{"id":52034,"date":"2019-05-26T11:45:40","date_gmt":"2019-05-26T09:45:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52034"},"modified":"2019-06-07T09:12:28","modified_gmt":"2019-06-07T07:12:28","slug":"modern-monetary-theory-mmt-eine-oekonomische-theorie-sorgt-fuer-furore-zuletzt-auch-in-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52034","title":{"rendered":"Modern Monetary Theory (MMT) \u2013 eine \u00f6konomische Theorie sorgt f\u00fcr Furore, zuletzt auch in Berlin"},"content":{"rendered":"<p>In den USA sorgt gerade die Modern Monetary Theory (MMT) f&uuml;r Furore. Unter ihren Anh&auml;nger befinden sich die popul&auml;re Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez, mit 29 Jahren die j&uuml;ngste Abgeordnete im US-Repr&auml;sentantenhaus, sowie der fr&uuml;here Bewerber um die US-Pr&auml;sidentschaftskandidatur, Bernie Sanders, dem an der MMT insbesondere die Idee einer staatlichen Jobgarantie gef&auml;llt. Von <strong>Thomas Trares<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Popularit&auml;t der Theorie hat sich inzwischen auch hierzulande herumgesprochen. Und so verwundert es nicht, dass am vorvergangenen Sonntag im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg die R&auml;ume des gemeinn&uuml;tzigen Vereins &ldquo;Helle Panke&rdquo; fast bis auf den letzten Platz gef&uuml;llt waren. Eingeladen hatten die Rosa-Luxemburg-Stiftung, die paneurop&auml;ische Debattenplattform Brave New Europe sowie das Netzwerk f&uuml;r Plurale &Ouml;konomik. Gastredner war der ehemalige Banker und Fondsmanager Warren Mosler, einer der f&uuml;hrenden K&ouml;pfe der MMT.<\/p><p>&bdquo;Full Employment and Price Stability&ldquo; &ndash; das stand an jenem Abend in Gro&szlig;buchstaben auf einer Tafel, die hinter Mosler aufgestellt wurde. Und dies hatte auch seinen Grund. Denn dass Vollbesch&auml;ftigung und Preisniveaustabilit&auml;t dauerhaft erreichbar sind, ist eine der Kernaussagen der MMT. &bdquo;Die US-Regierung kann sofort Vollbesch&auml;ftigung herstellen, indem sie jedem, der m&ouml;chte, einen Job im &ouml;ffentlichen Sektor anbietet&ldquo;, sagt Mosler. Dazu m&uuml;sse der Staat nur die Ausgaben erh&ouml;hen. Droht die Wirtschaft dagegen zu &uuml;berhitzen, m&uuml;sse man &uuml;ber h&ouml;here Steuern die Kaufkraft wieder absch&ouml;pfen. In der MMT fungiert der Staat somit als Jobgarant, als &bdquo;Employer of Last Resort (ELR)&ldquo;. Die Zentralbank hingegen ist nur dazu da, die Staatsausgaben zu finanzieren.<\/p><p>&bdquo;Full Employment and Price Stability&ldquo; &ndash; so hei&szlig;t auch Moslers <a href=\"http:\/\/moslereconomics.com\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Full-Employment-AND-Price-Stability.pdf\">Aufsatz<\/a>, in dem diese Zusammenh&auml;nge nachzulesen sind. Ver&ouml;ffentlicht wurde dieser bereits 1997 im &bdquo;Journal of Post Keynesian Economics&ldquo;, laut Wikipedia der erste MMT-Aufsatz in einer referierten Fachzeitschrift. Damit ist Mosler so etwas wie das Urgestein der MMT. 2010 erschien dann sein Buch &bdquo;The 7 Deadly Innocent Frauds of Economic Policy&ldquo;, das inzwischen auch ins Deutsche <a href=\"https:\/\/www.buecher.de\/shop\/geschichte--politik\/die-sieben-unschuldigen-aber-toedlichen-betruegereien-der-wirtschaftspolitik-ebook-epub\/mosler-w\/products_products\/detail\/prod_id\/48090088\/\">&uuml;bersetzt ist<\/a>. Weitere K&ouml;pfe der MMT sind die &Ouml;konomen Bill Mitchell und Randell Wray sowie die Bernie-Sanders-Beraterin Stephanie Kelton. Einziger deutscher Vertreter ist der &Ouml;konom Dirk Ehnts.<\/p><p>Dass die Theorie gerade jetzt so popul&auml;r ist, hat vor allem zwei Gr&uuml;nde. Zum einen sorgen die prominenten F&uuml;rsprecher Ocasio-Cortez und Sanders f&uuml;r den n&ouml;tigen medialen Wirbel, und zum anderen ist die MMT eine Theorie, die wie kaum eine andere die heiligen K&uuml;he der Mainstream-&Ouml;konomie schlachtet. Unabh&auml;ngigkeit der Zentralbank? Nur ein Mythos! Fiskalregeln &agrave; la Maastricht? Nur selbstauferlegte Beschr&auml;nkungen! H&ouml;here Schulden? Kein Problem! Steuern und Anleihen? Werden zur Finanzierung der Staatsausgaben nicht gebraucht!<\/p><p>Fundamental bei der MMT ist die Annahme, dass L&auml;nder, die ihre eigene W&auml;hrung drucken, nicht pleitegehen k&ouml;nnen. &bdquo;Es gibt kein Ausfallrisiko. Die Regierung kann in ihrer eigenen W&auml;hrung immer s&auml;mtliche Zahlungen leisten, ganz gleich wie gro&szlig; das Defizit ist oder wie wenige Steuern sie einnimmt&ldquo;, sagt Mosler. Denn der Staat hat das Geldsch&ouml;pfungsmonopol, er kann sich das Geld jederzeit selbst beschaffen. &bdquo;Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Regierung einfach frei nach ihrem Willen ohne Konsequenzen Geld ausgeben kann. Zu hohe Ausgaben k&ouml;nnen sehr wohl zu Preissteigerungen f&uuml;hren und die Inflation anheizen&ldquo;, sagt Mosler weiter. Dann m&uuml;sse der Staat eben die Steuern erh&ouml;hen und die &uuml;bersch&uuml;ssige Kaufkraft absch&ouml;pfen. Anleihen seien dagegen dazu da, den Zins zu steuern.<\/p><p>Geistiger Urvater der MMT ist &uuml;brigens ein Deutscher. Der National&ouml;konom Georg Friedrich Knapp erkl&auml;rte bereits 1905 in seiner &bdquo;Staatlichen Theorie des Geldes&ldquo;: &bdquo;Geld ist ein Gesch&ouml;pf der Rechtsordnung.&ldquo; Knapp meinte damit, dass Geld seinen Wert erst dadurch erh&auml;lt, dass der Staat qua Verfassung bestimmt, was Geld ist (Chartalismus). Somit unterliege der Staat in punkto Geldsch&ouml;pfung keinerlei Beschr&auml;nkungen. Das war seinerzeit eine revolution&auml;re Aussage. Denn die herrschende Meinung lautete damals, dass die Geldmenge mit &ouml;konomischen Werten, sprich Gold, unterlegt sein muss. Entsprechend hielt man die M&ouml;glichkeit, Geld zu sch&ouml;pfen, f&uuml;r begrenzt (Metallismus).<\/p><p>Genau wie Knapp seinerzeit behauptet heute auch die MMT, dass die Geldsch&ouml;pfung keinerlei Beschr&auml;nkungen unterworfen ist, und genau wie Knapp seinerzeit wird heute die MMT vom &ouml;konomischen Establishment vehement abgelehnt &ndash; meist mit Hinweis auf die hohen Inflationsrisiken. &bdquo;Wir sollten uns nicht in Gefahrenzonen begeben, von denen wir gar nicht wissen, wo sie genau liegen&ldquo;, sagt beispielsweise Starinvestor Warren Buffett, w&auml;hrend Microsoft-Gr&uuml;nder Bill Gates die MMT nur f&uuml;r &bdquo;crazy talk&ldquo; h&auml;lt. Selbst der Keynesianer Paul Krugman kann der MMT nicht viel abgewinnen, obwohl die MMT ja eigentlich eine Spielart des Postkeynesianismus ist. Den Vogel schoss k&uuml;rzlich jedoch ein Kommentator des schweizerischen Finanzportals &bdquo;www.finnews.ch&ldquo; ab. Unter dem Titel &bdquo;Modern Monetary Theory: Wehret den Anf&auml;ngen&ldquo; brachte er die MMT ohne Umschweife mit der Hyperinflation der 1920er Jahre und dem Erstarken der Nationalsozialisten <a href=\"https:\/\/www.finews.ch\/news\/finanzplatz\/36315-mmt-modern-monetary-theory-bernie-sanders-alexandra-ocasio-cortez-adriano-lucatelli-larry-fink-warren-buffett\">in Verbindung<\/a>.<\/p><p>Wie gef&auml;hrlich die MMT tats&auml;chlich ist, k&ouml;nnen Sie aber auch selbst beurteilen. Denn Mosler sprach an jenem Abend in Berlin auch &uuml;ber die Situation in Europa, und dabei erl&auml;uterte er auch, wie  man die MMT in der Eurozone umsetzen k&ouml;nnte: Demnach sollten die Regierungen eine aktive Fiskalpolitik betreiben, um Vollbesch&auml;ftigung herzustellen, das Haushaltsdefizit k&ouml;nne dabei auf f&uuml;nf Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen. Zudem soll die Europ&auml;ische Zentralbank (EZB) dauerhaft eine Nullzinspolitik fahren und ebenfalls auf Vollbesch&auml;ftigung ausgerichtet werden. Eine aktive Geldpolitik h&auml;lt Mosler dagegen f&uuml;r wirkungslos, das zeigten die Negativzinsen, die nicht zu mehr Inflation gef&uuml;hrt h&auml;tten. &bdquo;Nichts ist passiert&ldquo;, sagte er. &bdquo;Sogar einen Italiener haben sie an die Spitze der EZB geholt, und dennoch gibt es keine Inflation. Nichts ist passiert.&ldquo;<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/b445381eb97945a5a8ded3c367f453ce\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den USA sorgt gerade die Modern Monetary Theory (MMT) f&uuml;r Furore. 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