{"id":52649,"date":"2019-06-20T11:45:22","date_gmt":"2019-06-20T09:45:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52649"},"modified":"2019-06-20T12:13:19","modified_gmt":"2019-06-20T10:13:19","slug":"ueber-leichen-gehen-der-makabre-wegweiser-im-wettkampf-um-den-gipfel-des-mount-everest","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52649","title":{"rendered":"\u201c\u00dcber Leichen gehen\u201d \u2013 Der makabre \u201dWegweiser\u201d im Wettkampf um den Gipfel des Mount Everest"},"content":{"rendered":"<p>Leserinnen und Leser werden sich bereits beim Titel fragen, was schert der Everest einen Lateinamerika-Korrespondenten. Nun, das kann mehrere Gr&uuml;nde haben. Anlass &uuml;ber die j&uuml;ngsten Everest-Trag&ouml;dien zu schreiben, war, dass sie auch mit dem davon mindestens 18.000 km entfernten Chile zu tun haben. Ein Bericht von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAm vergangenen 23. Mai eroberte n&auml;mlich Juan Pablo Mohr als erster Chilene den Everest-Gipfel ohne Sauerstoff-Flaschen. Davor hatte er in weniger als 100 Tagen f&uuml;nf &bdquo;Achttausender&ldquo; bestiegen; darunter, als Pionier, den Gipfel des 8.098 m hohen Mount Annapurna. Doch eine Woche zuvor verschwand Rodrigo Vivanco, ein anderer Chilene, dessen Spuren am 16. Mai beim Abstieg des 8.586m hohen Kanchenjunga &ndash; dem dritth&ouml;chsten Gipfel der Welt, in Nepal &ndash; verloschen.<\/p><p>Die chilenische Bergeslust ist kein Zufall. Im Anden-Grenzgebiet mit Argentinien thront mindestens ein halbes Dutzend knapp &ldquo;Siebentausender&rdquo;, zumeist nicht aktiver Vulkane. Der Alpinismus &ndash; regional ausgedr&uuml;ckt: der Andinismus &ndash; begann hier im Jahr 1924 mit der Gr&uuml;ndung des Deutschen Anden Vereins (DAV) und schrieb mit so mancher Pionierleistung &ndash; wie den Erstbesteigungen des 6.962 m hohen Aconc&aacute;gua und des 6.739 m hohen Llullaillaco durch Hitlers Flieger-Ass und nach Argentinien gefl&uuml;chtetem Nazi Hans-Ulrich Rudel, trotz eines orthop&auml;dischen Beines &ndash; deutsche Wegbereitung in die Andenw&auml;nde.<\/p><p>Jedoch zur&uuml;ck zur Chomolungma &ndash; &ldquo;G&ouml;ttin Mutter der Welt&rdquo; &ndash; die h&auml;ufigste, jedoch weibliche Verehrung des Everest im Tibetanischen.<\/p><p><strong>Das Everest-Gesch&auml;ft<\/strong><\/p><p>Die diesj&auml;hrige Aufstiegssaison geht in die Geschichte als die viertt&ouml;dlichste aller Zeiten ein. Bergsteiger machen schlechtes Wetter, unerfahrene Kletterer und eine Rekordzahl von Genehmigungen der nepalesischen Regierung verantwortlich. Und hier die Erkl&auml;rung f&uuml;r den seltsamen Gipfelstau, dessen Foto f&uuml;r weltweite Schlagzeilen sorgte: Jeder Gipfelanw&auml;rter muss von einem einheimischen Sherpa begleitet werden, was im Mai unmittelbar unterhalb des Gipfels zu einem Stau von mehr als 820 Bewerbern aus aller Welt f&uuml;hrte.<\/p><p>Der Stau hat jedoch zwei Erkl&auml;rungen. Zum einen geh&ouml;rt ausgerechnet der Everest zu jener Berg-Kategorie, f&uuml;r die keine Erfahrung im Bergsteigen erforderlich ist. Es gibt auch keine j&auml;hrliche Aufstiegs-Begrenzung. So erkl&auml;rte der Tourismusverband Nepals gegen&uuml;ber Associated Press, trotz der 11 Toten bei Saisoner&ouml;ffnung keine Absicht zu haben, die Anzahl der Bergsteiger-Genehmigungen zu beschr&auml;nken. Diese Haltung wird als Interessenkonflikt zwischen dem Ziel, die Tourismusbranche zu st&auml;rken, und der Sicherheit der Bergsteiger <a href=\"https:\/\/www.businessinsider.de\/mount-everest-permits-8000ers-inconsistent-2019-6?r=US&amp;IR=T\">gewertet<\/a>.<\/p><p>F&uuml;r eine Everest-Besteigung muss jeder Bewerber stolze 11.000 US-Dollar hinbl&auml;ttern. Damit nimmt die nepalesische Regierung rund <a href=\"https:\/\/economictimes.indiatimes.com\/magazines\/panache\/why-the-only-thing-tougher-than-climbing-mt-everest-is-raising-the-fund-for-it\/articleshow\/46890443.cms\">3,25 Millionen US-Dollar je Saison an Lizenzgeb&uuml;hren<\/a> ein. Everest-Expeditionen sind einer der Antriebsmotoren von Nepals Wirtschaft, vor allem f&uuml;r die Besch&auml;ftigung der Sherpas, darunter die professionellen Bergsteiger und Expeditionsleiter, und die billigeren Lastentr&auml;ger. Der Durchschnittspreis selbst eines kosteng&uuml;nstigen, sogenannten <em>Low-End<\/em>-Aufstiegs f&uuml;r Ausl&auml;nder betr&auml;gt in Nepal 42.500 US-Dollar, der Spitzenpreis jedoch 67.000 US-Dollar und satte 85.000 US-Dollar in Tibet; ann&auml;hernd je die H&auml;lfte f&uuml;r Ausr&uuml;stung und Logistik.<\/p><p>Zum anderen entwickelte sich in den vergangenen drei Jahrzehnten ein weltweiter Everest-Markt, auf dem sich todbringende Konkurrenz und entmenschlichendes Verhalten austoben.<\/p><p>Indes, was haben die meisten, vor allem die <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=U2KIpf_dfCE\">professionellen Gipfelnarren<\/a>, gemeinsam? Einen Sponsor. Der Chilene Mohr wird zum Beispiel von der Unternehmensgruppe CMPC, im Besitz des umstrittenen <a href=\"http:\/\/reddigital.cl\/2015\/11\/30\/matte_oscuro\/\">Milliard&auml;rs-Clans Matte<\/a>, unterst&uuml;tzt, der in Menschenrechtsverbrechen w&auml;hrend der Pinochet-Diktatur und F&ouml;rderung des skandalumrankten katholischen Ordens der Legion&auml;re Christi involviert ist. <a href=\"https:\/\/www.quora.com\/How-do-Everest-climbers-fund-their-trips\">Das Sponsoring<\/a> reicht von Banken &uuml;ber Ausr&uuml;stungs- und renommierte Outdoor-Marken &ndash; wie Northface, Jansport, Eureka oder Outdoor-Research &ndash; bis zu Whisky-Herstellern wie Jonny Walker und Spenden f&uuml;r wohlt&auml;tige Zwecke.<\/p><p>Nicht selten wird die Konkurrenz-Situation jedoch mit hitzigen Konfrontationen in den Medien ausgetragen. H&auml;ufigster Streitgrund ist, wessen Expedition erfolgreicher war. Dann beschuldigen sich Bergsteigergruppen gegenseitig, sich mit Photoshop frisierten Bildern <a href=\"https:\/\/www.telegraph.co.uk\/news\/worldnews\/asia\/nepal\/9356586\/Mountaineering-teams-in-dispute-over-Mount-Everest-summit-certificates.html\">&ldquo;Gipfelzertifikate&rdquo; sichern<\/a> zu wollen.<\/p><p><strong>Die Death Zone<\/strong><\/p><p>Seit Edmund Hillary im Jahr 1953 als Erster den Everest eroberte, haben sch&auml;tzungsweise 250 Bergsteiger <a href=\"https:\/\/www.ranker.com\/list\/creepy-stories-about-deaths-and-dead-bodies-on-mount-everest\/sabrina-ithal\">ihr Leben beim Versuch verloren<\/a>, den Gipfel auf 8.848 Metern zu erreichen. Von den 250 Toten gelten 200 als vermisst, doch 50 Leichen seit Ende der 1980er Jahre erfrorener, erstickter oder halluzinierter Gipfelanw&auml;rter liegen eingefroren, unber&uuml;hrt, aber erkennbar an der Stelle, an der die Everest-Besteiger zusammenbrachen. Sie befinden sich in einem Bergbereich &uuml;ber 26.000 Fu&szlig; (7.900 m), <em>death zone<\/em> &ndash; Todeszone &ndash; genannt.<\/p><p>Warum &ldquo;Todeszone&ldquo;? Wenn der menschliche K&ouml;rper diese H&ouml;henmarke erreicht, beginnt er langsam abzusterben. Deshalb wird es f&uuml;r Kletterer zum Wettlauf gegen die Zeit. Wegen der naturgegebenen Zw&auml;nge mit schwerwiegenden Folgen haben Everest-Bezwinger nur ein Zeitfenster von 48 Stunden in der Todeszone, um den Gipfel zu erreichen und wieder abzusteigen; ein Grund, weshalb sie permanent gebeten werden, Sauerstoff-Flaschen im Gep&auml;ck zu tragen.<\/p><p>Da der Sauerstoffbestand &uuml;ber 8.000 m nur noch ein Drittel dem des auf Meeresspiegel-H&ouml;he ausmacht, f&uuml;hlen sich die meisten Bergsteiger hier tr&auml;ge, desorientiert und ersch&ouml;pft. Der niedrige Luftdruck erh&ouml;ht das Eigengewichtsempfinden um das Zehnfache und belastet die Organe aufs Extremste. In Meeresh&ouml;he betr&auml;gt der Luftdruck im Durchschnitt 1013 hPa (Hektopascal), auf der Zugspitze ist er auf 691 hPa gesunken und auf dem Mount Everest ist er mit 314 hPa extrem niedrig.<\/p><p>Wikipedia fasst Ursachen und Ablauf der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/H%C3%B6henkrankheit\">H&ouml;henkrankheit<\/a> zusammen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Neben der dadurch bereits verminderten Sauerstoffaufnahme f&uuml;hrt der geringe Sauerstoff-Partialdruck zu einer Verengung der Blutgef&auml;&szlig;e in der Lunge (pulmonale Vasokonstriktion; siehe Euler-Liljestrand-Mechanismus) und somit zu einem weiteren Absinken des Sauerstoffgehalts im Blut. Es tritt eine Sauerstoffunterversorgung des K&ouml;rpers (Hypoxie) ein. Die k&ouml;rpereigene Atemregulation wirkt dem nicht entgegen, da sie vornehmlich auf den Kohlendioxidgehalt des Blutes reagiert. Dieser steigt bei abnehmendem Luftdruck aber nicht an. Als weitere Komplikationen k&ouml;nnen ein H&ouml;henlungen&ouml;dem und ein H&ouml;henhirn&ouml;dem eintreten.<\/p>\n<p>Aufgrund des herrschenden Sauerstoffmangels kommt es zu einer reflektorischen Hyperventilation, die durch vermehrtes Abatmen von CO2 zu einer respiratorischen Alkalose f&uuml;hrt (eine Anhebung des pH-Wertes im Blut, das Blut wird ents&auml;uert bzw. alkalischer).<\/p>\n<p>Dies erzeugt Kopfschmerzen, Verwirrung und Sinnest&auml;uschungen. Durch eine gute Akklimatisierung kann die Niere diesen Effekt teilweise kompensieren, aber oberhalb von 7.000 Metern ist auch diese Gegenregulation nicht mehr ausreichend m&ouml;glich. Au&szlig;erdem kommt es aufgrund der Entw&auml;sserung (Dehydration) zu einer akuten Nierenleistungseinschr&auml;nkung und die metabolische Kompensation der Alkalose (Stoffwechsel-Ausgleich) f&auml;llt weg.<\/p>\n<p>In Lunge und Gehirn verengen sich die Blutgef&auml;&szlig;e aufgrund der Selbstregulation. Im Gehirn ist der niedrige CO2-Partialdruck, in der Lunge der niedrige O2-Partialdruck f&uuml;r diese Gef&auml;&szlig;verengung ausschlaggebend. Als besondere Form einer Atemst&ouml;rung kann in ausgepr&auml;gten F&auml;llen eine Cheyne-Stokes-Atmung bestehen.<\/p>\n<p>Im gro&szlig;en Kreislauf stellt sich ein hoher systolischer Blutdruck aufgrund der sympathischen Aktivierung ein, wodurch es im Hirn zum Abpressen von Fl&uuml;ssigkeit kommt und sich lebensgef&auml;hrliche &Ouml;deme bilden. Hier hilft nur sofortiger Abtransport in niedere H&ouml;hen, Sauerstoffbeatmung und eventuell eine Druckkammerbehandlung. Gro&szlig;e Expeditionen f&uuml;hren zu diesem Zweck oft einen Gamow-Sack mit sich, der in Grenzen eine mobile Druckkammer-Funktionalit&auml;t bietet.<\/p>\n<p>Das H&ouml;henlungen&ouml;dem ist von zunehmender Luftnot und von einem Fl&uuml;ssigkeits&uuml;bertritt in die Lungenbl&auml;schen eventuell mit schaumigem oder blutigem Auswurf gekennzeichnet&hellip;&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Allerdings sind Sauerstoffmangel und Niedrigst-Luftdruck nicht alles: Zwischen Juni, im Hochsommer, und Januar, im tiefsten Winter, <a href=\"https:\/\/www.topchinatravel.com\/mount-everest\/the-climate-of-mount-everest.htm\">schwanken die Temperaturen<\/a> hier zwischen -18 &deg;C und -40 &deg;C. Wird ein Bergsteiger jedoch von einem Gipfelsturm mit bis zu 250 km\/h erfasst, st&uuml;rzt er in einen thermischen Abgrund von -60 &deg;C, aus dem es kein Zur&uuml;ck ins Leben gibt.<\/p><p>&Uuml;ber Leichen gehen<\/p><p>&bdquo;Wenn jemand auf dem Everest stirbt, ist es insbesondere in der Todeszone fast unm&ouml;glich, seinen K&ouml;rper zu bergen&ldquo;, <a href=\"https:\/\/www.ranker.com\/list\/creepy-stories-about-deaths-and-dead-bodies-on-mount-everest\/sabrina-ithal\">schreibt<\/a> die US-Autorin <a href=\"https:\/\/www.ranker.com\/profile-of\/sabrina-ithal\">Sabrina Ithal<\/a>. Aufgrund der unertr&auml;glichen Wetterbedingungen, des akuten Sauerstoffmangels, des Drucks, der die Leichen schwerer macht, und der Tatsache, dass viele gefrorene Leichen auf dem Everest regelrecht am Bergboden festkleben, liegen die meisten K&ouml;rper unbeweglich an Ort und Stelle, an denen der Bergsteiger zusammenbrach.<\/p><p>Es kommt vor, dass Familienangeh&ouml;rige die Leiche eines Geliebten zu bergen versuchen, doch Expeditionen dieser Art k&ouml;nnen bis zu 25.000 US-Dollar kosten und seien f&uuml;r das Bergungsteam &auml;u&szlig;erst gef&auml;hrlich. Mit anderen Worten: Leichenbergung ist &bdquo;betriebsst&ouml;rend&ldquo; und &bdquo;zu teuer&ldquo;. Vielmehr haben die gefrorenen Leichen seitdem einen &bdquo;praktischen&ldquo; Nutzen: Sie werden beim Aufstieg tausender Nachfolger als benchmarks (Wegweiser) benutzt, wie Autor Strambotic bereits im November 2017 in der spanischen Zeitung P&uacute;blico die <a href=\"https:\/\/blogs.publico.es\/strambotic\/2017\/11\/mojones-montaneros-everest\/\">makabre Aufstiegsschneise zum Everest-Gipfel<\/a> beschrieb.<\/p><p>Einer der ersten &ldquo;Wegweiser&ldquo;, die von Gipfelsteigern gefunden wurden, ist der &ldquo;Begr&uuml;&szlig;er&rdquo;, so genannt, weil seine offenen Arme zur Gru&szlig;-Geste auszuholen scheinen. Wie so viele andere verharrt er in derselben K&ouml;rperhaltung, in der er vor vielen Jahren hinfiel. Ihm folgt die Leiche des Inders Tsewang Paljor, genannt &ldquo;Gr&uuml;ne Stiefel&ldquo;. Er kam w&auml;hrend einer Wetterkatastrophe im Jahr 1996 ums Leben &ndash; dem nach Experten-Meinung t&ouml;dlichsten Tag in der Geschichte des Everests &ndash; an dem 15 Bergsteiger innerhalb von 24 Stunden einem w&uuml;tenden und eisigen Orkan zum Opfer fielen.<\/p><p>&bdquo;Ich kann immer noch nicht glauben, was ich dort oben gesehen habe&rdquo;, erz&auml;hlte der <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2019\/may\/28\/walking-over-bodies-mountaineers-describe-the-carnage-at-the-top-of-mount-everest\">kanadische Abenteuer-Filmemacher Elia Saikaly<\/a> Ende vergangenen Mai dem britischen <em>The Guardian<\/em> &uuml;ber die letzten Stunden seines Aufstiegs. &bdquo;Tod. Gemetzel. Chaos. Warteschlangen. Leichen auf dem Weg und in Zelten, im Lager 4 Menschen, die ich zum Umkehren bewegte und die am Ende starben. Leute, die in die Tiefe gesaugt werden. &Uuml;ber K&ouml;rper gehen. Alles, was Sie in den sensationellen Schlagzeilen lesen, spielte sich in unserer Gipfelnacht ab&ldquo;, emp&ouml;rte sich Saikaly &uuml;ber Bergsteiger, die kaltbl&uuml;tig &uuml;ber Leichen stolperten. In einem Satz: &uuml;ber die Verrohung und Entmenschlichung auf der B&uuml;hne, auf der das Everest-Fieber seinen Preis fordert.<\/p><p>Niemals zuvor hatte der Everest den Medien ein Bild vermittelt wie bei Er&ouml;ffnung der 2019er Saison: Ein Stau hunderter Bergsteigerinnen und Bergsteiger aus aller Welt versuchte auf dem schmalen letzten Aufstiegsgrat zum Gipfel die Balance zu halten; einen engen Zentimeter vom Absturz in den Abgrund entfernt. Ihnen auf der Spur folgten mindestens weitere 600 Gipfelanw&auml;rter.<\/p><p>Bereits in den ersten Mai-Tagen drohten 11 Todesopfer einen neuen, fatalen Weltrekord zu brechen, nachdem ein amerikanischer Arzt beim Abstieg vom Gipfel get&ouml;tet worden war. Ein australischer Kletterer wurde bewusstlos aufgefunden, jedoch rechtzeitig auf einem Yak bergab transportiert. Er &uuml;berlebte.<\/p><p>&bdquo;Ich bin auf einen toten Bergsteiger gesto&szlig;en. &hellip; Sein K&ouml;rper war an einem Ankerpunkt zwischen zwei Sicherheitsleinen befestigt und jeder Gipfelst&uuml;rmer musste &uuml;ber diesen Menschen steigen&rdquo;, beklagte Saikaly.<\/p><p>&bdquo;F&uuml;r Menschen auf Meeresh&ouml;he, die keine Bergsteiger sind und noch nie &uuml;ber 8.000 Meter waren, ist es schwierig, dieses spezielle Szenario zu verstehen. Wenn Sie auf dem Everest sind und sich in der Todeszone befinden und kaum noch richtig denken k&ouml;nnen, staut sich eine komplizierte Situation auf und Sie erkennen, dass Ihr Schicksal dasselbe sein k&ouml;nnte. Mit jenem Antrieb, der Sie den Berg hinaufjagt, k&ouml;nnen Sie nichts tun. Sie haben wirklich keine andere Wahl, als weiterzumachen&rdquo;, seufzte der Kanadier.<\/p><p>Der Kanadier <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/chad.gaston\/?utm_source=ig_embed\">Chad Gaston<\/a>, der den Gipfel erfolgreich bezwang, bedauerte die Schwierigkeit, eingeschr&auml;nkte Menschen beim Aufstieg zu &uuml;berholen, zum Beispiel einen Mann, der &bdquo;wie eine Mumie&rdquo; mit um ihn gebundenen Seilen verwoben war. Vom Guardian zitiert, beschrieb er die Szene: &bdquo;Der Bergsteiger reagierte nicht und ich habe ihn nie seine Augen &ouml;ffnen sehen.&rdquo;<\/p><p>Weiter oben sah er einen Mann, der &bdquo;seine Brust hielt und sich vorbeugte&ldquo;. Gaston sagte: &bdquo;Ich wartete einen Moment und nachdem er sich nicht bewegt hatte, n&auml;herte ich mich ihm. Er sagte, es fiele ihm schwer zu atmen, obwohl ich sah, dass seine Sauerstoffmaske in Ordnung war. Er war in einer wirklich schlechten Verfassung, hatte ein blasses Gesicht, redete Zusammenhangloses und zitterte &hellip; Ich f&uuml;hle mich traurig nach der Mitteilung, dass er in dieser Nacht auf dem Berg von uns gegangen ist&rdquo;.<\/p><p>Die Gipfel-Dramen f&uuml;llen hunderte von Zeitungsseiten. Ein australischer Bergsteiger wurde bewusstlos auf dem Gipfel gefunden und als Gilian Lee identifiziert. Der Mann aus Canberra, der die grauenvolle 2015er Lawine auf dem Everest &uuml;berlebt hatte, versuchte es zum vierten Mal ohne zus&auml;tzlichen Sauerstoff &ndash; und brach zusammen. Von einem nepalesischen Team entdeckt, wurde er von einem zuf&auml;llig nahen Yak circa 1.000 Meter den Berg hinunter zu einem Fahrzeug transportiert, das auf ungef&auml;hr 5.600 Metern stationiert war und auf die Intensivstation des Krankenhauses Kathmandu geflogen.<\/p><p>Lee schrieb &uuml;ber seine Erfahrungen im Jahr 2015, als der Berg am 25. April von einer Lawine getroffen wurde, die durch ein Erdbeben der St&auml;rke 7,8 ausgel&ouml;st worden war. &bdquo;Ich f&uuml;hlte, wie der Boden bebte und eine seitliche Bewegung von etwa 20 cm mich im Zelt aus dem Gleichgewicht brachte. Wir h&ouml;rten den Beginn der Lawine und sie baute sich weiter auf &hellip; Die gr&ouml;&szlig;te vertikale, sch&auml;tzungsweise 50 m hohe Schneewand bewegte sich direkt bergauf auf uns zu&rdquo;.<\/p><p>Die Todesf&auml;lle haben eine Debatte dar&uuml;ber wiederbelebt, ob f&uuml;r den Everest eine effektive Gesetzesregelung erforderlich ist, insbesondere auf nepalesischer Seite, wo in diesem Jahr 381 Klettergenehmigungen ausgestellt wurden. Alan Arnette, ein erfahrener Bergsteiger und Berg-Chronist, sagte, dass Bergsteiger, die stundenlang auf &uuml;berf&uuml;llten Gipfeln warten und Druck auf die Sauerstoffversorgung aus&uuml;ben, wahrscheinlich f&uuml;r f&uuml;nf der 21 Todesf&auml;lle in dieser Saison verantwortlich sind. Das &Uuml;brige k&ouml;nnte auf mangelnde Ausbildung, Unerfahrenheit, verborgene Gesundheitsprobleme und unzureichende Unterst&uuml;tzung durch Reiseleiter zur&uuml;ckzuf&uuml;hren sein. &bdquo;Es ist haupts&auml;chlich auf die Nachl&auml;ssigkeit der Bergsteiger zur&uuml;ckzuf&uuml;hren&rdquo;, kontert ein Sherpa.<\/p><p><strong>&bdquo;Der Everest ist zum Zirkus verkommen&rdquo;<\/strong><\/p><p>Sebasti&aacute;n &Aacute;lvaro, spanischer Protagonist der Fernsehsendung <em>Al filo de lo imposible<\/em> (Auf der Schneide des Unm&ouml;glichen) und Teilnehmer vielfacher Expeditionen rund um und zu den Gipfeln der Welt, sprach gegen&uuml;ber der kanarischen Zeitung <em>Diario de Avisos<\/em> bereits im Jahr 2012 ein <a href=\"http:\/\/www.diariodeavisos.com\/2012\/07\/el-everest-se-ha-convertido-en-un-circo\/\">vernichtendes Urteil<\/a> aus:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich kann nur eine generelle Einsch&auml;tzung dar&uuml;ber leisten, was in dieser Saison auf dem Everest (mit dem Tod eines Spaniers) passiert ist. Ich denke, der Everest ist seit langem ein Zirkus strotzender Eitelkeiten und &uuml;bertriebener Ambitionen. Der h&ouml;chste Berg der Erde ist als Ware von jenem kommerziellen Kreislauf aufgesaugt worden, in dem banal verkauft und gekauft wird. Pl&ouml;tzlich musste man h&ouml;ren, dass jeder die M&ouml;glichkeit haben sollte, den Everest auf sichere Weise zu besteigen, wie es so sch&ouml;n in der Werbung der Handelsagenturen hei&szlig;t.<\/p>\n<p>Die Banalisierung des Everest und anderer Berge ist jedoch ein sehr schwerwiegender Fehler, der teuer bezahlt wird. Ganz zu schweigen davon, dass 4 Prozent der Menschen, die versuchen, den Everest zu besteigen, sterben und im Berg bleiben. Schlimmer als r&uuml;cksichtslose Haltung ist dies ein Betrug. Auf der anderen Seite und wegen dem Geld, das in Umlauf geriet, schie&szlig;en neue kommerzielle Agenturen wie Pilze aus dem Boden, die immer billiger und schlechter werden und um neue Kunden wetteifern. Das Ergebnis dieser perversen Verbindung &ndash; Geld, Eitelkeit und Unvorsichtigkeit &ndash; kann verheerend sein. Ich bin &uuml;berzeugt, dass das Schlimmste noch bevorsteht &hellip;&ldquo;.\n<\/p><\/blockquote><p>Titelbild: Saulius Damulevicius\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leserinnen und Leser werden sich bereits beim Titel fragen, was schert der Everest einen Lateinamerika-Korrespondenten. Nun, das kann mehrere Gr&uuml;nde haben. Anlass &uuml;ber die j&uuml;ngsten Everest-Trag&ouml;dien zu schreiben, war, dass sie auch mit dem davon mindestens 18.000 km entfernten Chile zu tun haben. Ein Bericht von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":52650,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[20,161],"tags":[2677,1310,2676],"class_list":["post-52649","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-landerberichte","category-wertedebatte","tag-nepal","tag-sponsoring","tag-tourismusindustrie"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/shutterstock_512265949.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/52649","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=52649"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/52649\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":52653,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/52649\/revisions\/52653"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/52650"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=52649"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=52649"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=52649"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}