{"id":52537,"date":"2019-06-14T14:11:56","date_gmt":"2019-06-14T12:11:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52537"},"modified":"2019-06-14T15:03:40","modified_gmt":"2019-06-14T13:03:40","slug":"brasilien-generalstreik-gegen-bolsonaro-regime-und-fuer-die-freiheit-lulas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52537","title":{"rendered":"Brasilien \u2013 Generalstreik gegen Bolsonaro-Regime und f\u00fcr die Freiheit Lulas"},"content":{"rendered":"<p>Bankangestellte, Lehrer, Angestellte der Bundes- und Landesuniversit&auml;ten, Arbeiter der Gesundheitsbeh&ouml;rden, Wasserwerke und Abwasserdienste, Postarbeiter, Bundesgerichte, Chemie- und Landarbeiter, Hafenarbeiter, Kleinbauern, Transport-, Bus- und LKW-Fahrer, Papiersammler, Landes- und Bundesbeamte, Arbeiter in der &Ouml;lindustrie, Krankenschwestern, U-Bahn-Betriebe, Rentner und Hausbesetzer streiken: Brasilien soll an diesem Freitag, den 14. Juni 2019, lahmgelegt werden. Ein Bericht von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDas Regime Jair Bolsonaro wird von einem Generalstreik herausgefordert, dessen Hauptforderung eine Kampfansage gegen die geplante Zerst&ouml;rung des Jahrzehnte alten, funktionierenden, solidarischen, staatlich regulierten Rentensystems war. Die Lage im Lande ist allerdings derartig katastrophal, dass der Widerstand gegen die Privatisierung des Rentensystems durch zahlreiche Zusatzforderungen erg&auml;nzt wurde, wie im <a href=\"http:\/\/www.mst.org.br\/2019\/06\/11\/carta-terra-territorio-diversidade-e-lutas.html\">nachstehenden Video<\/a> und im Auszug aus dem &ldquo;Brief an das brasilianische Volk &ndash; Charta zum Schutze des Landes, des Territoriums und der Vielfalt der K&auml;mpfe&ldquo; anschaulich dargestellt ist, der in der vergangenen Woche von 40 Gewerkschaftsvorst&auml;nden und sozialen Bewegungen verabschiedet wurde.<\/p><p>Das Manifest begr&uuml;ndet den Generalstreik mit der Zunahme der Arbeitslosigkeit (derzeit 12,7 Prozent, mit rund 13 Millionen Arbeitslosen), der Lohnsenkung, dem Abbau von Arbeitsrechten, der prekarisierten Arbeit, dem Anstieg der Sklavenarbeit, der K&uuml;rzung des Sozialschutzes und der Mindesteinkommenspolitik, ferner der Liquidierung von Familienzusch&uuml;ssen, Wohnungsbauprogrammen, Beeintr&auml;chtigung von Frauen- und Jugendrechten, Etatk&uuml;rzungen in der &ouml;ffentlichen Bildung und einem brutalen Angriff auf die soziale Sicherheit als zentrale sozio&ouml;konomischen Folgen der ultraliberalen Agenda des Jair-Bolsonaro-Regimes.<\/p><p>Ferner warnt die Streikleitung vor der Aush&ouml;hlung der Institutionen des Rechtsstaats und der Gesetzgebung zum Schutz von Menschenrechten, Umwelt, Landbesitz, nationaler Souver&auml;nit&auml;t und Ern&auml;hrungssicherheit. Die autorit&auml;re institutionelle Demontage bedroht au&szlig;erdem den Fortbestand des Ministeriums f&uuml;r Agrarentwicklung, Arbeit und Kultur, des Sekretariats f&uuml;r Aquakultur und Fischerei, des Nationalen Instituts f&uuml;r Agrarreform (Incra), der Indianerbeh&ouml;rde Funai, des staatlichen Instituts f&uuml;r Umweltschutz (Ibama), der Beh&ouml;rde f&uuml;r Artenvielfalt ICMBio, der Stiftung Palmares zur Pflege des Sklavenbefreiungskampfes und mindestens ein Dutzend weiterer Organisationen, die w&auml;hrend der 13-j&auml;hrigen demokratischen Regierungszeit Luiz In&aacute;cio Lula da Silvas und Dilma Rousseffs aufgebaut und gef&ouml;rdert wurden.<\/p><p>Nachforschungen der &ouml;ffentlichen Arbeitsrechts-Inspektorin Marina Sampaio zufolge sind <a href=\"https:\/\/jornalggn.com.br\/artigos\/porque-tem-greve-geral-dia-14-de-junho-por-marina-sampaio\/\">katastrophale soziale Auswirkungen<\/a> der Privatisierung des Rentensystems zu erwarten.<\/p><p>Die Gegen&uuml;berstellung von Regierungsplan und brasilianischen Arbeitsmarktdaten des offiziellen Instituts f&uuml;r Geografie und Statistik (IBGE) zeigt, dass die angepeilte private Kapitalisierung angesichts der alarmierenden Arbeitslosen-, Entmutigten- und Unterbesch&auml;ftigungsrate von &uuml;ber 40 Millionen Menschen ein enormes Bev&ouml;lkerungskontingent ohne Existenzsicherung im Alter zur Folge haben und individuelle Einsparungen unm&ouml;glich machen wird. Arbeiter, die es schaffen, sich der Kapitalisierung anzuschlie&szlig;en, m&uuml;ssen jedoch hohe Verwaltungsgeb&uuml;hren an die Banken entrichten. Sie setzen ihr Angespartes ein, ohne dass eine R&uuml;ckflussgarantie f&uuml;r den Fall einer Unterbrechung besteht. Dar&uuml;ber hinaus behindert und mindert das Projekt die wahrgenommenen Vorteile wie den rechtlich abgesicherten sogenannten Kontinuierlichen Nutzen und den rechtsg&uuml;ltigen Gehaltsbonus.<\/p><p>&bdquo;Nicht zuf&auml;llig zeigt die Studie der Internationalen Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen, dass von den 30 (drei&szlig;ig) L&auml;ndern, die ihre obligatorischen Sozialversicherungssysteme zwischen 1981 und 2014 vollst&auml;ndig oder teilweise privatisiert haben, 18 (achtzehn) die Ma&szlig;nahme bereits teilweise oder vollst&auml;ndig r&uuml;ckg&auml;ngig gemacht haben&ldquo;, warnt Sampaio. In dem Dokument hei&szlig;t es: &bdquo;Angesichts der Umkehrung der Privatisierung durch die meisten L&auml;nder und der Anh&auml;ufung von Beweisen f&uuml;r die negativen sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Privatisierung kann man sagen, dass das Privatisierungsexperiment als gescheitert betrachtet werden muss&ldquo;.<\/p><p><strong>Der &ldquo;Brief an das brasilianische Volk&ldquo;<\/strong><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir, Volks- und Gewerkschaftsbewegungen auf dem Land, den Gew&auml;ssern und in den W&auml;ldern, wir Landarbeiter, Frauen und M&auml;nner aus der Forschung, NGOs, Umweltsch&uuml;tzer, Vertreter der fortschrittlichen Landesregierungen, Parteif&uuml;hrer und Parlamentarier, stellen in Anbetracht der aktuellen Herausforderungen fest:<\/p>\n<p>1. Wir befinden uns in Zeiten einer Krise des Kapitalismus, die zunehmende Ungleichheiten, Ungerechtigkeiten, Ausgrenzungen und Gewalt gegen ganze V&ouml;lker bewirkt. Die krankhafte Furie des Kapitals in seinem &Uuml;berlebenskampf versch&auml;rft Ausbeutung, erh&ouml;ht die Arbeitslosigkeit und f&ouml;rdert den &Uuml;berfall auf &ouml;ffentliche Finanz- und Naturressourcen&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>hei&szlig;t es in dem Streikaufruf, der mit detaillierter Diagnose der seit dem Amtsantritt des Ex-Heereshauptmanns Jair Bolsonaro zum Pr&auml;sidenten versch&auml;rften politischen und sozialen Krise zu landesweiten Widerstandsaktionen aufruft.<\/p><p>Demnach bewirkte das seit dem 1. Januar amtierende Bolsonaro-Regime:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;2. &hellip; die Zerst&ouml;rung von Grundrechten, der demokratischen Errungenschaften des letzten Jahrhunderts und die Privatisierung und Zerst&ouml;rung der Staats- und Naturressourcen. Das Kapital eignet sich auf illegitime und illegale Weise Land, Wasser, Artenvielfalt, Mineralien, &Ouml;l und andere Energiequellen &ndash; in einem Wort: die Umwelt &ndash; an, Umweltverbrechen wie in Mariana und Brumadinho bleiben ungestraft;<\/p>\n<p>3. Zur Umsetzung der ultra-liberalen Agenda verhinderten das Finanzkapital und die devote und anti-nationale herrschende Klasse Lulas Teilnahme am Wahlvorgang zugunsten einer Macht&uuml;bernahme durch die Bolsonaro-Regierung. Mit verschiedenen Mitteln, vor allem mit Verbreitung von gef&auml;lschten Nachrichten und einer Hass-Agenda, wurde der Volkswille manipuliert. Das herrschende anti-nationale, privatisierende und pro-US-amerikanische Interesse zeigt sich unter anderem bei der &Uuml;bergabe des Alc&acirc;ntara-St&uuml;tzpunktes, im Ausverkauf des Flugzeugbauers Embraer, der Petrobras-Vorsalz-Tiefsee-&Ouml;lvorkommen, der Freigabe Amazoniens sowie in der drohenden Ver&auml;u&szlig;erung der Tochtergesellschaften staatlicher Unternehmen wie Banco do Brasil, Post, Caixa Econ&ocirc;mica Federal und Petrobras;<\/p>\n<p>4. Die wichtigsten sozio&ouml;konomischen Folgen der ultra-liberalen Agenda sind: steigende Arbeitslosigkeit, niedrigere L&ouml;hne, Entzug der Arbeitsrechte, Arbeitsplatzunsicherheit, die Erh&ouml;hung der Sklavenarbeit, der Abbau der Sozialschutzma&szlig;nahmen und Mindesteinkommen als Familienbeihilfe, die Einfrierung des sozialen Wohnungsbaus, die Beeintr&auml;chtigung der Rechte von Frauen und Jugendlichen, die Etatk&uuml;rzungen in der &ouml;ffentlichen Bildung und der brutale Angriff auf die soziale Sicherheit;<\/p>\n<p>[&hellip;]<\/p>\n<p>6. Daraus resultiert die Abholzungs-Zunahme der W&auml;lder, die Ausbeutungsrate der nat&uuml;rlichen Ressourcen, die Freigabe und Verwendung (hunderter) von Pestiziden, die Gewalt gegen Frauen &ndash; mit gesteigerter Mordrate &ndash; und LGBT-Minderheiten, der regelrechte V&ouml;lkermord an schwarzen Jugendlichen und die Gewalt auf dem Land. Parallel dazu wird die Agrarreform erw&uuml;rgt, die Vermessung der Territorien von indigenen und afrobrasilianischen Quilombo-Gemeinden eingestellt, das Recht auf Besetzung traditioneller Gebiete aberkannt, die Bodenkonzentration vorangetrieben, der Landraub legalisiert, Umweltschutzgebiete reduziert, der Umweltschutz mit Gebiets- Neukategorisierung geschw&auml;cht, Rechte der Fischer und Gew&auml;sserbewohner widerrufen, und die Zerst&ouml;rung &ouml;ffentlicher Politik zum Schutz von Landbewohnern, der Gew&auml;sser und W&auml;lder vorangetrieben&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>hei&szlig;t es in der ausf&uuml;hrlichen Bestandsaufnahme der Streikleitung.<\/p><p>Nach letzten Meldungen vom Donnerstag, dem 13. Juni, sind offenbar Vorbereitungen auf den Streik in allen 26 brasilianischen Bundesstaaten mit dem Ziel der kompletten Lahmlegung der Landeshauptst&auml;dte getroffen worden. Die Ermutigung zog die Streikleitung aus den j&uuml;ngsten Massendemonstrationen gegen die Aush&ouml;hlung des &ouml;ffentlichen Bildungssystems, mit denen Millionen Brasilianer die Stra&szlig;en f&uuml;llten.<\/p><p>Eine zentrale Forderung der Unterzeichner ist der landesweite Kampf f&uuml;r die Freilassung des seit &uuml;ber einem Jahr unrechtm&auml;&szlig;ig inhaftierten und an seiner Wiederwahl gehinderten Altpr&auml;sidenten Luiz In&aacute;cio Lula da Silva und die &bdquo;Achtung der verfassungsm&auml;&szlig;igen und demokratischen Rechte aller Personen&ldquo;.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir bekr&auml;ftigen den gemeinsamen Kampf f&uuml;r den Aufbau einer gerechten, egalit&auml;ren und demokratischen Gesellschaft. Wir rufen das brasilianische Volk auf, Widerstand zu leisten und an den gro&szlig;en Mobilisierungen f&uuml;r den Generalstreik vom 14. Juni und dem traditionellen Marsch der Landarbeiterinnen vom 13. und 14. August teilzunehmen.<br>\nS&atilde;o Paulo, den 8. Juni 2019\n<\/p><\/blockquote><p>Titelbild: Rodrigo S Coelho\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bankangestellte, Lehrer, Angestellte der Bundes- und Landesuniversit&auml;ten, Arbeiter der Gesundheitsbeh&ouml;rden, Wasserwerke und Abwasserdienste, Postarbeiter, Bundesgerichte, Chemie- und Landarbeiter, Hafenarbeiter, Kleinbauern, Transport-, Bus- und LKW-Fahrer, Papiersammler, Landes- und Bundesbeamte, Arbeiter in der &Ouml;lindustrie, Krankenschwestern, U-Bahn-Betriebe, Rentner und Hausbesetzer streiken: Brasilien soll an diesem Freitag, den 14. Juni 2019, lahmgelegt werden. 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