{"id":52325,"date":"2019-06-05T15:36:41","date_gmt":"2019-06-05T13:36:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52325"},"modified":"2019-06-05T16:13:25","modified_gmt":"2019-06-05T14:13:25","slug":"immer-noch-regime-change-in-syrien-von-dr-gerhard-fulda","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52325","title":{"rendered":"Immer noch \u201eRegime Change\u201c in Syrien? Von Dr. Gerhard Fulda"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Regime Change&ldquo;: Wir haben diese beiden englischen W&ouml;rter im Verbund gr&uuml;ndlich in unseren Sprachgebrauch &uuml;bernommen, weil wir sie gar nicht so pr&auml;gnant ins Deutsche &uuml;bersetzen k&ouml;nnen. Es geht nicht, einfach zu sagen: &bdquo;Regierungswechsel&ldquo;. Denn das w&auml;re ja eine im Prinzip durchaus erw&uuml;nschte demokratische Selbstverst&auml;ndlichkeit.<br>\n<!--more--><br>\nNein, bei dem, was &bdquo;Regime Change&ldquo; genannt wird, geht es in der Regel gar nicht demokratisch zu. Und erst recht nicht in &Uuml;bereinstimmung mit dem V&ouml;lkerrecht. Es kommt von au&szlig;en, geb&auml;rdet sich aber als interne Bewegung.<\/p><p>Es ist offenbar das Wort &bdquo;Regime&ldquo;, welches eine bewusst vieldeutige Missachtung zum Ausdruck bringen soll. Und manchmal k&uuml;ndigt die Verwendung dieses Wortes eine beabsichtigte milit&auml;rische Intervention an. Das l&auml;sst sich mit Beispielen aus der beruflichen Erfahrung des Autors illustrieren.<\/p><ol type=\"I\">\n<li><strong>Szenarien zur Einf&uuml;hrung<\/strong>\n<ol>\n<li><strong>Grenada<\/strong>\n<p>Im Grundsatzreferat Vereinte Nationen in der Politischen Abteilung des Ausw&auml;rtigen Amtes musste im Oktober 1983 eine Stellungnahme zu der Invasion der USA in dem kleinen Karibikstaat Grenada erarbeitet werden.<\/p>\n<p>1979 hatte es in Grenada einen kaum blutigen Putsch gegen einen USA-freundlichen Ministerpr&auml;sidenten gegeben. Der neue Machthaber Maurice Bishop verstaatlichte ein paar Betriebe, konzentrierte sich auf die arme Bev&ouml;lkerung. Er erhielt verbal die Unterst&uuml;tzung der Sowjetunion und Kubas und erkl&auml;rte trotzdem seine Blockfreiheit. Das half gar nichts gegen den Gegenwind aus Washington. Es hie&szlig;, er habe den Anfang von Bauarbeiten zugelassen f&uuml;r eine gro&szlig;e sowjetische U-Boot-Basis.<\/p>\n<p>Diese Ger&uuml;chte verstummten erst, als ein amerikanischer Journalist dorthin reiste und mit der Erkenntnis zur&uuml;ckkam, dass die Gew&auml;sser um die Insel so flach waren, dass man auch nicht entfernt an U-Boote denken konnte. Anfang 1983 hatte das Pentagon verlauten lassen, in Grenada seien sowjetische Torpedoboote, MIG-Kampfflugzeuge und Kampfhubschrauber eingetroffen. Solches Kriegsger&auml;t hat allerdings weder damals noch sp&auml;ter irgendjemand gesehen.<\/p>\n<p>Als dann mit Krediten der Weltbank und einiger europ&auml;ischer L&auml;nder ein Flughafen f&uuml;r den Tourismus erweitert werden sollte, war die Administration von Pr&auml;sident Reagan &uuml;berzeugt, es gehe um einen sowjetischen Milit&auml;rflughafen. Maurice Bishop flog zu den VN nach New York, um dies zu widerlegen. Bei der R&uuml;ckkehr nach St. George wurde er von einem Revolutionskommando verhaftet, vor ein &bdquo;Kriegsgericht&ldquo; gestellt und kurz darauf &bdquo;hingerichtet&ldquo;.<\/p>\n<p>Die neue Milit&auml;rregierung und der britische Gouverneur (als das die K&ouml;nigin repr&auml;sentierende Staatsoberhaupt des Commonwealthlandes) erbaten dann den milit&auml;rischen Beistand der USA und anderer Karibikstaaten. Ein Resolutionsentwurf, der einen v&ouml;lkerrechtswidrigen Angriffskrieg verurteilen wollte, scheiterte im Sicherheitsrat der VN am Veto der USA.<\/p><\/li>\n<li><strong>Deutschland<\/strong>\n<p>Nicht Lateinamerika soll im vorliegenden Text das Thema sein, sondern der Nahe Osten, insbesondere Syrien. Aber mit dieser Einf&uuml;hrung wird ein Verhaltensmuster offengelegt, das sehr oft erneut Verwendung gefunden hat:<\/p>\n<p>Fake News, erfundene Bedrohungsszenarien, Unterst&uuml;tzung und Bewaffnung interner Opposition, milit&auml;rische Intervention. Viele Male in Lateinamerika &ndash; aber &auml;hnlich auch in Irak, Libyen, Ukraine, Syrien &ndash; als n&auml;chstes Iran?<\/p>\n<p>Ein weiteres Land, mit einem ganz anderen, sehr originellen Muster h&auml;tte wohl niemand auf dieser Liste erwartet. N&auml;mlich die Bundesrepublik Deutschland. Mit dem Sturz des Bundeskanzlers Helmut Schmidt.<\/p>\n<p>Viele Leser werden sich erinnern an die Nachr&uuml;stungsdebatte in Deutschland. 1982 &ndash; der Nato-Doppelbeschluss &ndash; dort die SS20, hier die Pershing II &ndash; die Friedensbewegung in der SPD &ndash; der Widerstand gegen die Stationierung in Deutschland.  Schon 2 oder 3 Monate bevor die sozial-liberale Koalition auseinanderbrach und dann Helmut Kohl das Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt gewann, hat ein nahe an den Gespr&auml;chen Beteiligter gesagt: Er glaube, die Amerikaner f&uuml;hrten die Verhandlungen so dickk&ouml;pfig, weil sie Helmut Schmidt loswerden wollten.<\/p>\n<p>Schmidt hatte den Widerstand in der eigenen Partei &uuml;berwinden wollen, indem er vorschlug, die Mittelstreckenraketen nicht auf dem Boden der Bundesrepublik Deutschland zu stationieren, sondern seegest&uuml;tzt in der Nordsee. Das h&auml;tte milit&auml;risch sogar den Vorteil gehabt, dass dort solche schwimmenden Abschussrampen von der Sowjetunion aus nicht so leicht h&auml;tten vernichtet werden k&ouml;nnen, weil sie ihren Standort st&auml;ndig &auml;ndern sollten.<\/p>\n<p>Die Amerikaner, so vermutete der damalige Gespr&auml;chspartner, seien ohne nachvollziehbare milit&auml;rische Argumente stur bei den Pl&auml;nen einer landgest&uuml;tzten Stationierung geblieben. Er hatte daf&uuml;r nur die Erkl&auml;rung, die USA h&auml;tten geglaubt, dass Schmidt dann in der eigenen Partei zu Fall gekommen w&auml;re und dass diese &bdquo;Handlungsunf&auml;higkeit&ldquo; der SPD zu einem Koalitionswechsel in Bonn f&uuml;hren werde. Mit einer schwarz-gelben Regierung w&uuml;rde Washington dann weniger Schwierigkeiten haben.<\/p>\n<p>Es sieht so aus, als sei auch dieses Modell eines Regime Change n&uuml;tzlich als Blaupause, die wiederverwendbar wird f&uuml;r vergleichbare F&auml;lle. Es ist wohl nicht zuf&auml;llig, dass Washington in den letzten Monaten das Thema Mittelstreckenraketen wieder einmal auf die Agenda der Nato und der Ost-West-Beziehungen gebracht hat. Diesmal geht es um das Thema 2% des BIP f&uuml;r die Verteidigung. Bei ntv hie&szlig; es am 2. April:<\/p>\n<blockquote><p>\n&bdquo;Im Team von US-Pr&auml;sident Donald Trump gibt es offensichtlich die Hoffnung, dass ein Ausscheiden der SPD aus der Bundesregierung den Weg f&uuml;r deutlich h&ouml;here Verteidigungsausgaben Deutschlands ebnen k&ouml;nnte.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Ob die These aus den achtziger Jahren historisch belastbar ist oder nicht, m&uuml;ssten Historiker entscheiden. F&uuml;r V&ouml;lkerrechtler ist schon die blo&szlig;e Denkbarkeit dieses Szenarios beunruhigend. Der Versuch, auf die politische Willensbildung in einem anderen Land Einfluss zu nehmen, ist eigentlich diplomatische Routine. Diplomaten mischen sich also von Berufs wegen ein. Aber dabei muss es Grenzen geben.<\/p>\n<p>Wann springt dieses Bem&uuml;hen &uuml;ber in eine v&ouml;lkerrechtswidrige Souver&auml;nit&auml;tsverletzung? Das Verbot der Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates ist ein Grundsatz des V&ouml;lkergewohnheitsrechts und nur schwer eindeutig auszulegen. Der Begriff &bdquo;Souver&auml;nit&auml;t&ldquo; ist vielen historischen Ver&auml;nderungen ausgesetzt.<\/p>\n<p>Es sind die Menschenrechte, die f&uuml;r Unruhe sorgen. Sie sind in internationalen Vertr&auml;gen vereinbart, geh&ouml;ren zweifellos zum V&ouml;lkerrecht. Aber sie zielen in das Innere eines anderen Staates, auf das Verh&auml;ltnis zwischen einer Regierung und ihren B&uuml;rgern und das geh&ouml;rt grunds&auml;tzlich zur domaine reserv&eacute; eines souver&auml;nen Staates. Dieser Widerspruch sorgt f&uuml;r Streit und steht &ndash; um es sehr vorsichtig auszudr&uuml;cken &ndash; in einem Spannungsverh&auml;ltnis zu allen diplomatischen Bem&uuml;hungen, Frieden zu bewahren, Kriege zu vermeiden.<\/p>\n<p>Der hier vorgelegte Text will die Leser zum kritischen Nachdenken anregen &uuml;ber einen sehr moralisch erscheinenden Satz:<\/p>\n<blockquote><p>\n&bdquo;Man kann doch nicht einfach zugucken, wie dieses Regime seine eigene Bev&ouml;lkerung umbringt.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote>\n<\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<li><strong>Regime Change Syrien<\/strong>\n<ol>\n<li><strong>Deutschland<\/strong>\n<p>Kurz bevor der damalige Au&szlig;enminister Steinmeier zum Bundespr&auml;sidenten gew&auml;hlt wurde, hatte er in Berlin in den Sitzungssaal der SPD im Bundestag zu einer &ouml;ffentlichen Diskussion mit Staffan de Mistura eingeladen, dem Sonderbeauftragten des UN-Generalsekret&auml;rs f&uuml;r Syrien.<\/p>\n<p>Die beiden Hauptredner zu Syrien haben damals eigentlich gar nicht diskutiert, sondern sich Stichworte zugerufen &ndash; denn zwischen beide passte kein Blatt. Sie stimmten &uuml;berein, der Konflikt k&ouml;nne nicht milit&auml;risch gel&ouml;st werden, nur durch diplomatische Gespr&auml;che. Solche Gespr&auml;che d&uuml;rften nicht dazu missbraucht werden, den Machthaber im Amt zu halten &ndash; die Zeit dieses Regimes sei abgelaufen.<\/p>\n<p>In der letzten halben Stunde der Veranstaltung durfte man sich aus dem Publikum zu Wort melden. Der Autor dieser Zeilen war der letzte Fragesteller und der erste mit einer abweichenden Meinung. Mit mehreren Argumenten:<\/p>\n<ol type=\"a\">\n<li>Es sehe so aus, dass der Konflikt doch zu einem milit&auml;rischen Sieg f&uuml;hren werde, bei dem die USA als Verlierer dastehen w&uuml;rden.<\/li>\n<li>Wenn wir einen Waffenstillstand verhandeln wollen, k&ouml;nnen wir uns nicht weigern, mit Assad zu sprechen. Wer seinen vorherigen R&uuml;cktritt verlangt, verl&auml;ngert den Krieg.<\/li>\n<li>&Uuml;ber die k&uuml;nftige Machtfrage d&uuml;rfen nur die Syrer selbst entscheiden. Vermittler m&uuml;ssen sich insoweit darauf beschr&auml;nken, f&uuml;r faire und freie Wahlen einzutreten.<\/li>\n<li>Nachdem inzwischen selbst im amerikanischen Senat dar&uuml;ber geredet wurde, ob man Assad weiterhin ausgrenzen d&uuml;rfe, sollte auch bei uns die Frage gestellt werden, ob es nicht an der Zeit sei, nicht mehr von dem &bdquo;syrischen Regime&ldquo; zu sprechen, sondern von der syrischen Regierung; nicht mehr von dem &bdquo;Machthaber in Damaskus&ldquo;, sondern von Pr&auml;sident Assad.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Keiner der beiden Redner hat auch nur den Versuch unternommen, auf diese Argumente zu antworten.<\/p><\/li>\n<li><strong>Bewaffnung der Opposition<\/strong>\n<p>Der folgenreichste politische Fehler, der die syrische Katastrophe ausl&ouml;ste, war im Fr&uuml;hherbst 2011 die Entscheidung westlicher L&auml;nder, die in Massen auf den Stra&szlig;en demonstrierende Opposition in Syrien mit Waffen auszur&uuml;sten.<\/p>\n<p>Im Juni 2011 hat die junge Frau, die in den ersten Wochen der Demonstrationen von den westlichen Fernsehteams zu  d e m  Gesicht der Opposition erkoren worden war, Fadwa Sulaimaan, auf einer von der Deutsch-Arabischen Gesellschaft organisierten Tagung gesagt, &bdquo;um Gottes Willen keine Waffen&ldquo;! Denn: Wer Geld und Waffen gebe, wisse nie, in wessen H&auml;nden das Geld und die Waffen landen. Aus solchen Gr&uuml;nden hatte sich Bundesminister Westerwelle damals gegen deutsche Waffenlieferungen ausgesprochen. Um sich aber im Westen nicht g&auml;nzlich zu isolieren, stimmte er ein in den gro&szlig;en Chor der Regime Changer. Das hat sich bis heute nicht ge&auml;ndert. Und immer noch bleibt zu fragen, in wessen H&auml;nde wohl die <strong>Macht<\/strong> fallen werde nach einer Entmachtung Assads.<\/p>\n<p>Die Absichten derjenigen, die auf einen Krieg zusteuerten, h&auml;tten heterogener nicht sein k&ouml;nnen. Diese widerstreitenden Absichten anderer M&auml;chte sollen im Folgenden wenigstens andeutungsweise dargelegt werden.<\/p><\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<li><strong>Au&szlig;enpolitische Kraftlinien<\/strong>\n<ol>\n<li><strong>Beteiligte<\/strong>\n<p>Schon regionalpolitisch sehen wir in Syrien ein Gewirr ausl&auml;ndischer Interventionsinteressen.<\/p>\n<p>Die <strong>T&uuml;rkei<\/strong> m&ouml;chte den n&ouml;rdlichen Landstreifen Syriens unter die eigene milit&auml;rische Kontrolle bringen, denn dort leben Kurden. Die Kurden Ostanatoliens, in der T&uuml;rkei benachteiligt und unterdr&uuml;ckt, sollen sich nicht in den Norden Syriens zur&uuml;ckziehen k&ouml;nnen oder von dort Unterst&uuml;tzung erhalten.<\/p>\n<p><strong>Israel<\/strong> sagt zwar ganz selten, was es wirklich will. Aber es gibt Gr&uuml;nde f&uuml;r die Vermutung, eines seiner Ziele sei ein Zerfall des Nachbarlandes, weil dann keiner der kleinen Nachfolgestaaten die Golanh&ouml;hen wieder f&uuml;r sich beanspruchen k&ouml;nnte. Im Laufe der Kriegsjahre ist dieses Ziel sp&auml;ter von dem Problem der Beziehungen zum Iran &uuml;berlagert worden.<\/p>\n<p>&Auml;hnliche Motivverschiebungen kennzeichnen auch die Haltung <strong>Saudi-Arabiens<\/strong>. Syrien war zun&auml;chst nur ein unwichtiger Nachbar, der aber als Republik im Verdacht stand, gegen die autokratischen Monarchien zu agieren. Die Saudis mochten die Assads nicht &ndash; die waren ihnen zu s&auml;kular. Sie mochten aber auch die Demonstranten des sogenannten arabischen Fr&uuml;hlings nicht, denn die waren ihnen zu demokratisch. Dann aber entdeckten reiche Saudis, dass man dort relativ einfach Al-Qaida unterst&uuml;tzen konnte. Sp&auml;ter wurde schlie&szlig;lich eine angebliche Bedrohung durch Iran in den Vordergrund gestellt.<\/p>\n<p><strong>Iran<\/strong>s Rolle ist ebenfalls nicht eindeutig zu benennen. Die Demonstranten auf den Stra&szlig;en in Syrien waren der F&uuml;hrung in Teheran genauso suspekt wie den Saudis. Es gibt dort drei Machtzentren, in dieser Reihenfolge: den &bdquo;Obersten F&uuml;hrer&ldquo; und seinen W&auml;chterrat, die Revolutionsgarden mit ihrer zum Teil au&szlig;erbudget&auml;ren Finanzierung durch eigene Wirtschaftsbetriebe, und die Regierung unter einem vom Volk gew&auml;hlten Pr&auml;sidenten. Die Transparenz des ganzen Systems ist gering &ndash; umso erfolgreicher k&ouml;nnen Akteure anderer L&auml;nder die Deutungshoheit &uuml;ber die iranische Au&szlig;enpolitik in ihrem Sinne beeinflussen. Als gesichert kann man festhalten, dass Iran in Syrien a) Pr&auml;sident Assad milit&auml;risch unterst&uuml;tzt b) sunnitische Milizen bek&auml;mpft und c) Waffen an die Hisbollah liefert.<\/p>\n<p>&Uuml;ber dem regionalen Umfeld gibt es die Ebene der Gro&szlig;m&auml;chte mit entgegengesetzten politischen Zielen. Das wichtigste Ziel der <strong>USA<\/strong> war von Anfang an, Russland im Nahen Osten nicht mehr als Gro&szlig;macht betrachten zu m&uuml;ssen. Russland, so hie&szlig; es, erwirtschafte doch nicht einmal so viel Sozialprodukt wie Kalifornien &ndash; was haben die also in Syrien zu suchen?<\/p>\n<p>Das war in <strong>Russland<\/strong> im Ergebnis ein Motivationsschub f&uuml;r Putin, der sich nat&uuml;rlich angestachelt f&uuml;hlte, genau diese Frage in seinem Sinne zu beantworten. Sein eigenes politisches Interesse hatte noch eine andere Dimension: Es ging ihm &ndash; wie &uuml;brigens ebenso den Chinesen &ndash; auch darum, das Thema &bdquo;Regime Change&ldquo; aus der Welt zu schaffen. In Zeiten des wiederauflebenden Ost-West-Konflikts ist das zu einer Frage der pers&ouml;nlichen Machterhaltung der F&uuml;hrer in Moskau und Peking geworden.<\/p>\n<p>Auch das Engagement der Amerikaner war im Laufe der Zeit starken Schwankungen unterworfen. Mit der Wahl von Donald Trump haben sie sich weitgehend zur&uuml;ckgezogen. &bdquo;America First&ldquo; wurde auch dadurch unterst&uuml;tzt, dass die USA inzwischen zum Energieexporteur geworden waren. Erst als sie merkten, dass sie Russlands Rolle so sichtbar wie nie zuvor hatten werden lassen, versuchen sie inzwischen, doch wieder Einfluss zu gewinnen, nicht zuletzt, weil Israel und Saudi-Arabien das gern so h&auml;tten.<\/p>\n<p>Diese Wellenbewegungen in den Absichten der im Krieg in Syrien beteiligten M&auml;chte haben es au&szlig;erordentlich erschwert, &uuml;berzeugende Lagebeurteilungen zu erstellen. Von allen Seiten wurde versucht, mit verbalen Nebelkerzen das Ausma&szlig; der eigenen Beteiligung herunterzuspielen. Der damalige US-Au&szlig;enminister Kerry beklagte einmal, die USA h&auml;tten erst sp&auml;t auf den Krieg in Syrien reagiert. Das Land implodiere; die Institutionen des Staates w&uuml;rden zerst&ouml;rt und Syrien k&ouml;nne auseinanderfallen.<\/p>\n<p>Aber die Frage dr&auml;ngte sich auf, ob er mit diesen Worten nicht gerade die Kriegsziele der l&auml;ngst beteiligten USA beschrieben hatte. Der Eindruck sollte erweckt werden, Syrien sei wie ein Schwarzes Loch im Orient, &uuml;ber dessen Ereignishorizont die anderen Staaten hineingesogen w&uuml;rden, ohne ihr Zutun und deshalb ohne ihre Schuld.<\/p><\/li>\n<li><strong>Iran\/Israel &ndash; Die Atombombe<\/strong>\n<p>Unter all den bisher genannten L&auml;ndern ist die Absicht, Regime Change abzuwehren, wahrscheinlich in Iran am st&auml;rksten ausgepr&auml;gt. Das hat historische Gr&uuml;nde: Seit der gemeinsamen englisch-russischen Invasion 1943 und seit dem Sturz des Premierministers Mossadegh durch die Nachrichtendienste der USA und Gro&szlig;britanniens im Jahre 1953 war man in Iran an Einmischungen aus dem Ausland gew&ouml;hnt.<\/p>\n<p>Die fand nicht ganz ohne deutsche Beteiligung statt: 1979, auf einer Konferenz in Guadeloupe, beschlossen Frankreich, USA, England und Deutschland, nicht mehr den Schah, sondern Chomeini zu unterst&uuml;tzen. Damit wurde dessen R&uuml;ckkehr aus Paris nach Teheran erm&ouml;glicht und die schiitisch\/islamische Revolution eingeleitet. Das ist nicht ohne Pikanterie. Der gleiche Kanzler Helmut Schmidt, zu dem eingangs vermutet wurde, dass er einer Regime-Change-Politik zum Opfer gefallen ist, hat wenige Jahre zuvor mitgeholfen, eine solche Handlungsweise hoff&auml;hig zu machen.<\/p>\n<p>Dass Israel w&uuml;nscht, in Teheran m&uuml;sse ein anderes System etabliert werden, ist Beobachtern seit langem bekannt. John Bolton, Sicherheitsberater im Wei&szlig;en Haus, setzt sich, mal mehr, mal weniger deutlich, &ouml;ffentlich f&uuml;r einen Regime Change in Iran ein.<\/p>\n<p>Also: Im gesellschaftlichen Bewusstsein der Iraner ist die historische Erfahrung pr&auml;sent, dass die Machtverteilung im Inneren, die Essenz der Souver&auml;nit&auml;t, immer wieder von au&szlig;en determiniert worden ist. Man muss infolge dessen stets darum k&auml;mpfen, souver&auml;n zu bleiben. Dieses &bdquo;souver&auml;n Bleiben&ldquo; gelingt den Staaten am leichtesten, die die Bombe haben, die Atombombe.<\/p>\n<p>In <strong>Libyen<\/strong> w&auml;re Gaddafi wohl noch am Leben, wenn er die Bombe gehabt h&auml;tte. <strong>Indien<\/strong> und <strong>Pakistan<\/strong> haben die Bombe und sie wirkt &ndash; von kleineren Scharm&uuml;tzeln abgesehen &ndash; &auml;hnlich kriegsverhindernd wie bei uns im Kalten Krieg. <strong>Nordkorea<\/strong> will die Bombe haben und redet seither mit den USA auf Augenh&ouml;he. <strong>Israel<\/strong> hat die Bombe. Ein nicht ganz unwichtiger SPD-Politiker hat vor Mitgliedern seiner Partei, aber auch anderen G&auml;sten, gesagt: Wir als Deutsche haben ihnen doch die U-Boote mit Brennstoffzellenantrieb geliefert, damit sie die unangreifbare nukleare Zweitschlagskapazit&auml;t haben.<\/p>\n<p>Wenn wir jetzt fragen, warum wollen oder wollten sich Iran und Nordkorea nuklear bewaffnen, dann liegt die Antwort auf der Hand. Sie wollten die Forderung nach Regime Change im Keim ersticken. &Uuml;brigens: Der Nuklearwaffensperrvertrag enth&auml;lt kein dauerhaftes Verbot, sich atomar zu bewaffnen. Auch nicht f&uuml;r die L&auml;nder, die sich den Kontrollen der IAEO unterworfen haben. Die Beteiligung an diesem System ist nach dem Inhalt des Vertrages ausdr&uuml;cklich k&uuml;ndbar. Man muss nur schriftlich begr&uuml;nden, dass man sich bedroht f&uuml;hlt. Wer, wenn nicht Nordkorea und Iran, kann sich heute glaubw&uuml;rdig als bedroht bezeichnen?<\/p>\n<p>Hier soll ganz gewiss nicht der Proliferation das Wort geredet werden. Aber Drohungen helfen nicht weiter. Man stelle sich vor, Israel, Saudi-Arabien und die USA w&uuml;rden Iran anbieten, einen substantiierten Nicht-Angriffs-Pakt zu vereinbaren. Dann k&ouml;nnte Iran den NV-Vertrag nicht wirksam k&uuml;ndigen &ndash; das Land w&auml;re ja nicht mehr bedroht!<\/p>\n<p>Es ist vor allem auch aus politischen Gr&uuml;nden falsch, die Nichtverbreitung mit Drohungen sichern zu wollen. Diese Drohungen geb&auml;ren den Wunsch nach Unangreifbarkeit und verst&auml;rken den Wunsch, sich nuklear zu bewaffnen.<\/p>\n<p>Nur am Rande: Dieser NV-Vertrag, den Franz Josef Strau&szlig; als ein Versailles kosmischen Ausma&szlig;es bezeichnet hat, ist &ndash; um zeitgem&auml;&szlig; im Jargon zu bleiben &ndash; ein ganz besonders schlechter Deal. Die darin enthaltenen Abr&uuml;stungsverpflichtungen der Nuklearm&auml;chte werden von diesen systematisch und folgenlos unterlaufen. Diese Haltung zu &auml;ndern und auch Israel einzubeziehen, w&auml;re f&uuml;r Iran sicher eine wirksame, vertrauensbildende Politik. Aber die Fantasie reicht nicht aus, einen solchen Gedanken f&uuml;r realistisch zu halten.<\/p>\n<p>Was die israelische Seite in diesem Spannungsfeld und auf dem Kriegsschauplatz Syrien angeht, so geh&ouml;rt der Verfasser nicht zu denen, die einen milit&auml;rischen Angriff Israels auf iranisches Gebiet f&uuml;r wahrscheinlich halten. Springen wir noch einmal einige Jahre zur&uuml;ck. Im Januar 2013 wurde in Israel gew&auml;hlt. Premierminister Netanjahu reiste zuvor noch nach Washington. Fast t&auml;glich hatte er im Wahlkampf einen Milit&auml;rschlag gegen das iranische Nuklearprogramm gefordert. Nach dem Besuch bei Obama geriet das Thema aus den Schlagzeilen. Was konnte da passiert sein? Hatte er sich von dem amerikanischen Pr&auml;sidenten eines Besseren belehren lassen? Dass die weltpolitischen Risiken zu hoch seien? Das Ergebnis zu ungewiss? Das Unternehmen zu gef&auml;hrlich und zu teuer? Ohne direkte Unterst&uuml;tzung der USA nicht machbar?<\/p>\n<p>Die Vermutung liegt nahe, dass Netanjahu f&uuml;r solche Einsichten einen Preis verlangt und erhalten hat. Man konnte sich ja erst einmal Syrien vornehmen. Mit von den USA eingef&auml;delter Unterst&uuml;tzung aus Saudi-Arabien. Solche Argumente sind bis heute fast unver&auml;ndert aktuell. Die weltpolitischen Kosten eines Angriffs sind zu hoch. Ebenso die milit&auml;rischen Risiken. Zudem besteht in Washington die Hoffnung, dass schon die wirtschaftlichen Sanktionen Iran ruinieren. Und als Sofort-Hilfe f&uuml;r die Wahlen in Israel werden die Golanh&ouml;hen den Besatzern zugeschlagen.<\/p><\/li>\n<li><strong>Saudi-Arabien\/Iran<\/strong>\n<p>Man h&ouml;rt und liest immer wieder, Saudi-Arabien und Iran k&auml;mpften um die Vorherrschaft in der Region. Bei genauerem Hinsehen ist das nicht &uuml;berzeugend. <\/p>\n<p>Fr&uuml;her hat sich Saudi-Arabien politischen Einfluss in den Nachbarl&auml;ndern erkauft. Scheckbuchdiplomatie nannte man das. Das war zuletzt noch sehr sichtbar im Libanon. Dort w&auml;re der Premierminister ohne saudisches Geld nicht im Amt. Die libanesische Armee w&uuml;rde ohne Finanzierung aus Riad noch viel weiter als bisher gegen&uuml;ber den K&auml;mpfern der Hisbollah ins Hintertreffen geraten. Tats&auml;chlich hat Saudi-Arabien in den letzten Jahren im Libanon erheblich an Einfluss verloren. Selbst die Saudis schmerzt es inzwischen, wenn sie erkennen m&uuml;ssen, dass sie &uuml;ber viele Jahre viel Geld umsonst ausgegeben haben.<\/p>\n<p>Daran ist angeblich Iran schuld &ndash; aber in diesem Artikel ist bereits versucht worden, ganz andere iranische Beweggr&uuml;nde zu benennen. Iran unterst&uuml;tzt die Hisbollah nicht, um eine Dominanz gegen&uuml;ber den Saudis zu gewinnen (was immer das auch hei&szlig;en k&ouml;nnte!), sondern um auf die Bedrohungen aus Israel und den USA eine Gegendrohung in der Hand zu haben; also, um einen Verhandlungschip zu gewinnen.<\/p>\n<p>Saudi-Arabien wird nicht von Iran milit&auml;risch bedroht und Iran nicht von Saudi-Arabien. Das subjektive Gef&uuml;hl, bedroht zu sein, wird auf beiden Seiten dadurch gen&auml;hrt, dass auf der anderen Golfseite jeweils ein existenzbedrohendes Gegenmuster als Herrschaftssystem sichtbar ist: W&uuml;rden in Riad wie in Iran die Mullahs regieren, dann w&auml;re nicht mehr das K&ouml;nigshaus an der Macht, sondern die Muslimbr&uuml;der. W&uuml;rden in Teheran Verh&auml;ltnisse herrschen wie in Saudi-Arabien, dann w&uuml;rden die Ayatollahs vertrieben und ein Schah s&auml;&szlig;e dort wieder auf dem Thron. Das hei&szlig;t, der angebliche <strong>Kampf<\/strong> um die <strong>Vorherrschaft<\/strong> entpuppt sich als wechselseitige <strong>Angst<\/strong> vor einem Regime Change.<\/p><\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<li><strong>Die humanit&auml;re Intervention<\/strong>\n<ol>\n<li><strong>Historische Rechtsvorstellungen<\/strong>\n<p>Zum Schluss noch einmal weit zur&uuml;ck, noch einmal zu Helmut Schmidt. In einer Kabinettssitzung kam zur Sprache, dass im heutigen Namibia milit&auml;rische Auseinandersetzungen ausgebrochen waren, zwischen S&uuml;dafrika, der SWAPO und anderen Befreiungs- und Anti-Apartheidsmilizen. Die dort lebenden Deutschen waren akut gef&auml;hrdet. Der Kanzler fragte den Au&szlig;enminister: &bdquo;K&ouml;nnen wir unsere Leute da unten notfalls raushauen?&ldquo; So landete die Frage im V&ouml;lkerrechtsreferat des Ausw&auml;rtigen Amtes. V&ouml;lkerrechtlich musste gefragt werden: W&auml;re ein Einsatz der Bundeswehr als &bdquo;humanit&auml;re Intervention&ldquo; gerechtfertigt? Oder als Angriff v&ouml;lkerrechtswidrig?<\/p>\n<p>In der Geschichte des V&ouml;lkerrechts war der Rechtfertigungsgrund &bdquo;humanit&auml;re Intervention&ldquo; in der Tat gerade f&uuml;r F&auml;lle dieser Art entwickelt worden, ausschlie&szlig;lich zum Schutz eigener Staatsangeh&ouml;riger. Aber mit der Charta der Vereinten Nationen war es damit vorbei. Deren Art. 2 Absatz 4 enth&auml;lt ein absolutes Gewaltverbot. Ausnahmen gibt es lediglich f&uuml;r den Verteidigungsfall. Und: Nur noch der Sicherheitsrat darf &uuml;ber Ausnahmen entscheiden und ein Mandat erteilen.<\/p>\n<p>Die klassische humanit&auml;re Intervention war seither nur noch Geschichte. Und doch scheint der Begriff quicklebendig zu sein. &bdquo;Man kann doch nicht einfach zusehen&hellip;&hellip;.&ldquo; und wenn dann geschossen und get&ouml;tet wird, dann ist das wohl geradezu eine humanit&auml;re Verpflichtung!<\/p><\/li>\n<li><strong>Responsibility to Protect (R2P)<\/strong>\n<p>Tats&auml;chlich hatte sich auch in den VN seit den 90er Jahren eine Gegenbewegung entwickelt. V&ouml;lkermorde wie von Pol Pot in Kambodscha, von den Hutu gegen die Tutsi in Ruanda hatten die moralische &Uuml;berzeugung gest&auml;rkt, die Weltgemeinschaft d&uuml;rfe in derartigen F&auml;llen nicht den Grundsatz der Souver&auml;nit&auml;t &uuml;ber die Geltung der fundamentalsten Menschenrechte stellen.<\/p>\n<p>Im Jahr 2005 hat eine Sondergeneralversammlung der VN auf der Ebene der Regierungschefs eine Resolution verabschiedet, deren zentraler Begriff lautete: &ldquo;Responsibility to protect&ldquo;. Jede Regierung habe die Verpflichtung, Leib und Leben ihrer B&uuml;rger zu sch&uuml;tzen. Sei sie dazu nicht willens oder nicht in der Lage, dann gehe diese Schutzverantwortung auf die VN &uuml;ber. Der Sicherheitsrat kann dann &ndash; trotz des Verbots einer Einmischung in innere Angelegenheiten &ndash; aus menschenrechtlichen Gr&uuml;nden ein Mandat zur milit&auml;rischen Intervention erteilen. Allerdings mit der ausdr&uuml;cklichen Begrenzung, dies d&uuml;rfe nicht zum Ziel eines Regime Change erfolgen.<\/p>\n<p>2011 hat dann der Sicherheitsrat wegen des Aufstandes in Libyen und dessen Niederschlagung durch Gaddafi unter Bezugnahme auf die GV-Resolution von 2005 die Einrichtung einer Flugverbotszone beschlossen. Russland und China hatten &ndash; zwar z&ouml;gerlich &ndash; sich dem letztlich nicht widersetzt. Doch die Westm&auml;chte haben bei der ersten Anwendung dieser Regeln das Mandat weit &uuml;berdehnt und sofort Jagd auf Gaddafi gemacht. Sie haben alles bombardiert, wo sie glaubten, dort hielten sich Gaddafi oder seine S&ouml;hne auf.<\/p>\n<p>Gegen das seitdem zu erwartende Veto Russlands und Chinas wird R2P nie wieder eine Chance bekommen. Und auch aus westlicher Sicht: In wessen H&auml;nde f&auml;llt die Macht nach dem Sturz eines Diktators? Die Relevanz dieser kritischen Frage wird uns nirgends so drastisch vor Augen gef&uuml;hrt wie in Libyen &ndash; heute, fast 8 Jahre nach der Ermordung Muammar al-Gaddafis.<\/p>\n<p>R2P ist jetzt so mausetot wie die fr&uuml;here humanit&auml;re Intervention.<\/p>\n<p>Es ist &uuml;brigens nicht schade darum, denn das Konzept war g&auml;nzlich unausgereift. Die Frage blieb unbeantwortet, wie man wohl ein Volk vor seinem Diktator retten k&ouml;nne, ohne diesen Diktator mit Regime Change von der Macht zu vertreiben oder ihn umzubringen.<\/p><\/li>\n<li><strong>Schlussfolgerungen<\/strong>\n<p>Vor acht Jahren, auf der bereits erw&auml;hnten Syrienkonferenz der Deutsch-Arabischen Gesellschaft, hat sich der Verfasser zu der Frage, ob die Moral nicht doch in diesem Fall &uuml;ber dem V&ouml;lkerrecht stehen m&uuml;sse, schon sehr eindeutig ge&auml;u&szlig;ert:<\/p>\n<blockquote><p>\n&bdquo;Einen reinen B&uuml;rgerkrieg kann es in Syrien nicht geben, er w&uuml;rde sofort zu einem Stellvertreterkrieg mit massiver Beteiligung anderer Staaten, unkontrollierbar und kaum begrenzbar, langanhaltend und mit nicht auszudenkenden zivilen Opfern.<\/p>\n<p>So schrecklich die Berichte &uuml;ber die Gewalt- und Folteropfer Assads auch klingen, die Schrecken eines gro&szlig;fl&auml;chigen B&uuml;rgerkriegs w&auml;ren noch viel schlimmer.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Es ist nicht unbedingt ein Vergn&uuml;gen, recht behalten zu haben. <\/p>\n<p>Die deutsche Haltung zu Venezuela zeigt, dass sich die Bundesregierung erneut zu einer Politik des Regime Change entschlossen hat. Das ist die Abkehr von langen Jahrzehnten deutscher Bekenntnisse zum V&ouml;lkerrecht. Ausgerechnet vom venezolanischen Au&szlig;enminister mussten wir uns bei der Ausweisung des deutschen Botschafters daran erinnern lassen, dass der wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages die Anerkennung eines Oppositionspolitikers als &bdquo;Pr&auml;sident&ldquo; durch die Bundesregierung als eine v&ouml;lkerrechtswidrige Einmischung bezeichnet hat.<\/p>\n<p>Moralischer Rigorismus ist nicht als Basis eines au&szlig;enpolitischen Regelwerkes verwendbar. Jeder einzelne Mensch kann sich moralisch emp&ouml;ren und sollte sich moralisch emp&ouml;ren. Aber internationale Beziehungen sind Beziehungen zwischen Staaten, in denen Menschen mit individuell sehr unterschiedlichen Moralvorstellungen leben, die noch dazu einem zeitlichen Wandel unterworfen und von einer Region zur anderen anders ausgepr&auml;gt sind.<\/p><\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<\/ol><p>Das Fazit: Zwischen souver&auml;nen Staaten k&ouml;nnen Gespr&auml;che &uuml;ber unterschiedliche Interessen, Verhandlungen mit dem Ziel von Kompromissen nur gef&uuml;hrt und eine Friedenspolitik nur betrieben werden, wenn wir prinzipiell und &uuml;berall auf Regime Change verzichten; in Syrien ebenso wie in Venezuela. Und in Deutschland d&uuml;rfen wir uns nichts Derartiges gefallen lassen &ndash; was aber schwerf&auml;llt, wenn wir uns selbst in &auml;hnlichen Situationen ebenso v&ouml;lkerrechtswidrig verhalten.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>Dr. <strong>Gerhard Fulda<\/strong>, Botschafter a.D., ist Vizepr&auml;sident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft und Mitglied im Beirat der Deutsch-Pal&auml;stinensischen Gesellschaft. Der vorliegende Text ist als Vortrag auf Einladung mehrerer zivilgesellschaftlicher Gruppen am 23. Mai 2019 in Bremen zur Diskussion gestellt worden.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Regime Change&ldquo;: Wir haben diese beiden englischen W&ouml;rter im Verbund gr&uuml;ndlich in unseren Sprachgebrauch &uuml;bernommen, weil wir sie gar nicht so pr&auml;gnant ins Deutsche &uuml;bersetzen k&ouml;nnen. Es geht nicht, einfach zu sagen: &bdquo;Regierungswechsel&ldquo;. Denn das w&auml;re ja eine im Prinzip durchaus erw&uuml;nschte demokratische Selbstverst&auml;ndlichkeit.<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,126,171],"tags":[1516,1060,1519,2102,2668,2175,951,1557,1583,1052,305,1878,1926,915,1367,1418,259,1054,399,252,1553,950,639,1556,1703,1333,2377],"class_list":["post-52325","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-erosion-der-demokratie","category-militaereinsaetzekriege","tag-al-assad-baschar","tag-al-gaddafi-muammar","tag-atomwaffen","tag-geostrategie","tag-grenada","tag-interventionspolitik","tag-iran","tag-israel","tag-libanon","tag-libyen","tag-menschenrechte","tag-naher-osten","tag-netanjahu-benjamin","tag-putin-wladimir","tag-ruestungsausgaben","tag-regime-change","tag-russland","tag-saudi-arabien","tag-schmidt-helmut","tag-steinmeier-frank-walter","tag-syrien","tag-tuerkei","tag-uno","tag-usa","tag-voelkerrecht","tag-venezuela","tag-waffenlieferungen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/52325","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=52325"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/52325\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":52328,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/52325\/revisions\/52328"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=52325"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=52325"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=52325"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}