{"id":52466,"date":"2019-06-12T08:56:37","date_gmt":"2019-06-12T06:56:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52466"},"modified":"2021-02-22T08:47:05","modified_gmt":"2021-02-22T07:47:05","slug":"marco-wenzel-ueber-seine-erfahrungen-mit-luxemburger-maoisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52466","title":{"rendered":"Marco Wenzel \u00fcber seine Erfahrungen mit Luxemburger Maoisten"},"content":{"rendered":"<p>Der NDS-Beitrag &ldquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52301\">Das Ausw&auml;rtige Amt war einmal gef&uuml;hrt und gesteuert von Maoisten. Das merkt man heute noch.<\/a>&rdquo; vom 4. Juni hat den NachDenkSeiten-Mitarbeiter <strong>Marco Wenzel<\/strong> dazu animiert, von seinen eigenen Erfahrungen in Luxemburg zu berichten. Sein Text hat den Vorteil, den Beitrag vom 4. Juni anschaulich zu erg&auml;nzen und gleichzeitig &uuml;ber den Hintergrund eines NDS-Mitarbeiters zu informieren. Zu wissen, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?page_id=5\">wer hinter der Arbeit f&uuml;r die NDS steckt<\/a>, ist f&uuml;r unsere Leserinnen und Leser ja auch von Interesse. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nMarco Wenzel  war w&auml;hrend seiner Berufst&auml;tigkeit Gewerkschaftssekret&auml;r, denkt viel &uuml;ber politische und &ouml;konomische Zusammenh&auml;nge nach und Marco Wenzel stellt von Dienstag auf Mittwoch die Hinweise des Tages zusammen. Die NachDenkSeiten verdanken Marco Wenzel &uuml;brigens nicht nur die Zusammenstellung der Hinweise jeweils am Mittwoch. <\/p><p>Die NachDenkSeiten verdanken Marco Wenzel &uuml;brigens nicht nur die Zusammenstellung der Hinweise jeweils am Mittwoch. Marco Wenzel schreibt eigene Beitr&auml;ge, er macht &Uuml;bersetzungen aus dem Englischen und Franz&ouml;sischen, wenn wir sonst keine schnelle Chance zum &Uuml;bersetzen haben. Also wir NachDenkSeiten-Macher (und Leser) haben allen Grund, uns &uuml;ber die Entdeckung seiner Person zu freuen und ein Dankesch&ouml;n nach Fernost zu schicken.<\/p><p><strong>Nun aber zum eigentlichen Gegenstand, zum Bericht von Marco Wenzel &uuml;ber seine Erfahrungen mit Maoisten in Luxemburg.<\/strong> Es ist zugleich ein Bericht &uuml;ber die damalige Lebenswirklichkeit einer Arbeiterfamilie in unserem westlichen Nachbarland:<\/p><p>Lieber Albrecht:<\/p><p>Zu Deinem Beitrag von gestern &uuml;ber die Maoisten m&ouml;chte ich Dir meine pers&ouml;nlichen Erfahrungen und Einsch&auml;tzungen in Luxemburg mitgeben.<\/p><p>Ich war 1975 gerade 18 Jahre alt und hatte von Politik keine Ahnung. Meine Eltern und Gro&szlig;eltern waren zwar Sozialdemokraten, waren aber nie politisch aktiv. Meine beiden Gro&szlig;v&auml;ter und mein Vater haben, wie damals die meisten Arbeiter im S&uuml;den Luxemburgs, in der Stahlindustrie gearbeitet (ARBED) und durch hartes Arbeiten und mit Schichtarbeit gutes Geld verdient. Das war nach dem Krieg. Sie waren, wie fast jeder Arbeiter damals Mitglied in der sozialdemokratisch dominierten Gewerkschaft. Denn damals ist auf der H&uuml;tte gleich am ersten Arbeitstag ein Vertreter des Betriebsrates zu jedem Neuen gegangen und hat ihn in die Gewerkschaft aufgenommen. In jedem noch so kleinen Dorf gab es damals eine Lokalsektion der Gewerkschaft, wir hatten bei uns im Dorf eine Lokalsektion, einen gewerkschaftseigenen kleinen Supermarkt f&uuml;r Lebensmittel mit Vorzugspreisen f&uuml;r Gewerkschaftsmitglieder und eine gewerkschaftseigene Bibliothek, in der man sich B&uuml;cher ausleihen konnte. Wir haben gleich neben dem B&uuml;ro der lokalen Gewerkschaftssektion gewohnt. Das ist das Umfeld in dem ich gro&szlig; geworden bin.<\/p><p>Luxemburg hatte damals kaum 300.000 Einwohner und 30.00 davon arbeiteten in der Stahlindustrie und in den Bergwerken. Die hohen L&ouml;hne, die in der Eisenindustrie gezahlt wurden und die st&auml;ndige Nachfrage nach Arbeitskr&auml;ften hatte auch viele Einwanderer, meist aus Italien, angezogen und so gibt es in Luxemburg heute noch viele Luxemburger mit italienischen Familiennamen. Die Bergwerke (Eisenerz) schlossen bereits in den 70er Jahren, das Eisenerz wurde jetzt aus Brasilien importiert, weil es dort viel eisenhaltiger war und dann in Luxemburg weiterverarbeitet. Daf&uuml;r hat man in den 60er Jahren sogar die Mosel kanalisiert und einen Binnenhafen gebaut. <\/p><p>1975, nach der Stahlkrise, verlor die Eisenindustrie immer mehr an Bedeutung.  Heute geh&ouml;rt die einst so stolze Luxemburger Stahlindustrie dem Inder Mittal und hat, wenn es hochkommt, vielleicht noch 2000 Besch&auml;ftigte, daf&uuml;r ist die Einwohnerzahl Luxemburgs aber jetzt auf &uuml;ber 400.00 gestiegen. <\/p><p>Aber zur&uuml;ck zu mir und den Maoisten. <\/p><p>Ich bin damals schon gerne fischen gegangen und pl&ouml;tzlich kam in der Regierung die Idee auf, in Remerschen, keine 5 Kilometer vom heute legend&auml;ren Schengen entfernt, auf luxemburgischem Boden an der Mosel ein Atomkraftwerk zu bauen. Die Mosel macht dort die Grenze zwischen Luxemburg und Deutschland, die franz&ouml;sische Grenze (Dreil&auml;ndereck) ist keine 10 Kilometer entfernt und bis nach Trier, der Geburtsstadt von Karl Marx, sind es keine 50 Kilometer.<\/p><p>Ein Atomkraftwerk an der Mosel, da wo wir immer gefischt haben, das ging f&uuml;r einen leidenschaftlichen Angler wie mich nat&uuml;rlich gar nicht. Dann w&uuml;rden ja unsere Fische radioaktiv verseucht werden und auch die Mosel w&auml;re ja dann durch das K&uuml;hlwasser w&auml;rmer geworden. Wer wei&szlig;, welche Auswirkungen das auf die Rotaugen gehabt h&auml;tte, die ich immer so gerne geangelt habe.<\/p><p>So wurde ich durch in einem Artikel unserer Gewerkschaftszeitung, auf die wir ja alle abonniert waren und die &uuml;berhaupt die einzige Zeitung in meinem Elternhaus war, auf eine Versammlung der Anti-Atom Bewegung aufmerksam und ging auch prompt wenige Tage sp&auml;ter dahin, zur Versammlung.<\/p><p>Das war, glaube ich, 1975. <\/p><p>Aktivisten waren in der Anti-AKW-Bewegung nat&uuml;rlich gerne willkommen. Die Bewegung bestand damals zu einem guten Teil aus Maoisten und einigen wenigen Trotzkisten. Nach der eigentlichen Versammlung der B&uuml;rgerinitiative, die in einem Gasthaus stattgefunden hatte, ging ich in die an den Versammlungssaal anschlie&szlig;ende Gastwirtschaft um noch ein Bier zu trinken und war flugs umgeben von 3 oder 4 Maoisten, die sich zu mir an den Tisch setzten und wir diskutierten  bis Feierabend. &Uuml;ber eine bessere Welt und wie die aussehen k&ouml;nnte. Ich hatte &uuml;berhaupt keine Ahnung damals, ich studierte Elektrotechnik, aber sie erkl&auml;rten mir, dass in China der Sozialismus herrsche, was ich nicht wusste, und dass da alles viel besser und gerechter sei. Und &uuml;berhaupt bestimme da das Volk.<\/p><p>Nun ja, ich wusste es nicht besser und glaubte ihnen alles. Daraufhin bin ich regelm&auml;&szlig;ig zu den Versammlungen der B&uuml;rgerinitiative gegen die Atomkraft gegangen und nach kurzer Zeit habe ich mich auch fast t&auml;glich mit den Maoisten getroffen. Wir haben viel &uuml;ber Politik und &uuml;ber Sozialismus diskutiert und so ist meine Leidenschaft f&uuml;r Politik geweckt worden. Unn&uuml;tz nat&uuml;rlich zu erw&auml;hnen, dass ich bald dem Vorstand der lokalen Gruppe der B&uuml;rgerinitiative angeh&ouml;rte und dort aktiv mitmachte. Maoist bin aber nie geworden.<\/p><p>Denn bald ist mir aufgefallen, dass die Maoisten, es gab damals sogar 3 oder 4 verschiedene Gruppen von ihnen, mit jeweils nicht mehr als 1o Leuten, sehr hierarchisch strukturiert waren. Was ja eigentlich den sozialistischen Werten widersprach. Und ich habe schnell gemerkt, dass diese Gruppen eigentlich nichts als Sekten waren, die sich um die richtige maoistische Ideologie gegenseitig aufrieben. Sie verehrten neben Mao auch &bdquo;V&auml;terchen&ldquo; Stalin, kannten die Mao Bibel, das rote Buch, auswendig und zitierten st&auml;ndig daraus. Oft waren die Zitate aus jedem Zusammenhang gerissen. Der gro&szlig;e Sprung nach vorn, die Kulturrevolution, lasst 100 Blumen bl&uuml;hen, das alles waren in ihren Augen weise Entscheidungen des gro&szlig;en Vorsitzenden. Die Viererbande, unter ihnen Mao&rsquo;s Witwe, waren Verr&auml;ter des Volkes, denen das Politb&uuml;ro der KPCh gl&uuml;cklicherweise die Maske heruntergerissen hatte. Sie nannten sich Revolution&auml;re und wollten in Luxemburg einen Arbeiter-und Bauernstaat errichten. Dass es schon damals kaum noch Bauern in Luxemburg gab, konnte sie darin nicht beirren. Eine Klassenanalyse haben sie nie gemacht, ihr revolution&auml;res Gerede baute auf keiner konkreten Grundlage auf, au&szlig;er, dass alles so sein sollte wie in China. Nat&uuml;rlich fanden auch die Luxemburger Maoisten das Pol-Pot Regime gro&szlig;artig und meinten, Kambodscha sei auf dem richtigen Weg zum Sozialismus. Und wie in China haben sie auch immer ganz zerknirscht Selbstkritik ge&uuml;bt und sich gegenseitig konterrevolution&auml;res Verhalten vorgeworfen und regelrechte Tribunale gegen abtr&uuml;nnige Genossen abgehalten. Ich sage hier Genossen, denn Genossinnen gab es bei ihnen keine. Die Gr&uuml;ppchen nannten sich &bdquo;Kommunistischer Bund&ldquo;, &bdquo;Kommunistische Organisation&ldquo;, &bdquo;Marxisten-Leninisten&ldquo; und einige hatten auch Kontakte zum deutschen KBW.<\/p><p>F&uuml;r sie war der Hauptfeind dann auch nicht das Kapital, sondern die sowjetischen Sozialimperialisten und die Verr&auml;ter in den eigenen Reihen, die sich unter sie geschlichen hatten und die es zu demaskieren galt.<\/p><p>Da ich mich inzwischen st&auml;ndig in linken Kreisen bewegte, lernte ich auch die Trotzkisten kennen, die luxemburgische Sektion der 4. Internationale. Deren Vorstellungen von Politik und vom Sozialismus waren weit fundierter und so habe ich mich den Trotzkisten angeschlossen und bin Mitglied in der Partei geworden. Sp&auml;ter aber wurde mir auch das Leben als Mitglied der trotzkistischen Partei in Luxemburg immer unertr&auml;glicher, nicht wegen der politischen Ideen, sondern weil auch diese Gruppe von etwa 30 Leuten sich immer nur im eigenen Kreise bewegte und immer mehr etwas Sektenhaftes bekam. Auch sie war nie in der Arbeiterschaft verwurzelt.<\/p><p>Kurzum, das Atomkraftwerk in Luxemburg wurde dann doch nicht gebaut. Daf&uuml;r baute man keine 30 km entfernt auf franz&ouml;sischer Seite an der Mosel das Atomkraftwerk von Cattenom. Dort gab es kaum Widerstand in der Bev&ouml;lkerung und die CRS kn&uuml;ppelten sowieso allen Widerstand systematisch nieder. Unsere B&uuml;rgerinitiative versuchte anfangs noch, sich mit franz&ouml;sischen Atomkraftgegnern zusammen zu schlie&szlig;en.  Aber da gab es kaum Aktivisten. Die Landesgrenzen, damals gab es ja das Schengen-Abkommen noch nicht, trugen ihr &Uuml;briges dazu bei, die Zusammenarbeit zu erschweren. Und so wurde die B&uuml;rgerinitiative Moseltal aufgel&ouml;st. Die Maoisten sanken ab in die Bedeutungslosigkeit und verschwanden mehr oder weniger von der Bildfl&auml;che. <\/p><p>Wenige Jahre sp&auml;ter aber, Anfang der 80er, waren sie pl&ouml;tzlich alle wieder da, mit ein paar konfusen Gutmenschen im Schlepptau, die irgendwie f&uuml;r die Natur waren, manche alte Sympathisanten aus der fr&uuml;heren Anti-AKW-Bewegung, die von Politik noch weniger Ahnung hatten als die Maoisten, und gr&uuml;ndeten die gr&uuml;ne Partei. Von Klassenkampf war nun keine Rede mehr. Von Revolution und Sozialismus schon gar nicht. Wir, die Linken, die nicht da mitmachen wollten, haben ihnen damals schon vorausgesagt, wo sie einmal enden w&uuml;rden. Und leider ist alles so gekommen, wie wir es vorausgesehen hatten. Die Gr&uuml;nen erreichten erste Erfolge bei den Wahlen, sind auch gleich ins Parlament gew&auml;hlt worden.  Einer ihrer ersten Abgeordneten war ausgerechnet ein Volksbarde, der fr&uuml;her auf den Festen der Anti-Akw Bewegung Volksmusik in luxemburgischem Dialekt gesungen hat. Davon verstand er am meisten. Sie sind in die Gemeinder&auml;te eingezogen und haben sp&auml;ter ab und zu mal den B&uuml;rgermeister gestellt. Sie waren sogar in einer sogenannten Gambia-Koalition (ROT-Gr&uuml;n-Blau), wobei die Blauen in Luxemburg die Liberalen sind, in der Regierung und machten dort , in der Luxemburger Steueroase, neoliberale Politik f&uuml;rs Kapital.<\/p><p>Und mit jedem ihrer &bdquo;Erfolge&ldquo; machten sie eine weitere Kurve nach rechts. Sie haben damals als Maoisten keine Klassenanalyse gemacht, und machen es heute als Gr&uuml;ne schon gar nicht. Sie haben damals als Maoisten keinen Bezug zur Arbeiterschaft gehabt und haben ihn bis heute als Gr&uuml;ne auch nicht. Und so wie ihr revolution&auml;res Gefasel damals als Maoisten mit der Wirklichkeit nichts gemein hatte, so sind ihre Vorstellungen und ihre Politik als Gr&uuml;ne heute noch genauso so weltfremd wie damals.  Mit einem Unterschied: sie sind jetzt angepasst an die kapitalistische Gesellschaft und im Zweifelsfall immer auf dessen Seite. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der NDS-Beitrag &ldquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52301\">Das Ausw&auml;rtige Amt war einmal gef&uuml;hrt und gesteuert von Maoisten. Das merkt man heute noch.<\/a>&rdquo; vom 4. Juni hat den NachDenkSeiten-Mitarbeiter <strong>Marco Wenzel<\/strong> dazu animiert, von seinen eigenen Erfahrungen in Luxemburg zu berichten. Sein Text hat den Vorteil, den Beitrag vom 4. 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