{"id":52627,"date":"2019-06-18T13:16:06","date_gmt":"2019-06-18T11:16:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52627"},"modified":"2023-08-15T15:53:27","modified_gmt":"2023-08-15T13:53:27","slug":"brexit-game-over","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52627","title":{"rendered":"BREXIT \u2013 Game over"},"content":{"rendered":"<p>Der BREXIT, das wird nach neueren Erkenntnissen immer offensichtlicher, war ein neoliberales bzw. konservatives Projekt. Anf&auml;ngliche Hoffnungen, dass sich die Empire-Tr&auml;ume konservativer <em>Brexiteers<\/em> in eine progressive Bewegung zur Demokratisierung der EU umwandeln lassen, waren tr&uuml;gerisch. Dies wird zum einen am verzweifelten Versuch Jeremy Corbyns deutlich, der zu Zugest&auml;ndnissen bereit war, sofern man ihm garantieren w&uuml;rde, dass die Verbraucherschutzrechte im United Kingdom nicht hinter die Standards der EU zur&uuml;ckfallen w&uuml;rden. Von <strong>Matthias Berlandi<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDiejenigen Milliard&auml;re, die den BREXIT massiv mit Parteispenden unterst&uuml;tzten, hatten wohl die Hoffnung, den britischen Markt zu deregulieren und mit einem CETA &auml;hnlichen Konstrukt den Verbraucherschutz in der EU zu unterlaufen. Das vielfach abgelehnte Handelsabkommen zwischen EU und UK sah n&auml;mlich ebenfalls den Einsatz von geheim tagenden Schiedsgerichten beim Streit um die Zulassung von Produkten auf dem europ&auml;ischen Markt vor. Die Wirtschaftseliten favorisierten folglich den BREXIT mit Theresa Mays Vertrag. Da tut die Flucht in ausl&auml;ndische Steuerparadiese nichts zur Sache, denn das UK w&auml;re in dieser Konstruktion lediglich das Transitland f&uuml;r billig produzierte Elektronikprodukte aus Fernost.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Lediglich der Import-Export im UK w&auml;re gewachsen. Dass der im Handel generierte Wohlstand aber nicht bei der Mehrheit der B&uuml;rger ankommen muss, kann man am Beispiel der Bundesrepublik paradigmatisch beobachten.<\/p><p>Gescheitert ist dieses Einseifen der britischen B&uuml;rger nicht an der kritischen &Ouml;ffentlichkeit. Erschreckender Weise haben sich seit dem BREXIT-Votum die Mehrheitsverh&auml;ltnisse f&uuml;r oder gegen einen BREXIT kaum ver&auml;ndert, anders als der Alarmismus um Nigel Farages neue BREXIT-Partei bei der EU-Wahl suggeriert. Immer noch haben 42,5% der W&auml;hlerInnen Parteien gew&auml;hlt, die f&uuml;r den BREXIT pl&auml;dieren und 52,9% solche, die f&uuml;r den Verbleib in der EU werben. Wahrscheinlich haben einige BREXIT-Bef&uuml;rworter die EU-Wahlen boykottiert, sodass es bei einem erneuten Referendum wieder auf die F&auml;higkeit der beiden Lager ank&auml;me, W&auml;hler zu mobilisieren.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Es ist folglich der Weitsicht Jeremy Corbyns zu verdanken, dass er sich auf keinen faulen Handel mit Theresa May eingelassen hat. Auch der Vorwurf, der an ihn von linker Seite herangetragen wird, dass er sich nicht klar genug hinter die EU stelle, ist &uuml;berkritisch. Denn es gibt im UK ein Plebiszit f&uuml;r den Austritt aus der EU und will Labour Mehrheiten hinter sich versammeln, w&auml;re eine klare Positionierung gegen das BREXIT-Votum genau die Munition, welche die konservative Presse br&auml;uchte, um Corbyn als antidemokratischen Kommunisten zu brandmarken, was sie sowieso schon versucht. Dies w&uuml;rde noch mehr wertvolle Stimmen der Generationen jenseits der 50 kosten.<\/p><p>Kommunikation findet immer in einem politischen Raum statt. Will man dort erfolgreich sein, muss man wohl oder &uuml;bel einige Grundkonstellationen akzeptieren. Konservative sind auch deshalb bei &auml;lteren W&auml;hlerinnen und W&auml;hlern so erfolgreich, weil sie sich erfolgreich in der medialen Kommunikation als besonders regierungskompetent, besonnen und rational pr&auml;sentieren. Die gro&szlig;e Chance der j&uuml;ngeren konservativen Projekte wie dem BREXIT, aber auch anderen &auml;hnlichen Ph&auml;nomenen in anderen europ&auml;ischen L&auml;ndern, f&uuml;hrt zu einer &sbquo;Amerikanisierung&lsquo; der politischen Verh&auml;ltnisse. Nun sind es v.a. die Konservativen, die mit antidemokratischen Forderungen, wilden konservativen Utopien und blanker Realit&auml;tsleugnung in den Medien auffallen. Selbst die etablierten Medien haben mehr und mehr Schwierigkeiten, diese realit&auml;tsfernen &Auml;u&szlig;erungen noch in der politischen Mitte zu verorten.<\/p><p>Das bietet eine Chance f&uuml;r linke Parteien, mit Besonnenheit und unersch&uuml;tterlicher Faktentreue diese Selbstdarstellung der Konservativen zu untergraben und sich selbst anzueignen. Im Grunde geht es darum, die Wahlkampfstrategie der Clintons der 90er Jahre in ihr Gegenteil zu verkehren. Diese bestand in dem Slogan &bdquo;<em>liberal on the issues; conservative on the spending<\/em>&rdquo;, was so viel bedeutet wie: &lsquo;Lippenbekenntnisse zu Diversit&auml;t und Antidiskriminierung, aber an den &ouml;konomischen Verh&auml;ltnissen und insbesondere der Interventionspolitik nichts &auml;ndern.&lsquo; Allen linken Parteien sei deshalb geraten, &bdquo;<em>conservative on the issues; progressive on the spending<\/em>&ldquo;, womit nat&uuml;rlich keine Agitation gegen Minderheiten im Sinne von Annegret Kramp-Karrenbauer gemeint sein soll, sondern schlicht das Aneignen einer Haltung, die bereits eine staatstragende Souver&auml;nit&auml;t ausstrahlt, neben der die Konservativen ignorant und l&auml;cherlich aussehen: &bdquo;<em>Back to Reason<\/em>&ldquo; statt &bdquo;<em>Take back Control<\/em>&ldquo; w&auml;re mein Vorschlag f&uuml;r Corbyns n&auml;chsten Wahlkampfslogan.<\/p><p>Gleichzeitig scheiterte der BREXIT an dem, was am besten mit dem englischen Wort &sbquo;<em>Gambling<\/em>&lsquo; beschrieben wird. In &uuml;blicher konservativer Manier zeichnete man ein wirtschaftliches Katastrophenszenario im Falle eines BREXITs ohne Handelsabkommen und versuchte so, indem man die Abstimmungen unmittelbar vor dem vertraglich angesetzten Austrittstermin, dem 29. M&auml;rz, abhielt, die Mehrheit der Abgeordneten davon zu &uuml;berzeugen, das einseitig zu Gunsten der Gro&szlig;konzerne ausgerichtete Handelsabkommen durch das Parlament zu peitschen.<\/p><p>Dass diese Einsch&auml;tzung eine gewisse Plausibilit&auml;t hat, zeigen die Ereignisse direkt im Anschluss. Denn nachdem Mays Pl&auml;ne scheiterten und ein Austritt ohne Abkommen tats&auml;chlich auch Personen wie Jim Ratcliffe finanziell schaden w&uuml;rde, war es mit dem Austritt pl&ouml;tzlich nicht mehr so eilig. Die EU war zu allen denkbaren Verl&auml;ngerungen bereit, nun sogar selbst &uuml;ber den 31. Oktober hinaus, und in der konservativen Presse wird bereits offen dar&uuml;ber spekuliert, ob es den BREXIT jemals gibt, ob er nicht besser verschleppt werden sollte. Auch f&uuml;r die britischen Eliten gilt: In der EU ist es besser als drau&szlig;en ohne Vertrag. F&uuml;r die britischen B&uuml;rger hingegen wird sowohl ein Handelsvertrag im Sinne der Konservativen als auch der Austritt ohne Vertrag gleicherma&szlig;en eine Katastrophe.<\/p><p>Ber&uuml;cksichtigt man diese Grundkonstellation, ergibt sich folgender Ausblick f&uuml;r die handelnden Akteure: Jeremy Corbyn wird mit Labour versuchen, den BREXIT durch eine Blockadepolitik zu verschleppen, es sei denn, ein m&ouml;gliches Handelsabkommen ber&uuml;cksichtigte seine Forderungen nach Konsumentenschutz, was nach Lage der Dinge aber unwahrscheinlich ist. Viel eindr&uuml;cklicher, und hier weicht diese Analyse von denen der konservativen Presse signifikant ab, wird auch Boris Johnson voraussichtlich keinen harten BREXIT einleiten, sollte er Premierminister werden. Dazu ist seine Partei zu wirtschaftsnah.<\/p><p>&Auml;hnlich wie dies im politischen Gebaren des US-Pr&auml;sidenten Trump zu beobachten ist, werden politische Gro&szlig;entscheidungen, garniert mit Drohungen, angek&uuml;ndigt. Wenn dann der Beraterstab und informelle Gr&ouml;&szlig;en mit engen Wirtschaftskontakten aber ihre Gewinne in Gefahr sehen, erkl&auml;rt man die Probleme schlicht f&uuml;r beendet. So neulich zu beobachten am drohenden Handelskrieg zwischen den USA und China im Streit um den chinesischen Konzern Huawei.[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] Trotz allem Get&ouml;se wird Johnson entweder ein Handelsabkommen, das dem von May &auml;hnlich oder gleich sein wird, mit der EU schlie&szlig;en oder er wird den BREXIT verschleppen und versuchen, Labour daf&uuml;r die Schuld zu geben. In diesem Szenario versinkt Gro&szlig;britannien in einer mehrj&auml;hrigen Schlammschlacht, die das Land politisch l&auml;hmen wird.<\/p><p>Es bleibt zu hoffen, dass sich aus diesem politischen Chaos eine linke Mehrheit entwickeln wird. Angesichts der desastr&ouml;sen Presselage im UK, die noch wesentlich schlechter ist als hierzulande,[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] scheint aber auch diese Hoffnung aussichtslos. Abschlie&szlig;end kann hierzu ein fundierter Ausblick aber erst nach den britischen Parlamentswahlen erfolgen und so stirbt die Hoffnung auch f&uuml;r die britischen Mitstreiter bekanntlich zuletzt.<\/p><p>Titelbild: Aleksandrov Ilia\/shutterstock.com<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/britische-milliardaere-fliehen-in-steuerparadiese-a-1256778.html\">spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/britische-milliardaere-fliehen-in-steuerparadiese-a-1256778.html<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Europawahl_im_Vereinigten_K%C3%B6nigreich_2019\">de.wikipedia.org\/wiki\/Europawahl_im_Vereinigten_K%C3%B6nigreich_2019<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/unternehmen\/donald-trump-hunderte-firmen-fordern-ende-des-handelskriegs-mit-china-a-1272382.html\">spiegel.de\/wirtschaft\/unternehmen\/donald-trump-hunderte-firmen-fordern-ende-des-handelskriegs-mit-china-a-1272382.html<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.reporter-ohne-grenzen.de\/grossbritannien\/\">reporter-ohne-grenzen.de\/grossbritannien\/<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der BREXIT, das wird nach neueren Erkenntnissen immer offensichtlicher, war ein neoliberales bzw. konservatives Projekt. 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Dies wird zum einen am verzweifelten Versuch Jeremy Corbyns deutlich, der zu Zugest&auml;ndnissen bereit war, sofern man ihm garantieren w&uuml;rde,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52627\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":48502,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[22,20,30],"tags":[1843,1561,895,469,2297],"class_list":["post-52627","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-europaische-union","category-landerberichte","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-brexit","tag-corbyn-jeremy","tag-freihandel","tag-grossbritannien","tag-johnson-boris"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/shutterstock_1180824061.jpeg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/52627","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=52627"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/52627\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":52633,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/52627\/revisions\/52633"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/48502"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=52627"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=52627"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=52627"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}