{"id":52541,"date":"2019-06-15T11:45:31","date_gmt":"2019-06-15T09:45:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52541"},"modified":"2022-03-11T12:04:18","modified_gmt":"2022-03-11T11:04:18","slug":"eine-stimme-fuer-die-menschen-die-nicht-gehoert-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52541","title":{"rendered":"Eine Stimme f\u00fcr die Menschen, die nicht geh\u00f6rt werden"},"content":{"rendered":"<p>Botschafter <strong>Idriss Jazairy<\/strong> stammt aus Algerien und ist seit 2015 der Sonderberichterstatter des UN-Menschenrechtsrates zu den Auswirkungen einseitiger Zwangsma&szlig;nahmen hinsichtlich der Menschenrechte der Bev&ouml;lkerung des betroffenen Landes. <strong>Karin Leukefeld<\/strong> hatte am 30. Mai 2019 in Berlin die Gelegenheit, mit Idriss Jazairy zu sprechen. Hier die deutsche Fassung des kompletten Interviews.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Herr Jazairy, Sie sind der UN-Sonderberichterstatter zu den Auswirkungen von einseitigen Zwangsma&szlig;nahmen auf die Menschenrechte der Bev&ouml;lkerung des betroffenen Landes. Das ist ein sehr komplizierter Titel. Wer hat Sie ernannt und was ist Ihre Aufgabe?<\/strong><\/p><p>Ich wurde vom UN-Menschenrechtsrat gew&auml;hlt.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Meine Aufgabe ist es, die Folgen von einseitigen Sanktionen auf die schw&auml;chsten Personen in den Entwicklungsl&auml;ndern zu untersuchen, die von einseitig verh&auml;ngten Sanktionen betroffen sind. Solche Sanktionen werden meist von Industriestaaten gegen ausgew&auml;hlte Staaten verh&auml;ngt, die von den sanktionsverh&auml;ngenden Staaten, den Quellenl&auml;ndern (der Sanktionen), beschuldigt werden, die Menschenrechte nicht vollst&auml;ndig zu erf&uuml;llen. Zwischen den Quellenl&auml;nder und den Zielstaaten von Sanktionen gibt es Differenzen dar&uuml;ber, mit welcher Politik die Entwicklung von Menschenrechten verfolgt werden soll. Das hat zur Folge, dass unbeteiligte Personen in den Zielstaaten den negativen Folgen solcher Sanktionen ausgesetzt sind. Ich versuche, mich f&uuml;r diese Menschen einzusetzen und denjenigen eine Stimme zu geben, die nicht geh&ouml;rt werden.<\/p><p><strong>Es gibt einseitige Zwangsma&szlig;nahmen, Sanktionen, Embargos, Blockaden &ndash; worin unterscheiden sie sich?<\/strong><\/p><p>Der Hauptunterschied ist folgender: Es gibt Sanktionen, die vom UN-Sicherheitsrat verh&auml;ngt werden und die von allen Staaten grunds&auml;tzlich als legitim eingestuft werden. Und es gibt Sanktionen, die von Quellenl&auml;ndern jenseits einer UN-Sicherheitsratsentscheidung verh&auml;ngt werden, diese nennt man &bdquo;einseitig&ldquo;. Es gibt kontroverse Ansichten zwischen den Staaten, die die Sanktionen verh&auml;ngen und die das als ein legitimes Mittel ihrer Au&szlig;enpolitik betrachten und anderen, sich entwickelnden Staaten oder von Sanktionen betroffenen Staaten, die in ihrer &uuml;berw&auml;ltigenden Mehrheit die Rechtm&auml;&szlig;igkeit solcher Entscheidungen in Frage stellen.<\/p><p>Zudem gibt es verschiedene Ebenen von Sanktionen. Es gibt die so genannten &bdquo;umfassenden Sanktionen&ldquo;, die gezielt auf die gesamte Wirtschaft und den Finanzsektor des betroffenen Landes ausgerichtet sind. Mittlerweile hat man eingesehen, dass solche Sanktionen sehr negative, gegenteilige Auswirkungen auf die schw&auml;chsten Bev&ouml;lkerungsgruppen der betroffenen L&auml;nder haben k&ouml;nnen. Diese Personen darf man nicht zu Geiseln eines Streits &uuml;ber unterschiedliche Ansichten zwischen den Regierungen der Quellenl&auml;nder und des betroffenen Landes machen.<\/p><p>Nachdem es sehr negative Erfahrungen mit Sanktionen in Haiti und im Irak gegeben hat, wo die einfache Bev&ouml;lkerung enorm gelitten hat, hat der UN-Sicherheitsrat die Notwendigkeit festgestellt, die Sanktionen in so genannte &bdquo;kluge Sanktionen&ldquo; umzuwandeln. Damit sollen Einzelpersonen in der (politischen) Hierarchie des betroffenen Landes getroffen werden oder spezielle Wirtschaftssektoren. Die gesamte Wirtschaft aber soll verschont bleiben. Das galt als eine Art von Fortschritt.<\/p><p>Allerdings sind Sanktionen unter den Quellenl&auml;ndern so popul&auml;r geworden, dass man inzwischen ein Paket so genannter &bdquo;kluger Sanktionen&ldquo; auf das andere packt. Au&szlig;erdem gibt es Finanzsanktionen und das Ganze sieht inzwischen so aus wie &bdquo;umfassende Sanktionen&ldquo;, die nur anders genannt werden. Zus&auml;tzlich gibt es neuerdings noch eine weitere, sehr beunruhigende Entwicklung, mit der man allm&auml;hlich von einem Embargo, das von einzelnen Staaten gegen ein anderes Land verh&auml;ngt wird und das auch die Weigerung von Finanzaktionen mit diesem Land beinhaltet, zu &bdquo;Sekund&auml;rsanktionen&ldquo; &uuml;bergeht. Das bedeutet, es sollen Drittstaaten, die mit dem von Sanktionen betroffenen Land keine Probleme haben, von wirtschaftlichen Beziehungen mit diesem Land abgehalten werden. Damit wird eine dritte Stufe von Sanktionen erreicht, die &bdquo;Blockade&ldquo;. Eine Blockade ist praktisch ein Kriegsakt. Wir haben heute Blockaden gegen Venezuela, Kuba, Syrien und Iran. Das ist sehr beunruhigend. Urspr&uuml;nglich sollten Sanktionen eine Alternative zum Krieg sein, aber heute bereiten Sanktionen einen Krieg vor. Eine Wirtschaftsblockade ist ein Kriegsakt.<\/p><p><strong>Um sicher zu sein, m&ouml;chte ich hier noch einmal nachfragen: Sind Sanktionen nach dem Ma&szlig;stab des V&ouml;lkerrechts legal?<\/strong><\/p><p>Nehmen wir die beiden Grenzf&auml;lle. Die Entscheidung des Sicherheitsrates, Sanktionen zu verh&auml;ngen, wird von allen als legal, als rechtm&auml;&szlig;ig anerkannt. Sanktionen, die von einem Staat oder von einer Staatengruppe gegen ein anderes Land verh&auml;ngt werden und die schwerwiegende Auswirkungen auf die Menschenrechte haben und damit die Menschenrechte der einfachen Bev&ouml;lkerung verletzen, sind illegal. Zwischen diesen beiden F&auml;llen gibt es eine Grauzone. Westliche Staaten betrachten die (einseitigen) Sanktionen als vertretbar, solange sie ihren eigenen Kriterien gen&uuml;gen.<\/p><p>Die Mehrheit der UN-Mitgliedsstaaten sieht das nicht so. Sie sind der Meinung, dass alle Sanktionen, die ohne eine Entscheidung des UN-Sicherheitsrates verh&auml;ngt werden, unrechtm&auml;&szlig;ig, also illegal sind. Es ist, als n&auml;hme man das Recht in die eigenen H&auml;nde. Wir haben aber zur Friedenserhaltung in der Welt das System der Vereinten Nationen geschaffen. Ja, es hat seine Unzul&auml;nglichkeiten, aber es ist die Friedensordnung, die nach dem 2. Weltkrieg in Kraft trat. Wenn man nun einseitige Sanktionen verh&auml;ngt, dann schafft man ein neues System und spricht selber Recht. Das bringt den Frieden in Gefahr. Und zwar den Weltfrieden, nicht nur regionalen Frieden.<\/p><p><strong>Lassen Sie uns &uuml;ber Syrien sprechen. Im Mai 2016 ver&ouml;ffentlichte die ESCWA, die UN-Kommission f&uuml;r wirtschaftliche und soziale Fragen in Westasien, einen Bericht &uuml;ber die Lage in Syrien.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Gegen Syrien gibt es ja verschiedene Sanktionen. In dem Bericht werden sie als &bdquo;eines der kompliziertesten und weitreichendsten Sanktionsregime&ldquo; beschrieben, die seit dem 2. Weltkrieg je gegen ein Land verh&auml;ngt wurden. Sie waren bereits vor einem Jahr in Syrien, was haben Sie dort erfahren?<\/strong><\/p><p>Die Lage in Syrien ist wirklich kompliziert. Ein gro&szlig;es Land hat bereits seit Ende des letzten Jahrhunderts Sanktionen gegen Syrien verh&auml;ngt. Eine Gruppe entwickelter Staaten schloss sich dem 2011 an. Gleichzeitig fand ein Konflikt in Syrien statt und die negativen Auswirkungen von einseitigen Zwangsma&szlig;nahmen gegen die einfache Bev&ouml;lkerung in Syrien unter solchen Umst&auml;nden zu untersuchen, ist nicht einfach. Die Bev&ouml;lkerung litt unter Fehlern seitens der Regierung, sie litt unter dem Konflikt, der extrem komplex war und in den sich verschiedene andere Staaten einmischten. Es ist also schwierig zu sagen, ob und in welchem Umfang der Konflikt oder die Fehler der Regierung oder die Sanktionen f&uuml;r das Leid der Bev&ouml;lkerung verantwortlich sind. Aber eins ist sicher: Die Sanktionen haben die menschenrechtliche Lage in Syrien verschlimmert. Das wird auch von der Untersuchungskommission des Menschenrechtsrates f&uuml;r Syrien so gesehen, die von Herrn Pinhiero geleitet wird. Sie hat meinen Syrien-Bericht unterst&uuml;tzt.[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]<\/p><p><strong>Was sind die Indikatoren daf&uuml;r, dass die Sanktionen die Lage verschlimmern?<\/strong><\/p><p>Das Bruttoinlandsprodukt in Syrien ist im Zeitraum von 2010 bis 2017 um zwei Drittel gefallen. Die Inflation ist immens angestiegen und lag bereits 2013 bei 85 Prozent. Und das in einem Land, wo 50 Prozent der Arbeitnehmer festgelegte Geh&auml;lter bekommt. Die Arbeitslosigkeit, die vor der Krise bei 8,5 Prozent lag, betrug 2017 fast 50 Prozent. Egal wo Sie hinsehen, die Lage verschlimmert sich. Und das, obwohl die K&auml;mpfe abgeklungen sind. Au&szlig;er in Idlib und einigen Grenzgebieten herrscht heute in den meisten Gebieten Syriens Frieden, dennoch verschlechtert sich die Lage. Es kann also nicht am Krieg oder der Gewalt liegen, sondern weil die Sanktionen aufrechterhalten werden.<\/p><p><strong>Mitte Mai hat der Rat der Europ&auml;ischen Union einstimmig die einseitigen Zwangsma&szlig;nahmen gegen Syrien um ein weiteres Jahr bis zum 1. Juni 2020 verl&auml;ngert. Und das, obwohl in Br&uuml;ssel ihr Bericht bekannt ist.<\/strong><\/p><p>Die EU hat das so entschieden, weil sie der Ansicht ist, dass die syrische Regierung weiterhin der Bev&ouml;lkerung ihre Menschenrechte vorenth&auml;lt. Aber man muss sich doch fragen, wie man das Leid der Bev&ouml;lkerung, das durch die Unzul&auml;nglichkeit der Regierung entsteht, lindern will, indem man weitere Sanktionen gegen Syrien verh&auml;ngt, die das Leid zus&auml;tzlich verschlimmern. Es ist, als gehe man gegen ein Feuer, ich meine die Verweigerung der Menschenrechte in Syrien, nicht mit einem Wasserschlauch, sondern mit einem Flammenwerfer vor, um es zu bek&auml;mpfen. Man verletzt ihre Menschenrechte weiter, obwohl sie schon jetzt die Situation kaum noch aushalten.<\/p><p>Mir scheint das doch ein Widerspruch zu sein. Man gibt vor, Mitleid mit den Syrern zu haben, denen ihre Menschenrechte vorenthalten werden. Und man verabreicht ihnen eine Medizin, die ihnen noch mehr Menschenrechte vorenth&auml;lt. Das muss man sich mal vorstellen, dass die Umtauschrate der (syrischen) Lira heute pro Dollar mehr als 500 betr&auml;gt. Noch vor wenigen Jahren lag die Rate bei 45 Lira f&uuml;r einen Dollar. Wer bezahlt das? 1,8 Millionen Kinder k&ouml;nnen heute nicht die Schule besuchen, weil die Sanktionen die Bauunternehmen daran hindern, das Material einzuf&uuml;hren, das gebraucht wird, um die Schulen wieder aufzubauen, oder weil das Lehrmaterial, das f&uuml;r die Kinder gebraucht wird, nicht erh&auml;ltlich ist. Hilft es den Menschen wirklich, wenn man ihnen grundlegende Rechte vorenth&auml;lt? Was haben die Kinder mit dem Streit zwischen der syrischen Regierung und den Regierungen der L&auml;nder zu tun, die die Sanktionen gegen Syrien verh&auml;ngen?<\/p><p><strong>Es hei&szlig;t ja, die Sanktionen richten sich gegen die f&uuml;hrenden Eliten in Syrien, nicht gegen die Bev&ouml;lkerung.<\/strong><\/p><p>Die Sanktionen treffen die syrische F&uuml;hrung nicht. Sie treffen nicht die Eliten, die Geld damit verdienen, dass sich &ndash; wegen der Sanktionen &ndash; ein informeller Handelssektor entwickelt hat. Die einzigen, die wirklich unter den Sanktionen leiden, sind die &Auml;rmsten der Gesellschaft. An sie muss man denken.<\/p><p><strong>Sie reisen durch die ganze Welt, um mit Politikern &uuml;ber Ihre Erkenntnisse der Lage in Syrien zu sprechen. Sie haben den Bericht dem UN-Menschenrechtsrat vorgelegt, der UN-Vollversammlung. Sie treffen politische Entscheidungstr&auml;ger in New York, in Br&uuml;ssel, Sie haben in Berlin Abgeordnete des Deutschen Bundestages getroffen und Sie waren zu Gespr&auml;chen im Ausw&auml;rtigen Amt. Man kennt Ihren Bericht also und dennoch wurden, wie bereits erw&auml;hnt, seitens des Rates der Europ&auml;ischen Union die einseitigen EU-Strafma&szlig;nahmen gegen Syrien erst vor wenigen Tagen um ein weiteres Jahr verl&auml;ngert.<\/strong><\/p><p><strong>Warum geschieht das, warum werden trotz aller Informationen &uuml;ber die Probleme, die damit f&uuml;r die Bev&ouml;lkerung versch&auml;rft werden, die Sanktionen aufrechterhalten? Glaubt man Ihnen nicht oder interessiert man sich in den Quellenl&auml;ndern nicht f&uuml;r die Lage der Syrer?<\/strong><\/p><p>Das Problem ist, dass es um Ideologie geht. Es ist ein ideologischer Konflikt, der nichts mit dem Alltagsleben einfacher Syrer zu tun hat. Es ist ein Konflikt zwischen einer Gruppe von Industriestaaten und der F&uuml;hrung von Syrien. Und wenn Elefanten k&auml;mpfen, wird das Gras zertrampelt. In diesem Fall wird auf den Menschen in Syrien herumgetrampelt. Ich versuche unparteiisch zu bleiben und spreche nur &uuml;ber die Menschenrechte der Bev&ouml;lkerung. Ich bin weder f&uuml;r noch gegen die beteiligten Regierungen und versuche bessere Wege aufzuzeigen, auf denen Staaten Konflikte miteinander l&ouml;sen k&ouml;nnen, wenn sie auftreten.<\/p><p>Das ist die umfassende Idee des Systems der Vereinten Nationen, wie es nach dem 2. Weltkrieg entwickelt wurde. Es ging um einen institutionellen Rahmen, um zwischenstaatliche Konflikte zu l&ouml;sen, ohne Krieg zu f&uuml;hren. Die Sanktionen sind allerdings eine Art Krieg, nur mit anderen Mitteln. Denn es ist nicht wirklich wichtig, ob ein Mensch in einem Krankenhaus durch eine Bombe stirbt oder weil man dem Operationssaal die notwendigen Bet&auml;ubungsmittel, Medikamente und Instrumente vorenth&auml;lt, die f&uuml;r eine lebensrettende Operation gebraucht werden.<\/p><p><strong>Was schlagen Sie vor, wie kann diese schwierige Situation gel&ouml;st werden?<\/strong><\/p><p>Meine Vorschl&auml;ge f&uuml;r Syrien sind sehr pragmatisch. Nummer eins: Die Zentralbank von Syrien hat eigene Reserven in ausl&auml;ndischer W&auml;hrung, die eingefroren wurden. Man kann sich darauf einigen, diese Reserven freizugeben, um ein Programm &bdquo;Nahrung f&uuml;r die Armen&ldquo; zu finanzieren. Mit dem Geld kann unter dem Schirm der UNO Weizen importiert werden. Wer k&ouml;nnte das ablehnen?<\/p><p>Vorschlag Nummer zwei: In Damaskus wird ein Beschaffungsb&uuml;ro unter dem Dach der Vereinten Nationen eingerichtet, um humanit&auml;re Produkte einzuf&uuml;hren, die von den Sanktionen ausgenommen sind. Theoretisch ist das zwar der Fall, aber praktisch verhindern die vielen H&uuml;rden, insbesondere die Finanzsanktionen, die Lieferung solcher G&uuml;ter oder es dauert ewig, bis sie zur Lieferung freigegeben werden. Durch ein solches Beschaffungsb&uuml;ro der UNO w&auml;re es m&ouml;glich, die humanit&auml;ren G&uuml;ter z&uuml;gig ins Land zu bringen. Wir haben damit in Khartum bereits gute Erfahrungen gemacht, als der Sudan unter Sanktionen stand.<\/p><p>Vorschlag Nummer drei: Die Sanktionen sollen eine nach der anderen &uuml;berpr&uuml;ft werden. Angefangen mit denen, die die Bev&ouml;lkerung am h&auml;rtesten treffen, muss dar&uuml;ber verhandelt werden, wie sie &ndash; Schritt f&uuml;r Schritt &ndash; aufgehoben werden k&ouml;nnen. Daf&uuml;r ist ein Dialog erforderlich. Und es m&uuml;ssen andere Wege gefunden werden, wie der Dialog zwischen den L&auml;ndern, die die Sanktionen verh&auml;ngen, und Syrien wiederhergestellt werden kann. Es muss eine neue Seite in den gegenseitigen Beziehungen aufgeschlagen werden. Ich bin mir sicher, dass die Syrer, die au&szlig;erordentlich kreativ sind, wieder von vorne anfangen k&ouml;nnen. Ihr Land geh&ouml;rte zur Spitze der entwickelten L&auml;nder in der arabischen Welt. Man muss ihnen die M&ouml;glichkeit geben. Sie brauchen keine Almosen, sie m&uuml;ssen die Chance bekommen, mit all ihrer Kreativit&auml;t Syrien wieder aufzubauen.<\/p><p><strong>Wie Sie sagen, Syrien war sehr entwickelt. Es hat kluge K&ouml;pfe und Syrien hat eigene Ressourcen, auch Weizen &ouml;stlich des Euphrat. Der Zugang wird dem Land verwehrt und auch der Dialog mit den dort lebenden Kurden wird behindert. Was Sie also vorschlagen, h&ouml;rt sich eher nach einem UN-Mandat f&uuml;r Syrien an.<\/strong><\/p><p>Nun, ich bringe die UNO ins Spiel, weil es ganz offensichtlich kein Vertrauen zwischen den Staaten, die die Sanktionen verh&auml;ngen, und Syrien gibt. Es ist nun einmal so, dass die derzeitige syrische Regierung milit&auml;risch gewonnen hat. Das ist die Realit&auml;t und nat&uuml;rlich nicht einfach zu akzeptieren von denjenigen, die einen Regime Change in Syrien wollten. Aber in der Politik muss man pragmatisch sein und sich den Realit&auml;ten stellen. Wenn es der UNO gelingen k&ouml;nnte, einen Prozess zur Wiederherstellung des Vertrauens zwischen beiden Seiten in Gang zu bringen, wird er ab einem bestimmten Punkt seine eigene Dynamik entwickeln.<\/p><p>Mit der Aufhebung von Sanktionen kann ein Land sich selbst entwickeln. Wir haben das in Kuba gesehen, im Sudan, wo die Trump-Regierung der Aufhebung der sehr harten Sanktionen zugestimmt hat. Man muss die Syrer entscheiden lassen, was sie wollen. Sie werden ihre eigene L&ouml;sung finden. Wenn man versucht, f&uuml;r sie zu entscheiden, funktioniert das nicht. Im 21. Jahrhundert muss man den V&ouml;lkern vertrauen und mit den neuen Kommunikationsm&ouml;glichkeiten, den sozialen Medien, haben sie alles, was sie brauchen, um mit einem L&auml;cheln und friedlich ihre Regime zu ver&auml;ndern, wenn sie es wollen.<\/p><p><strong>Sie sagten anfangs, Sie wollen den Menschen eine Stimme geben, die am meisten leiden und nicht geh&ouml;rt werden. Das habe mit Politik nichts zu tun. Aber ist Ihre Arbeit nicht wirklich hochpolitisch, wenn Sie sich f&uuml;r die Menschenrechte stark machen?<\/strong><\/p><p>Nein. Das Krebsgeschw&uuml;r, das die UN-Kommission f&uuml;r Menschenrechte, den Vorl&auml;ufer des Rates f&uuml;r Menschenrechte, angegriffen und zerst&ouml;rt hat, der Krebs, der heute erneut den Rat f&uuml;r Menschenrechte angreift, hat einen Namen. Es ist die politische Instrumentalisierung der Menschenrechte, um nicht ausgesprochene Absichten zu bedienen. In der Frage der Menschenrechte geht es um Werte, nicht um politische Absichten. Und in meiner bescheidenen Funktion will ich alles daf&uuml;r tun, dass diese Werte &ndash; die f&uuml;r alle gelten &ndash; im Bereich der Menschenrechte durchgesetzt werden.<\/p><p><strong>Vielen Dank f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><p>Titelbild: UN<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.ohchr.org\/EN\/Issues\/UCM\/Pages\/IdrissJazairy.aspx\">ohchr.org\/EN\/Issues\/UCM\/Pages\/IdrissJazairy.aspx<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] <a href=\"https:\/\/theintercept.com\/2016\/09\/28\/u-s-sanctions-are-punishing-ordinary-syrians-and-crippling-aid-work-u-n-report-reveals\/\">theintercept.com\/2016\/09\/28\/u-s-sanctions-are-punishing-ordinary-syrians-and-crippling-aid-work-u-n-report-reveals\/<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.ohchr.org\/EN\/NewsEvents\/Pages\/DisplayNews.aspx?NewsID=23552&amp;LangID=E\">ohchr.org\/EN\/NewsEvents\/Pages\/DisplayNews.aspx?NewsID=23552&amp;LangID=E<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Botschafter <strong>Idriss Jazairy<\/strong> stammt aus Algerien und ist seit 2015 der Sonderberichterstatter des UN-Menschenrechtsrates zu den Auswirkungen einseitiger Zwangsma&szlig;nahmen hinsichtlich der Menschenrechte der Bev&ouml;lkerung des betroffenen Landes. <strong>Karin Leukefeld<\/strong> hatte am 30. 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