{"id":52545,"date":"2019-06-16T11:45:25","date_gmt":"2019-06-16T09:45:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52545"},"modified":"2026-01-27T11:32:43","modified_gmt":"2026-01-27T10:32:43","slug":"gruenen-politiker-habeck-und-die-verschleierung-der-realitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52545","title":{"rendered":"Gr\u00fcnen-Politiker Habeck und die Verschleierung der Realit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Ursachen f&uuml;r die Probleme unserer Zeit benennen, Verantwortliche ans Licht zerren: Das ist das, was man von einem Politiker erwarten darf, der gerade als m&ouml;glicher Kanzler im Gespr&auml;ch ist. Der Gr&uuml;nen-Politiker <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52285\">Robert Habeck<\/a> ist beliebt und viele Medien sind an dem Hype nicht unbeteiligt. Doch vor kurzem hat der Co-Parteichef der Gr&uuml;nen an prominenter Stelle einen Satz gesagt, der den kritischen Beobachter fragen l&auml;sst: Unterscheidet sich Habeck, auch wenn er sich augenscheinlich von anderen Politikern abhebt, doch gar nicht so sehr vom Rest der politischen Akteure? Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nMit Sprache kennt sich Habeck aus. Erst im vergangenen Jahr hat er ein Buch ver&ouml;ffentlicht, in dessem Untertitel es hei&szlig;t: &bdquo;Warum unsere Demokratie eine offene und vielf&auml;ltige Sprache braucht&ldquo;. In der Vorstellung des Buches ist zu lesen, &bdquo;dass die Frage, wie wir sprechen, entscheidend ist f&uuml;r die Gestaltungskraft unserer Demokratie.&ldquo; Und weiter: &bdquo;Dass Sprache &ndash; nicht nur in der Politik &ndash; den Unterschied macht.&ldquo; Das klingt vern&uuml;nftig &ndash; und weckt Hoffnungen. Ist Habeck etwa einer jener allenfalls nur selten existierenden Politiker, die eine Sprache verwenden, die Realit&auml;t nicht verschleiert, sondern so konkret es &uuml;berhaupt nur geht, Missst&auml;nde und Verantwortliche benennt?  <\/p><p>Nun, vergangene Woche hat der Politiker der Wochenzeitung DIE ZEIT <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2019\/24\/robert-habeck-die-gruenen-klimapolitik-verkehrswende-suv\">ein Interview gegeben<\/a> (hinter einer Bezahlschranke), in dem ein Satz vorkom, der tief blicken l&auml;sst. <\/p><p>Es geht um folgende Stelle&hellip;<\/p><blockquote><p>\nDIE ZEIT: Herr Habeck, die Volksparteien taumeln, die gro&szlig;e Koalition ist am Ende. Was schlagen Sie vor, um die Krise zu &uuml;berwinden?<br>\nRobert Habeck: Was wir erleben, ist eine Erosion des Vertrauens in politische Handlungsf&auml;higkeit. Den ganzen Tag h&ouml;ren wir, die Klimakrise ist die Bedrohung unseres Jahrhunderts, Amazon, Google und Facebook zahlen in Europa kaum Steuern, es gibt zu viel Nitrat auf den Feldern, die Mieten explodieren. Menschen erwarten, dass entsprechend gehandelt wird.<br>\nZEIT: Brauchte es daf&uuml;r nicht eine neue Regierung?<br>\nHabeck: Es w&auml;re aus meiner Sicht falsch, jetzt das Spiel der Krise mitzuspielen, auch nicht als Oppositionspolitiker. Der Grund f&uuml;r die Krise ist das Misstrauen der Menschen, dass Politik, wie wir sie kennen, angesichts globaler Umschw&uuml;nge das Gebot der Fairness nicht mehr durchsetzen kann. Und solange dieses Misstrauen schwelt, ist es schwer, Begeisterung f&uuml;r Demokratie herzustellen. Deshalb gilt, dass auch die Opposition sich verantwortungsvoll verh&auml;lt, dass sie inhaltliche Vorschl&auml;ge macht, aber nicht herumz&uuml;ndelt.\n<\/p><\/blockquote><p>Folgender Satz ist bemerkenswert:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Der Grund f&uuml;r die Krise ist das Misstrauen der Menschen, dass Politik, wie wir sie kennen, angesichts globaler Umschw&uuml;nge das Gebot der Fairness nicht mehr durchsetzen kann.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Er ist ein Musterbeispiel einer Aussage, die vorgibt &bdquo;Gr&uuml;nde&ldquo;  und &bdquo;Ursachen&ldquo; aufzuzeigen, aber dabei das genaue Gegenteil macht. Diese Aussage zeigt nicht auf, sie verschleiert. Zun&auml;chst: Die sinntragenden Formulierungen &bdquo;globale Umschw&uuml;nge&ldquo; und &bdquo;Gebot der Fairness&ldquo; sind so vage, dass, wollte man ernsthaft freilegen, was damit gemeint ist, man gleich versuchen k&ouml;nnte, einen Pudding an die Wand zu  nageln. Wir k&ouml;nnen hier die typische Sprache eines Politikers identifizieren, die vordergr&uuml;ndig, also bei oberfl&auml;chlicher Betrachtung so gef&auml;llig ist, dass wahrscheinlich viele Leser kaum &uuml;ber die Aussagen stolpern d&uuml;rften. Ist es etwa nicht so? Leben wir etwa nicht in einer Zeit &bdquo;globaler Umschw&uuml;nge&ldquo; (jeder Leser kann diese Formulierung selbst mit einem Vorstellungsbild aufladen)? Sind wir B&uuml;rger gegen&uuml;ber der Politik nicht tats&auml;chlich misstrauisch, weil wir bef&uuml;rchten, dass ein &bdquo;Gebot der Fairness&ldquo; (auch bei dieser Formulierung hat jeder vermutlich ein eigenes Bild im Kopf) nicht durchgesetzt wird? Was genau passiert in diesem Satz?<\/p><p>Die schwammige Formulierung &bdquo;globale Umschw&uuml;nge&ldquo; erzeugt eine Art Nebelwand. Sie verdeckt den Blick auf die Tatsache, dass konkret handelnde Akteure, Institutionen und Interessengruppen durch ihre Weichenstellungen oder Nichtweichenstellungen zu bestimmten Entwicklungen beigetragen haben oder diese gar erst erzeugen. <\/p><p>Wie so oft in der Sprache der Politik (aber auch der Journalisten) werden die tats&auml;chlich handelnden Akteure unsichtbar gemacht und ein abstraktes sprachliches Gebilde (die Globalisierung, der Markt usw. usf.) zum &sbquo;Leben&lsquo; erweckt, dem man dann (bequemerweise) alle Schuld zuschieben kann (vgl.: &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42566\">Mit Sprache Herrschaft verschleiern und verkl&auml;ren<\/a>&ldquo;) . Um es abzuk&uuml;rzen: &Uuml;bernimmt man diese Perspektive, dann begibt man sich auf die Ebene eines Phantomkampfes. Wie soll man auch &bdquo;globale Umschw&uuml;nge&ldquo; &sbquo;bek&auml;mpfen&lsquo; oder &sbquo;in den Griff&lsquo; kriegen. Sie sind nichts weiter als eine schattenhafte Formulierung. Warum sagt man als Politiker, der ernsthaft eine andere Politik als die vorherrschende praktizieren m&ouml;chte, nicht einen Satz wie: Keine &bdquo;globalen Umschw&uuml;nge&ldquo; sind schuld daran, dass Menschen ihr Vertrauen in die Politik verloren haben, sondern wir Politiker oder genauer: Teile meiner eigenen politischen Klasse sind diejenigen, die durch Arroganz, Inkompetenz, Machtgeilheit und katastrophale Entscheidungen zur Krise der Parteien beigetragen haben.   <\/p><p>So in etwa k&ouml;nnte ein Politiker reden, der tats&auml;chlich vorhat, an die grundlegenden Ursachen ranzugehen.  <\/p><p>Gewiss: Man muss nicht jeden Satz eines Politikers in einem Interview auf die Goldwaage legen. Wir wissen auch an der Stelle nicht, ob Habeck diesen Satz tats&auml;chlich so gesagt hat oder ob er erst im Laufe des Autorisierungsprozesses Eingang in das Interview gefunden hat (was es nicht besser machen w&uuml;rde). Nur: Gerade bei einem Politiker, der so beliebt ist und den Medien so hypen, sollte man genauer schauen und auf die Sprache achten. Und so ein Satz darf einen ruhig hellh&ouml;rig werden lassen. <\/p><p>Von den Aussagen Habecks ist es nicht weit zur Medienkritik. Aufgabe von Journalisten w&auml;re es, auf solche scheinbar unverd&auml;chtigen S&auml;tze zu achten und nachzuhaken. Doch genau das passiert nicht. Und der Grund ist offensichtlich: Zumindest ein Teil der Journalisten nimmt die politische und soziale Realit&auml;t &auml;hnlich wahr wie so manche Politiker, die sie interviewen und sehen in derlei Aussagen wie den hier zitierten offensichtlich keinerlei Problem. <\/p><p>Vom kritischen Journalismus ist wieder einmal keine Spur, aber, immerhin: Stattdessen r&uuml;cken <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2019-06\/robert-habeck-die-gruenen-harald-welzer-philcologne\/komplettansicht\">L&ouml;cher<\/a> in Habecks Socken, die eine Alphajournalistin bei einer Bahnfahrt mit dem Politiker entdeckt hat, in den Vordergrund (<a href=\"https:\/\/twitter.com\/jana_hensel\/status\/1138040875085369345\">hier<\/a> ihre Rechtfertigung).<\/p><p>Hier eine Sprache, die verschleiert, da Journalisten, die auf Nebens&auml;chlichkeiten fokussieren. Nein, so k&ouml;nnen die Gr&uuml;nde f&uuml;r die gro&szlig;en Krisen unserer Zeit und das &bdquo;Taumeln&ldquo; der gro&szlig;en Koalition nicht freigelegt werden. So werden die Ursachen versch&uuml;ttet. <\/p><p>Titelbild: StudioRoehl\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ursachen f&uuml;r die Probleme unserer Zeit benennen, Verantwortliche ans Licht zerren: Das ist das, was man von einem Politiker erwarten darf, der gerade als m&ouml;glicher Kanzler im Gespr&auml;ch ist. Der Gr&uuml;nen-Politiker <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52285\">Robert Habeck<\/a> ist beliebt und viele Medien sind an dem Hype nicht unbeteiligt. Doch vor kurzem hat der Co-Parteichef der Gr&uuml;nen an prominenter<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52545\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":52546,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[198,183,11],"tags":[2366,633,2299],"class_list":["post-52545","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-einzelne-politiker-personen-der-zeitgeschichte","category-medienkritik","category-strategien-der-meinungsmache","tag-habeck-robert","tag-politikerverdrossenheit","tag-sprachkritik"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/shutterstock_1416798449.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/52545","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=52545"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/52545\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":52575,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/52545\/revisions\/52575"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/52546"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=52545"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=52545"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=52545"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}