{"id":52905,"date":"2019-07-01T14:00:56","date_gmt":"2019-07-01T12:00:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52905"},"modified":"2026-01-27T11:32:38","modified_gmt":"2026-01-27T10:32:38","slug":"die-kluft-zwischen-demokratischer-rhetorik-und-kapitalistischer-realitaet-ist-gigantisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52905","title":{"rendered":"\u201eDie Kluft zwischen demokratischer Rhetorik und kapitalistischer Realit\u00e4t ist gigantisch\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Angst, Macht, Demokratie und Herrschaft: Das sind vier zentrale Begriffe, mit denen sich <strong><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40899\">Rainer Mausfeld<\/a><\/strong> als kritischer Beobachter unserer Gesellschaft auseinandersetzt. Um diese Begriffe geht es auch in dem folgenden Interview, das die NachDenkSeiten mit dem emeritierten Professor der Psychologie gef&uuml;hrt haben. Mausfeld verdeutlicht, wie sehr Angst als Mittel der Machtaus&uuml;bung in unserem politischen System eine Rolle spielt und wie eine hochgradig destruktive Ideologie &ndash; die des &bdquo;unternehmerischen Selbst&ldquo; &ndash; unser gesamtes gesellschaftliches Denken bestimmt. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Lesetipp: Rainer Mausfeld: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/Alle-Buecher\/Angst-und-Macht.html\">Angst und Macht. Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien<\/a>. Westend Verlag. Frankfurt am Main. Juli 2019. 128 Seiten. 14 Euro.<\/em><\/p><p><strong>Herr Mausfeld, Sie verkn&uuml;pfen in Ihrer Arbeit die Begriffe &bdquo;Angst&ldquo; und &bdquo;Macht&ldquo; und schlagen dann den Bogen zur politischen Herrschaft. Wie passt diese Verkn&uuml;pfung zu einem demokratischen System?  <\/strong><\/p><p>Eigentlich gar nicht. Demokratie geht n&auml;mlich nicht nur mit einem Versprechen einer gesellschaftlichen Selbstbestimmung einher, sondern auch mit einem Versprechen einer gr&ouml;&szlig;tm&ouml;glichen Freiheit von gesellschaftlicher Angst. Demokratie bedeutet also den Verzicht auf eine der wirksamsten Herrschaftstechniken &uuml;berhaupt: der systematischen Erzeugung gesellschaftlicher Angst.  Wenn die Machtaus&uuml;benden hingegen systematisch &Auml;ngste erzeugen, blockieren sie eine angemessene gesellschaftliche Urteilsbildung und l&auml;hmen die Entschluss- und Handlungsbereitschaft. Durch eine systematische Erzeugung von &Auml;ngsten wird der Demokratie die Grundlage entzogen. Demokratie und Herrschaftstechniken der Angsterzeugung sind miteinander unvertr&auml;glich.<\/p><p><strong>Bevor wir n&auml;her darauf eingehen: Was ist Angst aus psychologischer Sicht?<\/strong><\/p><p>Angst geh&ouml;rt im Spektrum unserer Emotionen zu den ganz grundlegenden Gef&uuml;hlszust&auml;nden. Sie ist eine Bedrohung oder Ersch&uuml;tterung des gesamten Selbst, das hei&szlig;t, sie umfasst das psychische Erleben ebenso wie den Leib. Da Angst als hochgradig unangenehm erlebt wird, l&ouml;st sie k&ouml;rperliche und psychische Aktivit&auml;t zu ihrer Bew&auml;ltigung aus. Wenn nun aber die &auml;u&szlig;ere angstausl&ouml;sende Situation so beschaffen ist, dass eine Angstlinderung nicht mehr gelingen kann, bleibt die Angst in der Person gefangen &ndash; sie wird zu etwas, das in der Psychologie als neurotische Angst oder Binnenangst bezeichnet wird. Sie kreist gleichsam in der Person, zehrt deren psychische Energien auf, f&uuml;hrt zu unangemessenen, neurotischen Bew&auml;ltigungsversuchen, l&auml;hmt die Person, macht sie apathisch und depressiv.  <\/p><p>Der renommierte Politologe Franz Neumann, einer der Begr&uuml;nder der Politologie, sah eine zentrale Herrschaftstechnik darin, dass die Machtaus&uuml;benden versuchen, Realangst in Binnenangst umzuwandeln, um so gesellschaftlichen Widerstand zu paralysieren.<\/p><p><strong>Und Macht?<\/strong><\/p><p>Das Streben nach Macht geh&ouml;rt zu den grundlegenden Begierden des Menschen. In einer sozialen Gemeinschaft ist Macht mit vielen Vorteilen verbunden, denn sie bedeutet, dass jemand seine Interessen gegen andere durchsetzen kann und andere dem eigenen Willen unterwerfen kann. Leider geh&ouml;rt zu den zentralen Eigenschaften der Beschaffenheit unseres Geistes, dass das menschliche Streben nach Macht nicht &ndash; wie bei allen anderen Lebewesen &ndash; selbstlimitierend ist, sondern grenzenlos. Das bringt gewaltige Probleme mit sich, die sich nur durch geeignete zivilisatorische Schutzbalken bew&auml;ltigen lassen. Um diese Schutzbalken geht es gerade in der Leitidee von Demokratie.<\/p><p>F&uuml;r Wissenschaften, die sich mit dem politisch-gesellschaftlichen Bereich besch&auml;ftigen, ist das Konzept der Macht ein Fundamentalbegriff &ndash; in gleicher Weise wie das Konzept der Energie f&uuml;r die Physik. Macht ist also <em>das<\/em> zentrale Konzept der Politikwissenschaften. Und die zivilisatorische Aufgabe, die wir zu leisten haben, liegt gerade darin, Schutzbalken gegen die uners&auml;ttliche Gier nach Macht und gegen Exzesse der Macht zu errichten.<\/p><p><strong>Nun leben wir in einer Demokratie. Alle Macht liegt bekanntlich beim &bdquo;Volk&ldquo;.<\/strong><\/p><p>Beides sind Bekundungen, die man sehr sorgf&auml;ltig mit der Realit&auml;t konfrontieren muss. Dass alle Macht vom Volke ausgeht, ist zun&auml;chst nicht mehr als eine rhetorische Formel, die dem Volk die Illusion einer gesellschaftlichen Selbstbestimmung geben soll. Aber in der Tat besteht die Leitidee von Demokratie gerade darin, Macht zu vergesellschaften und sie damit in gewisser Weise aufzuheben beziehungsweise durch geeignete Prozeduren gesellschaftlich einzuhegen. Demokratie bedeutet also, dass jede Form gesellschaftlicher Macht einer demokratischen Legitimation bedarf. <em>Alle<\/em> Machtstrukturen haben ihre Existenzberechtigung nachzuweisen und sich der &Ouml;ffentlichkeit gegen&uuml;ber zu rechtfertigen, sonst sind sie illegitim und somit zu beseitigen.<\/p><p><strong>Die Sache ist also doch etwas komplexer?<\/strong><\/p><p>Die Kluft zwischen demokratischer Rhetorik und kapitalistischer Realit&auml;t ist gigantisch. Da die jeweiligen &ouml;konomischen Zentren der Macht naturgem&auml;&szlig; kein wirkliches Interesse an einer demokratischen Gesellschaftsform haben, ist die Errichtung einer kapitalistischen Demokratie seit ihren Anf&auml;ngen darauf angewiesen, die unaufhebbaren Widerspr&uuml;che zwischen Kapitalismus und Demokratie durch eine geeignete Manipulation der &ouml;ffentlichen Meinung zu verdecken. Die Errichtung einer kapitalistischen Demokratie und die systematische Entwicklung von Methoden der Steuerung der &ouml;ffentlichen Meinung gehen historisch also Hand in Hand. Der Siegeszug der Demokratie im vergangenen Jahrhundert wurde nur m&ouml;glich durch Entwicklung geeigneter Techniken zur Manipulation des &ouml;ffentlichen Bewusstseins. <\/p><p>Mit der neoliberalen Revolution von oben und  der sogenannten Globalisierung, die de facto eine Form des Neokolonialismus der &ouml;konomisch st&auml;rksten Nationen ist, haben sich heute die tats&auml;chlichen Zentren der Macht nahezu vollst&auml;ndig gegen eine demokratische Kontrolle und Rechenschaftspflicht abgeschottet. Folglich bedarf es stetig  wirksamerer Indoktrinationstechniken, um die Kluft zwischen Rhetorik und Realit&auml;t zu verdecken. <\/p><p><strong>Was hei&szlig;t das?<\/strong><\/p><p>Seit Beginn des vergangenen Jahrhunderts wurden Manipulationstechniken mit einem gigantischen Aufwand systematisch entwickelt und f&uuml;hrten zu einem geradezu explosionsartigen Wachstum von Sozialwissenschaften und Psychologie. Seitdem werden die auf diesem Wege entwickelten Techniken eines Demokratiemanangements in einer Weise fortentwickelt und verfeinert, von der sich die &Ouml;ffentlichkeit heute kaum noch ein angemessenes Bild machen kann. Vielleicht hilft hierbei ein Vergleich mit der Entwicklung der Unterhaltungsindustrie.  Hier l&auml;sst sich sehr konkret und sinnlich deutlich machen, wie umfassend und tiefgreifend sich in den letzten hundert Jahren die M&ouml;glichkeiten der Unterhaltungsindustrie entwickelt haben. In einer vergleichbaren Gr&ouml;&szlig;enordnung haben sich in demselben Zeitraum die Techniken zur Manipulation des &ouml;ffentlichen Bewusstseins entwickelt, nur dass diese Entwicklungen weniger greifbar und augenf&auml;llig sind und daher im &ouml;ffentlichen Bewusstsein praktisch nicht pr&auml;sent sind. Die gewaltigen Fortschritte derartiger Techniken lassen sich daran ermessen, dass es gelungen ist, den weitverbreiteten Eindruck zu erzeugen, dass wir heute in einer Gesellschaften leben, die weitgehend frei von Propaganda und Indoktrination ist. Das ist sicherlich einer der spektakul&auml;rsten Erfolge dieser in vielen Jahrzehnten unter gigantischem finanziellen Aufwand betriebenen Bem&uuml;hungen um die Entwicklung nahezu unsichtbarer Techniken eines Demokratiemanagements.<\/p><p><strong>Und bei der Herrschaftsaus&uuml;bung kommt der Faktor Angst ins Spiel?<\/strong><\/p><p>Traditionelle Formen eines Demokratiemanagements fokussierten vor allem auf den Aspekt eines Meinungsmanagements. Da jedoch die Erzeugung von Angst eine der wirkungsvollsten Herrschaftstechniken darstellt, wollen auch in kapitalistischen Demokratien die Machtaus&uuml;benden nur ungern darauf verzichten. Zumal sich eine systematische Erzeugung von gesellschaftlicher Angst mit zumeist recht einfachen Methoden erreichen l&auml;sst und eine sehr viel durchschlagendere Wirkung auf das &ouml;ffentliche Bewusstsein hat als eine blo&szlig;e Meinungsmanipulation. Je st&auml;rker in kapitalistischen Demokratien autorit&auml;re Tendenzen wieder in den Vordergrund treten, umso wichtiger werden Techniken der systematischen Erzeugung von Angst gegen&uuml;ber traditionellen Techniken eines Meinungsmanagements.<\/p><p><strong>Was meinen Sie mit &bdquo;Meinungs- und Demokratiemanagement&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Alle Techniken, durch die sich gesellschaftliche Einstellungen und Meinungen so beeinflussen lassen, dass die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung bei Wahlen so will, wie sie wollen soll. Das entsprechende Arsenal ist in vielen Jahrzehnten systematisch erprobt und verfeinert worden und in den meisten F&auml;llen kaum noch als Manipulation und Propaganda erkennbar. Dieses Arsenal  bildet die Grundlage f&uuml;r den Operationsmodus der Leitmedien. Wie dies im Einzelnen funktioniert, l&auml;sst sich, einen ideologisch halbwegs n&uuml;chternen Blick vorausgesetzt, t&auml;glich  in der Tagespresse oder in der Tagesschau studieren; jedenfalls gibt es eigentlich keinen Mangel an erhellendem Seminarmaterial f&uuml;r die Ausbildung von Qualit&auml;tsjournalisten an Journalistenschulen. <\/p><p><strong>K&ouml;nnten Sie die grundlegende Vorgehensweise einer Angsterzeugung an einem Beispiel skizzieren? Wie wird Angst zur Herrschaftstechnik?<\/strong><\/p><p>Gesellschaftliche &Auml;ngste lassen sich auf vielf&auml;ltige Weise erzeugen. Sie lassen sich auf strukturellem Wege erzeugen, etwa durch eine bestimmte Rechts- und Eigentumsordnung, bei der die &Uuml;berlebensgrundlage der Nichtbesitzenden vom erfolgreichen Verkauf der eigenen Arbeitskraft an die Besitzenden abh&auml;ngt. Der Zwang zur Lohnarbeit stellt also einen wesentlichen strukturellen Faktor der Erzeugung gesellschaftlicher Angst dar. Strukturelle Formen der Angsterzeugung sind besonders wirksam, weil es hier keine sichtbaren T&auml;ter mehr gibt. <\/p><p>Ein direkterer Weg zur Erzeugung gesellschaftlicher &Auml;ngste besteht in der systematischen Verwendung einer Angstrhetorik. In der Regel erfolgt dies durch einen von oben verordneten Kampf gegen &sbquo;das B&ouml;se&lsquo;, also gegen etwas, das als bedrohlicher Feind deklariert wird und das daher entschlossen zu bek&auml;mpfen sei. Dieses Etwas kann so ziemlich alles sein, was sich irgendwie wirksam zur Angsterzeugung nutzen l&auml;sst. Prominente gegenw&auml;rtige Beispiele sind der Kampf gegen <em>Fake News<\/em> und gegen &ndash; nat&uuml;rlich russische &ndash; Desinformation; die besten Satiren schreibt eben die Wirklichkeit selbst. <\/p><p>Das folgenschwerste Beispiel ist der verordnete Kampf gegen den Terror. Bei diesem Kampf geht es um alles M&ouml;gliche, nur nicht um einen Kampf gegen den Terror. Er dient der Verschleierung imperialer Interessen, einer gigantischen Umverteilung &ouml;ffentlicher Mittel in die Kriegs- und Sicherheitsindustrie, dem Abbau historisch m&uuml;hsam erk&auml;mpfter demokratischer Errungenschaften und der Etablierung eines Sicherheits- und &Uuml;berwachungsstaates. Dieser Kampf ist also, wie in allen F&auml;llen, in denen durch einen von oben verordneten Kampf &Auml;ngste gesch&uuml;rt werden, heuchlerisch. Denn Terror lie&szlig;e sich am besten bek&auml;mpfen, wenn die, die diesen Kampf gegen den Terror verordnen, selbst auf ihn verzichten w&uuml;rden. <\/p><p>Der heuchlerische Charakter dieser verordneten K&auml;mpfe gegen vorgebliche Bedrohungen l&auml;sst sich auch daran erkennen, dass diese K&auml;mpfe gar nicht erfolgreich sein <em>d&uuml;rfen<\/em>, weil ihr Erfolg f&uuml;r die &ouml;konomischen und politischen Zentren der Macht gerade darin liegt, <em>nicht<\/em> erfolgreich zu sein, damit die Bedrohungen als Mittel der Angsterzeugung erhalten bleiben.<\/p><p><strong>Und weiter?<\/strong><\/p><p>Da offensichtlich in kapitalistischen Demokratien eine systematische Erzeugung von Angst eine zentrale Herrschaftstechnik darstellt, kann es sich bei &sbquo;kapitalistischen Demokratien&lsquo; nicht um das handeln, was man im Gefolge der Aufkl&auml;rung unter Demokratie versteht. Damit meine ich: Eine Gesellschaftsform, die darauf zielt, jede Form von Macht demokratisch einzuhegen und dadurch eine gr&ouml;&szlig;tm&ouml;gliche Freiheit von gesellschaftlicher Angst zu garantieren. <\/p><p>Wenn also in unseren Gesellschaftsformen Herrschaftstechniken der Angsterzeugung verwendet werden, so zeigt dies, dass es sich hier nicht um Gesellschaftsformen handeln kann, wie sie mit der Leitidee von Demokratie verbunden ist. Ein n&auml;herer Blick zeigt denn auch, dass in kapitalistischen Demokratien zentrale Bereiche der Gesellschaft von einer demokratischen Kontrolle ausgeschlossen sind. Demokratie bedeutet ja insbesondere, dass jeder B&uuml;rger einen angemessenen Anteil an allen Entscheidungen hat, die das eigene gesellschaftliche Leben betreffen. Diese demokratische Grundbedingung l&auml;sst sich jedoch nicht realisieren, wenn  Kernbereiche einer Gesellschaft, insbesondere die Wirtschaft, autorit&auml;r organisiert sind und keiner demokratischen Kontrolle und keiner gesellschaftlichen Rechenschaftspflicht unterliegen. Dies macht noch einmal deutlich, dass das Konzept einer kapitalistischen Demokratie ein Widerspruch in sich ist, da, wie vielfach in der Fachliteratur aufgezeigt wurde, Demokratie und Industrie- und Finanzkapitalismus aus grunds&auml;tzlichen Gr&uuml;nden nicht miteinander vertr&auml;glich sind. In den neoliberalen Formen des Finanz- und Konzernkapitalismus tritt dies besonders hervor, da hier <em>alle<\/em> Bereiche der Gesellschaft in autorit&auml;rer Weise global entgrenzten &ouml;konomischen Machtstrukturen unterworfen werden.<\/p><p><strong>Sie haben sich viele Gedanken &uuml;ber den Neoliberalismus gemacht und sprechen davon, dass diese Ideologie &bdquo;systematisch&ldquo; Angst in unserer Gesellschaft erzeugt. Wie meinen Sie das?<\/strong><\/p><p>Die neoliberale Ideologie hat ja historisch viele Wurzeln. Was diese Str&auml;nge gemeinsam haben, ist ihre anti-demokratische Haltung. Bei Friedrich Hayek hat diese radikal anti-demokratische Haltung wohl ihren explizitesten Ausdruck gefunden. Da der Neoliberalismus, hinter der Ideologie vom &sbquo;freien Markt&lsquo;,  vor allem ein Umverteilungsprojekt von unten nach oben ist, &uuml;berrascht es nicht, dass er grunds&auml;tzlich unf&auml;hig ist, sich durch Wahlen eine demokratische Legitimation zu verschaffen. Er kann seine Herrschaft nur durch Abbau demokratischer Substanz und die institutionelle und rechtliche Einf&uuml;gung autorit&auml;rer Elemente sichern. Da die Kluft zwischen gesellschaftlicher Realit&auml;t und demokratischer Rhetorik mittlerweile so gro&szlig; ist, dass sie zunehmend gr&ouml;&szlig;eren Teilen der Bev&ouml;lkerung nicht mehr verborgen bleibt, reichen traditionelle Techniken der Meinungsmanipulation nicht mehr, um die Illusion einer Demokratie aufrechtzuerhalten. Daher hat die systematische Erzeugung von Angst als Mittel zur Stabilisierung von Herrschaft im Neoliberalismus als einer Extremform des Kapitalismus wieder eine ganz zentrale Bedeutung gewonnen. Zugleich wurden im Rahmen der neoliberalen Umgestaltung der Gesellschaft gerade diejenigen gesellschaftlichen Instanzen systematisch geschw&auml;cht oder zerst&ouml;rt, die &uuml;ber ein Stiften von Solidargemeinschaft angstreduzierend wirken. Ohne eine systematische Angsterzeugung w&auml;re das neoliberale Projekt nicht durchsetzbar. <\/p><p><strong>Haben Sie Beispiele?<\/strong><\/p><p>Das prototypische Beispiel neoliberaler Angsterzeugung ist die im Zuge neoliberaler Transformationsprozesse gezielt und planvoll betriebene Prekarisierung von Lohnarbeit. <\/p><p><strong>Gezielt und planvoll?<\/strong><\/p><p>Prekarisierung ist eine Form gesellschaftlicher Desintegration. Gesellschaftliche Desintegration war und ist eine zentrale Herrschaftstechnik. Unsichere und instabile Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse vermindern oder zerst&ouml;ren die kollektive Handlungsf&auml;higkeit und die Organisationsmacht der Besch&auml;ftigten und f&ouml;rdern eine soziale Atomisierung. Genau diese Wirkungen sind intendiert, weil sie massiv die Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse zu Gunsten der Kapitalbesitzenden verschieben. Prekarisierung ist also nicht einfach ein bedauerlicher Nebeneffekt neoliberaler Transformationsprozesse, sondern eine Herrschaftstechnik und ein Disziplinierungsinstrument. Angsterzeugung durch eine materielle Gef&auml;hrdung existentieller Lebensgrundlagen ist sicherlich die wirksamste Form einer Herrschaftstechnik. Die dadurch bedingten Unsicherheiten der eigenen Lebensplanung und die permanente soziale Abstiegsbedrohung schlie&szlig;en immer gr&ouml;&szlig;ere Teile der Bev&ouml;lkerung von einer politisch-gesellschaftlichen Partizipation aus und f&uuml;hren somit zu der gew&uuml;nschten Entleerung des politischen Raumes. Auch lassen sich diese &Auml;ngste nutzen, um gesellschaftliche Ver&auml;nderungsenergien auf Ablenkziele zu richten. Die Prekarisierung von Lohnarbeit als solche schafft also bereits materielle Lebensbedingungen, die angsterzeugend wirken. Diese Form der Angsterzeugung wird nun auf ideologischem Wege noch einmal verst&auml;rkt und abgesichert.<\/p><p><strong>Was bedeutet das? Wie lassen sich die durch unsichere Arbeitsverh&auml;ltnisse erzeugten &Auml;ngste ideologisch verst&auml;rken?<\/strong><\/p><p>Die neoliberale Ideologie enth&auml;lt zwei Kernkomponenten, die in massiver Weise gesellschaftliche &Auml;ngste f&ouml;rdern. Die erste Komponente, die sich als neoliberale Epistemologie bezeichnen l&auml;sst, wurde von Friedrich Hayek sehr klar formuliert. Dabei geht es letztlich darum, ob es eine Basis eines Verstehens gesellschaftlicher Vorg&auml;nge gibt, auf deren Grundlage wir Gesellschaft gestalten k&ouml;nnen. Hayek war der Auffassung, dass sich die Komplexit&auml;ten einer Gesellschaft grunds&auml;tzlich den M&ouml;glichkeiten einer menschlichen Rationalit&auml;t entz&ouml;gen. Damit seien auch alle Versuche zum Scheitern verurteilt, gesellschaftliche Entwicklungen zu steuern. Der Markt sei der einzige Mechanismus, der in allumfassender und rationaler Weise Informationen integriere und auf diese Weise gesellschaftliche Verh&auml;ltnisse gestalten k&ouml;nne. Die einzige Form einer zul&auml;ssigen Steuerung sei es, Hindernisse f&uuml;r ein freies Wirken des Marktes zu beseitigen. Gesellschaftliche Gestaltungsversuche, die durch Gemeinschaftssinn und Solidarit&auml;t geleitet sind, beruhen nach Hayek auf Irrationalit&auml;ten und gef&auml;hrdeten daher das rationale Wirken des &sbquo;freien Marktes&lsquo;.<\/p><p><strong>Anders gesagt: Der Mensch kann die Welt, in der er lebt, nicht gestalten, meint Hayek?<\/strong><\/p><p>Ja, eine solche Auffassung stellt eine Art Markttheologie dar, die dem Menschen grunds&auml;tzlich die Bef&auml;higung abspricht, gesellschaftliche Vorg&auml;nge verstehen zu k&ouml;nnen und sie auf der Basis einer gesellschaftlichen Willensbildung gestalten zu k&ouml;nnen. Dieser Glaube an den Markt behauptet, dass die Wirkkr&auml;fte, die unser gesellschaftliches Leben bestimmen, grunds&auml;tzlich einer demokratischen Willensbildung entzogen seien. Die M&ouml;glichkeiten unserer gesellschaftlichen Lebensplanung und einer gesellschaftlichen Sicherung von menschenw&uuml;rdigen Lebensbedingungen w&uuml;rden allein durch die naturgesetzlichen Regeln des Marktes bestimmt, denen wir uns zu unterwerfen h&auml;tten. Eine solche Ideologie, die unser gesellschaftliches Leben grunds&auml;tzlich einer Verstehbarkeit und Gestaltbarkeit entzieht, dient dazu, Abh&auml;ngigkeits- und Ohnmachtsgef&uuml;hle in uns auszul&ouml;sen, also individuell wie kollektiv Angstgef&uuml;hle auszul&ouml;sen.<\/p><p><strong>Sie haben angef&uuml;hrt, dass es zwei Komponenten der neoliberalen Ideologie gibt, die &Auml;ngste f&ouml;rdern. Warum bedarf es &uuml;berhaupt einer zweiten Komponente, wenn doch bereits die Markttheologie in der Lage ist, die f&uuml;r Herrschaftszwecke ben&ouml;tigten Angstgef&uuml;hle auszul&ouml;sen? Und wie sieht diese zweite Komponente aus?<\/strong><\/p><p>Die Ideologie der Unverstehbarkeit und der Nicht-Gestaltbarkeit gesellschaftlicher Vorg&auml;nge l&ouml;st &Auml;ngste aus, die Resignation und politische Apathie f&ouml;rdern. Der Neoliberalismus zielt jedoch auf mehr. Er m&ouml;chte die Menschen zu seinen Komplizen machen. Er m&ouml;chte also erreichen, dass Menschen aktiv zu seiner Stabilit&auml;t beitragen, zu aktiven Tr&auml;gern der neoliberalen Ideologie werden und zu ihrer Verbreitung und Festigung beitragen. <\/p><p><strong>Wie l&auml;sst sich dies am besten erreichen?<\/strong><\/p><p>Das neoliberale Projekt hat zum Ziel, alle Bereiche einer Gesellschaft &ouml;konomischen Kriterien von Konkurrenz und Profit zu unterwerfen, also auch diejenigen Bereiche, die zuvor vor einer kapitalistischen Verwertungslogik gesch&uuml;tzt waren. Dazu geh&ouml;ren Schulen und das gesamte Ausbildungswesen, das Gesundheitswesen oder die gesellschaftliche Gestaltung des Umgangs mit Gemeing&uuml;tern. Der Neoliberalismus treibt die Ausdehnung kapitalistischer Verwertungslogik nun zu ihrem Extrempunkt, indem er auch das Individuum selbst einer kapitalistischen Verwertungslogik unterwirft. Er sucht gleichsam einen neuen Menschen zu schaffen, der sich in idealer Weise in die behaupteten Naturgesetzlichkeiten des freien Marktes einf&uuml;gt. <\/p><p><strong>Was ist das dann f&uuml;r ein Mensch?<\/strong><\/p><p>Dieser Idealtyp des neoliberalen Menschen wird als &bdquo;neoliberales Selbst&ldquo; oder &bdquo;unternehmerisches Selbst&ldquo; bezeichnet. <\/p><p><strong>Was meinen Sie damit?<\/strong><\/p><p>In der Ideologie des unternehmerischen Selbst stellen alle sozialen Beziehungen vorrangig Konkurrenzverh&auml;ltnisse dar. Jeder sei als &bdquo;Humankapital&ldquo; eine Art &bdquo;Ich-AG&ldquo; und m&uuml;sse sich somit als Unternehmer seiner selbst Kriterien einer Profitmaximierung unterwerfen. Das erfordert, durch unerm&uuml;dliche Anstrengungen die n&ouml;tigen Anpassungsleistungen erbringen, um auf dem Markt erfolgreich zu sein. Wer dabei versage, seine Fremdverwertbarkeit f&uuml;r den Markt zu optimieren, m&uuml;sse sich sein Scheitern selbst zuschreiben. Wer also nach Gehalt und sozialem Status erfolgreich sei, habe diesen Erfolg auch verdient, weil er ja eine erfolgreiche Marktanpassung geleistet habe. Wer nicht erfolgreich sei und zu den gesellschaftlichen Verlierern geh&ouml;re,  sei zu Recht gescheitert. Denn nur der freie Markt k&ouml;nne, so Hayek, Gerechtigkeit verk&ouml;rpern. Menschliche Gerechtigkeitsvorstellungen stellten nur Irrationalit&auml;ten dar und seien somit als potentielle Marktst&ouml;rungen anzusehen.<\/p><p>Eine solche Ideologie erzeugt in massiver Weise &Auml;ngste vor einem Leistungsversagen. Zumal die f&uuml;r einen Erfolg zu erbringende Leistung durch die Ideologie der rationalen Unverstehbarkeit des Wirkens des Marktes die eigene berufliche Planbarkeit eng begrenzen. Nur wer sich selbst zu einer &bdquo;flexiblen Pers&ouml;nlichkeit&ldquo; umgestaltet und geschmeidig Fremdzw&auml;nge in Eigenzw&auml;nge umzudeuten versteht, k&ouml;nne unter Konkurrenzbedingungen erfolgreich sein.<\/p><p>Die Ideologie des unternehmerischen Selbst ist ein ebenso wirksamer wie perfider Trick, gesellschaftliche Antagonismen gleichsam nach innen zu verlagern und damit paradoxerweise Selbstausbeutung als h&ouml;chste Form der Freiheit erscheinen zu lassen. Eine solche Entleerung und Transformation des Selbst zu einem &bdquo;flexiblen Selbst&ldquo; muss zwangsl&auml;ufig gravierende psychische Beeintr&auml;chtigungen mit sich bringen, wie sie sich nicht zuletzt in dem starken Anwachsen von Angstst&ouml;rungen und schweren depressiven St&ouml;rungen zeigen.<\/p><p><strong>Ein gro&szlig;es Problem scheint zu sein, dass die vorherrschende Ideologie so tief in unser Denken eingeschliffen ist, dass kaum noch ein Denken &bdquo;outside of the box&ldquo; m&ouml;glich ist, oder?<\/strong><\/p><p>Die neoliberale Ideologie ist ja sehr viel mehr als nur eine &ouml;konomische Konzeption. Als &ouml;konomische Konzeption beruht sie auf Absurdit&auml;ten und ist voller Inkoh&auml;renzen, so dass sie sich in ihren konkreten Praktiken nach jeder der durch sie hervorgerufenen Krisen gleichsam neu erfinden muss. Dabei zeigt sich jedoch eine atemberaubende Flexibilit&auml;t, so dass die gegenw&auml;rtigen Praktiken des real existierenden Neoliberalismus mit den urspr&uuml;nglichen Ideen nur noch wenig gemein haben. Was jedoch durch all diese Transformation des Neoliberalismus konstant bleibt, ist sein gleichsam totalit&auml;rer Anspruch auf eine konkurrenzf&ouml;rmige Gestaltung <em>aller<\/em> gesellschaftlichen Lebensbereiche. Dazu geh&ouml;rt auch die Schaffung eines unternehmerischen Selbst, das in einer sozial atomisierten Gesellschaft nur noch als Konsument eine soziale Identit&auml;t findet.<\/p><p>Diese Ideologie des unternehmerischen Selbst ist mittlerweile zu einer Art kultureller Basisideologie unserer Gesellschaft geworden. Wie alle Basisideologien hat sie sich damit gleichsam unsichtbar gemacht. Wir bemerken sie kaum noch als Ideologie, sie ist uns zu einer Selbstverst&auml;ndlichkeit geworden. Unser gesamtes gesellschaftliches Denken ist von ihr bestimmt, unsere Vorstellungen von Kindheit und Erziehung, von Familie und Beziehungen, von psychischen St&ouml;rungen und Therapie und sogar unsere Vorstellungen von unserer eigenen Person. Schule und der gesamte Ausbildungsbereich sind durch diese Ideologie gepr&auml;gt und sie hat ihre tiefen Spuren im gesamten Bereich der Kultur hinterlassen.<\/p><p><strong>Wie l&auml;sst sich dieser Ideologie im eigenen Denken entgegentreten?<\/strong><\/p><p>Das eigenst&auml;ndige Denken ist nat&uuml;rlich, wie immer, die wichtigste Waffe zu einer intellektuellen Selbstverteidigung. Dies kann auch dazu beitragen, die gesellschaftlichen Quellen der Angsterzeugung aufzuzeigen und bewusst zu machen, um Gegenstrategien zu erm&ouml;glichen. Zugleich muss man sich jedoch klarmachen, dass man dieses Problem nicht auf individualistische Weise verk&uuml;rzen darf. Eine gesellschaftliche Selbstverteidigung geht &uuml;ber intellektuelle Anstrengungen hinaus und kann nur solidarisch erfolgen. Gesellschaftlich erzeugte Angst l&auml;sst sich nicht allein mit eigenem Denken bew&auml;ltigen, sondern nur durch ein angemessenes gemeinschaftliches Handeln. Also geht es zun&auml;chst darum, die vom Neoliberalismus gew&uuml;nschte Individualisierung systematisch erzeugter &Auml;ngste zu &uuml;berwinden, um wieder Wege zu einer solidarischen Angstbew&auml;ltigung zu finden. <\/p><p>Wenn jeder lediglich an einer individualisierten Form des Gl&uuml;cks arbeitet und auf diese Weise gesellschaftliche Utopie privatisiert wird, kann die neoliberale Ideologie ihr Werk zur gew&uuml;nschten Perfektion f&uuml;hren: die Zerst&ouml;rung von Gemeinschaft und die Zerst&ouml;rung der Idee von Gemeinschaft. Wenn wir die Idee von Gemeinschaft und Solidarit&auml;t verlieren, verlieren wir unsere kollektive Handlungsf&auml;higkeit. Damit w&auml;re der Traum der besitzenden Klasse realisiert, n&auml;mlich die schrankenlose Macht des &ouml;konomisch St&auml;rkeren. Die in den vergangenen Jahrzehnten erfolgten Zerst&ouml;rungen sozialer und &ouml;kologischer Substanz zeigen, dass dieser Traum der Besitzenden unser aller Alptraum ist.<\/p><p>Titelbild: Screencap von &bdquo;Der fehlende Part&ldquo;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angst, Macht, Demokratie und Herrschaft: Das sind vier zentrale Begriffe, mit denen sich <strong><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40899\">Rainer Mausfeld<\/a><\/strong> als kritischer Beobachter unserer Gesellschaft auseinandersetzt. Um diese Begriffe geht es auch in dem folgenden Interview, das die NachDenkSeiten mit dem emeritierten Professor der Psychologie gef&uuml;hrt haben. 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