{"id":52414,"date":"2019-06-10T11:45:31","date_gmt":"2019-06-10T09:45:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52414"},"modified":"2019-06-11T08:46:41","modified_gmt":"2019-06-11T06:46:41","slug":"weil-es-nicht-so-laeuft-wie-die-usa-sich-das-vorgestellt-haben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52414","title":{"rendered":"\u201e&#8230; weil es nicht so l\u00e4uft, wie die USA sich das vorgestellt haben &#8230;\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Karin Leukefeld<\/strong>, seit vielen Jahren anerkannte Nahost-Expertin, hat auf Einladung von Attac Augsburg im Zeughaus einen Vortrag gehalten zum Thema: Jemen &ndash; Der vergessene Krieg und die aktuelle Situation am Golf (USA-Iran). Der Vortrag wird demn&auml;chst im Internet nachzuverfolgen sein. Im Interview kommen Aspekte zur Sprache, die im Vortrag keine so gro&szlig;e Rolle spielten. Wir dokumentieren das Interview im Folgenden. Das Interview f&uuml;hrte <strong>Peter Rapke<\/strong>, Mitglied der Redaktion beim <a href=\"http:\/\/www.forumaugsburg.de\">Forum solidarisches und friedliches Augsburg<\/a>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Welche Rolle spielen der Iran und der Jemen in den geostrategischen Pl&auml;nen der USA und welche Pl&auml;ne sind das?<\/strong><\/p><p>Die Region, in der Iran und Jemen liegen, ist eine Region, reich an Rohstoffen, &Ouml;l und Gas, und sie ist eine strategisch wichtige Region f&uuml;r Transportwege. Also 25% der weltweiten Erd&ouml;lvorkommen sind in dieser Region der arabischen Halbinsel und der Iran hat ja auch sehr gro&szlig;e Vorkommen. Wir haben westlich der Arabischen Halbinsel das Rote Meer und den Suezkanal, sehr wichtige Transportwege, und wir haben &ouml;stlich der Arabischen Halbinsel den Persischen Golf mit Zugang zu den Erd&ouml;lfeldern im S&uuml;den des Irak, Kuwaits, Bahreins, Katars, das sind alles sehr wichtige Ressourcen und Europa, aber auch die USA sind Abnehmer des &Ouml;ls und des Fl&uuml;ssiggases aus Katar und um diese Region weiter zu sichern, gibt es diesen milit&auml;rischen Aufmarsch in dieser Region schon seit dem 2. Weltkrieg. Es geht weiter zur&uuml;ck bis in die Kolonialzeit. Frankreich, Gro&szlig;britannien im 19. Jahrhundert. Das hat nat&uuml;rlich auch damit zu tun, dass die Situation in Syrien nicht so l&auml;uft, wie sich die USA das vorgestellt haben.<\/p><p><strong>Es sieht so aus, als w&uuml;rden die USA eine Art Entscheidungsschlacht herbeif&uuml;hren wollen, &ouml;konomisch und vielleicht auch milit&auml;risch. Nicht nur im Nahen Osten, sondern global. Warum ausgerechnet jetzt?<\/strong><\/p><p>Das hat unterschiedliche Aspekte. Es gibt einen innenpolitischen Aspekt in den USA. Die Administration ist ja in sich gespalten. Es gibt unterschiedliche Ansatzpunkte im Au&szlig;enministerium, im Pentagon und im Wei&szlig;en Haus, es gibt Konkurrenz und Widerspr&uuml;che. Und es hat einen regionalen Aspekt mit der Situation in Syrien und im Irak, weil es nicht so l&auml;uft, wie die USA sich das vorgestellt haben mit dem Sturz der Regierung in Damaskus auf der einen Seite und mit den politischen Ver&auml;nderungen im Irak zugunsten des Iran. Der Iran hat einfach sehr viel mehr Einfluss in der Region bekommen. Im Grunde seit der v&ouml;lkerrechtswidrigen US-amerikanischen Intervention 2003. Auf der anderen Seite gibt es eben den wachsenden Einfluss Russlands, also die St&auml;rkung Russlands in der Region. Last but not least hat es nat&uuml;rlich mit China zu tun. Die Region ist Teil des neuen Seidenstra&szlig;en-Projektes von China und gerade die H&auml;fen im Persischen Golf, im Roten Meer, der Suezkanal, die H&auml;fen der Levante, also von Libanon und Syrien sind Teil dieses Projekts. Wir befinden uns in einer Zeit, in der die Rohstoffe knapper werden und eine internationale Auseinandersetzung sich beschleunigt um den Zugang zu den Rohstoffen und um ihre geostrategische Kontrolle. Und in diesem Zusammenhang muss man das sehen.<\/p><p><strong>K&ouml;nnen Sie sich vorstellen, dass die USA milit&auml;risch eingreifen?<\/strong><\/p><p>Im Augenblick nicht, denn es gibt eine ganz offensichtliche Diskrepanz zwischen dem nationalen Sicherheitsberater John Bolton, ein Hardliner, der unbedingt den Krieg im Iran will, und dem Au&szlig;enminister Pompeo, ehemaliger Chef des CIA, der lieber andere Mittel anwenden m&ouml;chte, um den Iran langsam, langsam zu destabilisieren. Auch US-Pr&auml;sident Trump hat eigentlich nicht vor, diesen Krieg zu befeuern, sondern er will durch Sanktionen, wirtschaftlichen Druck den Iran in die Knie zwingen. Da sind die sich nicht einig untereinander. Und der Iran ist auch nicht mehr der Iran von vor 20 oder 30 Jahren. Der Iran ist milit&auml;risch stark, hat in Russland einen Verb&uuml;ndeten. Und es gibt sehr viele Basen in der Region, eben der USA, aber auch Gro&szlig;britanniens, Frankreichs, der NATO insgesamt, die nat&uuml;rlich Ziel des Irans w&uuml;rden, wenn die USA den Iran angreifen oder auch Israel. Das ist gemeint mit den nationalen Interessen, die die USA vorgeben, dort zu verteidigen. Auf der einen Seite sagen sie: Ihr d&uuml;rft uns nicht angreifen, auf der anderen Seite haben sie aber auch Angst davor, dass angegriffen wird.<\/p><p><strong>Ist Saudi-Arabien so eine Art Stellvertreter der USA, der ausprobieren soll, was sich tut, wenn Saudi-Arabien z. B. im Jemen Krieg f&uuml;hrt? Wie weit kann diese Allianz gehen?<\/strong><\/p><p>Die USA haben Saudi-Arabien lange Zeit benutzt, um f&uuml;r sich die &Ouml;linteressen dort zu sichern. Das ist eine langfristige Perspektive. Das fing nach dem 2. Weltkrieg an. Es gab damals, also 1945, das Treffen von K&ouml;nig Saud und Roosevelt, wo das besprochen wurde. Die Aramco, die saudisch-amerikanische &Ouml;lgesellschaft, besteht seit den 30er Jahren. Das Verh&auml;ltnis Saudi-Arabien &ndash; USA war lange Zeit gepr&auml;gt nach dem Motto: Wir besch&uuml;tzen euch und ihr sichert uns das &Ouml;l. Mit Trump hat sich das ge&auml;ndert. Der sagt jetzt: Ihr m&uuml;sst auch daf&uuml;r bezahlen, nicht nur in &Ouml;l, sondern in Cash. Trump ist Lobbyist der R&uuml;stungsindustrie in den USA. Die freuen sich &uuml;ber gigantische Auftr&auml;ge. Trump macht das alles sehr offen. Er zeigt auch gerne, was die Saudis alles gekauft haben. Es ist v&ouml;llig klar, dass wenn so viele Waffen an einem Ort sind, die auch eingesetzt werden. Die R&uuml;stungsindustrie lebt ja davon, dass Waffen eingesetzt werden. Dass nicht nur Saudi-Arabien, sondern auch die Vereinigten Arabischen Emirate zu einer Art S&ouml;ldnerheer werden f&uuml;r die USA, das hat sich eigentlich besonders mit dem Krieg in Syrien sehr verst&auml;rkt. Die Diskussion &uuml;ber eine arabische NATO, dass die Golfstaaten enger angebunden werden, sie haben ja sowieso schon Kooperationsvertr&auml;ge, soll langsam unter der F&uuml;hrung Israels umgesetzt werden. &hellip;<\/p><p><strong>Geht das?<\/strong><\/p><p>&hellip; Israel hat ja mittlerweile klargemacht, dass sie Kontakt haben zu den Golfstaaten, mit Katar auch schon lange mit Saudi-Arabien. Und im Zuge dieses sogenannten Jahrhundertdeals von Trump, Frieden zwischen Israel und den Pal&auml;stinensern zu machen, diese Vorstellung basiert auch darauf, dass sich arabische Staaten mit Israel zusammentun, um die Pal&auml;stinenser und diejenigen, die sie noch unterst&uuml;tzen, unter Druck zu setzen. Es ist auch ein Wirtschaftsplan, der umgesetzt werden soll, das Ziel der USA ist, selber mehr zur&uuml;ckzutreten aus der Region, weil die vielen Kriegseins&auml;tze innerhalb der US-Gesellschaft starke Verwerfungen mit sich bringen und dass sie deshalb andere mehr f&uuml;r sich k&auml;mpfen lassen wollen. Ob das private Einsatzkr&auml;fte sind, sogenannte Sicherheitsdienste, das kann dann immer unterschiedlich aussehen.<\/p><p><strong>Was bedeutet die vorl&auml;ufige Niederlage in Syrien und ihr schwindender Einfluss im Irak f&uuml;r die US-amerikanische Milit&auml;rstrategie?<\/strong><\/p><p>Diese Formation (Kooperation mit Israel P. R.) ist instabil, weil diese Politik nicht von allen arabischen Staaten getragen wird. Sie sind n&auml;mlich damit konfrontiert, dass wenn die USA nicht mehr als Schutzmacht zur Verf&uuml;gung stehen, sie ihre eigne Position st&auml;rken m&uuml;ssen und sich ihren Nachbarn zuwenden und zum anderen, dass sie sich an Schutzm&auml;chte wenden, die aktuell in der Region st&auml;rker und zuverl&auml;ssiger sind als die USA. Das ist Russland und wirtschaftlich ist das China. Die EU spielt eigentlich hier &uuml;berhaupt keine Rolle, die EU ist in ihrer Politik so eng an die USA gebunden, dass sie in den arabischen L&auml;ndern keine gro&szlig;e Bedeutung hat. Das sehen wir konkret am Irak, der Irak ist ja 2003 v&ouml;lkerrechtswidrig besetzt worden. Das hat dazu gef&uuml;hrt, dass der Einfluss des Iran, mit dem G. W. Bush damals kooperiert hatte, gr&ouml;&szlig;er wurde und nicht der Einfluss der USA. Der Irak ist ein religionsm&auml;&szlig;ig mehrheitlich schiitisches Land &hellip; und gerade die letzten Parlamentswahlen zeigen deutlich, dass der Irak mit dem Iran kooperieren will und gegen&uuml;ber den US-Truppen und der westlichen Pr&auml;senz sehr kritisch ist. Die USA haben sich hier v&ouml;llig verrechnet, den Irak haben sie langfristig verloren. Der Irak hat eine ganz klare Zusammenarbeit mit Syrien, Russland und dem Iran. Milit&auml;risch und geheimdienstlich, alles unter den Augen der USA, die da gar nichts machen k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Ist es vorstellbar, dass Russland milit&auml;risch eingreift, wenn der Iran angegriffen wird, z. B. von Israel?<\/strong><\/p><p>Das ist die 100000-&euro;-Frage. Also Israel greift den Iran nach eigenen Aussagen schon an in Syrien. Sie bombardieren regelm&auml;&szlig;ig in Syrien &bdquo;iranische Stellungen&ldquo;. Es gibt in Syrien keine gro&szlig;en iranischen Truppenverb&auml;nde, auch wenn Syrien mit Iran kooperiert. Ich denke, noch hat die USA soviel Einfluss auf Israel, dass sie den Iran nicht angreifen. Und Russland, das ja sehr gute Kontakte zu Israel hat, bem&uuml;ht sich, durch Dialog zu vermitteln. Es gibt jetzt im Juni ein Treffen von Sicherheitsberatern Russlands, den USA und Israel in Jerusalem. Russland spricht mit den Iranern, den Israelis, es versucht alles, um die Probleme auf der Dialogebene zu l&ouml;sen. Gleichzeitig drohen sie aber auch milit&auml;risch, indem sie z. B. diese neuen Luftabwehr-Systeme in Syrien stationiert haben und indem sie klar sagen: Iran ist unser strategischer Partner in der Region. Ich denke, wenn Israel den Iran angreift, wird die Hisbollah und der Iran zur&uuml;ckschlagen. Und Russland wird sich dazu verhalten m&uuml;ssen, wegen der eignen Truppen und St&uuml;tzpunkte in Syrien in Tartus und Hmeimim. Russland wird aber alles tun, um eine solche milit&auml;rische Auseinandersetzung zu vermeiden.<\/p><p><strong>Zum Jemen. Welche Gruppierungen spielen dort eine gr&ouml;&szlig;ere Rolle und in wessen Interesse oder Auftrag handeln die?<\/strong><\/p><p>Der Jemen ist ein Mosaik. Es gibt unglaublich viele verschiedene St&auml;mme dort. Diese St&auml;mme kooperieren zum Teil mit der VAE oder mit Saudi-Arabien. Gro&szlig;britannien spielt dort eine Rolle im S&uuml;den der Arabischen Halbinsel. Wir haben die international anerkannte Regierung unter dem Herrn Al Hadi. Er ist ein Mann Saudi-Arabiens und hat relativ wenig Gefolgschaft. Au&szlig;er eben der Unterst&uuml;tzung aus Saudi-Arabien, der VAE und Europa. Diese Unterst&uuml;tzung ist gr&ouml;&szlig;er als die innerhalb der Landes. Es gibt eine Art fortschrittliche Sammlungsbewegung auch im S&uuml;den um Aden herum. Diese Bewegung ist weder auf der Seite der Huthis noch auf der Seite Al Hadis. Sie ist allerdings sehr schwach, es gibt f&uuml;r sie keine internationale Unterst&uuml;tzung. Die Huthi-Bewegung aus dem Norden des Landes vertritt tats&auml;chlich eine gro&szlig;e Zahl Jemeniten, fast 50% der Bev&ouml;lkerung. Milit&auml;risch werden sie unterst&uuml;tzt von der Hisbollah im Libanon und in gewisser Weise vom Iran. Aber nicht in dem Ma&szlig;e wie die Al-Hadi-Regierung durch Saudi-Arabien. Die Huthis haben z. B. keine Luftwaffe. Aber sie sind sehr entschlossene K&auml;mpfer. Die Bewegung hat eine lange Geschichte, ist verankert in der Bev&ouml;lkerung, auch religi&ouml;s, sie sind Saiditen und geh&ouml;ren zur Familie der schiitischen Muslime. Aber nicht in der gleichen Weise wie die Schiiten in Teheran. Al Hadi und die Sammlungsbewegung geh&ouml;ren zur Gruppe der sunnitischen Muslime.<\/p><p>Die Huthis haben es tats&auml;chlich geschafft, zeitweise bis Aden vorzur&uuml;cken, und sind dann durch die Intervention Saudi-Arabiens 2015 wieder zur&uuml;ckgedr&auml;ngt worden. Das sind die innerjemenitischen Organisationen, die eigentlich eine Rolle spielen. Wobei man sagen muss, dass die St&auml;mme ihre Haltung immer wieder wechseln. Diese Stammesgesellschaft ist sehr schwer einzusch&auml;tzen. Und dann gibt es einen gro&szlig;en breiten Streifen des Landes, der sich vom S&uuml;den bis an die Grenze zu Saudi-Arabien zieht, der wird kontrolliert von Al Kaida, das sind Wahhabiten, wie in Saudi-Arabien. Auf der einen Seite sind sie ein Unsicherheitsfaktor f&uuml;r den gesamten Jemen, auf der anderen Seite sind sie ein Grund daf&uuml;r, dass US-Spezialkr&auml;fte oder europ&auml;ische dort intervenieren k&ouml;nnen im Rahmen des &bdquo;Antiterrorkampfes&ldquo;.<\/p><p><strong>Frau Leukefeld, vielen Dank.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Karin Leukefeld<\/strong>, seit vielen Jahren anerkannte Nahost-Expertin, hat auf Einladung von Attac Augsburg im Zeughaus einen Vortrag gehalten zum Thema: Jemen &ndash; Der vergessene Krieg und die aktuelle Situation am Golf (USA-Iran). 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