{"id":51764,"date":"2019-05-17T11:54:48","date_gmt":"2019-05-17T09:54:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51764"},"modified":"2019-05-17T16:10:56","modified_gmt":"2019-05-17T14:10:56","slug":"grossbritannien-die-repraesentative-demokratie-frisst-ihre-kinder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51764","title":{"rendered":"Gro\u00dfbritannien \u2013 die repr\u00e4sentative Demokratie frisst ihre Kinder"},"content":{"rendered":"<p>Wenn die Briten am n&auml;chsten Donnerstag das Parlament w&auml;hlen, von dem sie eigentlich ja gar nicht vertreten werden wollen, wird aktuellen <a href=\"https:\/\/yougov.co.uk\/topics\/politics\/articles-reports\/2019\/05\/13\/european-parliament-voting-intention-brex-34-lab-1\">Prognosen<\/a> zufolge die nationalistische &bdquo;Brexit-Partei&ldquo; des ehemaligen UKIP-Chefs Nigel Farage mit 34% fast doppelt so viele Stimmen bekommen, wie die Tories und Labour zusammen. Farage ist unpopul&auml;r. Sein <a href=\"https:\/\/yougov.co.uk\/topics\/politics\/articles-reports\/2019\/05\/16\/theresa-may-and-jeremy-corbyn-now-less-popular-nig\">Beliebtheitswert<\/a> liegt bei -34. Doch mit diesem katastrophalen Wert ist er zur Zeit gleichzeitig der beliebteste Politiker des Landes &ndash; May und Corbyn sind sogar noch unbeliebter. Gro&szlig;britannien wird vom Brexit-Taumel in den Abgrund gerissen und eine Rettung ist nicht erkennbar. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8146\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-51764-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190517_Grossbritannien_die_repraesentative_Demokratie_frisst_ihre_Kinder_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190517_Grossbritannien_die_repraesentative_Demokratie_frisst_ihre_Kinder_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190517_Grossbritannien_die_repraesentative_Demokratie_frisst_ihre_Kinder_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190517_Grossbritannien_die_repraesentative_Demokratie_frisst_ihre_Kinder_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=51764-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190517_Grossbritannien_die_repraesentative_Demokratie_frisst_ihre_Kinder_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"190517_Grossbritannien_die_repraesentative_Demokratie_frisst_ihre_Kinder_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/190517-gb-02.png\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/190517-gb-02.png\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Es kam, wie es kommen musste &ndash; der Brexit wurde zur Gretchenfrage der britischen Politik und zerrei&szlig;t dabei nicht nur das Land, sondern auch die beiden ehemals gro&szlig;en Parteien, die dank des Mehrheitswahlrechts die britische Politik seit ziemlich genau 100 Jahren bestimmen. Die mit harten Bandagen gef&uuml;hrten innerparteiischen Fl&uuml;gelk&auml;mpfe der regierenden konservativen Tories verhindern bis heute eine gemeinsame Linie beim Brexit und bei der oppositionellen Labour Partei gibt es noch nicht einmal eine gemeinsame Antwort auf die Frage, ob das Land denn nun wirklich aus der EU austreten sollte. Man verhandelt zwar zur Zeit zusammen mit den &bdquo;gem&auml;&szlig;igten&ldquo; Tories &uuml;ber eine gemeinsame Initiative, die aber Parteiinsidern zufolge ohnehin von mehr als der H&auml;lfte der Labour-Abgeordneten nicht mitgetragen werden d&uuml;rfte. Vordergr&uuml;ndig geben sowohl Theresa May als auch Jeremy Corbyn eine &auml;u&szlig;erst schlechte Performance in der Brexit-Frage ab und werden daf&uuml;r &ndash; nicht zu Unrecht &ndash; mit Popularit&auml;tsverlust bestraft. Andererseits stehen beide Parteichefs jedoch auch vor einer &bdquo;Mission Impossible&ldquo;, da ihre Parteien und ihre Anh&auml;nger in mehrere Lager zerfallen sind, die schlicht inkompatibel sind. Dass Kompromisse nicht mehr m&ouml;glich sind, zeigen die unz&auml;hligen Abstimmungsniederlagen im Unterhaus. <\/p><p>Und wenn sich die zwei gro&szlig;en Parteien selbst derart grundlegend demontieren, freut dies nat&uuml;rlich allen voran die kleineren Parteien, die bei der Brexit-Frage eine klare Position haben. Und dies ist allen voran die &ndash; nomen est omen &ndash; &bdquo;Brexit-Partei&ldquo;, die als Abspaltung der immer st&auml;rker im rechtsextremen Sumpf versinkenden UKIP von deren ehemaligem Chef Nigel Farage angef&uuml;hrt wird. Farages Brexit-Partei d&uuml;rfte nicht nur bei den Europawahlen als mit Abstand st&auml;rkste Kraft abschneiden, sondern liegt zur Zeit auch bei den viel wichtigeren <a href=\"https:\/\/yougov.co.uk\/topics\/politics\/articles-reports\/2019\/05\/17\/voting-intention-conservatives-25-labour-25-13-14-\">Umfragen zu den Unterhauswahlen<\/a> mit 18% nur noch knapp hinter den beiden gro&szlig;en Parteien, die ihre Anh&auml;ngerschaft binnen eines Jahres fast halbiert haben. <\/p><p>Dies ist im historischen Kontext ein Treppenwitz, der nur mit tiefschwarzem britischen Humor zu fassen ist. Schlie&szlig;lich waren es die guten Umfragewerte von Farages UKIP und deren Sieg bei den Europawahlen 2014, die den damaligen Premier David Cameron dazu bewegt haben, die unbequeme Opposition von rechtsau&szlig;en durch ein Brexit-Referendum zu marginalisieren, bei dem man felsenfest davon &uuml;berzeugt war, dass es scheitern w&uuml;rde. Es kam anders und es kam kn&uuml;ppelhart. <\/p><p>Cameron wollte den rechten Fl&uuml;gel seiner Partei rund um Boris Johnson und Farages UKIP mit dem Referendum zerst&ouml;ren und heute stehen die Tories selbst vor der &Uuml;bernahme durch den rechten Parteifl&uuml;gel und Farages neue Partei ist drauf und dran, st&auml;rkste Kraft im Land zu werden. Mays Zeiten sind ohnehin gez&auml;hlt und ihr wohl aussichtsreicher Nachfolger ist niemand anderes als Boris Johnson &ndash; Camerons Erzrivale. In der Geschichte der repr&auml;sentativen Demokratie gab es wohl keinen vergleichbaren Fall, bei dem ein politischer Winkelzug derart daneben gegangen ist. Man k&ouml;nnte dies als au&szlig;enstehender Beobachter nat&uuml;rlich sp&ouml;ttisch bejubeln, schlie&szlig;lich sind Cameron, Johnson und May allesamt anerkannte Unsympathen. Doch dies ist leider kein Grund zur Schadenfreude. Denn die Perspektiven f&uuml;r das Land sind aus progressiver Sicht tiefschwarz.<\/p><p>Nigel Farage ist ein ehemaliger Rohstoffspekulant, der sich zur Zeit seinen prunkvollen Lebensstil (Haus in Chelsea, Bodyguards, Fahrer) von dem dubiosen reaktion&auml;ren &bdquo;Gesch&auml;ftsmann&ldquo; <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Arron_Banks\">Aaron Banks<\/a> <a href=\"https:\/\/www.channel4.com\/news\/nigel-farages-funding-secrets-revealed\">finanzieren l&auml;sst<\/a>, der auch &ndash; mit seinem eigenen und fremdem Geld, das wahrscheinlich von reaktion&auml;ren Kr&auml;ften aus dem Umfeld der US-Erd&ouml;lindustrie stammt &ndash; zu den Hauptfinanziers der Brexit-Kampagne geh&ouml;rte. Sozial-, wirtschafts- und finanzpolitisch ist Farage ein neoliberaler Ultra, der den Staat an sich f&uuml;r das Grund&uuml;bel h&auml;lt. Boris Johnson ist da nur marginal &bdquo;besser&ldquo;. Der Oberklassen-Spross, in dessen Stammbaum sogar ein britischer K&ouml;nig auftaucht, ist ebenfalls wirtschaftsliberal bis zum Anschlag und plant zusammen mit seinem Parteifreund, dem millionenschweren Fondsmanager Jacob Rees-Mogg, aus Gro&szlig;britannien nach dem Brexit ein wirtschaftsliberales Paradies <a href=\"https:\/\/www.ft.com\/content\/a70274ea-2ab9-11e9-88a4-c32129756dd8\">nach dem Vorbild von Singapur machen<\/a>. Wenn Farage, Johnson und Co. sich durchsetzen, d&uuml;rfte dieses wirtschaftsliberale Paradies gleichzeitig zur H&ouml;lle f&uuml;r die arbeitende Bev&ouml;lkerung werden &ndash; zumal die letzten Rei&szlig;leinen der EU-Standards dann auch nicht mehr gelten. <\/p><p>Und das Szenario eines Post-Brexit-Britanniens, das durch eine rechte ultra-wirtschaftsliberale Koalition von Brexit Party und den Tories regiert wird, ist alles andere als unrealistisch. Verantwortlich daf&uuml;r ist das britische Mehrheitswahlrecht und die Zwietracht im &bdquo;linken&ldquo; Lager. Die ohnehin schon zwischen neoliberalen Blairisten und sozialistischen Corbynisten gespaltene Labour-Partei ist durch die Brexit-Frage vollends zerrissen. Parteichef Corbyn hatte zun&auml;chst sehr lange gezaudert, &uuml;berhaupt Stellung zu dem Thema zu beziehen und f&auml;hrt seitdem eine recht schwammige Linie zwischen &bdquo;Brexit mit Zollunion&ldquo; und &bdquo;zweitem Referendum als letzter Option&ldquo;. W&auml;hler und Partei &uuml;berzeugt das nicht. Der Rest des Remain-Lagers verteilt sich auf mehrere Parteien, die dank des Mehrheitswahlrechts, bei dem nur der Gewinner des Wahlkreises ein Mandat bekommt, schon rechnerisch zu keiner parlamentarischen Mehrheit kommen d&uuml;rften.<\/p><p>So wurde unter dem Slogan der direkten Demokratie, gesteuert von millionenschweren Geldern steinreicher Reaktion&auml;re, ein Volksentscheid abgehalten, der das traditionelle britische Parteiensystem zersetzt und damit der Grundstein f&uuml;r ein Post-Brexit-Britannien gelegt, das sich irgendwo zwischen Ultra-Neoliberalismus, Nationalismus, Chauvinismus und Populismus bewegt. Antworten oder gar Auswege aus diesem Dilemma sind nicht erkennbar. Vor allem unter den j&uuml;ngeren Briten macht sich stattdessen Zynismus und Def&auml;tismus breit. Waren Jeremy Corbyn und Labour noch vor zwei Jahren die gro&szlig;e Alternative zum allt&auml;glichen politischen Irrsinn und eine progressive Wende <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38676\">zum Greifen nah<\/a>, ist der Himmel &uuml;ber den Inseln heute tiefschwarz. <\/p><p>Titelbild: Alexandros Michailidis\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/b76cd805c32e4820874d6f0886091913\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn die Briten am n&auml;chsten Donnerstag das Parlament w&auml;hlen, von dem sie eigentlich ja gar nicht vertreten werden wollen, wird aktuellen <a href=\"https:\/\/yougov.co.uk\/topics\/politics\/articles-reports\/2019\/05\/13\/european-parliament-voting-intention-brex-34-lab-1\">Prognosen<\/a> zufolge die nationalistische &bdquo;Brexit-Partei&ldquo; des ehemaligen UKIP-Chefs Nigel Farage mit 34% fast doppelt so viele Stimmen bekommen, wie die Tories und Labour zusammen. Farage ist unpopul&auml;r. Sein <a href=\"https:\/\/yougov.co.uk\/topics\/politics\/articles-reports\/2019\/05\/16\/theresa-may-and-jeremy-corbyn-now-less-popular-nig\">Beliebtheitswert<\/a> liegt bei -34.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51764\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":51762,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,122,20,125,190],"tags":[1843,2654,944,1561,1600,2096,469,2297,1560,233,1940,2103,1881,1464,467,2621],"class_list":["post-51764","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-demoskopieumfragen","category-landerberichte","category-rechte-gefahr","category-wahlen","tag-brexit","tag-brexit-party","tag-cameron-david","tag-corbyn-jeremy","tag-eu-parlament","tag-farage-nigel","tag-grossbritannien","tag-johnson-boris","tag-labour-party","tag-marktliberalismus","tag-may-theresa","tag-tories","tag-ukip","tag-volksabstimmung","tag-wahlprognose","tag-wahlsystem"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/shutterstock_1058154608.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/51764","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=51764"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/51764\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":51798,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/51764\/revisions\/51798"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/51762"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=51764"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=51764"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=51764"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}