{"id":52390,"date":"2019-06-08T11:45:00","date_gmt":"2019-06-08T09:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52390"},"modified":"2019-06-08T12:11:56","modified_gmt":"2019-06-08T10:11:56","slug":"besprechung-des-buches-von-ilan-pappe-die-ethnische-saeuberung-palaestinas-aus-anlass-der-neuerscheinung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52390","title":{"rendered":"Besprechung des Buches von Ilan Papp\u00e9: Die ethnische S\u00e4uberung Pal\u00e4stinas. Aus Anlass der Neuerscheinung."},"content":{"rendered":"<p><strong>Heiko Flottau<\/strong> hat f&uuml;r die NachDenkSeiten dieses Buch besprochen. Ich kenne keine Ver&ouml;ffentlichung, deren Lekt&uuml;re einem so grundlegend alle Illusionen &uuml;ber eine friedliche L&ouml;sung des Konflikts zwischen Israel und Pal&auml;stina raubt. Es ist informativ und desillusionierend. Damit bewahrt einen die Lekt&uuml;re vor Fehleinsch&auml;tzungen. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Fr&uuml;h im 20.Jahrhundert gab das Land, Pal&auml;stina genannt, keinerlei Anzeichen, dass es einst das Cockpit der Welt werden w&uuml;rde.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>So beginnt ein wegweisendes Buch des Autors Jonathan Schneer, in dem er sich detailliert mit der Balfour-Erkl&auml;rung befasst, jener Ank&uuml;ndigung des britischen Au&szlig;enministers Arthur Balfour von 1917, in der Gro&szlig;britannien den Juden eine &bdquo;Heimstatt&ldquo; in Pal&auml;stina versprach. [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><p>31 Jahre sp&auml;ter, am 10. M&auml;rz 1948, sa&szlig;en &bdquo;elf M&auml;nner zusammen &ndash; altgediente zionistische F&uuml;hrer und junge j&uuml;dische Offiziere &ndash; und legten letzte Hand an einen Plan f&uuml;r die ethnische S&auml;uberung Pal&auml;stinas. Noch am selben Abend ergingen milit&auml;rische Befehle an die Einheiten vor Ort, die systematische Vertreibung der Pal&auml;stinenser aus weiten Teilen des Landes vorzubereiten.&ldquo;<\/p><p>Diesen Satz schreibt der israelische Autor Ilan Papp&eacute; in seinem 2006 erschienenen Buch &bdquo;The Ethnic Cleansing of Palestine&ldquo;, das jetzt zum zweiten Mal in deutscher Sprache erschienen ist. [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Die Gr&uuml;ndung des Staates Israel stand bevor und schon im Vorfeld dieses einschneidenden Ereignisses fassten die zionistischen F&uuml;hrer den Entschluss, m&ouml;glichst viele Pal&auml;stinenser zu vertreiben.<\/p><p>Neunzehn Jahre nach jenem fatalen Beschluss vom 10. M&auml;rz 1948, im Juni 1967, fand diese f&uuml;r die Region fatale Entwicklung ihre Fortsetzung, deren Folgen noch heute virulent sind. Ilan Papp&eacute; schreibt, die &bdquo;endg&uuml;ltige Entscheidung, die vor Ende des Monats gef&auml;llt wurde, war unter allen Umst&auml;nden die Westbank und den Gazastreifen von allen Friedensgespr&auml;chen auszuschlie&szlig;en&ldquo;. Gerade hatte Israel nach einem Pr&auml;ventivschlag gegen die &auml;gyptische Luftwaffe im Sechs-Tage-Krieg gegen &Auml;gypten, Syrien und Jordanien das Westjordanland und den arabischen Ostteil Jerusalems erobert. Der Entschluss stand fest, wie Ilan Papp&eacute; in seinem Buch &bdquo;The Biggest Prison on Earth&ldquo; [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] schreibt, den Gazastreifen, vor allem aber das Westjordanland niemals wieder an die Pal&auml;stinenser zu &uuml;bergeben. Aus der allumfassenden Besetzung bzw. Abschn&uuml;rung (des Gazastreifens) sei das &bdquo;gr&ouml;&szlig;te Gef&auml;ngnis der Erde&ldquo; geworden.<\/p><p>Wer heute diese historisch dokumentierte und gesicherte Abfolge von Beschl&uuml;ssen israelischer Entscheidungstr&auml;ger analysiert, wird ohne gro&szlig;e Umschweife zu dem Schluss kommen, dass es von vornherein das Ziel der Zionisten war, m&ouml;glichst viel Land, also das ganze historische Pal&auml;stina zu besetzen und in einen j&uuml;dischen Staat umzuwandeln. Den letzten Beweis lieferte Israels Premier Benjamin Netanjahu, als er im zur&uuml;ckliegenden Wahlkampf ank&uuml;ndigte, das Westjordanland annektieren und so dem Staat Israel einverleiben zu wollen.<\/p><p>Ilan Papp&eacute; ist israelischer Staatsb&uuml;rger, Jude und urspr&uuml;nglich Professor an der Universit&auml;t Haifa. Weltanschaulich ist er am linken Fl&uuml;gel des politischen Spektrums anzusiedeln. Nach Ver&ouml;ffentlichung seines Buches &uuml;ber die ethnische S&auml;uberung Pal&auml;stinas wurde er in Israel so sehr angefeindet, dass er das Land verlie&szlig; und seit 2007 an der Universit&auml;t Exeter in Gro&szlig;britannien lehrt. Wer wie Ilan Papp&eacute; und verschiedene andere Historiker des Landes die M&auml;r von der friedlichen &Uuml;bernahme des Landes durch die Zionisten in Frage stellt, wird vom israelischen Establishment als &bdquo;Selbsthasser&ldquo; diffamiert.<\/p><p>Bereits im Vorwort seines f&uuml;r das israelische Selbstverst&auml;ndnis brisanten, jetzt erneut auf Deutsch erschienenen Buches &bdquo;Die ethnische S&auml;uberung Pal&auml;stinas&ldquo; teilt der Autor dem Leser mit, was dieser dann im Verlauf der kommenden Seiten im Detail erf&auml;hrt: Am 10. M&auml;rz 1948, also zwei Monate vor der Staatsgr&uuml;ndung Israels, habe, wie eingangs erw&auml;hnt, eine Gruppe von elf altgedienten zionistischen F&uuml;hrern und jungen Offizieren unter Leitung des sp&auml;teren Ministerpr&auml;sidenten David Ben Gurion einen Plan fertiggestellt, der die ethnische S&auml;uberung Pal&auml;stinas vorgesehen habe.<\/p><p>Am gleichen Abend seien die Kommandeure im Feld angewiesen worden, sich auf die Verwirklichung dieses Planes vorzubereiten. &bdquo;Den Befehlen beigef&uuml;gt&ldquo;, schreibt Papp&eacute;, &bdquo;waren detaillierte Anweisungen, welche Methoden angewendet werden sollten, um die Menschen zu vertreiben: Einsch&uuml;chterung in gro&szlig;em Stil, Belagerung und Bombardierung von D&ouml;rfern und Bev&ouml;lkerungszentren; In-Brand-Setzen von H&auml;usern, anderen Immobilien und Waren; Vertreibung, Zerst&ouml;rung und schlie&szlig;lich das Legen von Minen unter dem Schutt, um die vertriebenen Einwohner an der R&uuml;ckkehr zu hindern&ldquo;.<\/p><p>&bdquo;Nachdem die Entscheidung gefallen war&ldquo;, schreibt Papp&eacute; weiter, &bdquo;dauerte es sechs Monate, den Befehl auszuf&uuml;hren. Als es vorbei war, waren mehr als die H&auml;lfte der urspr&uuml;nglichen Bev&ouml;lkerung Pal&auml;stinas, ann&auml;hernd 800.000 Menschen, entwurzelt, 531 D&ouml;rfer zerst&ouml;rt und elf Stadtteile entv&ouml;lkert.<\/p><p>Der am 10. M&auml;rz 1948 beschlossene Plan und vor allem seine systematische Umsetzung in den folgenden Monaten war eindeutig ein Fall ethnischer S&auml;uberung, die nach heutigem V&ouml;lkerrecht als Verbrechen gegen die Menschlichkeit gilt.<br>\nUm die Spuren der Verw&uuml;stungen zu &uuml;berdecken, wurden &uuml;ber vielen der zerst&ouml;rten pal&auml;stinensischen D&ouml;rfer, das wei&szlig; man heute, Parks geschaffen. Oft werden Besucher aus dem Westen aufgefordert, in diesen Parks neue B&auml;ume zu pflanzen. Dass diese B&auml;ume &uuml;ber zerst&ouml;rten pal&auml;stinensischen D&ouml;rfern gepflanzt werden, sagt man den Besuchern nicht.<\/p><p>Etwa 800.000 Olivenb&auml;ume wurden im Konflikt zwischen Israel und Pal&auml;stina seit 1967 entwurzelt &ndash; eine Fl&auml;che von 33 Central Parks oder mehr als 15.000 Fu&szlig;ballfelder, wie man bei Wikipedia und anderen Quellen glaubhaft nachlesen kann. Das ist nicht nur wirtschaftlich verheerend, &bdquo;sondern auch ein Angriff auf das Selbstverst&auml;ndnis pal&auml;stinensischer Bauern, f&uuml;r die der Anbau und die Pflege des historisch symboltr&auml;chtigen Olivenbaumes identit&auml;tsstiftend und aufgrund der Wasserknappheit lebensnotwendig ist&ldquo; (Wikipedia).<\/p><p>Die systematische Unterdr&uuml;ckung der Pal&auml;stinenser hatte schon vor der offiziellen Gr&uuml;ndung Israels begonnen. So &uuml;berfielen am 9. April 1948 Mitglieder der zionistischen Irgun- und Sterngang unter der Leitung des sp&auml;teren israelischen Premierministers Menachem Begin das kleine, damals am Rande Jerusalems gelegene pal&auml;stinensische Dorf Deir Jassin und ermordeten dort mindestens 250 unbewaffnete Zivilisten. Die Botschaft: Seht her, ihr Pal&auml;stinenser, was euch passiert, wenn ihr euch einer Gr&uuml;ndung eines j&uuml;dischen Staates widersetzt.<\/p><p>Kurz darauf, am 17. September 1948, ermordeten israelische Terroristen den UN- Sondergesandten, den Schweden Graf Folke Bernadotte. Bernadotte war nach Israel geschickt worden, um zwischen Israelis und Pal&auml;stinensern zu vermitteln. [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] Aber internationale Vermittlung wollte schon damals kaum jemand im offiziellen Israel. Diese Haltung hat sich bis jetzt nicht ge&auml;ndert. Denn auch heute will Israel, besonders aber sein Ministerpr&auml;sident, keine Vermittlung.<\/p><p>In seinem Buch &uuml;ber das &bdquo;gr&ouml;&szlig;te Gef&auml;ngnis der Welt&ldquo; schreibt Ilan Papp&eacute;, in den letzten Jahren habe die akademische Welt den Begriff &bdquo;Siedlerkolonialismus&ldquo; benutzt, um den Konflikt zwischen Israel und den Pal&auml;stinensern, besonders aber die israelische Landnahme im Westjordanland zu charakterisieren. &bdquo;Siedlerkolonialismus&ldquo;, schreibt der Autor, &bdquo;ist die Bewegung von Europ&auml;ern in andere Teile der Welt mit der Absicht, dort ein neues, permanentes Leben aufzubauen.&ldquo;<\/p><p>Eine solche Auswanderung in andere L&auml;nder habe fast immer zu Konflikten mit der eingeborenen Bev&ouml;lkerung gef&uuml;hrt, oft auch zum Genozid an der indigenen Bev&ouml;lkerung, manchmal aber auch, wie im Falle Algeriens und S&uuml;dafrikas, zum Untergang des Siedlerkolonialismus. &bdquo;Pal&auml;stina ist ein au&szlig;erordentlicher Fall&ldquo;, schreibt Papp&eacute;, &bdquo;wir wissen noch nicht, wie die Sache enden wird.&ldquo; Werde die ethnische S&auml;uberung fortgesetzt oder werde sich die Logik von Menschenrechten durchsetzen, fragt Ilan Papp&eacute;. &bdquo;Was wir sagen k&ouml;nnen, ist, dass [&hellip;] Siedlerkolonialismus eine Struktur ist und kein einzelnes Ereignis.&ldquo;<\/p><p>In der Tat, die Struktur der israelischen Besatzung des Westjordanlandes hat sich tief in das Dasein der Pal&auml;stinenser eingegraben. Ihr t&auml;gliches Leben wird durch diese Gewaltstruktur bestimmt. Denn Besatzung bedeutet auch Gewalt &ndash; Gewalt &uuml;ber das allt&auml;gliche Leben der Menschen.<\/p><p>Nach mehr als einem halben Jahrhundert dieser Besatzung deutet derzeit nichts darauf hin, dass sich an diesem von der vielzitierten &bdquo;internationalen Gemeinschaft&ldquo; oft kritisierten, aber immer noch hingenommenen Zustand etwas &auml;ndert. Das einst eher verschlafene, von Bauern und einigen St&auml;dtern bewohnte Pal&auml;stina ist in der Tat zum &bdquo;Cockpit der Welt&ldquo; geworden, wie der Historiker Jonathan Schneer schreibt.<\/p><p><em>Ilan Papp&eacute;, Die ethnische S&auml;uberung Pal&auml;stinas, 416 Seiten. 20,00 &euro;<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Jonathan Schneer: The Balfour Declaration. The Origin of the Arab-Israeli Conflict. New York 2012<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Ilan Papp&eacute;: Die ethnische S&auml;uberung Pal&auml;stinas. Verlag Westend 2019<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Ilan Papp&eacute;: The Biggest Prison on Earth. A History of the Occupied Territories. London 2017<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Siehe auch <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45963\">NachDenkSeiten vom 12.September 2018<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Heiko Flottau<\/strong> hat f&uuml;r die NachDenkSeiten dieses Buch besprochen. Ich kenne keine Ver&ouml;ffentlichung, deren Lekt&uuml;re einem so grundlegend alle Illusionen &uuml;ber eine friedliche L&ouml;sung des Konflikts zwischen Israel und Pal&auml;stina raubt. Es ist informativ und desillusionierend. Damit bewahrt einen die Lekt&uuml;re vor Fehleinsch&auml;tzungen. 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