{"id":52153,"date":"2019-05-29T09:10:42","date_gmt":"2019-05-29T07:10:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52153"},"modified":"2022-03-11T12:06:10","modified_gmt":"2022-03-11T11:06:10","slug":"fastenkur-vom-rentenpapst-wie-ein-neoliberaler-oekonom-die-gesetzliche-altersvorsorge-auf-diaet-setzen-will","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52153","title":{"rendered":"Fastenkur vom \u201eRentenpapst\u201c. Wie ein neoliberaler \u00d6konom die gesetzliche Altersvorsorge auf Di\u00e4t setzen will."},"content":{"rendered":"<p>Im M&auml;rz 2020 soll die von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil eingesetzte Rentenkommission &bdquo;Verl&auml;sslicher Generationenvertrag&ldquo; ihre Empfehlungen f&uuml;r eine &bdquo;nachhaltige Sicherung und Fortentwicklung der Alterssicherungssysteme&ldquo; f&uuml;r die Zeit nach 2025 pr&auml;sentieren. Gremiumsmitglied Axel B&ouml;rsch-Supan, vom medialen Mainstream als scharfsinniger Vordenker gefeiert, hat seine Rezepte schon rausposaunt: Leistungsniveau dr&uuml;cken, Beitr&auml;ge erh&ouml;hen, Altersgrenze anheben. <strong>Gerd Bosbach<\/strong> von der Hochschule Koblenz hat seine Vorschl&auml;ge unter die Lupe genommen und einen Mix aus Rechentricks, Irrt&uuml;mern und Manipulationen zum Vorschein gebracht. Die Lage werde dramatisiert und m&ouml;gliche Alternativma&szlig;nahmen blieben ausgeblendet. Mit dem Statistikprofessor sprach der Journalist <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7086\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-52153-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190529_Fastenkur_vom_Rentenpapst_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190529_Fastenkur_vom_Rentenpapst_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190529_Fastenkur_vom_Rentenpapst_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190529_Fastenkur_vom_Rentenpapst_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=52153-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190529_Fastenkur_vom_Rentenpapst_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"190529_Fastenkur_vom_Rentenpapst_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em><strong>Zur Person:<\/strong> Gerd Bosbach, Jahrgang 1953, ist Professor f&uuml;r Statistik, Mathematik und empirische Wirtschafts- und Sozialforschung an der Hochschule Koblenz, Standort Remagen. Er ist als diplomierter Mathematiker und promovierter Statistiker zugleich einer der profiliertesten Kritiker der interessengeleiteten Nutzung von Statistik. Einblicke in Methoden und Geheimnisse der amtlichen Statistik sowie den &ndash; mitunter missbr&auml;uchlichen &ndash; Umgang der Politik und anderer interessierter Kreise damit erhielt er w&auml;hrend seiner T&auml;tigkeit im Statistischen Bundesamt. Von Bosbach und dem Politologen Jens J&uuml;rgen Korff erschienen 2011 &bdquo;L&uuml;gen mit Zahlen: Wie wir mit Statistiken manipuliert werden&ldquo; und 2017 &bdquo;Die Zahlentrickser: Das M&auml;rchen von den aussterbenden Deutschen und andere Statistikl&uuml;gen&ldquo;. Gemeinsam mit Korff betreibt Bosbach die Webseite &bdquo;L&uuml;gen mit Zahlen&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.luegen-mit-zahlen.de\">luegen-mit-zahlen.de<\/a>).<\/em><\/p><p><strong>Herr Bosbach, Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat in der Vorwoche einen Gesetzentwurf zur Einf&uuml;hrung einer Grundrente f&uuml;r Menschen vorgelegt, die trotz lebenslanger Erwerbsarbeit auf ein Alter in Armut zusteuern. Abseits der Frage, ob das Konzept am Ende wirklich umgesetzt wird: Wie gefallen Ihnen die geplanten Ma&szlig;nahmen?<\/strong><\/p><p>Dieses Gesetz war mehr als &uuml;berf&auml;llig und es w&auml;re verheerend, wenn es nicht durchkommt. Es muss verhindert werden, dass Menschen, die sich lange Zeit in schlecht bezahlten Jobs verdingt haben, im Alter ins Bodenlose, also in Richtung Grundsicherung fallen. Allerdings ist damit nur denen geholfen, die &uuml;ber Jahrzehnte und mindestens 35 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt haben. <\/p><p><strong>Der Arbeitsminister spricht von drei Millionen Profiteuren &hellip; <\/strong><\/p><p>Wenn dem so ist, dann zeigt das, was die von der Regierung Gerhard Schr&ouml;der losgetretene Niedriglohnpolitik innerhalb von nur zwei Jahrzehnten angerichtet hat. Und die Lage wird noch schlimmer, wenn nicht endlich wirksam gegengesteuert wird. Die Grundrente ist hier allenfalls ein erster Ansatz, aber keiner, der den Betroffenen eine armutsfeste Rente beschert. Das, was man damit mehr erhalten w&uuml;rde, ist nicht der gro&szlig;e Wurf, den Herr Heil aus der Sache macht. Er operiert ja gerne mit dem Beispiel der Friseurin, die ein Leben lang f&uuml;r wenig Geld gearbeitet hat, und nach seinem Modell fast doppelt so viel Rente erhielte als ihr laut Rentenformel zustehen w&uuml;rde. Nimmt man aber die Grundsicherung zur Messlatte, die in dem Fall ja greifen w&uuml;rde, dann betr&auml;gt der Bonus nur 100 oder 150 Euro. Herr Heil hat au&szlig;erdem einen H&ouml;chstsatz von 961 Euro ins Spiel gebracht. Bei uns in K&ouml;ln kann man davon nicht leben, so wenig wie in vielen anderen St&auml;dten auch.  <\/p><p><strong>Was sagen Sie zum finanziellen Volumen? <\/strong><\/p><p>2021 sollen ja 3,8 Milliarden Euro flie&szlig;en, sp&auml;ter dann 4,8 Millionen Euro j&auml;hrlich. Bei drei Millionen Leistungsbeziehern w&auml;ren das 1.600 Euro im Jahr oder knapp &uuml;ber 130 Euro im Monat. Das reicht nicht, um den Betroffenen ein halbwegs sorgenloses Alter zu erm&ouml;glichen. Daf&uuml;r br&auml;uchte es deutlich mehr. <\/p><p><strong>Noch ist l&auml;ngst nicht klar, ob die Grundrente &uuml;berhaupt kommt. Die Union will allenfalls dann mitmachen, wenn es eine Bed&uuml;rftigkeitspr&uuml;fung gibt. Was, wenn sie sich damit durchsetzt? <\/strong><\/p><p>Dann w&uuml;rde das den Kreis der Profiteure weiter reduzieren. Nicht, weil es so viele Arztgattinnen gibt, die dann keinen Anspruch h&auml;tten. Das entw&uuml;rdigende Prozedere, sich vor den Beh&ouml;rden quasi zu entbl&ouml;&szlig;en, k&ouml;nnte viele Menschen davon abschrecken, ihre Anspr&uuml;che geltend zu machen. Dabei ist Rente kein Almosen, sondern ein Anspruch, den man sich durch seine Lebensleistung verdient hat. Als es um die M&uuml;tterrente ging, ein CSU-Projekt, hat bei der Union kein Hahn nach einer Bed&uuml;rftigkeitspr&uuml;fung geschrien. Der eigenen Klientel wollte man so etwas nicht zumuten. <\/p><p><strong>Was w&auml;re Heils &bdquo;Respektrente&ldquo; in Ihren Augen in der rentenpolitischen Gesamtschau wert?<\/strong><\/p><p>Wie schon gesagt: Das w&auml;re bestenfalls ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, aber eben keiner, der den Niedergang der gesetzlichen Rente stoppen k&ouml;nnte. Ich glaube auch, dass dieser Streit um die Details, wie jetzt beim Thema Bed&uuml;rftigkeitspr&uuml;fung, vor allem deshalb gef&uuml;hrt wird, um von den eigentlichen Problemen abzulenken und das gro&szlig;e Loch vergessen zu machen, auf das das System mit Karacho zusteuert. <\/p><p><strong>Das Loch ist ja bereits da. Sie selbst haben vor kurzem die Zahl der aktuellen Rentner, die armutsgef&auml;hrdet sind, mit 19,5 Prozent beziffert. Sollte auch das niemand wissen? <\/strong><\/p><p>Der Korrektheit halber: Von allen Personen, die in Rentnerhaushalten leben, sind 19,5 Prozent von Armut bedroht. Nach meiner Definition ist derjenige arm, der in einem armen Haushalt lebt, w&auml;hrend die Politik gerne andere Ma&szlig;st&auml;be anlegt. Fast noch erschreckender ist aber die Entwicklung. Allein in den vergangenen zehn Jahren ist der Anteil der Betroffenen um fast 40 Prozent gestiegen und damit deutlich st&auml;rker als die allgemeine Armutsquote. Das zeigt sehr eindeutig: Ein Leben im Alter bedeutet in Deutschland immer h&auml;ufiger ein Leben in Armut. <\/p><p><strong>Aber warum tauchte diese Zahl bisher nirgends auf? <\/strong><\/p><p>Ich habe mich seit 2010 bem&uuml;ht, eine getrennte Aufschl&uuml;sselung der reinen Rentnerhaushalte vom Statistischen Bundesamt zu erhalten, bin aber wiederholt abgeblitzt. Zuletzt hat dann das Landesamt f&uuml;r Statistik in Nordrhein-Westfalen das fragliche Material aus dem Mikrozensus erstellt und auf meinen und den Antrag von Matthias Birkwald von der Bundestagsfraktion der Linkspartei gegen Bezahlung herausger&uuml;ckt. <\/p><p><strong>Gegen Bezahlung? <\/strong><\/p><p>Ja, das ist schon ein starkes St&uuml;ck: Um eine statistische Kennzahl von so gro&szlig;er Aussagekraft und Brisanz zu erhalten, mussten wir Himmel und H&ouml;lle in Bewegung setzen. Und vielleicht gab es durchaus interessierte Kreise, die diese ungern ver&ouml;ffentlicht sehen. Wir haben das Statistische Bundesamt darum gebeten, die Daten von nun an regelm&auml;&szlig;ig herauszugeben, das dazu n&ouml;tige Computerprogramm existiert ja jetzt. Sollte man beim n&auml;chsten Mal trotzdem davon absehen, w&auml;re zu fragen, ob hier der &Ouml;ffentlichkeit gezielt etwas vorenthalten werden soll.<\/p><p><strong>Welche Zahlen in puncto Armutsgef&auml;hrdung im Alter gab es bisher?  <\/strong><\/p><p>Bisher kursierten zwei Zahlen: Die eine bezieht sich auf alle 65-j&auml;hrigen und &Auml;lteren und weist f&uuml;r 2017 eine Armutsgef&auml;hrdungsquote von 14,6 Prozent aus. Hierbei werden aber Gruppen &uuml;ber einen Kamm geschert, die nicht zusammengeh&ouml;ren, zum Beispiel Rentner, die noch arbeiten, oder alle Selbst&auml;ndigen. Die zweite Zahl, 16 Prozent, wirft die Gruppe der Rentner mit der der Pension&auml;re in einen Topf. Deren Armutsgef&auml;hrdungsquote liegt aber seit Jahren konstant bei 0,9 Prozent, was den Schnitt deutlich aufbessert. <\/p><p>Um aber etwas zum Zustand der staatlichen Rente sagen zu k&ouml;nnen, m&uuml;ssen die Rentnerhaushalte gesondert betrachtet werden, also die Rentenbezieher selbst und alle, die von dieser Rente leben. Und da sieht es eben d&uuml;ster aus. Als armutsgef&auml;hrdet gelten Alleinstehende, die mit weniger als 999 Euro monatlich &uuml;ber die Runden kommen m&uuml;ssen, bei Paaren sind es weniger als 1.499 Euro. Wenn das heute schon f&uuml;r jeden f&uuml;nften aus dieser Gruppe gilt &ndash; Tendenz steigend &ndash;, dann birgt das schon jetzt und mehr noch f&uuml;r die Zukunft eine gewaltige soziale Sprengkraft. <\/p><p><strong>Was der Bundesregierung aber nicht bewusst ist? <\/strong><\/p><p>Besser: Was sie nicht wahrhaben will oder lieber verdr&auml;ngt. Denn wollte die Politik wirklich Ma&szlig;nahmen ergreifen, die gesetzliche Rente wieder flott und zukunftsfest zu machen, dann m&uuml;sste sie den Reichen und den Unternehmern in die Tasche greifen. Aber das will man eben tunlichst vermeiden. <\/p><p><strong>Tats&auml;chlich tut die Regierung so, als w&auml;re das System bis auf weiteres krisenfest. Mit der auch im Koalitionsvertrag festgelegten &bdquo;doppelten Haltelinie&ldquo; sollen einerseits das Rentenniveau bis 2025 auf dem heutigen Stand von 48 Prozent des Durchschnittslohns verbleiben und andererseits die Beitr&auml;ge nicht &uuml;ber 20 Prozent steigen. Wie realit&auml;tstauglich sind diese Vorgaben? <\/strong><\/p><p>Diese 48 Prozent beziehen sich auf einen sogenannten Standardeckrenter, der 45 Jahre lang normal verdient und ohne Unterbrechung in die Rentenkasse eingezahlt hat. Das ist pure Fiktion: Wer heute in Rente geht, hat oft Phasen l&auml;ngerer Arbeitslosigkeit oder Teilzeitarbeit hinter sich, hat in Zeiten gearbeitet, in denen die L&ouml;hne nur unzureichend gestiegen sind, oder musste sich in irgendwelchen Billigjobs durchschlagen. Die allerwenigsten erreichen heute 45 Versicherungsjahre und immer weniger bringen es auf einen Normalverdienst. Das Versorgungsniveau wird also bestenfalls auf dem Papier bewahrt, in der Realit&auml;t liegt die gro&szlig;e Mehrheit aber schon heute deutlich darunter. Und die Situation wird sich noch massiv versch&auml;rfen. Was in der Debatte auch gerne vergessen wird: Die Renten werden nach dem Alterseink&uuml;nftegesetz nachgelagert immer h&ouml;her besteuert, ab 2040 sind dann alle Rentenzahlungen voll steuerpflichtig. Von den Leistungen bleibt k&uuml;nftig bei den h&ouml;heren Renten immer weniger &uuml;brig. Bei den Minirenten greift die Steuer zum Gl&uuml;ck kaum.<\/p><p><strong>Und was ist mit dem Beitragssatz, der heute bei 18,6 Prozent liegt und in den n&auml;chsten sechs Jahren 20 Prozent nicht &uuml;bersteigen soll?<\/strong><\/p><p>Das immerhin ist eine Haltelinie, die wohl halten wird, was sie verspricht, allerdings nur zum Schutz der Arbeitgeber vor steigenden Kosten. Von den Arbeitnehmern wird dagegen verlangt, &uuml;ber ihren h&auml;lftigen Beitragsanteil hinausgehend privat vorzusorgen. F&uuml;r die Riester-Rente m&uuml;ssen die Besch&auml;ftigten mindestens vier Prozent ihres Bruttoeinkommens aufbringen, um die Staatszusch&uuml;sse zu bekommen. W&uuml;rde man die Unternehmen in gleicher H&ouml;he &ndash; also parit&auml;tisch an der gesetzlichen und privaten Rente &ndash; beteiligen, h&auml;tten wir heute Rentenabgaben von 26,6 Prozent. Das w&uuml;rde f&uuml;rs Alter allerhand mehr abwerfen.  <\/p><p><strong>Aber daf&uuml;r verdiente man dann netto weniger und st&uuml;nde im Erwerbsleben schlechter da.<\/strong><\/p><p>Nicht unbedingt. Ich habe kein Problem damit, wenn die Beitr&auml;ge zulegen. In &Ouml;sterreich betragen diese schon seit geraumer Zeit deutlich &uuml;ber 20 Prozent, wovon die Arbeitgeber sogar mehr als die H&auml;lfte beisteuern. Wenn die Leute real mehr Geld verdienen, wof&uuml;r auch die Politik mit entsprechenden gesetzlichen Rahmenbedingungen sorgen k&ouml;nnte, dann tun auch h&ouml;here Rentenbeitr&auml;ge nicht weh. Fr&uuml;her waren regelm&auml;&szlig;ig steigende Beitr&auml;ge ganz normal und das war kein Beinbruch, weil auch die L&ouml;hne und Geh&auml;lter anzogen und die Menschen trotz Beitragserh&ouml;hung am Ende sogar mehr Geld in der Tasche hatten. In Schieflage geriet das System erst durch die zwischenzeitlich hohe Arbeitslosigkeit sowie die politische F&ouml;rderung prek&auml;rer Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse in Gestalt von Zeitarbeit, Werkvertr&auml;gen und Minijobs. W&uuml;rde man dem Einhalt gebieten und diese ganzen Dumpingjobs verbieten oder wenigstens zur&uuml;ckdr&auml;ngen, dann k&ouml;nnte sich das System wieder erholen. <\/p><p><strong>Die Bundesregierung hat vor einem Jahr die Rentenkommission &bdquo;Verl&auml;sslicher Generationenvertrag&ldquo; installiert, die bis M&auml;rz 2020 Empfehlungen zur Zukunft der gesetzlichen Rentenversicherung erarbeiten soll. Dabei ist auch zu kl&auml;ren, ob und wie die &bdquo;doppelte Haltelinie&ldquo; &uuml;ber 2025 hinausgehend zu halten ist. Was erwarten Sie?<\/strong><\/p><p>Die Kommission wird der herrschenden Denkrichtung treu bleiben. Daf&uuml;r sorgt schon die Person Axel B&ouml;rsch-Supan, der in der &Ouml;ffentlichkeit wahlweise als &bdquo;Rentenpapst&ldquo;, &bdquo;f&uuml;hrender deutscher Rentenexperte&ldquo; oder &bdquo;renommierter Renten&ouml;konom&ldquo; geadelt wird. Er ist zwar nur eines von zehn Gremiumsmitgliedern, hat der Diskussion aber schon seinen Stempel aufgedr&uuml;ckt. Noch ehe sich die Runde konstituiert hatte, ist er mit Unterst&uuml;tzung gro&szlig;er Medienorgane vorgeprescht, um zu verk&uuml;nden, wie die Rente der Zukunft aussehen wird. Das kam so r&uuml;ber, als w&auml;ren damit die Vorschl&auml;ge der Kommission schon vorweggenommen. Das Ganze hat er dazu noch mit einem &bdquo;intelligenten Mix&ldquo; &ndash; so sein Eigenlob &ndash; aus Rezepten und Argumenten begr&uuml;ndet, so dass es so wirkt, als w&auml;re sein Weg durch und durch vern&uuml;nftig und alternativlos und jeder, der widerspricht, ein Realit&auml;tsverweigerer. Sein Vorsto&szlig; war in meinen Augen an sich schon eine Frechheit, aber nachdem ich seine Thesen dann genauer unter die Lupe genommen hatte, war mein Entsetzen &uuml;ber diese sogenannte wissenschaftliche Arbeit noch gr&ouml;&szlig;er. <\/p><p><strong>Was konkret missf&auml;llt Ihnen daran?<\/strong><\/p><p>Seine Ausgangsthese ist die, dass die beiden Haltelinien nach 2025 nicht haltbar sind. Als Rezept schl&auml;gt er deshalb ein B&uuml;ndel aus vier Ma&szlig;nahmen vor, die da w&auml;ren: Rentenniveau senken, Beitr&auml;ge gering erh&ouml;hen, mehr Staatszusch&uuml;sse und Renteneintrittsalter erh&ouml;hen. Bei all dem argumentiert er mit statistisch angreifbaren Belegen und allerhand weiteren Rechentricks, die wissenschaftlich unredlich sind. Au&szlig;erdem blendet er s&auml;mtliche anderen M&ouml;glichkeiten, die Rente wieder in Schuss zu bringen, konsequent aus. Zum Beispiel unterschl&auml;gt er, dass man die Beitragsbemessungsgrenze aufheben k&ouml;nnte. Das ist eine willk&uuml;rlich eingezogene Latte bei aktuell 6.700 Euro des Bruttoeinkommens. Alles, was man mehr verdient, ist nicht beitragswirksam. Auch die Schaffung einer Erwerbst&auml;tigenversicherung, in die auch Beamte und Selbst&auml;ndige einzahlen, hat B&ouml;rsch-Supan nicht auf dem Zettel. Er will auch nichts davon wissen, dass man die Arbeitgeber parit&auml;tisch in die gesamte, also die private wie gesetzliche, Rentenfinanzierung einbeziehen k&ouml;nnte. Und so kommt es dann, dass sein Konzept am Ende ziemlich genau dem Wunschzettel der Unternehmerschaft gleicht.<\/p><p><strong>K&ouml;nnen Sie das an einem Beispiel festmachen?<\/strong><\/p><p>Eines seiner Stilmittel ist die Dramatisierung: An einer Stelle rechnet er kommende Mehrbelastungen in eine Mehrwertsteuererh&ouml;hung um und behauptet, diese w&uuml;rde sich 2030 auf drei Prozent und dann rasch ansteigend auf sechs Prozent bis 2036 und langfristig auf acht Prozent belaufen. Selbst wenn es so k&auml;me, w&auml;re das l&auml;ngst nicht so schlimm, wie B&ouml;rsch-Supan weismachen will. Jede Erh&ouml;hung beginnt bei null und weist dann schnell Steigerungen auf, die bedrohlicher anmuten, als sie in Wirklichkeit sind. Nimmt man den Nettopreis mit heute 19 Prozent Mehrwertsteuer als Basis, dann entspr&auml;chen sechs Prozent mehr Mehrwertsteuer bis 2036 einem j&auml;hrlichen Plus des Gesamtpreises von 0,35 Prozent. Das ist nicht sch&ouml;n, w&auml;re aber auch angesichts der normalen Preissteigerungsraten von etwa zwei Prozent durchaus zu verkraften.  <\/p><p><strong>Aber auch nicht f&uuml;r jeden.<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich w&auml;re das f&uuml;r &auml;rmere Schichten eine Zumutung, aber gesamtgesellschaftlich unbezahlbar nun auch wieder nicht, vor allem wenn man bedenkt, dass die Produktivit&auml;t und die L&ouml;hne weiter steigen. B&ouml;rsch-Supan will das ja auch gar nicht. Seine Kalkulation dient ja vor allem dazu, Angst zu verbreiten. Damit es nicht so kommt, muss man dann eben andere Kr&ouml;ten schlucken, etwa ein h&ouml;heres Renteneintrittsalter oder sinkende Rentenzahlungen. <\/p><p><strong>Ihre These ist ja die, dass das mit der demographischen Entwicklung, also der steigenden Zahl an &auml;lteren Menschen im Verh&auml;ltnis zu den j&uuml;ngeren, gar kein so gro&szlig;es Problem ist, w&auml;hrend die herrschende Politik deshalb unentwegt den Teufel an die Wand malt. Geh&ouml;rt also auch B&ouml;rsch-Supan zum Club der notorischen Schwarzmaler?<\/strong> <\/p><p>Nat&uuml;rlich, und daf&uuml;r greift er tief in die Trickkiste. Zum Beispiel berechnet er den sogenannten Altersquotienten &ndash; das Verh&auml;ltnis Rentner zu Arbeitenden &ndash; selbst noch f&uuml;r das Jahr 2060 mit dem bis dahin l&auml;ngst &uuml;berholten Renteneintrittsalter von 65 Jahren. Bekanntlich wird die Altersgrenze schrittweise bis 2031 auf 67 Jahre angehoben. Mit seinem Rechenexempel schiebt B&ouml;rsch-Supan im Jahr 2025 mal eben 1,4 Millionen und 2035 sogar 2,3 Millionen Menschen in die Gruppe der zu Versorgenden, obwohl sie noch zu den Versorgern z&auml;hlen. Das verzerrt die tats&auml;chliche Lage deutlich und zielt einmal mehr darauf, Angst zu machen.<\/p><p><strong>Welches Renteneintrittsalter schwebt B&ouml;rsch-Supan vor?<\/strong><\/p><p>Er peilt f&uuml;r 2060 einen Renteneintritt erst mit 69,5 Jahren an. Anders als bei seiner irref&uuml;hrenden Berechnung des Altersquotienten hantiert er hier allerdings mit den korrekten Verh&auml;ltnissen zwischen Versorgern und zu Versorgenden &ndash; gerade wie es ihm eben in den Kram passt. Denn nat&uuml;rlich gehen mit h&ouml;herem Renteneintritt in aller Regel Rentenabschl&auml;ge einher, weil die gro&szlig;e Mehrheit der Bev&ouml;lkerung so lange nicht wird arbeiten k&ouml;nnen. Dazu kommt noch, dass B&ouml;rsch-Supan auch die Zahl der Beitragsjahre zur Standardrente &uuml;ber die geltenden 45 Jahre hinaus auf 49,5 erh&ouml;hen will. Sein neu definiertes Rentenniveau bliebe so zwar scheinbar stabil bei 48 Prozent, real w&uuml;rde es aber freilich sinken. Ich haben das recherchiert: Das jetzige Rentenniveau w&uuml;rde unter den ver&auml;nderten Bedingungen heute nur noch 47,3 Prozent betragen, im Jahr 2060 w&auml;ren es noch 43,6 Prozent. So l&auml;sst sich eine Rentenk&uuml;rzung auch verstecken und den Menschen wird das dann sogar als gerecht verkauft. <\/p><p><strong>Axel B&ouml;rsch-Supan war langj&auml;hriger Leiter des Mannheimer Forschungsinstituts &Ouml;konomie und Demographischer Wandel an der Universit&auml;t Mannheim, das in &ouml;ffentlich-privater Partnerschaft unter Beteiligung des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) initiiert und finanziert wurde. Sp&auml;ter ging das Institut im Munich Center for the Economics of Aging (MEA) am Max-Planck-Institut f&uuml;r Sozialrecht und Sozialpolitik auf, als dessen Direktor er seit 2011 fungiert. &Uuml;ber B&ouml;rsch-Supan h&auml;lt das Portal LobbyPedia fest, dass er fr&uuml;her als Berater des GDV und des Verbands der privaten Bausparkassen t&auml;tig war. Wird man so in Deutschland zum &bdquo;Rentenpapst&ldquo;? <\/strong><\/p><p>Entscheidend ist, dass man Konzepte liefert, die den Arbeitgeberverb&auml;nden gut gefallen und die dadurch auch in den tonangebenden Medien gew&uuml;rdigt werden. In diesem Fall waren es vor allem die Bild-Zeitung und die S&uuml;ddeutsche Zeitung, sp&auml;ter auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die den Mann zum f&uuml;hrenden deutschen Rentenexperten hochstilisiert haben. Dabei &uuml;bernehmen diese Medienorgane seine Rezepte schon jetzt wie vorweggenommene Ergebnisse der Rentenkommission, obwohl die sich absolutes Stillschweigen &uuml;ber ihre Arbeit auferlegt hat. Weil B&ouml;rsch-Supans Vorschl&auml;ge schon jetzt medial als der &bdquo;einzig gangbare Weg&ldquo; abgefeiert werden, wird die Kommission &ndash; in der ja zum Beispiel auch eine Gewerkschaftsvertreterin sitzt &ndash; Schwierigkeiten haben, diese abzulehnen. <\/p><p><strong>Welche Rolle spielt der Faktor private Altersversorgung in B&ouml;rsch-Supans Ideenwelt?<\/strong><\/p><p>In seinem ausf&uuml;hrlichen Papier, mit dem er an die &Ouml;ffentlichkeit gegangen ist, &auml;u&szlig;ert er sich nicht zur Privatrente. Der Mann will sich bestimmt nicht nachsagen lassen, einseitig die Interessen der Versicherungswirtschaft zu propagieren. Aber der Schluss, dass die Privatrente an Bedeutung gewinnen muss, wenn die gesetzliche Rente weiter vor sich hin schw&auml;chelt beziehungsweise durch eine verfehlte Politik weiter geschw&auml;cht wird, liegt ja irgendwie auf der Hand. Das ist sicherlich auch ein Hintergedanke von B&ouml;rsch-Supan, den auszusprechen er sich aber lieber verkneift.<\/p><p><strong>Das Deutsche Institut f&uuml;r Altersvorsorge (DIA), ein von der Finanzwirtschaft getragener Thinktank, will die Riester-Rente &bdquo;obligatorisch&ldquo; machen. Wenigstens m&uuml;sse durch eine &bdquo;Opt-out-Regel&ldquo; gew&auml;hrleistet werden, dass die B&uuml;rger dem Riester-Sparen aktiv widersprechen. Das w&auml;re doch was, oder? <\/strong><\/p><p>Solche Vorst&ouml;&szlig;e sollte man nicht als Spinnerei abtun, weil sie in der Politik durchaus anschlussf&auml;hig sind. Tatsache ist, dass sehr viele der Riester-Sparer vorzeitig ihre Zahlungen stoppen, weil sie sich die Beitr&auml;ge nicht immer leisten k&ouml;nnen. Gerade viele Menschen mit geringen Einkommen werden so durch das Riestern sogar zu Verlierern. Mein Vorschlag w&auml;re deshalb der, die staatlichen Zusch&uuml;sse direkt der gesetzlichen Rente zugutekommen zu lassen, ohne nebenbei die Privatversicherungen zu p&auml;ppeln. Dann bliebe bei den Betroffenen auch viel mehr an Ertrag h&auml;ngen. Aber so etwas l&auml;uft hierzulande leider unter Denkverboten.  <\/p><p><strong>Was denken Sie noch, was man nicht denken darf?<\/strong><\/p><p>Offizielle Denkverbote gibt es nat&uuml;rlich nicht. Aber nur &uuml;ber die 48 Prozent Rentenniveau zu diskutieren, macht den Einfluss von Niedrigl&ouml;hnen und Arbeitslosigkeit auf die tats&auml;chliche Rentenh&ouml;he vergessen, was gewollt ist. Dazu werde ich noch vor dem Sommer erschreckende Zahlen vorlegen. Und &uuml;ber Alternativen wie die Erwerbst&auml;tigenversicherung, die Anhebung oder den Wegfall der Beitragsbemessungsgrenze und erst Recht die parit&auml;tische Beteiligung der Arbeitgeber an allen Altersversorgungsleistungen soll wohl einfach nicht nachgedacht werden. Und das obwohl sich die SPD, die Gr&uuml;nen, der Deutsche Gewerkschaftsbund und viele andere immerhin die ersten beiden Vorschl&auml;ge in der Vergangenheit schon auf die Fahne geschrieben haben. Um diese scheinbare Amnesie in der Diskussion zu &uuml;berwinden, braucht es wohl gr&ouml;&szlig;eren Druck von unten.<\/p><p>Titelbild: Privat<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im M&auml;rz 2020 soll die von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil eingesetzte Rentenkommission &bdquo;Verl&auml;sslicher Generationenvertrag&ldquo; ihre Empfehlungen f&uuml;r eine &bdquo;nachhaltige Sicherung und Fortentwicklung der Alterssicherungssysteme&ldquo; f&uuml;r die Zeit nach 2025 pr&auml;sentieren. Gremiumsmitglied Axel B&ouml;rsch-Supan, vom medialen Mainstream als scharfsinniger Vordenker gefeiert, hat seine Rezepte schon rausposaunt: Leistungsniveau dr&uuml;cken, Beitr&auml;ge erh&ouml;hen, Altersgrenze anheben. <strong>Gerd Bosbach<\/strong> von der Hochschule<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52153\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":52154,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,107,209,129,39,11,132],"tags":[635,579,1128,376,2663,2270,904,1253,343,2233,288,273,301,1912,405],"class_list":["post-52153","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","category-audio-podcast","category-interviews","category-lobbyorganisationen-und-interessengebundene-wissenschaft","category-rente","category-strategien-der-meinungsmache","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-altersarmut","tag-boersch-supan-axel","tag-beitragsbemessungsgrenze","tag-bosbach-gerd","tag-erwerbstaetigenversicherung","tag-grundrente","tag-grv","tag-heil-hubertus","tag-luegen-mit-zahlen","tag-paritaetische-finanzierung","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-privatvorsorge","tag-rentenalter","tag-rentenniveau","tag-statistisches-bundesamt"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/190529_GerdBosbach-01.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/52153","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=52153"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/52153\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":81836,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/52153\/revisions\/81836"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/52154"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=52153"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=52153"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=52153"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}