{"id":52342,"date":"2019-06-06T09:45:24","date_gmt":"2019-06-06T07:45:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52342"},"modified":"2019-06-06T12:07:45","modified_gmt":"2019-06-06T10:07:45","slug":"mordfall-luebcke-von-doenermorden-bis-zur-kirmesspur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52342","title":{"rendered":"Mordfall L\u00fcbcke &#8211; Von \u201eD\u00f6nermorden\u201c bis zur \u201eKirmesspur\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Ein deutscher Politiker wird mit einem Kopfschuss aus n&auml;chster Entfernung &bdquo;hingerichtet&ldquo; und im Bl&auml;tterwald bleibt es erstaunlich ruhig. Das ist umso bemerkenswerter, da es erkennbare Mordmotive aus der rechtsextremen Szene gibt und sich Parallelen zu den NSU-Morden aufdr&auml;ngen.  NSU-Experte Wolf Wetzel hat sich f&uuml;r die NachDenkSeiten den Fall L&uuml;bcke und die Besch&auml;ftigung der Medien damit einmal n&auml;her angeschaut.<br>\n<!--more--><br>\nWalter L&uuml;bcke, hessischer CDU-Politiker und Kassels Regierungspr&auml;sident, ist in der Nacht zum 2. Juni 2019 von Unbekannten aus n&auml;chster N&auml;he erschossen worden. Laut Staatsanwaltschaft wurde der durch einen Kopfschuss verwundete Politiker gegen 0:35 auf der Terrasse seines Hauses in Wolfhagen-Istha von Familienangeh&ouml;rigen gefunden.<\/p><p>Sehr schnell wurde ein plausibler Zusammenhang zu den Ereignissen 2015 hergestellt. Damals geh&ouml;rte Walter L&uuml;bcke laut vernehmbar zu jenen, die die Aufnahme von Fl&uuml;chtlingen nicht als &bdquo;&Uuml;berforderung&ldquo;, &bdquo;&Uuml;berfremdung&ldquo; oder &bdquo;Umvolkung&ldquo;, sondern als Menschenrecht verstanden haben. Walter L&uuml;bcke ging dabei deutlich &uuml;ber die Parteilinie hinaus. Als er wegen genau dieser Haltung in einer Veranstaltung angegriffen wurde, sagte er:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wer diese Werte nicht vertritt, kann dieses Land jederzeit verlassen, wenn er nicht einverstanden ist. Das ist die Freiheit eines jeden Deutschen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Das war sympathisch, fast schon offensiv. Der Hass, der ihm daraufhin entgegenschlug, war massiv und einsch&uuml;chternd. Er erhielt unter anderem Morddrohungen. Daraufhin bekam er Polizeischutz. Dass dieses Ereignis nicht lange her und schon gar nicht vergessen ist, machen die Reaktionen auf den Tod des unbeliebten CDU-Mannes deutlich: In neonazistischen und deutsch-nationalen Kreisen begr&uuml;&szlig;te man seinen Tod.<\/p><p>Die Staatsanwaltschaft hielt sich offiziell an die offizielle Sprachregelung, man ermittle &bdquo;in alle Richtungen&ldquo; &ndash; wobei von Anfang an ein Selbstmord ausgeschlossen wurde. Das kann man in der Tat so machen, denn man fand die Mordwaffe nicht am Tatort. Selbstverst&auml;ndlich und mehr als naheliegend bringt man den Mord und die Morddrohungen in Verbindung und zieht zurecht Verbindungen zum neonazistischen Terror des NSU (Nationalsozialistischer Untergrund), denn nicht nur Motiv, sondern auch die Tatumst&auml;nde lassen einen politischen Kontext plausibel erscheinen. Und wer das neonazistische Motto: &bdquo;<em>Taten statt Worte<\/em>&ldquo; genauso aktuell h&auml;lt wie das Selbstverst&auml;ndnis des NSU: &bdquo;<em>Ein Netzwerk von Kameraden<\/em>&ldquo;, der ist sich sicher, dass die Strategie des Terrors alles andere als pass&eacute; ist.<\/p><p>Ob sich das auch beweisen l&auml;sst, setzt eine intensive Suche nach Spuren, Indizien und Hinweisen voraus &ndash; genau in diese Richtung. Und noch etwas w&uuml;rde man in einem solchen Mordfall annehmen: Der Versuch, einen wenig bis kaum wahrscheinlichen Tathergang ins Spiel zu bringen, w&uuml;rde sich verbieten &ndash; mit Blick auf die jahrelang aufgestellte Behauptung, es handele sich um &bdquo;D&ouml;nermorde&ldquo;, also Morde im kriminellen Milieu &ndash; was alle Hinweise auf einen neonazistischen Hintergrund in den Wind schlagen sollte.<\/p><p><strong>&bdquo;D&ouml;nermorde&ldquo; und die Kirmesspur<\/strong><\/p><p>Dass der Mord aus neonazistischen Motiven geschehen ist, ist die deutlichste Spur. Was aber geradezu ins Auge springt, sind die T&auml;uschungsman&ouml;ver, die nur zwei Tage nach dem Mord &ndash; auf allen Ebenen &ndash; einsetzen. In einem Artikel der FAZ vom 5. Juni 2019 findet man genau diese Ablenkungsman&ouml;ver zur Hochform auflaufen. Zuerst zitiert man mahnend die Staatsanwaltschaft:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Am Montagabend appellierte die Beh&ouml;rde an die Medien, nicht zu spekulieren, denn Details zu den Umst&auml;nden der Tat und Spekulationen &uuml;ber das Motiv des T&auml;ters k&ouml;nnten gerade in einem solch fr&uuml;hen Stadium den Erfolg der Ermittlungen gef&auml;hrden.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Nur ein paar S&auml;tze weiter wirft die FAZ die ausgelobte Zur&uuml;ckhaltung &uuml;ber den Haufen und legt Spuren &ndash; in eine ganz andere Richtung. Obwohl die Staatsanwaltschaft angeblich eine &bdquo;Nachrichtensperre&ldquo; verordnet hat, dringen genau die Informationen an die &Ouml;ffentlichkeit, die ganz offensichtlich f&uuml;r (politische) Entlastung sorgen sollen: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Allerdings ger&auml;t das politische Motiv aus Sicht der Ermittlungsbeh&ouml;rden derzeit immer weiter in den Hintergrund. Schon am Montag hatte LKA-Pr&auml;sidentin Sabine Thurau gesagt, es gebe keinen Hinweis darauf, dass das Gewaltverbrechen an Walter L&uuml;bcke im Zusammenhang stehe mit den Geschehnissen vor vier Jahren.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Diese geballte Ladung hat es in sich: Obwohl die Staatsanwaltschaft eine &bdquo;Nachrichtensperre&ldquo; verh&auml;ngt, die Ermittlungen nicht durch Spekulationen gef&auml;hrdet werden sollen, plaudern die damit befassten &bdquo;Ermittlungsbeh&ouml;rden&ldquo; ins Blaue hinein. <\/p><p>Man muss wissen, dass diese nicht das Sagen haben, sondern die Staatsanwaltschaft. Ermittlungstechnisch ger&auml;t nach zwei Tagen nichts, aber auch gar nichts &bdquo;in den Hintergrund&ldquo;, au&szlig;er man will dies aus politischen Gr&uuml;nden! Und wenn sich in diesem Sinne die LKA-Pr&auml;sidentin Sabine Thurau einmischt und ein &bdquo;erw&uuml;nschtes&ldquo; Ergebnis lanciert, dann hat man aus dem &bdquo;kompletten Beh&ouml;rdenversagen&ldquo; im Kontext des NSU nichts gelernt, sondern wiederholt genau diese Vorgehensweise.<\/p><p>Doch es bleibt nicht dabei, Spekulationen, die einem nicht passen, zur&uuml;ckzuweisen und eigene in die Welt zu setzen, die ganz offensichtlich einem politischen Interesse folgen. W&auml;hrend man die Morddrohungen f&uuml;r &bdquo;keinen Hinweis&ldquo; h&auml;lt, hat man &ndash; trotz Nachrichtensperre &ndash; einen anderen Hinweis und legt damit eine Spur, die die mehr als selbstentz&uuml;ndliche Spur zu neonazistischen Netzwerken\/Verbindungen verwischen soll. Dabei geht die FAZ geschickt vor: Man pr&auml;sentiert den Hinweis und h&auml;lt sich selbst f&uuml;r ziemlich schlau:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Aus Polizeikreisen ist zu h&ouml;ren, dass nur jemand so agiert, &bdquo;der aus tiefstem, meist pers&ouml;nlichen Hass handelt, der sein Opfer geradezu hinrichten will, vielleicht, um damit ein Zeichen zu setzen&ldquo;. So gehen die Ermittler zwar auch Berichten nach, wonach es auf einer Kirmes in seinem Heimatort zwischen dem Politiker und einer anderen Person zu einem Streit gekommen sein soll. Diese Kirmes-Spur ist gleichzeitig aber auch die schw&auml;chste, denn nach wie vor ist unklar, wer diese Person war und worum es bei dem Streit, wenn es ihn wirklich gab, gegangen ist.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Das ist doch eine Meisterleistung seri&ouml;sen Journalismus. Erst ruft man mit dazu auf, nicht zu spekulieren, dann raunt man etwas von einem Kirmesstreit, um dann wieder abzuwinken. Vielleicht hat sich die FAZ ganz kurz &uuml;berlegt, wie naheliegend es ist, nach einem &bdquo;Kirmesstreit&ldquo; in eine gut bewachte Villa eines Spitzenpolitikers einzudringen, die auch noch regelm&auml;&szlig;ig von Polizei &bdquo;bestreift&ldquo; wird, um einen Mann auf der Terrasse mit einem Kopfschuss hinzurichten, ohne sich darum zu scheren, wer sich im Haus aufh&auml;lt und wie man der Video&uuml;berwachung entgeht!<\/p><p>Warum fragt die FAZ nicht zuallererst nach, was mit der Video&uuml;berwachung ist, die bei der Gef&auml;hrdungslage eines Spitzenpolitikers zum Standardprogramm geh&ouml;rt? Wei&szlig; man schon, dass diese ausnahmsweise ausgefallen und\/oder das Band verschwunden ist?<\/p><p>Der Umstand, dass die FAZ im Konzert mit &bdquo;prominenten Stimmen&ldquo;, wie der der LKA-Pr&auml;sidentin, solch haarstr&auml;ubende Hinweise platziert, ist ganz sicher nicht wilden Phantasien geschuldet. Man darf die FAZ und andere Medien durchaus ernst nehmen &ndash; gerade in diesem heiklen Fall: Man stelle sich vor, man stie&szlig;e bei den Ermittlungen auf NSU-affine Strukturen, also genau auf das Netzwerk, das es nach offizieller Lesart nicht gibt.<\/p><p>Was w&auml;re, wenn man in <em>alle<\/em> Richtungen ermitteln w&uuml;rde, ohne Ansehen der Person, und man w&uuml;rde dabei auf NSU 2.0 sto&szlig;en, also auf neonazistische\/paramilit&auml;rische Strukturen, in denen sich Polizisten, Neonazis, Politiker und Elitesoldaten (Ex-KSK-Mitglieder) zusammenfinden, um sich auf den &bdquo;Ernstfall&ldquo; vorzubereiten &ndash; zu dem auch die T&ouml;tung von unbequemen Politkern geh&ouml;rt.<\/p><p>Dann l&auml;ge der Teppich des Schweigens, der &uuml;ber den Fall &bdquo;NSU 2.0&ldquo; gelegt wurde, wieder frei und man w&uuml;rde sich auch fragen, warum man davon nichts mehr h&ouml;rt.<\/p><p>Quellen:<\/p><ul>\n<li><em>Ermittler pr&uuml;fen auch pers&ouml;nliches Motiv<\/em>, FAZ vom 5. Juni 2019<\/li>\n<li>NSU 2.0 | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47993\">Wenn der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) als Polizeizelle wiederauftaucht<\/a>, publiziert auf den NDS am 22.12.2018: https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47993<\/li>\n<\/ul><p>Titelbild: U.J. Alexander\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein deutscher Politiker wird mit einem Kopfschuss aus n&auml;chster Entfernung &bdquo;hingerichtet&ldquo; und im Bl&auml;tterwald bleibt es erstaunlich ruhig. Das ist umso bemerkenswerter, da es erkennbare Mordmotive aus der rechtsextremen Szene gibt und sich Parallelen zu den NSU-Morden aufdr&auml;ngen. 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