&szlig;en Mehrheit der Bev&ouml;lkerung mitgetragen werden. Nicht die Zivilgesellschaft, sondern die politischen Parteien setzen ihre Ziele durch, obwohl ihre Programmatik und praktische Politik in vielen F&auml;llen gegen die W&uuml;nsche und Meinungen der Bev&ouml;lkerungsmehrheit gerichtet sind. Dieser paradoxe Zustand hat m. E. vor allem damit zu tun, dass die Zivilgesellschaft neben- und nicht miteinander agiert und daher nicht in der Lage ist, ihr wirkliches Machtpotential politisch in die Waagschale zu werfen. Aufstehen k&ouml;nnte, ja m&uuml;sste hier ansetzen, um die Spaltung in der Gesellschaft zu &uuml;berwinden.<\/p><p><strong>Es muss zusammenwachsen, was zusammen geh&ouml;rt<\/strong><\/p><p>Soziale Bewegungen entstehen, wenn Parteien an den Probleml&ouml;sungen scheitern. Insofern sind sie alle funktional miteinander verbunden, und streng genommen verfolgen sie auch politisch dasselbe Ziel: sie alle wollen bei den Parteien Druck erzeugen, um Reformen in Gang zu bringen und ihre jeweils eigenen Forderungen durchzusetzen. Beispielsweise fordert die Friedensbewegung von der Politik, milit&auml;risch ab- und nicht aufzur&uuml;sten. Sie weist u. a. auf den Zusammenhang von Waffenexporten und &Ouml;lkriegen hin. Abr&uuml;stung und Verhinderung von &Ouml;lkriegen sind aber nur zu erreichen, wenn eine radikale Energiewende, also weg von &Ouml;l und Gas und hin zu regenerativen Energietechnologien, stattfindet. Das ist aber gleichzeitig auch das Ziel aller Klimaschutzbewegungen, einschlie&szlig;lich der Sch&uuml;lerbewegung <em>Fridays for Future<\/em>. Wenn man genau hinschaut, sind Kr&auml;fte in der Wirtschaft und in der Politik diejenigen, die sowohl f&uuml;r Aufr&uuml;stung pl&auml;dieren wie aber auch diejenigen, die alles daran setzen, um eine Energiewende zu torpedieren, die diesen Namen verdient. Daher w&auml;re es nicht nur opportun, dass die Friedensbewegung und die Bewegungen gegen die globale Erderw&auml;rmung sich viel st&auml;rker als bisher verb&uuml;nden, sondern sie m&uuml;ssen es sogar tun. Aufstehen h&auml;tte gerade hier die Aufgabe, zwischen Friedensbewegung und Klimaschutzbewegung zu vermitteln, sie zusammenzuf&uuml;hren und herauszustellen, dass sich beide Bewegungen gegenseitig st&auml;rken k&ouml;nnen. Eine solche Aufgabe k&ouml;nnen und m&ouml;glicherweise wollen die Reformparteien auch gar nicht leisten.<\/p><p>Das Feld von zivilgesellschaftlichen Widerstandsaktivit&auml;ten, in dem Aufstehen als Transformationsriemen intervenieren und Win-Win-Effekte generieren kann, erstreckt sich selbstverst&auml;ndlich auch auf weitere soziale Konfliktfelder, die die Menschen zum Widerstand ermutigen k&ouml;nnen. Hierzu z&auml;hlen u. a. die bundesweiten Bewegungen gegen die Wohnungsnot und zahlreiche Initiativen zur Zur&uuml;ckdr&auml;ngung von Schr&ouml;ders neoliberaler Agenda-Politik: die entstandene Wohnungsnot resultiert nachweislich aus m. E. der bewusst inszenierten Strategie der Staatsverschuldung, um u. a. in den meisten gesellschaftlichen Bereichen, also auch im Wohnungssektor, die Privatisierung als eine &ouml;konomisch rationale und alternativlose Option erscheinen zu lassen. Sarrazins Ausverkauf Hunderttausender Wohnungen in Berlin nach der rasant steigenden Verschuldung der Stadt geh&ouml;rt genauso zu diesem Komplex wie der bundesweite Verkauf von Sozialwohnungen mit dem Ergebnis, dass ihr Bestand von 4,5 Millionen in 1987 auf 1,5 Millionen Wohnungen in 2013 zur&uuml;ckgegangen ist. Privatisierung in allen Bereichen ist eine im Kern kriminelle Strategie des Finanzkapitals, um dem vagabundierenden Kapital zu h&ouml;heren Renditen zu verhelfen.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Diese Strategie f&uuml;hrt &uuml;berall in der Gesellschaft &ndash; im Wohnungssektor, im Gesundheits- und Bildungssektor, in den kommunalen Versorgungseinrichtungen etc. &ndash; zur Einkommensumverteilung von unten nach oben. Dabei entstehen durch Privatisierung nirgendwo zus&auml;tzliche Wohnungen, nirgendwo Verbesserungen von medizinischen Dienstleistungen, nirgendwo Verbesserungen der Bildungsqualit&auml;t oder der Verbilligung von Wasser und Energie, fast immer aber Preissteigerungen. Dieselben hochgradig antisozialen Resultate der Agenda-Politik, wie die prek&auml;ren Arbeitsverh&auml;ltnisse f&uuml;r einen gro&szlig;en Teil der &uuml;ber 40 Millionen abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten, tragen die Handschrift der neoliberalen Parteien und der reichen nimmer satt werdenden Elite. Dies gilt auch f&uuml;r 9 Millionen Besch&auml;ftigte im Niedriglohnsektor, f&uuml;r beinahe 1 Million Leiharbeitsverh&auml;ltnisse, die dazu gef&uuml;hrt haben, dass gegenw&auml;rtig 3,4 Millionen Menschen von 21 Millionen Vollbesch&auml;ftigten in Deutschland monatlich unter 2000 &euro; brutto verdienen.<\/p><p>Welche politische Partei, welche politische Kraft w&auml;re objektiv besser geeignet und glaubw&uuml;rdiger, um den Widerstand aller sozialen Bewegungen, die aus den sozialen und politischen Folgen der aggressiven neoliberalen Politikkonzepte hervorgegangen sind, zu b&uuml;ndeln als eben jene frische au&szlig;erparlamentarische Kraft wie Aufstehen. Gerade die Verschmelzung von unzufriedenen aktiven Mitgliedern in den &bdquo;Reformparteien&ldquo; mit zehntausenden B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern durch Aufstehen ist m. E. geradezu pr&auml;destiniert, den Prozess eines breiten B&uuml;ndnisses s&auml;mtlicher systemkritischer sozialen Bewegungen zu einem nachhaltigen B&uuml;ndnis f&uuml;r einen echten Politikwechsel voranzubringen.<\/p><p>Vor dem Hintergrund obiger Darlegungen schlage ich dem neuen Vorstand von Aufstehen und den Organisatoren des Aufstehen-Kongresses vor, im Juli 2019 die wichtigsten zivilgesellschaftlichen Initiativen (wie Fridays for Future, Friedensbewegung, Volksentscheid zur Enteignung von Wohnungskonzernen, Initiativen gegen die Agenda 2010 etc.) zu einem Koordinierungstreffen einzuladen. Das Ziel dieses Treffens m&uuml;sste sein, f&uuml;r September\/Oktober diesen Jahres einen gemeinsamen Kongress zu veranstalten, um die inhaltlichen Schnittstellen auszuloten und gemeinsame Forderungen f&uuml;r einen nachhaltigen Politikwechsel zu formulieren. Der Kongress sollte dann die Grundlage f&uuml;r eine bundesweite Gro&szlig;demonstration von m&ouml;glichst vielen sozialen Bewegungen sein, die sp&auml;testens Anfang 2020 f&uuml;r einen radikalen Politikwechsel stattfinden sollte.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] N&auml;heres dazu siehe Mohssen Massarrat, 2017: Braucht die Welt den Finanzsektor? Hamburg<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/b2f3f31a656642748c1007a5b887e0b3\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass &bdquo;Aufstehen&ldquo; trotzt des R&uuml;ckzugs von Sahra Wagenknecht aus der Spitze der linken Sammlungsbewegung nicht tot ist, zeigte nicht zuletzt der gut besuchte <a href=\"https:\/\/deutsch.rt.com\/inland\/87626-berlin-aufstehen-kongress-wir-sind-riesen\/\">Aufstehen-Kongress<\/a>, der am 28. April in Berlin stattfand. Einer der Redner dort war der emeritierte Politikwissenschaftler und NachDenkSeiten-Gastautor <strong>Mohssen Massarrat<\/strong>, der unseren Leserinnen und Lesern eine leicht gek&uuml;rzte Abschrift seiner Berliner<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51714\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[35,200,211],"tags":[2430,1550,2615,1120,246,452,288,312,2638],"class_list":["post-51714","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aufbau-gegenoeffentlichkeit","category-soziale-bewegungen","category-veranstaltungshinweiseveranstaltungen","tag-aufstehen","tag-agenda-2010","tag-fridays-for-future","tag-friedensbewegung","tag-linke-mehrheit","tag-linksrutsch","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-reformpolitik","tag-wohnungsnot"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/51714","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=51714"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/51714\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":51820,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/51714\/revisions\/51820"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=51714"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=51714"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=51714"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}