{"id":52757,"date":"2019-06-25T09:01:41","date_gmt":"2019-06-25T07:01:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52757"},"modified":"2019-07-05T11:07:13","modified_gmt":"2019-07-05T09:07:13","slug":"der-feind-meines-feindes-die-merkwuerdige-symbiose-zwischen-gruenen-und-afd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52757","title":{"rendered":"Der Feind meines Feindes \u2026 die merkw\u00fcrdige Symbiose zwischen Gr\u00fcnen und AfD"},"content":{"rendered":"<p>Die Gr&uuml;nen haben es erfolgreich geschafft, sich selbst in der &Ouml;ffentlichkeit als eine Art Antithese zur AfD darzustellen. Gr&uuml;ne und AfD &ndash; das ist mittlerweile fast ein symbiotisches Verh&auml;ltnis. Die Einen profitieren von der Angst vor Fremden, die Anderen von der Angst vor Fremdenfeindlichkeit. Die Einen haben Angst vor Deutscht&uuml;melei, die Anderen vor Multikulti. Die Einen bef&uuml;rchten, dass &bdquo;der kleine Mann&ldquo; die Zeche f&uuml;r den Klimaschutz bezahlen muss, den Anderen kann es bei diesem Thema nicht schnell genug gehen. Zwei Welten prallen aufeinander und die politische Debatte wir immer aufgeladener. Wer die Gr&uuml;nen aus progressiver Perspektive heraus kritisiert, l&auml;uft heute sogar Gefahr, als &bdquo;Erf&uuml;llungsgehilfe&ldquo; der AfD zu gelten. Klar, wer gegen die &bdquo;Guten&ldquo; ist, muss Teil des &bdquo;B&ouml;sen&ldquo; sein. Das ist nat&uuml;rlich unterkomplex, aber in einer Zeit des Lagerdenkens und der Querfronthysterie durchaus wirkungsvoll. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1484\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-52757-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190625_Die_merkwuerdige_Symbiose_zwischen_Gruenen_und_AfD_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190625_Die_merkwuerdige_Symbiose_zwischen_Gruenen_und_AfD_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190625_Die_merkwuerdige_Symbiose_zwischen_Gruenen_und_AfD_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190625_Die_merkwuerdige_Symbiose_zwischen_Gruenen_und_AfD_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=52757-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190625_Die_merkwuerdige_Symbiose_zwischen_Gruenen_und_AfD_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"190625_Die_merkwuerdige_Symbiose_zwischen_Gruenen_und_AfD_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Das Parteienspektrum ist in Aufruhr. Die CDU gilt sp&auml;testens seit Rezo als Rentnerpartei, die irgendwann im letzten Jahrtausend den Anschluss an die Lebenswirklichkeit der U60-Generationen verloren hat. W&auml;hrenddessen ist die SPD so sehr mit ihrer Selbstzerst&ouml;rung besch&auml;ftigt, dass man sich eigentlich gar nicht mehr mit ihr befassen will. Die vor drei Jahren noch so gehypte FDP scheint ihren Relaunch als hippe Lindner-Partei verbockt zu haben und die Linke hat zwar gr&ouml;&szlig;tenteils tolle Inhalte, von denen jedoch kaum jemand etwas mitbekommt und nach dem R&uuml;ckzug von Sahra Wagenknecht aus der F&uuml;hrungsriege macht sich ohnehin Hoffnungslosigkeit breit. <\/p><p>Tristesse allenthalben. Klar, die Trendparteien der letzten zwei, drei Jahre sind die Gr&uuml;nen und die AfD; zwei Parteien, die unabh&auml;ngig von den Fehlern der anderen Parteien ganz einfach das Gl&uuml;ck hatten, im Zeitgeist hart am Wind zu surfen und f&uuml;r die &bdquo;gro&szlig;en Debatten&ldquo; der TV-Talkshows klare &ndash; meist vollkommen kontr&auml;re &ndash; Positionen einnehmen zu k&ouml;nnen. <\/p><p>Zun&auml;chst stand die Fl&uuml;chtlings- und die Migrationsfrage ganz oben auf der aufmerksamkeits&ouml;konomischen Agenda. Die Gr&uuml;nen feierten sich und ihren Anhang als bunte und weltoffene Community, die so unglaublich nett und multikulturell ist und die Fl&uuml;chtlinge mit einem &bdquo;Refugees Welcome!&ldquo; begr&uuml;&szlig;te &ndash; und sei es nur, um die &bdquo;Nazis&ldquo; von der AfD zu &auml;rgern. Die AfD gab dem Drehbuch der politischen Debatte folgend mit Grandezza den B&ouml;sewicht, der Fl&uuml;chtlingskinder am liebsten entweder ersaufen oder an der Grenze erschie&szlig;en lassen w&uuml;rde und sich selbst als letztes Bollwerk des christlichen Abendlandes darstellte, der die von den Gr&uuml;nen herbeigesehnte Islamisierung verhindern kann. <\/p><p>Diese beiden Positionen bildeten das Image von Gr&uuml;nen und AfD und nebenbei eine Symbiose. Die Gr&uuml;nen stilisierten sich als AfD-Verhinderer, die AfD analog dazu als Gr&uuml;nen-Verhinderer. Die einen waren nun das Bollwerk gegen braune, die anderen das Bollwerk gegen &bdquo;links-gr&uuml;n-versiffte&ldquo; Politik. Und da weite Teile der W&auml;hlerschaft in Zeiten von Anne Will, Facebook und BILD keine Lust auf Differenziertheit oder gar sachpolitische Abw&auml;gungen haben, gewannen die beiden Extreme am Rand immer mehr Anh&auml;nger &ndash; und sei es nur, um dem &ouml;ffentlich zelebrierten Extrem der Gegenseite ein Kontra zu geben. Leise Zwischent&ouml;ne hatten da kaum eine Chance.<\/p><p>Als die Fl&uuml;chtlingszahlen zur&uuml;ckgingen und die Migrationsdebatte ihren Drive verlor, eroberte ein neues Themenpotpourri die Herzen der Menschen. Nun ging es um Diesel, Feinstaub, Lungen&auml;rzte, Greta, das Klima und das Ende der Welt. Und dann kamen auch noch Sch&uuml;ler, die nicht etwa Killerspiele zockten, sondern auf einmal politisch mitreden wollten. Wieder schafften es die Gr&uuml;nen und die AfD, in der &Ouml;ffentlichkeit die beiden Extrempositionen an den R&auml;ndern einzunehmen. Hier die Gr&uuml;nen, die zwar realpolitisch auch nie viel f&uuml;r die Umwelt oder das Klima getan haben, aber alleine vom Image her die Klimapartei schlechthin sind und nun auch noch dank der demonstrierenden Kinder und Jugendlichen als Partei der Zukunft gelten. Und auf der anderen Seite die AfD, die treu zum deutschen Diesel steht, Verbote im Namen des Klima- und Umweltschutzes rigoros ablehnt, Greta f&uuml;r eine Verschw&ouml;rung h&auml;lt und den menschgemachten Klimawandel ohnehin bestreitet &ndash; dies alles nat&uuml;rlich im Namen des kleinen Mannes, der unter den Verboten der &bdquo;Klimahysteriker&ldquo; am meisten zu leiden habe.<\/p><p>Schwarz und wei&szlig;, den Luxus von Graut&ouml;nen k&ouml;nnen und wollen sich viele B&uuml;rger offenbar nicht mehr leisten und pilgern stattdessen zu den zwei neuen Trendparteien. Nun ist es ja nicht so, dass dieses duale System vollkommen neu in der Politik w&auml;re. Seit Don Camillo und Peppone war die klassische Aufteilung in &bdquo;links&ldquo; und &bdquo;rechts&ldquo;, &bdquo;sozialistisch&ldquo; und &bdquo;b&uuml;rgerlich&ldquo;, &bdquo;progressiv&ldquo; und &bdquo;reaktion&auml;r&ldquo; die vorherrschende Zweiteilung der Gesellschaft und der politischen Kr&auml;fte. <\/p><p><strong>Doch hier ist Obacht geboten, denn anders als bei der klassischen Zweiteilung der politischen Kr&auml;fte sind Gr&uuml;ne und AfD nur bei einigen wenigen Themen wirklich grundverschiedener Meinung. Gerade bei den eigentlich doch so wichtigen sozialen und &ouml;konomischen Themen sind die Unterschiede zwischen diesen beiden Parteien eher gering.<\/strong><\/p><p>Sowohl Gr&uuml;ne als auch AfD sind im Kern marktliberal und stehen &ndash; wenn auch mit unterschiedlichen Facetten &ndash; f&uuml;r die neoliberale Politik der letzten Jahrzehnte. W&auml;ren sozialpolitische oder  wirtschaftspolitische Themen die &bdquo;Trendthemen&ldquo; der Talkshows, w&uuml;rde die Symbiose zwischen den Gr&uuml;nen und der AfD l&auml;ngst nicht so gut funktionieren. Wenn es beispielsweise um Verteilungsgerechtigkeit ginge, k&auml;me es wohl noch nicht einmal zu einem Streit zwischen den beiden Parteien, da man im Gro&szlig;en und Ganzen ohnehin den Status quo eigentlich ganz gut findet. <\/p><p><strong>Dies freut nat&uuml;rlich vor allem diejenigen, die mit einer progressiven sozio&ouml;konomischen Politik ohnehin nichts anfangen k&ouml;nnen. Oder um es zuzuspitzen:&nbsp;Die Eliten k&ouml;nnen mit der Gr&uuml;nen- und AfD-Fokussierung sehr gut leben, da sie mittel- bis langfristig dazu f&uuml;hrt, dass die politische Macht im b&uuml;rgerlich-liberalen Spektrum bleibt und Gewerkschaften sowie Sozialverb&auml;nde marginalisiert werden.<\/strong><\/p><p>Und genau darum ist es auch so wichtig, die Gr&uuml;nen immer wieder auch <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52285\">aus progressiver Perspektive heraus zu kritisieren<\/a>. Es gibt mehr als schwarz-wei&szlig; und wer die Gr&uuml;nen kritisiert, ist deshalb selbstverst&auml;ndlich kein Erf&uuml;llungsgehilfe der AfD. Ganz im Gegenteil. Wenn man die Gr&uuml;nen daf&uuml;r kritisiert, dass sie sozial- und wirtschaftspolitisch nicht nur riesige Defizite haben, sondern am neoliberalen polit&ouml;konomischen Status quo festhalten, wird sicherlich kein Gr&uuml;nen-Sympathisant sich erstaunt die Hand vor die Stirn klopfen und nun ausgerechnet die AfD w&auml;hlen, die auf diesem Feld sogar noch schlechter positioniert als die Gr&uuml;nen. Und wenn man den W&auml;hler daran erinnert, dass es sogar bei der Umwelt- und Klimapolitik, also der angeblichen Kernkompetenz der Gr&uuml;nen, eine grandiose Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit gibt, d&uuml;rfte die AfD ganz sicher keine Alternative sein. <\/p><p>Es ist ja ohnehin nicht so, dass AfD und Gr&uuml;ne um eine &auml;hnliche Klientel buhlen w&uuml;rden. Die Symbiose dieser Parteien funktioniert anders.  Wichtig w&auml;re es, die Symbiose zu zerschlagen. Doch daf&uuml;r m&uuml;sste man bei den &bdquo;Trendthemen&ldquo; auch einmal Zwischent&ouml;ne zulassen und sich um Differenziertheit bem&uuml;hen und vor allem die Themen wieder aufs Tableau holen, die gerne ignoriert werden und zentral sind. Denn ohne die Soziale Frage in den Mittelpunkt zu stellen, brauchen wir &uuml;ber Migration und Klimaschutz gar nicht zu debattieren. <\/p><p>Titelbild: hanohiki\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/586e55d134b34013b3b1e9dba44ddc4d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Gr&uuml;nen haben es erfolgreich geschafft, sich selbst in der &Ouml;ffentlichkeit als eine Art Antithese zur AfD darzustellen. Gr&uuml;ne und AfD &ndash; das ist mittlerweile fast ein symbiotisches Verh&auml;ltnis. Die Einen profitieren von der Angst vor Fremden, die Anderen von der Angst vor Fremdenfeindlichkeit. Die Einen haben Angst vor Deutscht&uuml;melei, die Anderen vor Multikulti. 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