{"id":51996,"date":"2019-05-24T08:18:17","date_gmt":"2019-05-24T06:18:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51996"},"modified":"2019-05-24T10:44:54","modified_gmt":"2019-05-24T08:44:54","slug":"steuert-die-welt-auf-den-grossen-crash-zu-russische-ueberlegungen-zur-krise-des-multilateralismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51996","title":{"rendered":"Steuert die Welt auf den gro\u00dfen Crash zu? Russische \u00dcberlegungen zur Krise des Multilateralismus"},"content":{"rendered":"<p>Zum sechsten Mal lud der Valdai-Diskussionsklub, der seit 15 Jahren regelm&auml;&szlig;ig die Gr&ouml;&szlig;en nicht nur der russischen Politik und Diplomatie in Kasan, Rostow, Sankt Petersburg und zuletzt in Sotchi versammelt, zu einer europ&auml;ischen Konferenz. Sie fand am 21. Mai 2019 in Wien statt. Es begann mehr als holprig. Von <strong>Hannes Hofbauer<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n&ldquo;Abgesagt&rdquo;, vermerkt der diensthabende Wachposten der &Ouml;sterreichischen Landesverteidigungsakademie trocken und schickt den Teilnehmer der Valdai-Konferenz wieder auf die Stra&szlig;e hinaus. Die T&uuml;ren zum angek&uuml;ndigten Konferenzort in der Wiener Stiftskaserne bleiben verschlossen. Nur wenige Stunden zuvor hatte das &ouml;sterreichische Verteidigungsministerium seine Zusammenarbeit mit den Organisatoren des russischen Diskussionsklubs aufgek&uuml;ndigt. &ldquo;So etwas ist uns noch nie passiert&rdquo;, meint Andrej Bistritskij vom Valdai-Klub sp&auml;ter im Ausweichquartier des &ldquo;Grand Hotel&rdquo; am Wiener Ring und sch&uuml;ttelt verst&auml;ndnislos den Kopf. Der Hinauswurf der hochrangig besetzten Runde, zu der unter anderem auch der russische Vizeau&szlig;enminister Alexander Gruschko geh&ouml;rt, mag etwas mit den innenpolitischen Turbulenzen in &Ouml;sterreich zu tun haben, die in diesen Tagen schnurstracks in eine Staatskrise f&uuml;hren, von russischer Seite wird er allerdings als internationaler Affront interpretiert, den es so nicht bedurft h&auml;tte.<\/p><p>Fjodor Lukjanow, langj&auml;hriger Journalist und einer der besten Kenner der russischen Au&szlig;enpolitik, erinnert in seiner Anmoderation daran, dass sich ziemlich genau vor 100 Jahren hier in Wien ein Mann auf die Revolution in Russland vorbereitet hat, es war &ldquo;der Herr Bronstein aus dem Caf&eacute; Central&rdquo;, besser bekannt als Leo Trotzki. Auch heute wieder, so Lukjanow, leben wir in turbulenten Zeiten und die Welt steht am Scheideweg. &ldquo;Gemeinsam oder Me first&rdquo; lautet dementsprechend das Motto der Valdai-Konferenz, die dar&uuml;ber diskutiert, wie es in Zukunft mit der multilateralen Diplomatie aussehen und ob es eine solche noch geben wird.<\/p><p>Den Anfang macht Thomas Greminger, seines Zeichens Generalsekret&auml;r der OSZE und Schweizer Diplomat. Optimismus kann und will er nicht verstreuen. &ldquo;Wir beobachten ein starkes Ansteigen des Misstrauens&rdquo;, meint er, &ldquo;gegen&uuml;ber Regierungen, multilateralen Institutionen und auch gegen&uuml;ber Medien&rdquo;. Die Ursache daf&uuml;r sieht Greminger in ungel&ouml;sten Problemen wie der Migration, steigender internationaler Gewaltbereitschaft und einer &ldquo;Me first&rdquo;-Haltung, die in die obersten politischen R&auml;nge Einzug gehalten habe. Die Hauptverursacher der weltpolitischen Schieflage nennt er, ganz Diplomat, nicht beim Namen. <\/p><p>Der stellvertretende russische Au&szlig;enminister Alexander Gruschko ist da schon wesentlich direkter. Sein Referat ger&auml;t zur gro&szlig;en Anklage gegen Washington und insbesondere das Pentagon. Kriege und Sanktionen sind keine Mittel, mit denen Politik gemacht werden sollte, meint er gleich zu Beginn. Doch die USA w&uuml;rden genau darauf setzen. Penibel z&auml;hlt Gruschko auf, wo die USA in der Welt f&uuml;r Destabilisierung sorgen, wobei der den Bogen vom NATO-Krieg gegen Jugoslawien 1999 bis zur aktuellen Politik gegen Venezuela spannt; dann nennt er Nikaragua und Kuba, die seinen Informationen zufolge bald ins Visier von US-Interventionen geraten k&ouml;nnten. Besonders beunruhigend findet Gruschko, wie Washington in den vergangenen Jahren &ldquo;illegitime unilaterale Sanktionen&rdquo; gegen eine Vielzahl von L&auml;ndern verh&auml;ngt: &ldquo;Diese heute zur Routine der US-Au&szlig;enpolitik gewordene Vorgangsweise ist sehr gef&auml;hrlich.&rdquo; Und die Europ&auml;ische Union sieht dem Treiben zu. Alles Gerede &uuml;ber die Notwendigkeit multilateralen Austausches, so der stellvertretende russische Au&szlig;enminister, findet keinerlei Niederschlag in der konkreten Politik. Die Epoche des Multilateralismus, in den Russland viel Energie gesteckt habe, scheint dem Ende zuzugehen, so jedenfalls h&ouml;rt sich die Analyse aus Moskau an. <\/p><p>Unterstrichen wird diese Einsicht dann von Konstantin Kosachev, Vorsitzender des Ausschusses f&uuml;r internationale Beziehungen im russischen F&ouml;derationsrat, dem parlamentarischen Oberhaus. Er spricht Klartext: &ldquo;Die US-Idee eines Multilateralismus fu&szlig;t darauf, jeweils willige Koalitionen zu schaffen, um eine &Uuml;bermacht zu bekommen, w&auml;hrend die Europ&auml;ische Union in der multilateralen Diplomatie ein Konzept von Solidarit&auml;t aufbaut, das sie selbst in eine Falle gef&uuml;hrt hat.&rdquo; Als Beispiel nennt Kosachev den Umgang mit der Ukraine-Krise innerhalb der EU. Da zwingt die &ldquo;Solidarit&auml;t&rdquo; alle Mitglieder zum Schweigen, wenn sie den Positionen f&uuml;hrender Staaten nicht folgen wollen. Auch im Falle Kosovos sieht der hochrangige russische Abgeordnete politischen Druck statt Diplomatie am Werk. &ldquo;Wie die USA sich da gerieren, hat nichts mit Diplomatie zu tun&rdquo;, sagt er und meint damit, dass es keine offenen, multilateralen Gespr&auml;che mit den betroffenen Staaten gibt.<\/p><p>Einen Kontrapunkt zur russischen Sicht auf die Weltlage setzt dann Thomas Gomart, Direktor des Instituts f&uuml;r internationale Beziehungen (IFRI) in Paris. Seiner Meinung nach ist die Welt bereits ins &ldquo;dritte nukleare Zeitalter&rdquo; &ndash; nach dem Ende des Kalten Krieges und der Verbreitung von Atomwaffen &ndash; eingetreten. Damit umschreibt er die neue konfrontative Phase zwischen dem Westen und Russland, die manche westlichen Historiker im Jahr 2014 mit, wie sie es nennen, der Annexion der Krim beginnen lassen. &ldquo;Uns steht eine multipolare Welt ohne Multilateralismus bevor&rdquo;, res&uuml;miert er und ist sich bewusst, wie brandgef&auml;hrlich eine solche w&auml;re. <\/p><p>Zum Abschluss der Konferenz gibt es dann noch ein paar entspannende Worte von Sergej Oznobischev vom Institut f&uuml;r Weltwirtschaft und internationale Entwicklung der Akademie der Wissenschaften (IMEMO) in Moskau. Der betagte Diplomat, der schon bei den Verhandlungen &uuml;ber den von den USA nie ratifizierten SALT-II-Vertrag 1979 in Wien dabei war, zitiert den &ldquo;gro&szlig;en russischen Pr&auml;sidenten Tschernenko&rdquo;, wie er ihn ironisch nennt, mit dessen Stehsatz: &ldquo;So etwas wie heute hatten wir fr&uuml;her nie, und jetzt haben wir es schon wieder&rdquo;. Da schwang durchaus Selbstkritik mit.<\/p><p>Titelbild: &copy; Valdai Club<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum sechsten Mal lud der Valdai-Diskussionsklub, der seit 15 Jahren regelm&auml;&szlig;ig die Gr&ouml;&szlig;en nicht nur der russischen Politik und Diplomatie in Kasan, Rostow, Sankt Petersburg und zuletzt in Sotchi versammelt, zu einer europ&auml;ischen Konferenz. Sie fand am 21. Mai 2019 in Wien statt. Es begann mehr als holprig. 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