{"id":52762,"date":"2019-06-25T11:09:41","date_gmt":"2019-06-25T09:09:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52762"},"modified":"2019-06-25T19:03:33","modified_gmt":"2019-06-25T17:03:33","slug":"die-antisemitismus-falle-wie-ein-begriff-manipuliert-und-entwertet-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52762","title":{"rendered":"Die Antisemitismus-Falle: Wie ein Begriff manipuliert und entwertet wird"},"content":{"rendered":"<p>Lanciert von der ZEIT-Stiftung und unterst&uuml;tzt unter anderem von der Bundeszentrale f&uuml;r politische Bildung ist am 12. Juni eine neue Webseite <a href=\"https:\/\/www.juedische-allgemeine.de\/politik\/griffig-konkret-und-alltagsnah\/\">vorgestellt<\/a> worden, auf der &uuml;ber Antisemitismus im Alltag aufgekl&auml;rt werden soll. Pr&auml;sentiert werden dort Aussagen, die den Machern zufolge &bdquo;offen oder versteckt antisemitisch&ldquo; sind, sowie Argumente, mit denen solchen &Auml;u&szlig;erungen begegnet werden kann. Der Ansatz erscheint l&ouml;blich, doch schaut man genauer hin, stellen sich Fragen &ndash; die letztlich zum Kern des deutsch-israelischen Verh&auml;ltnisses f&uuml;hren. Von <strong>Paul Schreyer<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9864\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-52762-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190625_Die_Antisemitismus_Falle_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190625_Die_Antisemitismus_Falle_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190625_Die_Antisemitismus_Falle_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190625_Die_Antisemitismus_Falle_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=52762-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190625_Die_Antisemitismus_Falle_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"190625_Die_Antisemitismus_Falle_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>So findet sich auf der neuen Webseite &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.stopantisemitismus.de\/\">Stop Antisemitismus<\/a>&ldquo; neben vielen klar rassistischen Formulierungen auch folgendes Zitat, zugeschrieben einer Lehrerin aus Frankfurt am Main: &bdquo;Ich habe nat&uuml;rlich nichts gegen Juden, die sind f&uuml;r mich ganz normale Menschen wie alle anderen. Aber das, was in Israel passiert, kann ich als Menschenrechtlerin einfach nicht hinnehmen.&ldquo; Diese Aussage wird als antisemitisch eingeordnet. Dass sich die Lehrerin als Menschenrechtlerin bezeichne, sei zudem eine &bdquo;Selbsterh&ouml;hung&ldquo;, die &bdquo;auf eine arrogante, selbstgerechte Haltung&ldquo; hinweise. Der Nahostkonflikt sei h&auml;ufig eine &bdquo;Projektionsfl&auml;che f&uuml;r judenfeindliche Gef&uuml;hle&ldquo;. Weiter hei&szlig;t es auf der Webseite:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Das, was sich viele Menschen nicht &uuml;ber Juden zu sagen trauen, ersetzen sie mit &lsquo;die Israelis&rsquo; oder &lsquo;Israel&rsquo; und w&auml;hnen sich damit auf der sicheren Seite. (&hellip;) Die Lehrerkraft stellt einen expliziten Zusammenhang her, indem sie zun&auml;chst von &lsquo;den Juden&rsquo; spricht, gegen die sie nichts habe, und im weiteren dann von Israel, ganz so als seien &lsquo;die Juden&rsquo; mit dem Staat Israel identisch. (&hellip;) Gleichzeitig betont der Sprecher hier, dass es sich bei Juden um &lsquo;ganz normale Menschen wie alle anderen&rsquo; handelt. Wenn er oder sie das wirklich denken w&uuml;rde, m&uuml;sste diese Aussage nicht noch extra hervorgehoben werden. Der Sprecher hier ist eine Lehrkraft. Bildung sch&uuml;tzt leider nicht vor antisemitischen Denkmustern.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Der Kommentar macht deutlich, wie problematisch der verfolgte Ansatz ist. Wenn schon die Aussage, &bdquo;was in Israel passiert, kann ich nicht hinnehmen&ldquo;, als antisemitisch eingestuft wird, wenn der Hinweis, man &bdquo;habe nichts gegen Juden&ldquo;, zum Beweis einer versteckten Judenfeindschaft mutiert, dann hat das notwendige Engagement gegen den realen und nicht blo&szlig; imaginierten Judenhass kaum eine Chance.<br>\nDas Beispiel ist kein Einzelfall. So wird auf der Webseite auch ein &bdquo;links-politisch engagierter Akademiker aus Berlin&ldquo; mit den Worten wiedergegeben: &bdquo;Israelkritik muss erlaubt sein&ldquo;. Auch diese Feststellung gilt den Machern des Infoportals als versteckter Antisemitismus. Im einordnenden Kommentar hei&szlig;t es, bereits der Begriff &bdquo;Israelkritik&ldquo; sei anst&ouml;&szlig;ig:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Der gesamte Staat Israel wird gleichgesetzt mit der Politik der Regierung, als ob alle B&uuml;rger die Politik der Regierung tragen w&uuml;rden. Dies ist genauso wenig der Fall, wie in Deutschland alle B&uuml;rger hinter der Politik der aktuellen Regierung stehen. Zugleich sagt der Sprecher &lsquo;muss erlaubt&rsquo; sein, er geht also davon aus, dass es nicht erlaubt ist, an Israel Kritik zu &uuml;ben, es also ein Sprechverbot geben w&uuml;rde. Dies ist nicht der Fall, es gibt kein Sprechverbot, Kritik zu &uuml;ben. In Demokratien wie Deutschland, &Ouml;sterreich oder Israel ist Kritik an der Staatsregierung erlaubt und erw&uuml;nscht. In Deutschland ist dies im Grundgesetz verankert. (&hellip;) Mit seiner Behauptung macht sich der Sprecher selbst zum Opfer: &lsquo;Ich darf nichts &uuml;ber Israel sagen, mir wird der Mund verboten.&rsquo; Dieser Versuch, sich selbst als Opfer zu erkl&auml;ren, entbehrt jeder Grundlage und ist unangebracht.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dass eine solche Aussage kaum haltbar ist, haben zuletzt die brisanten Erfahrungen des Kommunikationswissenschaftlers Prof. Michael Meyen gezeigt, der 2018 an der Universit&auml;t M&uuml;nchen eine Veranstaltung mit dem Titel &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=oTMKToXZr60\">Israel, Pal&auml;stina und die Grenzen des Sagbaren<\/a>&ldquo; organisierte. Er, und noch mehr der Referent Andreas Zumach, erlebten im Zusammenhang mit der Veranstaltung vielf&auml;ltige <a href=\"https:\/\/medienblog.hypotheses.org\/5879\">Rufmordversuche<\/a>. Anlass des Vortragsabends war der umstrittene M&uuml;nchner Stadtratsbeschluss von 2017 gewesen, wonach Veranstaltungen, die sich mit der israelischen Besatzung Pal&auml;stinas auch nur &bdquo;befassen&ldquo;, in st&auml;dtisch finanzierten R&auml;umen <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45376\">nicht mehr erlaubt<\/a> sind &ndash; was das Verwaltungsgericht M&uuml;nchen nachtr&auml;glich <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48172\">f&uuml;r rechtens erkl&auml;rte<\/a>.<\/p><p><strong>&bdquo;Das &lsquo;Kritiktabu&rsquo; ist ein Phantasma&ldquo;<\/strong><\/p><p>Von solchen Fakten unber&uuml;hrt hei&szlig;t es in der Argumentationshilfe der Webseite &bdquo;Stop Antisemitismus&ldquo;, die auch vom Beauftragten der Bundesregierung f&uuml;r den Kampf gegen Antisemitismus unterst&uuml;tzt wird (dieses Amt gibt es seit 2018):<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Studien haben sogar nachgewiesen, dass das Argument des &lsquo;Kritiktabus&rsquo; ausschlie&szlig;lich von Antisemiten benutzt wird, um den Vorwurf von Antisemitismus abzuwehren: &lsquo;Weder in der Politik noch in der seri&ouml;sen Forschung wurde je eine solche Gleichsetzung (von Kritik an der israelischen Regierung und Antisemitismus; Anmerkung P.S.) vertreten. Das &sbquo;Kritiktabu&lsquo; ist ein Phantasma im Kopf von Antisemiten.&rsquo;&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dieses letzte Zitat wird ohne Quelle pr&auml;sentiert. Eine Suche ergibt, dass es von <a href=\"https:\/\/www.linguistik.tu-berlin.de\/menue\/mitarbeiterinnen\/professorinnen\/monika_schwarz_friesel\/\">Prof. Monika Schwarz-Friesel<\/a> stammt, einer Sprachforscherin von der Technischen Universit&auml;t Berlin, die eine zentrale Rolle in der Antisemitismus-Forschung in Deutschland spielt. Schwarz-Friesel, verheiratet mit dem langj&auml;hrigen Leiter des israelischen Staatsarchivs, Evyatar Friesel, hat zahlreiche Publikationen zum Thema ver&ouml;ffentlicht und ist in den Medien ein gern gesehener Interviewpartner, wenn es um Antisemitismus geht. Immer wieder wurden sie und ihre Forschung in den vergangenen Jahren prominent erw&auml;hnt, von BILD und ZEIT &uuml;ber ARD und ZDF bis hin zur New York Times.<\/p><p><strong>Wachsender Antisemitismus?<\/strong><\/p><p>Im Juli 2018 ver&ouml;ffentlichte sie eine gut 70-seitige Studie unter dem Titel &bdquo;Antisemitismus 2.0 und die Netzkultur des Hasses &ndash; Judenfeindschaft als kulturelle Konstante und kollektiver Gef&uuml;hlswert im digitalen Zeitalter&ldquo;, Ergebnis einer Untersuchung, die &uuml;ber vier Jahre von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gef&ouml;rdert worden war. In &uuml;berarbeiteter Form erschien der Text vor wenigen Wochen auch als Buch unter dem Titel <a href=\"https:\/\/www.hentrichhentrich.de\/buch-judenhass-im-internet.html\">&bdquo;Judenhass im Internet&ldquo;<\/a>. Laut dieser Untersuchung haben antisemitische &Auml;u&szlig;erungen im Netz und insbesondere in den Leserforen der gro&szlig;en deutschen Medien in den vergangenen Jahren massiv zugenommen. Auf tagesschau.de hie&szlig; es dazu unter der &Uuml;berschrift <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/antisemitismus-studie-103.html\">&bdquo;Antisemitismus durchdringt das Netz&ldquo;<\/a> dramatisch:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Im Zehn-Jahres-Vergleich habe sich die Anzahl der antisemitischen online-Kommentare zwischen 2007 und 2018 zum Teil verdreifacht. Nutzer seien im Internet kaum noch vor judenfeindlichen Texten sicher.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Tats&auml;chlich <a href=\"https:\/\/www.linguistik.tu-berlin.de\/fileadmin\/fg72\/Antisemitismus_2-0_kurz.pdf\">hei&szlig;t es in der Studie<\/a>, man habe &bdquo;einen starken Anstieg von antisemitischen Texten in den Kommentarbereichen der Online-Qualit&auml;tsmedien belegt&ldquo;. Dazu wird eine Tabelle pr&auml;sentiert, derzufolge der Anteil von antisemitischen Kommentaren in den Leserforen von WELT, S&uuml;ddeutscher Zeitung, ZEIT, FAZ, taz, Tagesspiegel und Focus zwischen 2007 und 2017 von unter 10 auf &uuml;ber 30 Prozent zugenommen habe. Doch worauf st&uuml;tzen sich diese Zahlen? Was ist die Bezugsgr&ouml;&szlig;e?<\/p><p>Betrachtet man die Studie genauer, wird eine fragw&uuml;rdige Methodik sichtbar. Denn die Professorin und ihr Team haben in den einzelnen Jahren des Untersuchungszeitraums keine vergleichbaren Datens&auml;tze erhoben, sondern in jedem Jahr die analysierten Texte unterschiedlich ausgew&auml;hlt. So wurden nicht etwa fortlaufend Leserkommentare mit allgemeinem Bezug zu Israel und Juden untersucht, sondern Schwarz-Friesel w&auml;hlte f&uuml;r jedes Jahr ein jeweils anderes, ganz spezielles Medienthema aus und wertete die Leserkommentare dazu dann als stellvertretend f&uuml;r den Antisemitismus im Gesamtjahr. So wurden etwa f&uuml;r das Jahr 2007 Leserkommentare zur Oettinger-Filbinger-Aff&auml;re analysiert, 2009 zur Gaza-Krise, 2012 zur Beschneidungsdebatte, 2014 wiederum zur Gaza-Krise und 2017 zum Israel-Besuch des damaligen Au&szlig;enministers Sigmar Gabriel. <\/p><p>Ich fragte bei Frau Prof. Schwarz-Friesel nach, inwiefern eine solche eher willk&uuml;rliche Auswahl beanspruchen k&ouml;nne, die Entwicklung antisemitischer &Auml;u&szlig;erungen im gesamten Bereich der Online-Leserforen gro&szlig;er Tageszeitungen &uuml;ber 10 Jahre vergleichbar abzubilden, erhielt aber keine Antwort. Aus wissenschaftlicher Perspektive sind die Ergebnisse mit Vorsicht zu genie&szlig;en, insbesondere, wenn daraus eine allgemeine gesellschaftliche Zunahme der Judenfeindschaft abgeleitet wird.<br>\nEine <a href=\"https:\/\/depositonce.tu-berlin.de\/bitstream\/11303\/4866\/1\/kohlstruck_et-al.pdf\">Studie von Michael Kohlstruck und Peter Ullrich,<\/a> die vom Berliner Senat beauftragt wurde und einen &auml;hnlichen Untersuchungszeitraum umfasst, konnte keinen dramatischen Anstieg des Antisemitismus feststellen, sondern zeigt, dass zumindest die verf&uuml;gbaren Zahlen aus Polizeistatistiken und anderen systematischen Datensammlungen sehr uneinheitlich sind und keinen klaren Trend erkennen lassen. <\/p><p><strong>&bdquo;Vorgegebene Deutungsmuster&ldquo;<\/strong><\/p><p>Auch der Sprachwissenschaftler Wolfgang Krischke, der Schwarz-Friesels Studie in der FAZ als &bdquo;beeindruckende Forschungsleistung&ldquo; lobte, <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/berliner-studie-zu-antisemitismus-im-internet-15706084.html\">bem&auml;ngelte gravierende methodische Schw&auml;chen<\/a>. (Der FAZ-Artikel steht hinter einer Bezahlschranke, eine frei verf&uuml;gbare Version findet sich <a href=\"https:\/\/pastebin.com\/MGtj5p2p\">hier<\/a>.) Die Forscherin betone die Objektivit&auml;t der Ergebnisse, doch eben dies st&uuml;nde in Frage. Krischke weist darauf hin, dass es zur Wahrung eines Mindestma&szlig;es an Objektivit&auml;t bei wissenschaftlichen Sprachanalysen &uuml;blich sei, mehrere unabh&auml;ngig voneinander arbeitende Personen &ndash; sogenannte Kodierer &ndash; einzusetzen, die die Texte deuten:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Stimmen ihre Ergebnisse &uuml;berein, gilt das als Beleg f&uuml;r die empirische Stichhaltigkeit. Oft werden daf&uuml;r Laien engagiert, um so zu gew&auml;hrleisten, dass die Kodierung von W&ouml;rtern und S&auml;tzen das allgemeine Sprachverst&auml;ndnis spiegelt. Das allerdings war im Berliner Projekt anders. Hier wurden die Kodierungen von zwei Mitarbeitern des Projekts vorgenommen, die sich an seinem theoretischen Rahmen orientierten. Das hatte den Vorteil, dass sie &uuml;ber einen gesch&auml;rften Blick f&uuml;r die sprachlichen Nuancen und Abgr&uuml;nde ihrer Untersuchungsobjekte verf&uuml;gten. Es bedeutete aber auch, dass sie sich in vorgegebenen Deutungsmustern bewegten.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dadurch sei die Objektivit&auml;t der Ergebnisse begrenzt. Krischke bem&auml;ngelt zudem, dass &bdquo;nicht recht klar&ldquo; werde, &bdquo;wie sich antisemitische von nichtantisemitischer Israel-Kritik zuverl&auml;ssig abgrenzen l&auml;sst&ldquo;. Tats&auml;chlich taucht in der Studie &ndash; und auch sonst bei vielen Aktionen gegen Antisemitismus, wie etwa auf der eingangs beschriebenen Webseite &ndash; immer wieder das Argument auf, dass Judenfeinde sich als Israelkritiker blo&szlig; tarnen w&uuml;rden. Damit werden Kritik an israelischer Politik und Antisemitismus unentwirrbar miteinander vermischt. <\/p><p>In einem 2016 gef&uuml;hrten Interview <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=krdzCDbf3a8&amp;feature=youtu.be&amp;t=891\">betonte<\/a> Schwarz-Friesel zwar, Kritik an Israel sei kein Antisemitismus, schr&auml;nkte aber gleich ein, der potenzielle Kritiker sei eigentlich doch ein Antisemit, sofern er seine Kritik an Israel &bdquo;nur vorschiebt&ldquo;. Doch wer so argumentiert, der verl&auml;sst unvermeidlich das Feld &uuml;berpr&uuml;fbarer Wissenschaft und l&auml;uft Gefahr, eigenen Unterstellungen und Projektionen auf den Leim zu gehen. Denn wer will entscheiden, ob das Argument des Gegen&uuml;bers von diesem &bdquo;nur vorgeschoben&ldquo; oder aber ehrliche &Uuml;berzeugung ist?<\/p><p><strong>&bdquo;Impliziter Antisemitismus&ldquo; durch &bdquo;Codew&ouml;rter&ldquo;<\/strong><\/p><p>Der Leitfaden, nach dem die Mitarbeiter Schwarz-Friesels die Leserkommentare deuteten, unterscheidet zwischen &bdquo;explizit&ldquo; und &bdquo;implizit verbal-antisemitischen&ldquo; Aussagen. Wie aber ist &bdquo;implizit antisemitisch&ldquo; definiert? Auch das geh&ouml;rte zu den Fragen, die ich Frau Prof. Schwarz-Friesel stellte &ndash; und die unbeantwortet blieben.<br>\nEs handelt sich um einen Graubereich, dessen Existenz allerdings rundweg geleugnet wird. Der Sprachwissenschaftler Krischke <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/berliner-studie-zu-antisemitismus-im-internet-15706084.html\">schildert<\/a>, wie die Professorin im Gespr&auml;ch mit der FAZ &bdquo;nachdr&uuml;cklich verneint&ldquo; habe, dass es neben vielen klaren Befunden f&uuml;r Antisemitismus &bdquo;auch Grauzonen der Interpretation gibt, die eine eindeutige Zuordnung verhindern&ldquo;.<br>\nDieses Schwarz-Wei&szlig;-Denken ist n&uuml;tzlich f&uuml;r eine politische Agenda, die harte Kritik an israelischer Politik aus dem akzeptierten Meinungsspektrum m&ouml;glichst heraushalten m&ouml;chte. Denn der Antisemitismus-Vorwurf wird dann zu einer besonders effektiven politischen Waffe, wenn er sich auf Ansichten ausweiten l&auml;sst, die dem Anderen lediglich unterstellt, von diesem aber gar nicht direkt ge&auml;u&szlig;ert werden. Mit einer solchen Methode lassen sich nicht mehr nur einzelne Formulierungen tabuisieren, sondern ganze Diskussionsfelder willk&uuml;rlich verminen.<\/p><p>An dieser Stelle kommen die so genannten &bdquo;Sprachcodes&ldquo; und &bdquo;Camouflagetechniken&ldquo; &ndash; also &bdquo;Tarnmethoden&ldquo; &ndash; ins Spiel. Demnach w&uuml;rden viele Antisemiten, besonders aus dem linken politischen Spektrum, &bdquo;Substitutionen&ldquo; verwenden, Ersatzworte, die aber eigentlich ganz Anderes meinten. Dies gelte es zu enth&uuml;llen. So <a href=\"https:\/\/www.linguistik.tu-berlin.de\/fileadmin\/fg72\/Antisemitismus_2-0_kurz.pdf\">hei&szlig;t<\/a> es in der Studie:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Entsprechend werden Antisemitismen vielfach camoufliert kodiert: Nicht die Lexeme &lsquo;Juden&rsquo; und &lsquo;Judentum&rsquo;, sondern Substitutionen wie &lsquo;Israelis&rsquo;, &lsquo;Zionismus&rsquo;, Chiffren wie &lsquo;Rothschild&rsquo;, vage Paraphrasen wie &lsquo;jene einflussreichen Kreise&rsquo; oder rhetorische Fragen wie &lsquo;Warum sind Zionisten b&ouml;se?&rsquo; werden benutzt, um judenfeindliche Semantik zu verbreiten.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>In der Langfassung der Studie (die inzwischen von Schwarz-Friesels Webseite an der TU Berlin entfernt wurde, im Internet-Archiv aber noch <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20180721180622\/https:\/\/www.linguistik.tu-berlin.de\/fileadmin\/fg72\/Antisemitismus_2-0_Lang.pdf\">verf&uuml;gbar<\/a> ist) hei&szlig;t es weiter:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Linke Antisemiten benutzen im Unterschied zu Rechtsextremen und Muslimen wesentlich mehr Camouflagetechniken, um ihre judenfeindlichen Posts zu legitimieren: Sie treten mit Moralappellen (&lsquo;zum Guten der Menschheit&rsquo;, im &lsquo;Kampf f&uuml;r Gerechtigkeit&rsquo; und &lsquo;gegen Rassismus&rsquo;) und oft unter der Selbstbezeichnung &lsquo;Friedensaktivisten&rsquo; auf. (&hellip;) Insbesondere linke Aktivisten in den USA und in Gro&szlig;britannien weisen in ihren Texten alle Merkmale eines obsessiven Judenhasses auf, kodieren entsprechende Stereotype, camouflieren ihren Antisemitismus aber nach au&szlig;en stets als &lsquo;Kritik&rsquo;. Siehe z.B. <a href=\"http:\/\/www.occupywallst.org\">www.occupywallst.org<\/a>.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Der Verweis auf &bdquo;Codew&ouml;rter&ldquo; und &bdquo;Camouflagetechniken&ldquo; ist in hohem Ma&szlig;e unwissenschaftlich, da wiederum rein auf der Ebene von Unterstellungen gearbeitet wird, die man nicht beweisen und damit nat&uuml;rlich auch nicht entkr&auml;ften kann. Das Ganze wird so zu einer Glaubensfrage und damit nutzlos und sogar sch&auml;dlich f&uuml;r Bildung und Aufkl&auml;rung. <\/p><p>Jemandem zu unterstellen, er sei ein Antisemit, weil er <a href=\"https:\/\/paulschreyer.wordpress.com\/2018\/11\/25\/dirk-mueller-journalistischer-rufmord-in-der-sueddeutschen-zeitung\/\">den Namen &bdquo;Rothschild&ldquo; in den Mund nimmt<\/a>, von &bdquo;einflussreichen Kreisen&ldquo; oder &bdquo;der Israellobby&ldquo; spricht, ist Rufmord. Manche, wie der Handelsblatt-Autor Norbert H&auml;ring, <a href=\"http:\/\/norberthaering.de\/de\/27-german\/news\/617-antisemit\">kontern solche Angriffe mit Humor<\/a>, doch sind die Attacken in ihrer B&ouml;swilligkeit und ausgrenzenden Wirkung nicht zu untersch&auml;tzen.<\/p><p>Ebenso wichtig: Der Begriff des Antisemitismus selbst wird durch solch inflation&auml;re Verwendung zunehmend entwertet. Diejenigen, die das Wort politisch nutzen und f&uuml;r ihre Zwecke maximal auszureizen versuchen, leisten damit dem eigentlichen Anliegen keinen guten Dienst. Ganz im Gegenteil: Die politische Instrumentalisierung eines urspr&uuml;nglich rein humanistischen Anliegens (Antirassismus) d&uuml;rfte den realen und weiter gef&auml;hrlichen Antisemitismus eher noch anheizen, da sie als unehrlich und unfair wahrgenommen wird.<\/p><p>Hinzu kommt, dass sich auch der reale Antisemitismus, wie er sich in offen rassistischen Aussagen zeigt, nicht allein durch Aufkl&auml;rung verringern l&auml;sst, denn er steht, so erkl&auml;rt es zumindest die bereits erw&auml;hnte <a href=\"https:\/\/depositonce.tu-berlin.de\/bitstream\/11303\/4866\/1\/kohlstruck_et-al.pdf\">Antisemitismus-Studie<\/a> von Michael Kohlstruck und Peter Ullrich, &bdquo;in empirisch nachweisbaren Zusammenh&auml;ngen mit sozialen Benachteiligungen, erfahrener Diskriminierung und Abwertung der sozialen Identit&auml;t.&ldquo; Das rechtfertigt selbstverst&auml;ndlich keinen Judenhass, zeigt aber, dass Menschen, die den Antisemitismus ernsthaft verringern m&ouml;chten, sich auch mit diesen Ursachen besch&auml;ftigen m&uuml;ssten. Wo Menschen, die selbst Diskriminierung erfahren, andere hassen oder ablehnen, reicht Belehrung allein nicht aus.<\/p><p><strong>Sind Antizionisten auch Antisemiten?<\/strong><\/p><p>Die politische Manipulation des Begriffes Antisemitismus beruht h&auml;ufig auf einer sachlich falschen Vermischung der Worte Judentum, Israel und Zionismus. Diese lassen sich nicht einfach austauschen, sondern bezeichnen Unterschiedliches. Der Zionismus ist eine nationalistische Ideologie mit dem Leitbild eines j&uuml;dischen Nationalstaats. Man kann sich als Jude durchaus mit vollem Herzen zur eigenen Religion bekennen, zugleich aber Antizionist sein. Der israelische Soziologe und Geschichtsprofessor Moshe Zuckermann <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=8XbTe-H5_k4&amp;feature=youtu.be&amp;t=1688\">betont<\/a>, es sei ein grundlegender Fehler vieler Aktivisten gegen Antisemitismus, &bdquo;dass sie nicht verstanden haben, dass nicht alle Juden Zionisten sind, nicht alle Zionisten Israelis sind, und nicht alle Israelis Juden sind&ldquo;. Tats&auml;chlich sind beispielsweise orthodoxe Juden antizionistisch und lehnen einen weltlichen Staat Israel aus theologischer Sicht ab. In einem 2018 gesendeten <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/ultra-orthodoxe-gegen-den-staat-israel-die-idee-des.1278.de.html?dram:article_id=417316\">Deutschlandfunk-Bericht<\/a> kommt ein orthodoxer Rabbiner mit folgender Einsch&auml;tzung zu Wort:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Israel inszeniert sich selbst als Nationalstaat des j&uuml;dischen Volkes. Das ist einfach falsch. 1948 kommen ein paar Leute zusammen, gr&uuml;nden einen Staat im Nahen Osten und behaupten dann, das sei der Staat von Millionen Menschen in Polen, England, Amerika und Frankreich. Das ist mehr als Betrug, das ist verr&uuml;ckt! (&hellip;) Der Begriff &lsquo;j&uuml;discher Nationalismus&rsquo; ist ein Widerspruch in sich. Es ist eine Neudefinition j&uuml;discher Identit&auml;t, indem man Judentum von einer Religion in eine Nationalit&auml;t umdefiniert. Judentum ist keine Nationalit&auml;t im modernen Wortsinn. Juden sind nur deshalb Juden, weil sie Gottes Gesetze akzeptieren, nicht weil sie ein gemeinsames Land oder eine gemeinsame Sprache haben. Die Idee des Zionismus ist ein Angriff auf unsere Religion und aus j&uuml;discher Sicht eine Art G&ouml;tzenanbetung.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Moshe Zuckermann, geboren 1949 in Israel und in seiner Jugend selbst Zionist, sieht die radikale und kriegerische Auspr&auml;gung dieser Ideologie heute kritisch, versteht aber zugleich ihre historische Notwendigkeit zur Schaffung eines j&uuml;dischen Staates. Er mahnt zum Differenzieren und weist darauf hin, dass es neben israelkritischen Judenfeinden auch viele Antisemiten gebe, die prozionistisch sind, &bdquo;weil sie am allerliebsten haben wollen, dass die Juden in ihren L&auml;ndern nach Israel verschwinden&ldquo;.<br>\nVon solchen Einsichten und Zwischent&ouml;nen, zuletzt formuliert von mehr als 30 israelischen Gelehrten in einem <a href=\"https:\/\/diepresse.com\/home\/ausland\/aussenpolitik\/5532530\/Vermischt-Kritik-am-Staat-Israel-nicht-mit-Antisemitismus\">offenen Brief<\/a> (&bdquo;Zu Europa sagen wir: Vermischt Kritik an Israel nicht mit Antisemitismus&ldquo;), kommt in Politik und Medienmainstream kaum etwas an. Dort werden die Begriffe Zionismus, Judentum und Israel weiter sachlich falsch miteinander verwoben, was eine ernsthafte Diskussion &ndash; und eine Verst&auml;ndigung &ndash; unm&ouml;glich macht. <\/p><p><strong>Christlicher Zionismus, Glaube und Geopolitik<\/strong><\/p><p>Um den Nahostkonflikt zu verstehen, hilft es, die Geschichte zu kennen. Dass die britische Regierung 1917 mit der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Balfour-Deklaration\">Balfour-Deklaration<\/a> den Zionismus und damit das Ziel eines j&uuml;dischen Staates unterst&uuml;tzte und damit den Grundstein f&uuml;r die internationale Akzeptanz eines Judenstaates legte, hatte einerseits viel mit Geopolitik zu tun, zum anderen aber auch eine religi&ouml;se Komponente, die weniger bekannt ist. Die amerikanische Geschichtsprofessorin <a href=\"https:\/\/www.monmouth.edu\/directory\/profiles\/maryanne-rhett\/\">Maryanne Rhett<\/a> hat ein Buch &uuml;ber die Geschichte der Balfour-Deklaration <a href=\"https:\/\/www.routledge.com\/The-Global-History-of-the-Balfour-Declaration-Declared-Nation\/Rhett\/p\/book\/9781138119413\">verfasst<\/a> und erkl&auml;rt darin unter anderem, welche Rolle christliche und insbesondere protestantische Zionisten in der Vorgeschichte der Staatsgr&uuml;ndung Israels spielten:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Der christliche Zionismus ist fast so alt wie der j&uuml;dische und &auml;hnlich in seinem Ausma&szlig;. Anstelle des j&uuml;dischen Glaubens, wonach Gott unmittelbar vor dem J&uuml;ngsten Gericht die Juden nach Pal&auml;stina zur&uuml;ckf&uuml;hren werde, sind Teile der christlichen Welt der Ansicht, dass eine j&uuml;dische R&uuml;ckkehr nach Pal&auml;stina die Wiederkunft Christi beschleunige.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Mit anderen Worten: Christliche Zionisten unterst&uuml;tzen die Juden bei ihrer Ansiedlung in Israel, weil sie sich dadurch eine baldigere erl&ouml;sende R&uuml;ckkehr von Jesus Christus erhoffen. Die Geschichtsprofessorin erkl&auml;rt weiter, dass es kein Zufall sei, dass gerade das protestantische England die Juden unterst&uuml;tzt habe, und kein katholisches Land, da im Katholizismus der j&uuml;dische Aspekt der Rolle des Messias nicht akzeptiert werde. Zugleich habe die Motivation Englands weit &uuml;ber die Religion hinausgereicht, so Rhett:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Das Anliegen der christlichen Zionisten erg&auml;nzte sich im 19. Jahrhundert mit imperialen Bestrebungen und dem Wunsch, einen britischen Vorposten in Pal&auml;stina zu schaffen. Somit hoffte man, einerseits zum Besch&uuml;tzer der Juden der Welt zu werden und zugleich entscheidende imperiale Interessen in der Region nahe Suez zu sichern.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Um diese Interessen und &uuml;berhaupt die Vorherrschaft im Nahen Osten ging es auch im Ersten Weltkrieg. Die Briten k&auml;mpften in Pal&auml;stina gegen das in Aufl&ouml;sung befindliche Osmanische Reich, das damals vom kaiserlichen Deutschland massiv unterst&uuml;tzt wurde. Im Herbst 1917 befanden sich in Pal&auml;stina deutsche Soldaten unter Befehl von Erich von Falkenhayn, dem vormaligen Kriegsminister Preu&szlig;ens und Chef des deutschen Generalstabes. Im &bdquo;Heiligen Land&ldquo; k&auml;mpfte von Falkenhayn als Anf&uuml;hrer zweier osmanischer Armeen und des deutschen Levante-Korps gegen die Briten. Die Deutschen zogen dabei den K&uuml;rzeren. Im Dezember 1917 eroberten britische Truppen Jerusalem. Nur wenige Wochen zuvor hatte die britische Regierung die bereits erw&auml;hnte Balfour-Deklaration unterzeichnet und sich damit als Schutzmacht der Juden in Stellung gebracht.<br>\nSeither geht es beim Kampf um diese Region und bei der Unterst&uuml;tzung Israels durch die USA und Deutschland vor allem um strategische &ouml;konomische Interessen, teilweise verkn&uuml;pft mit religi&ouml;sen Vorstellungen, sowie zus&auml;tzlich verkompliziert durch die deutsche Schuld gegen&uuml;ber den Juden nach dem Holocaust. <\/p><p><strong>Es kann nicht sein, was nicht sein darf<\/strong><\/p><p>Wenn Kritiker emp&ouml;rt betonen, dass Israel sich zunehmend in einen Apartheidsstaat verwandle, mit zweierlei B&uuml;rgerrechten f&uuml;r Juden und Araber, dann wird das, gerade im Kontext der deutschen Geschichte, h&auml;ufig als unanst&auml;ndig und &bdquo;implizit antisemitisch&ldquo; wahrgenommen. Dabei hatte 2017 sogar <a href=\"https:\/\/www.unescwa.org\/news\/escwa-launches-report-israeli-practices-towards-palestinian-people-and-question-apartheid\">ein UN-Bericht festgestellt<\/a>, dass Apartheid in Israel inzwischen eine nicht zu leugnende Realit&auml;t sei. Israels Politik <a href=\"https:\/\/taz.de\/UN-Bericht-zu-Israels-Politik\/!5389845\/\">schaffe<\/a> &bdquo;ein System rassischer Diskriminierung, die den regionalen Frieden und die Sicherheit der Region bedrohen&ldquo;. <\/p><p>Symptomatisch waren die Folgen dieser Ver&ouml;ffentlichung: Unter Druck Israels und der USA forderte der UN-Generalsekret&auml;r die verantwortliche UN-Direktorin auf, den Bericht umgehend zur&uuml;ckzuziehen, was diese <a href=\"https:\/\/theintercept.com\/2017\/03\/18\/trump-administration-ousts-un-official-to-protect-israel-from-criticism\/\">verweigerte<\/a> und stattdessen von ihrem Amt zur&uuml;cktrat. Ein weiterer Beleg daf&uuml;r, dass das Kritiktabu leider keine Phantasie ist, sondern h&ouml;chst real durchgesetzt wird.<\/p><p>Insbesondere die Situation in Deutschland ist dabei kompliziert. Denn der hochpotenzierte und t&ouml;dliche Judenhass aus der Nazizeit wurde, &uuml;ber Lippenbekenntnisse hinaus, nach dem Krieg nicht ehrlich aufgearbeitet und aufgel&ouml;st. Stattdessen schlossen die westdeutsche und die israelische Regierung schon Anfang der 1950er Jahre einen Deal: Israel erhielt massive deutsche Unterst&uuml;tzung und akzeptierte im Gegenzug die Adenauer-Regierung sowie deren ebenso skandal&ouml;se wie reibungslose &Uuml;bernahme tausender Altnazis in hohe Staats&auml;mter. <\/p><p>Die deutsche Schuld wurde von Anfang an eben nicht offen durchleuchtet und mit praktischen Konsequenzen (Entlassung aller f&uuml;hrenden Nazis) bereut, sondern mit Israels Billigung einfach und bequem unter den Teppich gekehrt. Man erhielt oberfl&auml;chlich Absolution und erkl&auml;rte im Gegenzug seine bedingungslose Solidarit&auml;t. <\/p><p>Das Erbe dieses &bdquo;faulen Deals&ldquo; wirkt bis heute nach, vergiftet die Debatte und hat in Deutschland zu einem regierungsoffiziellen Kampf gegen den Antisemitismus gef&uuml;hrt, der gegenw&auml;rtige Realit&auml;ten wie eben die reale Rassendiskriminierung und die reaktion&auml;r-nationalistische Agenda der israelischen Regierung weitgehend ausblendet. <\/p><p>So wie Deutschland bis 1945 seine dunkle Seite bis zum Exzess auslebte, so ma&szlig;los unsouver&auml;n und unehrlich agiert es heute. Die Antisemitismus-Falle ist eine doppelte: Zum einen verhilft die manipulative Ausweitung des Begriffes dem echten Judenhass zu weiterem Auftrieb, schw&auml;cht also das urspr&uuml;ngliche Anliegen. Zum anderen werden Kritiker israelischer Politik eingesch&uuml;chtert, was den f&uuml;r eine Verst&auml;ndigung n&ouml;tigen offenen Dialog behindert und zunehmend unm&ouml;glich macht.<\/p><p>Um dieser Falle zu entkommen, w&auml;ren Ehrlichkeit und Courage gefragt &ndash; keinesfalls aber &Auml;ngstlichkeit, Scheu vor Konflikten oder der Versuch, &bdquo;problematische&ldquo; Diskussionen auszugrenzen. Solches Verhalten, wie es immer mehr um sich greift, ist einer aufgekl&auml;rten, offenen Gesellschaft unw&uuml;rdig &ndash; und es hilft auch nicht, Vorurteile abzubauen.<\/p><p>Titelbild: Lightspring\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lanciert von der ZEIT-Stiftung und unterst&uuml;tzt unter anderem von der Bundeszentrale f&uuml;r politische Bildung ist am 12. Juni eine neue Webseite <a href=\"https:\/\/www.juedische-allgemeine.de\/politik\/griffig-konkret-und-alltagsnah\/\">vorgestellt<\/a> worden, auf der &uuml;ber Antisemitismus im Alltag aufgekl&auml;rt werden soll. Pr&auml;sentiert werden dort Aussagen, die den Machern zufolge &bdquo;offen oder versteckt antisemitisch&ldquo; sind, sowie Argumente, mit denen solchen &Auml;u&szlig;erungen begegnet werden kann.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52762\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":52763,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[88,107,123,199,11],"tags":[2580,2102,469,1557,343,303,2374,1281],"class_list":["post-52762","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-antisemitismus","category-audio-podcast","category-kampagnentarnworteneusprech","category-kirchen-religionen","category-strategien-der-meinungsmache","tag-apartheid","tag-geostrategie","tag-grossbritannien","tag-israel","tag-luegen-mit-zahlen","tag-palaestina","tag-staatsraeson","tag-zionismus"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/shutterstock_697455061.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/52762","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=52762"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/52762\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":52779,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/52762\/revisions\/52779"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/52763"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=52762"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=52762"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=52762"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}