{"id":52864,"date":"2019-06-28T14:16:51","date_gmt":"2019-06-28T12:16:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52864"},"modified":"2019-06-28T14:39:06","modified_gmt":"2019-06-28T12:39:06","slug":"glenn-greenwald-und-die-enthuellungen-ueber-richter-sergio-moro","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52864","title":{"rendered":"Glenn Greenwald und die Enth\u00fcllungen \u00fcber Richter S\u00e9rgio Moro"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Journalist gegen Kriminelle in Talaren &ndash; Teil 1: Der Richter l&uuml;gt.<\/strong><br>\nDas seit 1. Januar 2019 an der Macht befindliche brasilianische Bolsonaro-Regime stolpert von einer Turbulenz in die n&auml;chste. In der &Ouml;ffentlichkeit, auch der internationalen, zunehmend diskreditiert, wird sein Sturz offenbar nur noch vom milit&auml;rischem Bunker verhindert, der die Macht&uuml;bernahme von langer Hand vorbereitete und <a href=\"https:\/\/brasil.elpais.com\/brasil\/2019\/06\/11\/politica\/1560210010_008395.html\">gro&szlig;es Abschreckungspotenzial<\/a> gegen das gesamte demokratische Spektrum &ndash; von Mitte-Rechts bis Links &ndash; zu besitzen scheint. Ein Bericht von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIn weniger als 6 Monaten Amtszeit entlie&szlig; Jair Bolsonaro insgesamt 19 Spitzenfunktion&auml;re, <a href=\"https:\/\/oglobo.globo.com\/brasil\/apos-demissao-de-joaquim-levy-governo-bolsonaro-soma-19-baixas-no-segundo-escalao-23743830\">darunter 4 Minister<\/a>. Doch selbst der harte Kern der Milit&auml;rs zeigt Aufl&ouml;sungserscheinungen. Die j&uuml;ngste Fortsetzung geschah am vergangenen 13. Juni mit der Entlassung von Bolsonaros Regierungs-Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer, General Santos Cruz, der das Regime in aller &Ouml;ffentlichkeit und unverbl&uuml;mt <a href=\"https:\/\/epoca.globo.com\/e-um-show-de-besteiras-diz-general-santos-cruz-sobre-gestao-bolsonaro-23753114\">als &ldquo;eine Show des Schwachsinns&rdquo; bezeichnete<\/a>.<\/p><p>Hintergrund der Ende-Juni-Krise bildet das am vergangenen 9. Juni als Fortsetzungsreihe vom US-amerikanischen Nachrichtenportal <em>The Intercept<\/em> gestartete Mega-Leak &uuml;ber die Machenschaften des ehemaligen Richters und jetzt amtierenden Justizministers S&eacute;rgio Moro, wor&uuml;ber die NachDenkSeiten umfangreich <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52456\">am 11. Juni berichteten<\/a>.<\/p><p>Wie bereits bekannt ver&ouml;ffentlichte <em>The Intercept Brazil<\/em> am Sonntag, den 9. Juni, <a href=\"https:\/\/theintercept.com\/2019\/06\/09\/chat-moro-deltan-telegram-lava-jato\/\">drei exklusive Berichte<\/a>, aus denen hervorgeht, dass Sergio Moro sich nicht nur mit Staatsanw&auml;lten der Einsatzgruppe Lava Jato (&ldquo;Autowaschanlage&rdquo;) abstimmte, um Lula da Silva hinter Gitter zu sperren, sondern ihnen auch Instruktionen erteilte. Ein Vorgehen, das das vom Pulitzer-Preistr&auml;ger Glenn Greenwald geleitete Nachrichtenportal als &bdquo;h&ouml;chst kontroverse, politisierte und rechtlich zweifelhafte Arbeitsweise&rdquo; bezeichnete. Mit Zugriff auf wahrscheinlich gehackte Gespr&auml;che in der Text&uuml;bertragungsplattform Telegram, die Intercept von anonymer Quelle zugespielt wurden, lassen die Berichte eine lupenreine, dokumentierte Verschw&ouml;rung erkennen.<\/p><p><strong>Rechtsradikale Gegenoffensive: &bdquo;Greenwald deportieren!&rdquo;<\/strong><\/p><p>Als nun die demokratische Opposition im Parlament Greenwald als Zeugen vorlud und die Einrichtung einer Parlamentarischen Untersuchungskommission &uuml;ber das weltweit verurteilte, parteipolitische und gesetzwidrige Vorgehen Moros ank&uuml;ndigte, gab Bolsonaros Justizminister am vergangenen 18. Juni eine zweist&uuml;ndige Stellungnahme vor dem brasilianischen Senat ab, in der er nicht nur s&auml;mtliche Vorw&uuml;rfe zur&uuml;ckwies, sondern das Intercept-Leak &ndash; in Brasilien als #VazaJato popularisiert &ndash; als &bdquo;kriminellen Anschlag zur Diskreditierung der Korruptionsbek&auml;mpfung&rdquo; umbog und Greenwald samt Intercept-Kollegen die Verhaftung androhte. Wenige Stunden nach Moros Auftritt rangierte jedoch das Hashtag #moromentiu (Moro hat gelogen) als <a href=\"https:\/\/twitter.com\/search?q=%23MoroLied&amp;src=typd\">f&uuml;hrender Trending Topic auf Twitter<\/a>.<\/p><p>Die Angriffswelle auf Greenwald begann kurz nach der Ver&ouml;ffentlichung der ersten drei Reportagen der Intercept-Serie mit einer konzertierten Aktion auf Twitter und der Forderung #DeportaGlennGreenwald (Weist Greenwald aus!). Die nachweislich von den Bolsonaro-S&ouml;hnen mitgesteuerten Angriffe und Falschmeldungen nahmen auch den mit Greenwald verheirateten Abgeordneten David Miranda ins Visier. Die Abgeordneten der Bolsonaro-Minderheitspartei PSL Hector Freire, Charlles Evangelista und Paulo Eduardo Martins verteilten in ihren sozialen Netzwerken Fotomontagen von Greenwald mit der falschen Behauptung, Miranda sei im Vereinigten K&ouml;nigreich des Terrorismus angeklagt und wegen Verbrechen gegen die Sicherheit verurteilt worden.<\/p><p>Als Gegenreaktion verurteilte die brasilianische Vereinigung Investigativer Journalisten (Abraji) <a href=\"https:\/\/abraji.org.br\/abraji-repudia-ataques-a-glenn-greenwald-e-equipe-do-intercept\">in einer Stellungnahme<\/a> aufs Sch&auml;rfste die erneute Fake-News-Welle samt Androhungen von Repressalien gegen The Intercept, Greenwald, seine Familie und seine Kollegen; &bdquo;insbesondere jene, die von offiziellen Vertretern ausgehen&ldquo;, erkl&auml;rte die Vereinigung mit einem Denkzettel an Justizminister Moro. Ironie der Amtshandlung: Anstatt den schwer belasteten Justizminister zu entlassen, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ShhYHXag7ms\">verlieh ihm Bolsonaro<\/a> den &bdquo;Verdienstorden der Marine f&uuml;r gewonnene Seeschlachten&ldquo;.<\/p><p>Mit der Medaille auf der Brust und Dementis vor dem Senat setzte sich S&eacute;rgio Moro in die USA ab; angeblich zu Konferenz-Auftritten. Nicht zu Unrecht spekulieren allerdings unabh&auml;ngige Publikationen in Brasilien, Moro sei von der US-Regierung mit dem Ziel gerufen worden, um Instruktionen f&uuml;r &bdquo;ad&auml;quate Schadensbegrenzung&ldquo; zu erhalten. In Begleitung Bolsonaros hatte der Richter bereits im vergangenen M&auml;rz der CIA-Zentrale in Langley einen ungew&ouml;hnlichen Besuch abgestattet, &uuml;ber dessen Anlass und Gespr&auml;chsinhalte Moro <a href=\"https:\/\/jornalggn.com.br\/noticia\/moro-se-recusa-a-detalhar-a-imprensa-encontro-com-a-cia\/\">Erkl&auml;rungen verweigerte<\/a>.<\/p><p>Der Richter l&uuml;gt: die neuen Enth&uuml;llungen<\/p><p>Eine neues Leak mit Ausz&uuml;gen der zwischen 2015 und 2018 auf der Text-App Telegram gef&uuml;hrten Gespr&auml;che zwischen Staatsanw&auml;lten und dem damaligen Richter S&eacute;rgio Moro offenbaren, dass die Fakten dem Moro-Auftritt vor der Senatskommission f&uuml;r Verfassung und Justiz radikal widersprechen. Sein Vorgehen ging so weit, dass er auf die Anwesenheit und Argumentationsweise von Staatsanw&auml;lten Einfluss nahm, die insbesondere in der Anklage gegen Altpr&auml;sident Lula auftreten sollten. Die <a href=\"https:\/\/reinaldoazevedo.blogosfera.uol.com.br\/2019\/06\/20\/inedito-o-que-disse-moro-a-senadores-e-o-que-fez-dallagnol-com-procuradora\/\">neuen Belastungen<\/a> gegen Moro wurden am Fronleichnamstag in einer gemeinsamen Ver&ouml;ffentlichung von The Intercept Brasil und dem Journalisten Reinaldo Azevedo in der Sendung &ldquo;O &Eacute; da Coisa&rdquo; von <em>Radio BandNews FM<\/em> in S&atilde;o Paulo bekanntgegeben.<\/p><p>Der Eingriff des Magistraten mit Dienstvorschiften <em>(sic!)<\/em> an die Staatsanwaltschaft trug sich im Vorfeld des 17. Mai 2017 zu, als der angeklagte Ex-Pr&auml;sident Lula zum ersten Mal vor dem Gericht in Curitiba aussagen musste. Lula gegen&uuml;ber sa&szlig; Sergio Moro &ndash; derjenige, der auf illegale Weise, jedoch in der Praxis die Einsatzgruppe Lava Jato zur angeblichen Korruptionsbek&auml;mpfung koordinierte.<\/p><p>&bdquo;Nein, Staatsanw&auml;ltin Laura Tessler war nicht anwesend&rdquo;, kommentierte Journalist Azevedo. Unmittelbar hinter dem Richter sa&szlig;en an ihrer Stelle ihre Kollegen Julius Noronha und Roberson Pozzobon. Der Senatsaufritt Moros war nach Azevedos Einsch&auml;tzung ein Sammelsurium absurder Behauptungen und Unterlassungen. In einem Atemzug stellte er die Authentizit&auml;t der Telegram-Botschaften in Frage, erkl&auml;rte aber auch, an jenen Gespr&auml;chen sei eigentlich nichts auszusetzen.<\/p><p>Selbstverst&auml;ndlich ist daran eine Menge auszusetzen! Sie verf&auml;lschen n&auml;mlich den Ethik-Kodex der Justiz und bedeuten einen Angriff auf Absatz IV, Art. 254 der brasilianischen Strafprozessordnung. Der Vorgang ereignet sich in dem Moment, als der Richter aktiv in den Fortlauf der Ermittlungen und &uuml;berhaupt in die Arbeitsroutine der Staatsanwaltschaft eingreift. Er kritisiert &bdquo;lasche&rdquo; Auftritte der jungen Staatsanw&auml;ltin Laura Tessler &ndash; warnt mit &bdquo;h&ouml;chster Vorsicht!&rdquo;, &bdquo;sie sollte wohl eine Zusatzausbildung erhalten&rdquo; &ndash; und legt dem gesch&auml;ftsf&uuml;hrenden Staatsanwalt Deltan Dallagnol in den Anh&ouml;rungen Lulas eine energischere Anklagen-Vertretung f&uuml;r Tessler nahe.<\/p><p>Damit &uuml;berschritt Moro s&auml;mtliche Befugnisse und Pflichten der unabh&auml;ngigen und unvoreingenommenen Magistratur. Und wie nicht nur die Gespr&auml;chsfolge auf Telegram, sondern der daran anschlie&szlig;ende Auftritt der Staatsanwaltschaft verdeutlicht, nahmen Dallagnol und seine Untergebenen Moros &bdquo;Empfehlung&rdquo; widerspruchslos als &bdquo;Befehl&rdquo; entgegen.<\/p><p>&bdquo;&Uuml;brigens: Hat Moro etwa Lulas Anwalt Cristiano Zanin einen &auml;hnlichen Rat erteilt?&rdquo;, hinterfragte der wertkonservative, jedoch einwandfrei rechtsstaatlich argumentierende Journalist Azevedo. Die zu den Gerichtsverhandlungen verf&uuml;gbaren Videos zeigen allerdings das Gegenteil: Mehr als h&auml;ufig behandelte der Richter die Seite der Verteidigung mit boshafter H&auml;rte; so als ob die Verteidigung publikums- und medienwirksam desavouiert werden m&uuml;sste.<\/p><p>Staatsanw&auml;ltin Laura Tessler wurde zwar von den Korruptionsermittlungen nicht ausgeschlossen, doch an der Anh&ouml;rung Lulas durfte sie nicht teilnehmen. Schlie&szlig;lich, wie Staatsanwalt Carlos Fernando dazu auf Telegram schrieb, &bdquo;das k&ouml;nnen wir im Fall Lula nicht zulassen&rdquo;. Moro hatte Dallagnol um strengste Geheimhaltung und sofortige L&ouml;schung der Telegram-Aufzeichnungen gebeten. Dallagnol l&ouml;schte sie, doch ausgerechnet &bdquo;Chef&rdquo; Moro verga&szlig; es und wurde geleakt.<\/p><p>Nun sind wieder &bdquo;die Russen&rdquo; dran! &bdquo;Als ich 2017 vom russischen Eingriff in den amerikanischen Wahlkampf erfuhr und darauf hingewiesen wurde, dass Telegram eine russische App ist, habe ich seine Nutzung aufgegeben&rdquo;, <a href=\"https:\/\/br.noticias.yahoo.com\/moro-telegram-confiar-origem-russa-161134610.html\">erkl&auml;rte der Scharfrichter Lulas, Wahlunterst&uuml;tzer und Geburtshelfer Bolsonaros<\/a>.<\/p><p>Das Fazit: Moro hat neue Beweise gegen sich selbst erbracht. Wie lang er dem geplanten Intercept-Leak &ndash; von dem noch keine 10 Prozent publik gemacht wurden &ndash; unbeschadet zu widerstehen vermag, h&auml;ngt offenbar zusehends von einer Geheimabsprache zwischen brasilianischen Gener&auml;len und den US-Geheimdiensten ab.<\/p><p><em>PHOTO CREDIT (FEATURED IMAGE &amp; BIOGRAPHY PIC): Jimmy Chalk<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Ein Journalist gegen Kriminelle in Talaren &ndash; Teil 1: Der Richter l&uuml;gt.<\/strong><br \/> Das seit 1. Januar 2019 an der Macht befindliche brasilianische Bolsonaro-Regime stolpert von einer Turbulenz in die n&auml;chste. 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