{"id":51782,"date":"2019-05-19T11:45:15","date_gmt":"2019-05-19T09:45:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51782"},"modified":"2019-05-19T11:50:57","modified_gmt":"2019-05-19T09:50:57","slug":"widerstand-in-brasilien-die-kampfansage-von-millionen-gegen-bolsonaros-ideologischen-generalangriff-auf-bildung-und-kultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51782","title":{"rendered":"Widerstand in Brasilien \u2013 Die Kampfansage von Millionen gegen Bolsonaros ideologischen Generalangriff auf Bildung und Kultur"},"content":{"rendered":"<p>Die Bilder und Videoaufnahmen sind beeindruckend. Nach unterschiedlichen Sch&auml;tzungen marschierten am 15. Mai zwischen 1,5 und 2,0 Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer in rund 170 brasilianischen St&auml;dten zum ersten Mal seit dem Amtsantritt des rechtsradikalen pensionierten Ex-Hauptmanns gegen die Regierung Jair Bolsonaro. Ein Bericht von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAn der Kampfansage gegen die ideologische und finanzielle Demontage des &ouml;ffentlichen Bildungssystems &ndash; dessen Kosten bisher rund 6 Prozent des &ouml;ffentlichen Haushalts ausmachten &ndash; beteiligten sich nicht ausschlie&szlig;lich Sch&uuml;ler und Studenten, sondern auch hunderttausende Lehrer und Erzieher und von Gewerkschaftszentralen mobilisierte Arbeiter und Angestellte; darunter mindestens 100.000 Menschen in Belo Horizonte und 200.000 allein <a href=\"https:\/\/twitter.com\/CarlosAToscano\/status\/1128782505677676547\">in Rio de Janeiro<\/a>. Aus dem fernen und sicheren Refugium Dallas, im US-amerikanischen Texas, befeuerte der unbeliebte Pr&auml;sident die Konfrontation, als er die Demonstranten in einem Interview als &bdquo;<a href=\"https:\/\/oglobo.globo.com\/sociedade\/nos-eua-bolsonaro-chama-manifestantes-da-educacao-de-idiotas-uteis-23667150\">n&uuml;tzliche Idioten<\/a>&rdquo; der Linken beschimpfte.<\/p><p>Bolsonaro erntete jedoch sofort ungenierte Retourkutschen. &bdquo;&acute;N&uuml;tzliche Idioten&acute; sind diejenigen, die f&uuml;r diesen Hanswurst gestimmt haben!&ldquo;, <a href=\"https:\/\/twitter.com\/barbaragancia\/status\/1128698104465719297\">erwiderte auf Twitter<\/a> die einflussreiche Kolumnistin Barbara Gancia von der Tageszeitung Folha de S&atilde;o Paulo. Lindbergh Farias, ehemaliger Senator der Arbeiterpartei (PT), lie&szlig; Bolsonaros Provokation nicht kalt und <a href=\"https:\/\/twitter.com\/lindberghfarias\/status\/1128688620523675648\">er donnerte per Twitter<\/a> zur&uuml;ck: &bdquo;Wenn es einen Idioten in diesem Land gibt, dann bist Du es, @jairbolsonaro! Idiot deshalb, weil Du die Relevanz der Bildung nicht verstehst und mit Deiner Ignoranz die Zukunft Brasiliens zerst&ouml;rst&rdquo;.<\/p><p>In einer zweiten Nebenhandlung erging es Bildungsminister Abraham Weintraub nicht besser: Er wurde von der Abgeordnetenkammer ausgebuht und zum R&uuml;cktritt aufgefordert. Nach massivem Druck der konservativen Mitte und der linken Parteien, die seit Wochen eine &uuml;berraschende Mehrheit in der brasilianischen Abgeordnetenkammer zustande brachten, willigte Weintraub auf eine Debatte &uuml;ber die von ihm angek&uuml;ndigten, drakonischen 30-prozentigen Etatk&uuml;rzungen der staatlichen Universit&auml;ten ein, <a href=\"https:\/\/jornalggn.com.br\/educacao\/ministro-da-educacao-ataca-estudantes-e-defende-ensino-privado\/\">die den aktuellen Hintergrund der Massenproteste bilden<\/a>.<\/p><p>Dem bisherigen Bankdirektor Weintraub gelang es jedoch nicht, die Notwendigkeit der angedrohten Etatk&uuml;rzungen &uuml;berzeugend zu rechtfertigen. Der Minister holte obendrein mit einem unmissverst&auml;ndlichen Pl&auml;doyer f&uuml;r das private Bildungsgesch&auml;ft die Katze aus dem Sack. &bdquo;Die Bildungs-Evolution fand im privaten, nicht im &ouml;ffentlichen Bildungssystem statt&rdquo;, erkl&auml;rte Bolsonaros zweiter Bildungsminister in weniger als f&uuml;nf Monaten Amtszeit.<\/p><p>Weintraub &uuml;bernahm die Leitung des Bildungsministeriums Anfang April, nach dem Sturz seines Vorg&auml;ngers Ricardo V&eacute;lez. Der eingeb&uuml;rgerte kolumbianische Ausbilder an Schulen der brasilianischen Streitkr&auml;fte hatte in einem drei Monate langen Machtkampf zwischen zwei rechtsradikalen Fraktionen mindestens zehn Berater und vier Exekutivsekret&auml;re entlassen und das Ministerium nach Mitarbeiter-Aussagen in ein Szenario &bdquo;verbrannte Erde&rdquo; verwandelt, in dem kein einziges, brauchbares Projekt verabschiedet wurde.<\/p><p>Nun fordern nicht nur die Hochschulen und die Stra&szlig;en ebenfalls den Abgang Weintraubs. Auch im Parlament mehren sich Stimmen f&uuml;r seinen R&uuml;cktritt, darunter selbst ultrakonservativer Politiker wie des Abgeordneten Jos&eacute; Nelto aus Bolsonaros politischer Basis. Vor dem Plenarsaal redete Nelto Tacheles: <a href=\"https:\/\/www.oantagonista.com\/brasil\/lider-do-podemos-quer-weintraub-demitido-apos-sabatina\/\">&bdquo;Weintraub soll seinen Hut nehmen!&rdquo;<\/a>.<\/p><p>Der Emp&ouml;rung &uuml;ber die geplante bildungspolitische Demontage schloss sich auch das ferne Ausland an. Mehrere tausend Wissenschaftler von Universit&auml;ten aus der ganzen Welt &ndash; darunter Professoren der US-amerikanischen Berkeley-, Harvard-, Princeton- und Yale-, der britischen Oxford- und Cambridge-Universit&auml;t sowie der franz&ouml;sischen Sorbonne &ndash; hatten bereits Anfang Mai <a href=\"https:\/\/oglobo.globo.com\/sociedade\/academicos-de-universidades-em-todo-mundo-assinam-manifesto-contra-cortes-de-verbas-para-ciencias-humanas-no-brasil-23645889\">ein Manifest<\/a> gegen die angek&uuml;ndigten Etatk&uuml;rzungen, vor allem im  Bereich der Humanwissenschaften, unterzeichnet und die Fachbereiche Philosophie und Soziologie als Meilensteine der Aufkl&auml;rung verteidigt.<\/p><p>&bdquo;In unseren demokratischen Gesellschaften steht es nicht den Politikern zu, dar&uuml;ber zu entscheiden, was gute oder schlechte Wissenschaft ist. Wissensbildung und ihr Nutzen d&uuml;rfen auf keinen Fall mit dem Ziel bewertet werden, ob sie der Ideologie derer dienlich sind, die sich gerade an der Macht befinden&rdquo;, warnten die Wissenschaftler das Bolsonaro-Regime.<\/p><p>Die rechtsradikale Offensive gegen die Bildungserrungenschaften der &Auml;ra Lula\/Dilma Rousseff<\/p><p>Bolsonaros ideologischer Generalangriff zielt unbestrittenerma&szlig;en auf die Zerst&ouml;rung der Errungenschaften der Regierungen Luiz In&aacute;cio Lula da Silvas und Dilma Rousseffs in der Bildungspolitik. Ausgerechnet dem ehemaligen Metallarbeiter Lula da Silva &ndash; der lediglich &uuml;ber einen Grundschul- und Facharbeiter-Abschluss verf&uuml;gt &ndash; war eine regelrechte Revolutionierung des &ouml;ffentlichen Bildungssystems gelungen. W&auml;hrend seiner achtj&auml;hrigen Amtszeit verdreifachte der seit einem Jahr inhaftierte Ex-Pr&auml;sident nahezu den Bildungsetat von 18,1 Milliarden Reais im Jahr 2003 auf 54,2 Milliarden Reais im Jahr 2010. Bis Mitte 2016, als seine Nachfolgerin Dilma Rousseff ihre Amtsenthebung erlitt, erreichte der Etat 100 Milliarden Reais; nach damaligem Umrechnungskurs etwa 40 Milliarden Euro.<\/p><p>Mit dem Ziel der Bewertung und Leistungssteigerung des Unterrichts an &ouml;ffentlichen Schulen schuf Lulas Bildungsminister Fernando Haddad 2007 den sogenannten Index f&uuml;r die Entwicklung der Grundausbildung (Ideb). Zwischen 2007 und 2013 wurden im Bildungsentwicklungsplan (PDE) mehr als 37.000 &ouml;ffentliche Schulen mit Investitionsmitteln in Milliardenh&ouml;he ausgestattet.<\/p><p>Als Teil des Plans erneuerte und erweiterte das Projekt &bdquo;<em>Caminho da Escola<\/em>&ldquo; (Der Weg zur Schule) die Flotte der &ouml;ffentlichen Schulfahrzeuge. Um m&ouml;glichst viele Kinder, insbesondere an entfernten Orten, zu unterst&uuml;tzen, wurden 40.000 Fahrzeuge zur Verf&uuml;gung gestellt. Je nach Bed&uuml;rfnissen der jeweiligen Region verteilte das Programm auch Fahrr&auml;der und Motorboote.<\/p><p>Mit einem anderen Projekt &ndash; &bdquo;<em>Mais Escola<\/em>&ldquo;\/Mehr Schule &ndash; wurden 57.000 &ouml;ffentliche Schulen mit mindestens 7 Unterrichtsstunden\/Tag zum Preis von 4,5 Milliarden zu Ganztagsschulen ausgebaut. Neben den regul&auml;ren F&auml;chern wurden unter anderem p&auml;dagogische Begleitung, Umwelterziehung, Sport und Freizeit, Menschenrechte in Bildung, Kultur und Kunst sowie digitale Kultur angeboten.<\/p><p>Mit &ldquo;<em>Prouni<\/em>&ldquo; gelang Haddad wohl das weltweit gr&ouml;&szlig;te Stipendienprogramm im Hochschulbereich. Bis 2015 erhielten 2,55 Millionen Studenten mit staatlichen Stipendien dadurch Zugang zu privaten Universit&auml;ten. Zus&auml;tzlich wurde der bereits existierende &ldquo;Fies&ldquo;-Fonds f&uuml;r private Hochschulbildung neu formuliert und mit 2,14 Millionen Beg&uuml;nstigten ausgebaut.<\/p><p>In der Regierung Lula wurde auch die Umstrukturierung und Erweiterung der Bundesuniversit&auml;ten konzipiert. Als beispiellose Initiative in der Geschichte Brasiliens brachte das &ldquo;<em>Reuni<\/em>&ldquo;-Programm die &ouml;ffentlichen Universit&auml;ten ins ferne Hinterland. Mit diesem Programm gr&uuml;ndeten Haddad und Lula 18 neue Bundesuniversit&auml;ten und 173 neue Universit&auml;ts-Campi. Innerhalb von neun Jahren verdoppelte sich zwischen 2003 und 2014 die Zahl der Neu-Immatrikulierungen von 505.000 auf 932.000 Studierende. Ebenso gewaltig nahm im gleichen Zeitraum die Zahl der festangestellten Universit&auml;tsprofessoren von 40.500 auf 75.000 auf fast das Doppelte zu.<\/p><p>Die &bdquo;Revolutionierung&ldquo; des Bildungssystems ersch&ouml;pfte sich jedoch nicht in den beeindruckenden Zahlen, sondern sie schlug sich auch in der Qualit&auml;t nieder: n&auml;mlich durch die Demokratisierung von Bildung, Forschung und Kultur, die zum ersten Mal in der 500-j&auml;hrigen Landesgeschichte Arme, Schwarze und Frauen integrierte. Ein Erlebnis, das Millionen Leben ver&auml;nderte, wie das von <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=H8DCYnjfMSc\">ProUni-Absolvent C&iacute;cero Batista<\/a> &ndash; &bdquo;Arm, schwarz, wuchs hungrig in einem Elendsviertel auf &ndash; ich bin Arzt geworden.&rdquo;<\/p><p>Bildungsministerium: die Hauptb&uuml;hne der Verschw&ouml;rungstheoretiker<br>\nAu&szlig;enstehende k&ouml;nnten es so verstehen, als ginge es in Brasilien um das blo&szlig;e Tauziehen um einen Etat. Immerhin hatte Pr&auml;sident Jair Bolsonaro Ende April mit gewohnter St&uuml;mperhaftigkeit eine Milchm&auml;dchen-Rechnung seines Bildungsministers Weintraub vorgetragen: &bdquo;Die Aufgabe der Regierung ist es, das Geld des Steuerzahlers zu respektieren, den Jugendlichen das Lesen, Schreiben und Handeln beizubringen und dann einen Job zu finden, der Einkommen und Wohlstand f&uuml;r die Familie schafft und die Gesellschaft in ihrem Umfeld verbessert&rdquo;. Was Weintraub und Bolsonaro in Wirklichkeit meinten, war ihr geplanter Angriff auf die angeblich &bdquo;unproduktiven&rdquo; Humanwissenschaften.<\/p><p>Bei seiner Amtseinf&uuml;hrung hatte Weintraub bereits erkl&auml;rt, die Universit&auml;ten im brasilianischen Nordosten &ndash; die Hochburg der Arbeiterpartei-W&auml;hlerschaft, die Bolsonaro w&auml;hrend der Pr&auml;sidentschaftswahl eine empfindliche und vom Ex-Hauptmann unvergessene Niederlage zuf&uuml;gte &ndash; <a href=\"https:\/\/josiasdesouza.blogosfera.uol.com.br\/2019\/04\/08\/universidade-nordestina-nao-deve-ensinar-filosofia-diz-novo-titular-do-mec\/\">sollten &bdquo;keine Philosophie unterrichten&rdquo;<\/a>. Vielmehr, so der von j&uuml;dischen Einwanderern abstammende Banker und nun amtierende Minister, &bdquo;verf&uuml;gt Jair Bolsonaro in Israel &uuml;ber viele Partnerschaften, um Technologie hier nach Brasilien zu holen. Anstatt dass die Nordost-Universit&auml;ten Soziologie anbieten oder Philosophie im Agrarsektor betreiben, sollten sie Agronomie in Partnerschaft mit Israel betreiben. Es ist an der Zeit, mit diesem Hass auf Israel aufzur&auml;umen, den man in Bundesuniversit&auml;ten h&ouml;rt. Das ist doch irre, was wir da h&ouml;ren, oder etwa nicht?&rdquo;, stimmte Weintraub sein Publikum gegen die verd&auml;chtigen Nordostbrasilianer ein.<\/p><p>Jair Bolsonaro verbarg jedenfalls nie, dass er die staatlichen Universit&auml;ten als ein &bdquo;Nest gef&auml;hrlicher Roter&rdquo; und die Bildungsqualit&auml;t als katastrophal betrachtet. Die Verbannung der &bdquo;marxistischen Kultur&rdquo; und der damit angeblich liierten &bdquo;Genderideologie&rdquo; aus Lehrb&uuml;chern, Lehrpl&auml;nen und Vorlesungen ist eine seiner Obsessionen. Doch die ist &ndash; mit Verlaub wegen der exkrementalen Ausdruckweise des Pr&auml;sidenten &ndash; nicht auf seinem Mist gewachsen.<\/p><p>Die meisten Deutschen machen sich kaum eine Vorstellung davon, was sich hinter den Kulissen des Bolsonaro-Regimes abspielt. Der ehemalige Leutnant ist eine Sch&ouml;pfung aus den Kellern kaltbl&uuml;tiger, rechtsradikaler Strategen &ndash; wie dem ehemaligen Oberbefehlshaber der Armee, General Eduardo Villas B&ocirc;as, und einer Handvoll Gener&auml;le im Ruhestand &ndash; jedoch auch krankhaftester Verschw&ouml;rungstheoretiker. Beide gingen ein B&uuml;ndnis mit neoliberalen Think Tanks ein und bilden das Triumvirat, das sich seit vier Monaten in haneb&uuml;chenen Machtk&auml;mpfen aufreibt.<\/p><p>&bdquo;Wir m&uuml;ssen zugeben: Die extreme Rechte, die durch beispiellose und ausgefeilte semiotische Kriegsf&uuml;hrung auf den Wegen der formalen Demokratie an die Macht kam, hat [&hellip;] einen starken Hang zur Verschw&ouml;rung. Im Kontext des semiotischen Krieges ist dies ein gewaltiger Vorteil gegen&uuml;ber der Linken&ldquo;, <a href=\"https:\/\/jornalggn.com.br\/analise\/tino-conspiratorio-da-guerra-semiotica-de-bolsonaro-e-licao-para-a-esquerda\/\">kommentierte Wilson Ferreira<\/a>, Professor f&uuml;r Kommunikationswissenschaften in Rio de Janeiro.<\/p><p>Ferreira teilt den in Brasilien zunehmend verbreiteten Eindruck, dass im Verhalten des Bolsonaro-Regimes und seiner rechtsradikalen F&ouml;rderer und Mitl&auml;ufer stets akute &bdquo;Gefahren&ldquo; wahrzunehmen sind, so als ob ihre Existenz t&auml;glich durch ein Umfeld von Verschw&ouml;rungen bedroht w&auml;re, das von Globalisten, Kulturmarxisten, Kommunisten und LGBTs gesteuert wird, die in den Medien und selbst im Finanzsystem verankert seien. Sogar &bdquo;kommunistische Bankiers&rdquo; &ndash; was auch immer das haarstr&auml;ubende Oxymoron bedeuten mag &ndash; wie Bildungsminister Weintraub ausgemacht haben will.<\/p><p>Wie Vorg&auml;nger V&eacute;lez ist Weintraub &bdquo;Sch&uuml;ler&ldquo; einer bizarren, finsteren Gestalt von esoterischer Inspiration namens Olavo de Carvalho, mit der auch Villas B&ocirc;as&lsquo; Gener&auml;le insgeheim &uuml;ber Bolsonaros &bdquo;Regierungsplan&ldquo; tuschelten.<\/p><p>Deutschen Geschichtsliebhabern wird eventuell der &ouml;sterreichische &bdquo;Ariosoph&ldquo; Guido von List in Erinnerung sein, der in den 1920-er Jahren zu den einschl&auml;gigsten geistigen und ideologischen Mentoren Adolf Hitlers und der NSDAP geh&ouml;rte. Zusammen mit &bdquo;Madame&ldquo; Helena Blavatsky verbreitete von List jene extravaganten Theorien von der angeblichen &Uuml;berlegenheit der germanischen Arier &uuml;ber alle anderen &bdquo;Rassen&ldquo;. Von Lists Einfluss war es unter anderem zu verdanken, dass Heinrich Himmler eine SS-Mission nach Tibet schickte, die vom damaligen Dalai Lama in die indo-tibetische Symbolik des Hakenkreuzes eingef&uuml;hrt wurde und nachtr&auml;glich die l&auml;cherliche &bdquo;Theorie&ldquo; von den Urspr&uuml;ngen der Germanen im Tibet sowie im mythischen Tula predigte.<\/p><p>Bolsonaros &bdquo;Ariosof&ldquo; ist Olavo de Carvalho, ein wegen Familienkrachs und Betrugs ins US-amerikanische Richmond geflohener ehemaliger Astrologe und selbsternannter &bdquo;Philosoph&ldquo;. Carvalho besitzt nicht einmal den regul&auml;ren Grundschulabschluss, brilliert jedoch seit Jahren in der rechtsradikalen Szene Brasiliens als Autor esoterischer und philosophischer Schriften und betreibt per YouTube einen l&auml;rmenden &bdquo;Kulturkampf&ldquo; mit infamen L&uuml;gen, vulg&auml;rer Sprache und Rufmord gegen die brasilianische Linke und den &bdquo;Marxismus&ldquo;.<\/p><p>In seinen Cyberauftritten, die er sich von naiven, rechtsradikal motivierten Anh&auml;ngern bezahlen l&auml;sst, unterstellt der Scharlatan, die Universit&auml;ten seien von &bdquo;einer Diktatur der Linken&ldquo; beherrscht, beschuldigt den historischen, italienischen Marxisten Antonio Gramsci als Ideologen der &bdquo;Untergrabung der Familienwerte&ldquo; &ndash; insbesondere der &bdquo;Gender-Ideologie&ldquo; &ndash; bezeichnet die Relativit&auml;tstheorie Albert Einsteins als &bdquo;Idiotie&ldquo; und sinniert, dass &bdquo;die Erde m&ouml;glicherweise flach&ldquo; sei.<\/p><p>Carvalhos hysterischer Antikommunismus befeuerte bereits 2014 die rechtsradikalen Aufm&auml;rsche gegen die Regierung Dilma Rousseff mit der Forderung nach &bdquo;milit&auml;rischer Intervention&rdquo;. W&auml;hrend der Pr&auml;sidentschafts-Wahlkampagne von 2018, in der Altpr&auml;sident Lula die Kandidatur verboten wurde, agierte noch einmal Carvalho hinter den Kulissen der Fake-News-Maschine mit haarstr&auml;ubenden Verschw&ouml;rungstheorien und infamen L&uuml;gen gegen Ersatzkandidat Fernando Haddad, dem er zum Beispiel unterstellte, w&auml;hrend seiner Amtszeit als Bildungsminister B&uuml;cher f&uuml;r die &bdquo;Anstiftung zur Homosexualit&auml;t&rdquo; oder an Schulkinder &bdquo;Milchflaschen mit Mundst&uuml;ck im Penisformat&rdquo; verteilt zu haben.<\/p><p>Ja, so bizarr es klingt, sollte man es f&uuml;r m&ouml;glich halten: Carvalho wurde vom Bolsonaro-Clan &ndash; dem Pr&auml;sidenten und seinen drei S&ouml;hnen, die Stadtrats-, Abgeordneten- und Senatoren&auml;mter bekleiden &ndash; als Intimus und einflussreichster ideologischer &bdquo;Berater&ldquo; adoptiert. Carvalho ist das Alter Ego von Jair Bolsonaros Irrsinn.<\/p><p>Titelbild: Dado Photos\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bilder und Videoaufnahmen sind beeindruckend. Nach unterschiedlichen Sch&auml;tzungen marschierten am 15. Mai zwischen 1,5 und 2,0 Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer in rund 170 brasilianischen St&auml;dten zum ersten Mal seit dem Amtsantritt des rechtsradikalen pensionierten Ex-Hauptmanns gegen die Regierung Jair Bolsonaro. 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