{"id":52892,"date":"2019-07-01T08:54:47","date_gmt":"2019-07-01T06:54:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52892"},"modified":"2019-07-03T10:59:30","modified_gmt":"2019-07-03T08:59:30","slug":"israel-demokratie-apartheid-und-bds-einige-anmerkungen-zur-antisemitismus-debatte-von-norman-paech","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52892","title":{"rendered":"Israel: Demokratie, Apartheid und BDS &#8211; Einige Anmerkungen zur Antisemitismus-Debatte. Von Norman Paech"},"content":{"rendered":"<p>Das Folgende ist die aktualisierte Fassung eines Vortrags, den <strong>Norman Paech<\/strong> am 1. Dezember 2018 auf dem Kasseler Friedensratschlag gehalten hat. Der Vortrag war seinerzeit der Anlass f&uuml;r das Studentenparlament der Uni Kassel, den Pr&auml;sidenten aufzufordern, f&uuml;r den n&auml;chsten Friedensratschlag im Dezember 2019 die R&auml;ume der Universit&auml;t zu versagen. Zum Gl&uuml;ck bisher erfolglos. Angesichts der st&auml;ndigen Eskalation der falschen Freunde Israels (j&uuml;ngst beim Kirchentag) sollten Norman Paechs Argumente &uuml;ber den begrenzten Kreis des Friedensratschlags hinaus bekannt werden. Deshalb &uuml;bernehmen die NachDenkSeiten den Text verbunden mit einem Dankesch&ouml;n an den Autor. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Israel: Demokratie, Apartheid und BDS<\/strong><br>\n<strong>Einige Anmerkungen zur Antisemitismus-Debatte<\/strong><br>\n<em>Von Norman Paech<\/em><\/p><div style=\"text-align:center; display: block\"><strong>I<\/strong><\/div><p>Es geh&ouml;rt zu den Standards der Legenden &uuml;ber Israel, diesen Staat als die einzige Demokratie im Nahen Osten zu bezeichnen, in den Worten Ehud Baraks die &bdquo;Villa im Dschungel&ldquo;. Dies mag f&uuml;r die j&uuml;dische Bev&ouml;lkerung so zutreffen, versteht sich Israel doch offiziell als j&uuml;discher Staat. F&uuml;r die pal&auml;stinensische Bev&ouml;lkerung, immerhin gut 20 % der gesamten Bev&ouml;lkerung, ist Demokratie allenfalls ein Wunschtraum. Dies haben Regierung und Parlament mit einem Gesetz am 19. Juli 2018 best&auml;tigt, welches den Titel &bdquo;Israel: der Nationalstaat des j&uuml;dischen Volkes&ldquo; tr&auml;gt. Es beginnt mit den Worten: &bdquo;Das Land Israel ist die historische Heimat des j&uuml;dischen Volkes, in dem der Staat Israel entstand.&ldquo; Kein Wort von dem Volk, das die j&uuml;dischen Siedler dort vorfanden und dem sie ihr Land wegnahmen. Kritiker wie Unterst&uuml;tzer sind sich darin einig, dass es sich wohl um eines der wichtigsten Gesetze handelt, das je von der Knesset erlassen wurde. Denn ab jetzt ist auch gesetzlich mit Verfassungsrang festgelegt, dass der Staat j&uuml;disch ist. Er ist kein Staat aller seiner Staatsb&uuml;rger, er gew&auml;hrt nur den Juden alle Rechte. In der Unabh&auml;ngigkeitserkl&auml;rung von 1948 hatte es noch gehei&szlig;en: &bdquo;Der Staat Israel wird sich der Entwicklung zum Wohl aller seiner Bewohner widmen.&ldquo; <\/p><p>Auch in diesem Grundgesetz gibt es keine Angaben &uuml;ber die Grenzen des Staates. Der Artikel 7 macht allerdings deutlich, dass sich Israel auf die Gr&uuml;ne Linie, die Grenze des Waffenstillstandes von 1949, nicht einlassen wird und nach wie vor nicht gewillt ist, das V&ouml;lkerrecht f&uuml;r sich anzuerkennen: &bdquo;Der Staat Israel sieht in der Weiterentwicklung der j&uuml;dischen Besiedlung einen nationalen Wert. Er setzt sich daf&uuml;r ein, die Etablierung und die Konsolidierung j&uuml;discher Besiedlung anzuspornen und voranzutreiben.&ldquo; Die &bdquo;Weiterentwicklung&ldquo; bedeutet nichts anderes als die Annexion weiter Teile des Westjordantales, die f&uuml;r die Gr&uuml;ndung eines pal&auml;stinensischen Staates kein Territorium mehr &uuml;brigl&auml;sst und das ewige &bdquo;Bekenntnis&ldquo; Netanjahus zur Zwei-Staaten-L&ouml;sung als hohles Gerede entlarvt. US-Botschafter Friedman st&uuml;tzt diese klare Ansage zur Annexion mit dem schlichten Satz: &bdquo;Unter bestimmten Umst&auml;nden glaube ich, dass Israel das Recht hat, einiges, nicht alles, von der West Bank zur&uuml;ckzuhalten.&ldquo; Als er selbst in den USA wegen dieser v&ouml;lkerrechtswidrigen Aussage in die Kritik kam, wurde er sofort von Harvard-Professor Alan Dershowitz in Schutz genommen, der sich darauf berief, bei der Formulierung der ber&uuml;hmten Resolution 242 von 1967 dem US-Repr&auml;sentanten bei der UNO Richter Goldberg assistiert zu haben: &bdquo;Friedman hat Recht und seine Kritiker liegen falsch&hellip; Die Hauptkontroverse war, ob Israel &sbquo;alle&rsquo; besetzten Territorien in seinem Verteidigungskrieg gegen Jordanien zur&uuml;ckzugeben habe oder nur einige. Das Ergebnis war, dass die verbindliche englische Version der UNO-Resolution bewusst das entscheidende Wort &bdquo;alle&ldquo; auslie&szlig; und durch das einfache Wort &bdquo;Territorien&ldquo; ersetzte, was Richter Goldberg und der britische Botschafter Lord Carandon &uuml;bereinstimmend in der &Ouml;ffentlichkeit so interpretierten, dass Israel erm&auml;chtigt sei, einige Gebiete der West Bank zu behalten.&ldquo; (Haaretz v. 12. Juni 2019) Das mag Dershowitz so sehen, hat aber in der gesamten V&ouml;lkerrechtsliteratur, au&szlig;er in Israel, keine Unterst&uuml;tzung gefunden. Besetztes Gebiet ist vollst&auml;ndig zur&uuml;ckzugeben, das ist geltendes V&ouml;lkerrecht.<\/p><p>Gideon Levy hat in der Zeitung Haaretz sofort nach Ver&ouml;ffentlichung des Gesetzes n&uuml;chtern darauf hingewiesen: &bdquo;Das Nationalstaat-Gesetz setzt dem vagen Nationalismus und dem gegenw&auml;rtigen Zionismus, wie er heute existiert, ein Ende. Das Gesetz beendigt die bisherige Farce, Israel sei &gt;j&uuml;disch und demokratisch&lt; - eine Kombination, die nie existierte und nie existieren konnte. Denn der Widerspruch ist dieser Kombination inh&auml;rent. Die beiden Werte sind nie unter einen Hut zu bringen, au&szlig;er mit Betrug&hellip;. Es ist ein Gesetz voller Wahrheit.&ldquo; Nur wenige bekennen sich zu diesem Widerspruch so ungeschminkt wie die durch ihr Faschismus-Parf&uuml;m bekannt gewordene Justizministerin Aeylet Shaked: &bdquo;Wir m&uuml;ssen den j&uuml;dischen Charakter des Staates sch&uuml;tzen, auch wenn das bedeutet, Menschenrechte zu opfern.&ldquo; \n\nZumindest wurde sofort nach der Verk&uuml;ndung des Gesetzes die arabische Sprache von einer offiziellen Sprache neben dem Hebr&auml;ischen zu einem dem Hebr&auml;ischen untergeordneten Status zur&uuml;ckgestuft. Es verbannt Arabisch faktisch aus dem &ouml;ffentlichen Verkehr. Das demokratische Prinzip der Gleichheit, welches bisher in keinem der Verfassungsgesetze verankert werden konnte, hat auch in dem Nationalstaats-Gesetz keinen Platz gefunden. Es gibt eine F&uuml;lle von Gesetzen, die die Pal&auml;stinenser in Israel seit der Gr&uuml;ndung benachteiligen, nun hat sich die &bdquo;einzige Demokratie&ldquo; im Nahen Osten auch offiziell und gesetzlich von der Demokratie verabschiedet. Es stimmt, dass das Gesetz nicht viel Neues erkl&auml;rt, denn schon lange geht es der israelischen Politik nicht mehr einfach um das Existenzrecht Israels, sondern um das Existenzrecht des j&uuml;dischen Israel, in dem die arabischen Israelis nur B&uuml;rger zweiter Klasse sind.\n\n\n\n<\/p><div style=\"text-align:center; display: block\"><strong>II<\/strong><\/div><p>Die Knesset streift mit diesen Gesetzen allerdings nicht nur ihr demokratisches Gewand ab. Sie kann nun nicht l&auml;nger verdr&auml;ngen und leugnen, dass sich in Israel &uuml;ber die Jahre ein System der Apartheid durchgesetzt hat. Der Vorwurf der Apartheid gegen die israelische Politik gilt hierzulande inzwischen als eindeutiger Ausweis des Antisemitismus. Doch seit den Berichten der UNO-Beauftragten John Dugard, Richard Falk und Virginia Tilley &uuml;ber ihre Untersuchungen vor Ort kann es keinen Zweifel mehr daran geben, dass sich Israel und die besetzten Gebiete in ein gnadenloses System der Apartheid verwandelt haben.<\/p><p>So schloss John Dugard seinen Bericht &uuml;ber die besetzten pal&auml;stinensischen Territorien, den er im Januar 2007 dem Menschenrechtsrat der UNO erstattet hatte, mit folgenden Worten ab:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Menschenrechte in Pal&auml;stina sind &uuml;ber sechzig Jahre auf der Tagesordnung der Vereinten Nationen gewesen und besonders in den letzten 40 Jahren seit der Besetzung von Ost-Jerusalem, der Westbank und des Gazastreifens im Jahr 1967. &Uuml;ber Jahre hinweg konkurrierten die Besatzung von Pal&auml;stina und die Apartheid in S&uuml;d-Afrika um die Aufmerksamkeit der Internationalen Gemeinschaft. 1994 endete die Apartheid und Pal&auml;stina verblieb als einziges Entwicklungsland in der Welt unter der Unterdr&uuml;ckung durch ein dem Westen verbundenes Regime&hellip; Es gibt andere Regime, vor allem in der Dritten Welt, die die Menschenrechte unterdr&uuml;cken, aber es gibt keinen anderen Fall eines mit dem Westen verbundenen Regimes, welches die Menschenrechte eines Entwicklungsvolkes unterdr&uuml;ckt und dieses schon so lange.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Es war sein letzter Bericht &uuml;ber die verzweifelte Situation der pal&auml;stinensischen Bev&ouml;lkerung. Denn Dugard, s&uuml;dafrikanischer j&uuml;discher Juraprofessor, wurde 2009 auf Druck Israels durch den US-amerikanischen Kollegen Richard A. Falk abgel&ouml;st. Dugard bekannte in jenem Jahr, &bdquo;ich bin S&uuml;dafrikaner, der in der Apartheid gelebt hat. Ich z&ouml;gere nicht zu sagen, dass Israels Verbrechen unendlich viel schlimmer sind als die Verbrechen, die S&uuml;dafrika mit seinem Apartheid-Regime begangen hat.&ldquo; <\/p><p>Doch Israel hatte auch nicht viel Gl&uuml;ck mit dem n&auml;chsten Sonderberichterstatter Falk, der ebenfalls Jude ist. Auch er wurde nach Ablauf seines Mandats 2014 nicht wiedergew&auml;hlt, weil er an Sch&auml;rfe der Kritik an Israels Politik John Dugard nicht nachstand. In seinem letzten Bericht an den Menschenrechtsrat im Jahr 2014 best&auml;tigte er, dass die verl&auml;ngerte Besatzung mit der faktischen Annexion pal&auml;stinensischen Landes durch die permanente Ausdehnung der Siedlungen und den Bau der Mauer sowie die Verweigerung des Selbstbestimmungsrechts f&uuml;r die Pal&auml;stinenserinnen und Pal&auml;stinenser alle Merkmale der Apartheid hat. Er empfahl der UN-Generalversammlung, beim Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den Haag ein Gutachten &uuml;ber den rechtlichen Status dieser verl&auml;ngerten Besatzung einzuholen, in dem &bdquo;der rechtlich unakzeptable Charakter von &sbquo;Kolonialismus&rsquo;, &sbquo;Apartheid&rsquo; und &sbquo;ethnischer S&auml;uberung&lsquo; festgestellt wird&ldquo;.<\/p><p>Falk wiederholte und erweiterte diesen Vorwurf in einem gemeinsamen Gutachten mit Virginia Tilley vom M&auml;rz 2017 f&uuml;r die Wirtschafts- und Sozialkommission f&uuml;r Westasien (ESCWA) der UNO. In ihm kommen die Autoren zu dem Schluss, &bdquo;dass die israelische Politik als rassistisch zu beurteilen ist und zum Zwecke der Unterdr&uuml;ckung der Pal&auml;stinenserinnen und Pal&auml;stinenser in Israel ein Apartheid-System errichtet hat&ldquo;. Der Vorwurf des Rassismus und der Apartheid rief eine derartige Emp&ouml;rung bei einflussreichen Mitgliedern der UNO hervor, dass UN-Generalsekret&auml;r Ant&oacute;nio Guterres den Bericht von allen offiziellen UN-Webseiten entfernen lie&szlig;. Die ESCWA-Exekutivsekret&auml;rin Rima Khalaf trat aus Protest gegen diesen beispiellosen Vorgang von allen ihren &Auml;mtern zur&uuml;ck und erkl&auml;rte, dass sie weiterhin zu diesem Bericht stehe. Als Guterres Virginia Tilley aufforderte, sich von ihrem Bericht zu distanzieren, legte auch sie ihr Mandat nieder und bekannte sich weiterhin zu dem Bericht. Wor&uuml;ber soll man mehr staunen, &uuml;ber die Feigheit des Generalsekret&auml;rs oder den Einfluss Israels? Doch noch entscheiden sie nicht &uuml;ber die Wahrheit.<\/p><div style=\"text-align:center; display: block\"><strong>III<\/strong><\/div><p>Und damit komme ich zu einem dritten Punkt meiner Anmerkungen. Der Kampf der Pal&auml;stinenserinnen und Pal&auml;stinenser um einen eigenen Staat, wie er ihnen seit 1947 von der UNO-Generalversammlung versprochen wird, hat ihnen in &uuml;ber 70 Jahren weder einen Staat noch die Anerkennung gleicher Rechte und Chancen weder in den besetzten Gebieten noch in Israel selbst gebracht. Ob diplomatische Initiativen oder &bdquo;Friedens&ldquo;konferenzen, Selbstmordattentate oder Raketen aus dem Gazastreifen, der Landraub durch die Ausweitung der Siedlungen hat die Lebenssituation der Pal&auml;stinenser nur verschlechtert, die Perspektive eines eigenen Staates versch&uuml;ttet und auch keine Hoffnung in die Anerkennung ihrer Rechte, geschweige denn Gleichberechtigung in einem gemeinsamen Staat mit den Juden aufkeimen lassen. <\/p><p>Bundesregierung und Parteien in Deutschland scheinen geradezu gel&auml;hmt, eine notwendige Kritik gegen Israel zu formulieren. Wenn einem Politiker wie Gabriel einmal die Wahrheit &uuml;ber die Zust&auml;nde in den besetzten Gebieten entschl&uuml;pft, sieht er sich massiven Pressionen gegen&uuml;ber. Und G&uuml;nter Grass erntete f&uuml;r seine Warnung vor einem Krieg gegen Iran in Medien und Politik nichts als Emp&ouml;rung und Drohungen. Wir haben die vereinzelte Unterst&uuml;tzung f&uuml;r Grass aus den Parteien durchaus zur Kenntnis genommen. Allgemein gilt aber f&uuml;r sie ganz offensichtlich das, was der Nobelpreistr&auml;ger Paul Krugman k&uuml;rzlich in der New York Times &uuml;ber die Gefahren der Israel-Kritik in den USA notiert hat:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;In Wahrheit ist es so, dass ich wie viele liberale Juden in Amerika &ndash; und die meisten Juden in Amerika sind noch liberal &ndash; es grunds&auml;tzlich vermeide, dar&uuml;ber nachzudenken, wo Israel hingeht. Von hier aus gesehen scheint es klar, dass die engstirnige Politik der gegenw&auml;rtigen Regierung im Grunde auf einen schrittweisen langfristigen nationalen Selbstmord hinausl&auml;uft. Und das ist schlecht f&uuml;r die Juden &uuml;berall, von der Welt ganz zu schweigen. Aber ich habe an anderen Fronten zu k&auml;mpfen, und wenn ich etwas in diesem Sinne &auml;u&szlig;ere, ziehe ich mir massive Angriffe vonseiten organisierter Kreise zu, die jedwede Kritik an israelischer Politik zu Antisemitismus erkl&auml;ren.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>In dieser Situation offensichtlicher L&auml;hmung und Unwilligkeit, Israel zur Anerkennung von V&ouml;lkerrecht und Menschenrechten zu zwingen, haben verschiedene gesellschaftliche Gruppen in den besetzten Gebieten, insgesamt 170, 2005 die Bewegung &bdquo;Boycott, Desinvestment &amp; Sanctions&ldquo; (BDS) ins Leben gerufen. Sie hat mittlerweile weltweite Resonanz und Unterst&uuml;tzung gefunden. Es ist eine Bewegung entstanden, die von Gewerkschaften, Wissenschaftlern und ihren Organisationen sowie Wirtschaftsorganisationen und Politikern getragen wird, die sich der Forderung der Pal&auml;stinenser nach Sanktionen gegen Israel angeschlossen haben. So hat erst k&uuml;rzlich die britische Handelskette COOP den Import von Obst und Gem&uuml;se aus Israel verweigert, solange das Exportland die Handelsabkommen mit der EU unterl&auml;uft und Produkte aus Siedlungen nach Europa ausf&uuml;hrt. Aber auch in Israel selbst wird der Boykott von namhaften Pers&ouml;nlichkeiten unterst&uuml;tzt, wie z.B. die Schriftsteller Amos Oz und David Grossmann, die sich weigern, die Siedlung Ariel zu besuchen oder der ehemalige Sprecher der Knesset Avraham Burg, der keine Waren aus den besetzten Gebieten kauft, die als israelische Waren deklariert sind. Das Ziel des Boykotts ist einfach. Er will damit erreichen, dass die Israelische Regierung sich endlich an das V&ouml;lkerrecht h&auml;lt und die zahlreichen Resolutionen der UNO nach Aufhebung der Besatzung erf&uuml;llt. Der Boykott ist begrenzt, er soll nur solange andauern, bis die israelische Regierung das V&ouml;lkerrecht anerkennt und die Besatzung beendet.<\/p><p>Die Art der geforderten Sanktionen ist unterschiedlich, sie reicht von der Forderung nach Suspendierung der Assoziation Israels an die EU &uuml;ber den Boykott von Waren aus den besetzten Gebieten bis hin zum Boykott israelischer Waren, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, K&uuml;nstlerinnen und K&uuml;nstler, die z.B. auch in den Siedlungen auftreten oder die Besatzungspolitik der Regierung unterst&uuml;tzen.<\/p><p>Die Bewegung in Deutschland ist sich durchaus der Problematik dieser Forderungen vor dem Hintergrund der j&uuml;ngsten Geschichte bewusst. Sie weist jedoch jede Gleichsetzung von BDS mit der Nazi-Parole &bdquo;Kauft nicht bei Juden&ldquo; entschieden zur&uuml;ck. Mit der Forderung nach Suspendierung der Assoziation Israels an die EU, dem Verbot des Waffenexports in diese kriegsgef&auml;hrdete Region und dem Boykott aller Waren, die aus den besetzten Gebieten stammen, wird nichts anderes als die Einhaltung der europ&auml;ischen Rechtsordnung und des V&ouml;lkerrechts gefordert. Dieses schlicht mit dem Vorwurf des Antisemitismus zu diskreditieren, wie es im Mai dieses Jahres eine gro&szlig;e Koalition der Fraktionen im Bundestag getan hat, ist ebenso unsinnig wie unhistorisch. In dieser Erkl&auml;rung hei&szlig;t es: &bdquo;Die Argumentationsmuster und Methoden der BDS-Bewegung sind jedoch antisemitisch&hellip; Die Aufrufe der Kampagne zum Boykott israelischer K&uuml;nstlerinnen und K&uuml;nstler sowie Aufkleber auf israelischen Handelsg&uuml;tern, die vom Kauf abhalten sollen, erinnern zudem an die schrecklichste Phase der deutschen Geschichte. &bdquo;Don&rsquo;t Buy&ldquo;-Aufkleber der BDS-Bewegung auf israelischen Produkten wecken unweigerlich Assoziationen zu der NS-Parole &bdquo;Kauft nicht bei Juden!&ldquo; und entsprechenden Schmierereien an Fassaden und Schaufenstern&hellip; Der Deutsche Bundestag verurteilt alle antisemitischen &Auml;u&szlig;erungen und &Uuml;bergriffe, die als vermeintliche Kritik an der Politik des Staates Israel formuliert werden, tats&auml;chlich aber Ausdruck des Hasses auf j&uuml;dische Menschen und ihre Religion sind, und wird ihnen entschlossen entgegentreten.&ldquo; <\/p><p>Nichts stimmt an diesen S&auml;tzen, mit denen der Bundestag die Parolen des Ministeriums f&uuml;r strategische Angelegenheiten in Jerusalem &uuml;bernimmt, welches seit Jahren die Kritik und Aktionen von BDS bek&auml;mpft. Wer den Boykott von internationalen Universit&auml;ten, Schulen, Kirchen, Gewerkschaften und zahllosen zivilgesellschaftlichen Organisationen mit dem Ziel, die Geltung von V&ouml;lkerrecht und Menschenrechten f&uuml;r das pal&auml;stinensische Volk durchzusetzen, mit dem Boykott der Nazis zur Vernichtung des j&uuml;dischen Volkes gleichstellt, hat die Ebene ernstzunehmender Argumentation verlassen und sich auf das Niveau politischer Verleumdung herabbegeben. Es ist widersinnig und falsch, Kritik und Sanktionen, die man gegen andere Staaten ausgiebig und nachdr&uuml;cklich fordert und praktiziert, hinter einer unseligen Geschichte zu verstecken und Pal&auml;stina als v&ouml;lkerrechtsfreies Gebiet au&szlig;erhalb von UNO und UNO-Charta zu akzeptieren.<\/p><p>Die BDS-Bewegung unterscheidet sehr genau zwischen Juden, dem Staat Israel und der israelischen Regierung, ihre Aktivit&auml;ten richtet sich allein gegen die Politik der Regierung, weder gegen den Staat noch gegen die Juden. Dieser Unterschied wird mit der Formel des &bdquo;israelbezogenen Antisemitismus&ldquo; bewusst verwischt, um gerade die Kritik an der Regierung zu unterbinden. Die Zivilgesellschaft wird immer wieder aufgefordert, sich mit friedlichen Mitteln bei der L&ouml;sung politischer Auseinandersetzungen und Probleme einzumischen. Hier tut sie es, wo Regierungen und politische Parteien offensichtlich versagen. Wo Reden, Diplomatie und Resolutionen nicht helfen, m&uuml;ssen andere friedliche Wege beschritten werden. Das programmatische Bekenntnis zu einem unabh&auml;ngigen und demokratischen Pal&auml;stina neben einer Garantie f&uuml;r die Existenz Israels verlangt allm&auml;hlich mehr, als das Ziel einer Zwei-Staaten-L&ouml;sung bei jeder Gelegenheit stereotyp zu wiederholen. Der Boykott zur Befreiung eines besetzten Landes ist dabei nur eines der legitimen Mittel, wie es schon vor zwei Jahren &uuml;ber 200 europ&auml;ische Juristen und im Mai dieses Jahres 240 israelische und j&uuml;dische Intellektuelle in &ouml;ffentlichen Erkl&auml;rungen bekundet haben. Erst j&uuml;ngst haben Avraham Burg, ehemaliger Sprecher der Knesset und Dani Karavan, Sch&ouml;pfer des Walter-Benjamin-Denkmals in Portbou und des Denkmals f&uuml;r die ermordeten Sinti und Roma in Berlin, in einem gemeinsamen offenen Brief erkl&auml;rt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Doch gibt es an BDS als solcher nichts Antisemitisches. Gewaltlose Volkskampagnen sind ein legitimes und angebrachtes Mittel, um Staaten dazu zu bewegen, mit schwerer Diskriminierung und arger Verletzung von Menschenrechten ins Gericht zu gehen. Denken wir an die Apartheid in S&uuml;dafrika.&ldquo; (Haaretz v. 17. Juni 2019, &Uuml;bersetzung Reiner Bernstein)\n<\/p><\/blockquote><p>Ein j&uuml;ngster Vorfall zeigt erschreckend, welch groteske und zugleich gef&auml;hrliche Ausw&uuml;chse dieser Kampf gegen die BDS-Bewegung inzwischen angenommen hat. Der Leiter des J&uuml;dischen Museums trat von seinem Amt zur&uuml;ck, weil er dem Druck von j&uuml;discher Seite (Zentralrat der Juden, israelischer Botschafter, israelische Presse, Ministerpr&auml;sident Netanjahu) nicht mehr glaubte, standhalten zu k&ouml;nnen. Unmittelbarer Anlass war eine Presseerkl&auml;rung des Museums, in der auf die Kritik der 240 j&uuml;dischen Intellektuellen an dem Bundestagsbeschluss in der Tageszeitung hingewiesen wurde. Sie erregte den w&uuml;tenden Protest des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden Schuster (&bdquo;Das Ma&szlig; ist voll&ldquo;), war aber nur die Fortsetzung einer Kampagne, die bereits gegen eine vielbeachtete und gelobte Ausstellung des Museums &bdquo;Welcome to Jerusalem&ldquo;, &bdquo;eine faszinierende, facettenreiche Darstellung der Bedeutung Jerusalems f&uuml;r Juden, Christen und Muslims&ldquo;, (taz. v. 15.\/16. S. 3) schon Netanjahu zur Intervention veranlasst hatte. Er beschwerte sich bei der Bundesregierung &uuml;ber die &bdquo;antiisraelischen Aktivit&auml;ten des Museums&ldquo;. An dieser Kampagne wird besonders deutlich, dass es ausschlie&szlig;lich um die Abschirmung des Regimes in Jerusalem vor jeglicher Kritik geht. Der Antisemitismus, obwohl bei jeder Gelegenheit als Allzweckwaffe gegen die Kritiker eingesetzt, spielt hier keine Rolle, da ihr Einsatz gegen j&uuml;dische Intellektuelle und ein j&uuml;disches Museum allzu l&auml;cherlich erscheinen w&uuml;rde. Derartige Interventionen helfen im Kampf gegen den Antisemitismus nicht weiter, wie die 240 j&uuml;dischen Intellektuellen den Bundestag ger&uuml;gt hatten. Im Gegenteil, sie verm&ouml;gen ihn nur zu f&ouml;rdern, da sie die deutsche Sensibilit&auml;t beim Thema Antisemitismus missbrauchen und instrumentalisieren, wie es Amos Goldberg, Professor f&uuml;r die Geschichte des Holocausts an der Hebr&auml;ischen Universit&auml;t in Jerusalem und Initiator der Protesterkl&auml;rung der j&uuml;dischen Intellektuellen, der Tageszeitung gegen&uuml;ber erkl&auml;rt hat. Und noch einmal Avraham Burg und Dani Karavan in ihrem Brief: &bdquo;Doch der Bundestag hat seine Pflicht d&uuml;piert, den Antisemitismus in einer prinzipiellen und aufrichtigen Art zu bek&auml;mpfen. Es hat seine liberalen und demokratischen Werte betrogen und ebenso seine Pflicht, Menschenrechte und die Autorit&auml;t des Gesetzes zu f&ouml;rdern, in Deutschland und in Israel. Gegenw&auml;rtig betr&uuml;gt es auch seine Pflicht als wahrer Freund Israels. Es hat das entscheidende Verm&auml;chtnis von 1948 betrogen&ldquo;.<\/p><p>Ginge es wirklich um die Bek&auml;mpfung des nicht nur in Deutschland grassierenden Antisemitismus, m&uuml;sste der Nahostkonflikt mit in die Debatte einbezogen werden und dabei insbesondere die Besatzungspolitik Israels, ihre Gewalt und Diskriminierung, die Verletzung der Menschenrechte. Es fehlt jedoch die Bereitschaft der Politik, auch in dieser permanenten Missachtung des V&ouml;lkerrechts durch Israel eine Quelle des allgemeinen Antisemitismus zu sehen, um daraus nicht Konsequenzen ziehen zu m&uuml;ssen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Folgende ist die aktualisierte Fassung eines Vortrags, den <strong>Norman Paech<\/strong> am 1. Dezember 2018 auf dem Kasseler Friedensratschlag gehalten hat. 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