{"id":52967,"date":"2019-07-03T11:10:25","date_gmt":"2019-07-03T09:10:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52967"},"modified":"2026-01-27T11:32:36","modified_gmt":"2026-01-27T10:32:36","slug":"mathias-broeckers-julian-assange-ist-kein-spion-sondern-journalist-und-publizist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52967","title":{"rendered":"Mathias Br\u00f6ckers: \u201eJulian Assange ist kein Spion, sondern Journalist und Publizist!\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Worum geht es im Fall des Wikileaks-Gr&uuml;nders <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?tag=assange-julian\">Julian Assange<\/a>? Es geht nicht um die Person Assange, &bdquo;es geht um die Institution Wikileaks, es geht um die unabh&auml;ngige Publikation von Informationen, es geht um die Wahrheit &uuml;ber Kriegsverbrechen, Korruption und Kriminalit&auml;t der Herrschenden.&ldquo; Das sagt der Autor Mathias Br&ouml;ckers im NachDenkSeiten-Interview. Br&ouml;ckers ist der Auffassung, dass Wikileaks &bdquo;eine neue Dimension f&uuml;r investigativen Journalismus er&ouml;ffnet&ldquo; hat und Assange selbstverst&auml;ndlich als Journalist zu betrachten ist. Von den mehr als 1,5 Millionen Dokumenten, die Wikileaks ver&ouml;ffentlicht habe, sei nicht eins eine F&auml;lschung gewesen.  &bdquo;Das spricht im Zeitalter von Fake-News f&uuml;r die herausragende Qualit&auml;t dieser publizistischen Institution.&ldquo; Das Interview f&uuml;hrte <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6096\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-52967-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190703_Julian_Assange_ist_kein_Spion_sondern_Journalist_und_Publizist_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190703_Julian_Assange_ist_kein_Spion_sondern_Journalist_und_Publizist_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190703_Julian_Assange_ist_kein_Spion_sondern_Journalist_und_Publizist_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190703_Julian_Assange_ist_kein_Spion_sondern_Journalist_und_Publizist_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=52967-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190703_Julian_Assange_ist_kein_Spion_sondern_Journalist_und_Publizist_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"190703_Julian_Assange_ist_kein_Spion_sondern_Journalist_und_Publizist_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em><strong>Zwischenbemerkung von Moritz M&uuml;ller:<\/strong> Heute begeht Julian Assange seinen 48. Geburtstag im Londoner Belmarsh-Gef&auml;ngnis.  Wir wissen nicht wirklich, wie er dies tun wird, da er dort im Land der Magna Carta und des am l&auml;ngsten amtierenden Staatsoberhauptes weiterhin quasi in Isolationshaft gehalten wird, inmitten von Schwerverbrechern. Man kann nur hoffen, dass die f&uuml;r heute geplante Anwesenheit zahlreicher Unterst&uuml;tzer vor dem Gef&auml;ngnis zu ihm durchdringt und ihn in seiner zerm&uuml;rbenden Situation n&auml;hrt. Die NachDenkSeiten w&uuml;nschen Julian Assange am heutigen Tag alles Gute und hoffen, dass er seinen n&auml;chsten Geburtstag, anders als die letzten neun, in Freiheit und im Kreise seiner Familie verbringen wird! Auch <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/296800261268837\/photos\/a.298881357727394\/322272265388303\/?type=3\"><strong>an anderen Orten<\/strong><\/a> sind heute Veranstaltungen f&uuml;r Julian Assange geplant.<\/em><\/p><p><em><strong>Lesetipp:<\/strong> Br&ouml;ckers, Mathias: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/Alle-Buecher\/Freiheit-fuer-Julian-Assange.html\">Don&rsquo;t kill the messenger. Freiheit f&uuml;r Julian Assange.<\/a> Mit einem Beitrag von Caitlin Johnstone. Westend Verlag. Frankfurt am Main. 2. Juli 2019. 8,50 Euro.<\/em><\/p><p><strong>Herr Br&ouml;ckers, Sie bezeichnen Julian Assange als &bdquo;Freiwild&ldquo;. Warum?<\/strong><\/p><p>Weil die Verfolgung Julian Assanges mit einem ordentlichen rechtstaatlichen Verfahren  wenig bis nichts zu tun hat. Schon 2008 wurde im Pentagon eine Task-Force mit dem Ziel eingerichtet, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?tag=wikileaks-2\">Wikileaks<\/a> und seinen Gr&uuml;nder unglaubw&uuml;rdig  zu machen und zum Schweigen zu bringen. Mit juristischen Mitteln war das schwer m&ouml;glich, deshalb schlug Hillary Clinton 2016  bei einem Brainstorming vor: &ldquo;K&ouml;nnen wir den Kerl nicht einfach &lsquo;drohnen&rsquo; ?&rdquo; Sie konnte sich, darauf angesprochen, nicht erinnern, das gesagt zu haben, und wenn, dann sei es ein Scherz gewesen. Ihre Chefplanerin Ann-Marie Slaughter (sic) aber mailte anschlie&szlig;end ein Memo dieser Besprechung &uuml;ber &bdquo;legal and non-legal strategies&ldquo; gegen Wikileaks. Die Vereinigten Staaten versuchten also mit allen Mitteln, Julian Assange mundtot zu machen und hatten ihn nicht nur im Scherz zum Abschuss freigegeben. Und sie &uuml;bten ganz offensichtlich auf Teile der Justiz in Schweden und in Gro&szlig;britannien ganz erheblichen Druck aus, deren Aktivit&auml;ten in den letzten Jahren man nur mit zwei zugedr&uuml;ckten Augen nicht als Rechtsbeugung sehen kann. <\/p><p><strong>Dann kam der 3. Juni 2019.<\/strong><\/p><p>An dem Tag  hat ein schwedisches Gericht festgestellt, dass die Vorw&uuml;rfe gegen Julian Assange wegen einvernehmlichem, aber ungesch&uuml;tztem Sex mit zwei Frauen nicht f&uuml;r einen Haftbefehl ausreichen. <\/p><p><strong>2012 sah das anders aus.<\/strong><\/p><p>Richtig, kaum hatte er 2012 das Land verlassen &ndash; nachdem er in Schweden zu diesen Vorw&uuml;rfen vernommen worden war und die Oberstaatsanw&auml;ltin ihm beschieden hatte, dass seiner Ausreise nach London nichts mehr im Wege steht &ndash; erging aus Schweden eine &bdquo;red notice&ldquo;, ein internationaler Haftbefehl und ein Auslieferungsgesuch. Assange stellte sich der britischen Polizei und wurde w&auml;hrend der Entscheidung &uuml;ber die Auslieferung mit Hausarrest und einer elektronischen Fu&szlig;fessel belegt. <\/p><p><strong>Dann ging es durch die Instanzen.<\/strong><\/p><p>Seine Anw&auml;lte klagten durch drei Instanzen gegen die Auslieferung, weil  der Antrag nicht von einem schwedischen Gericht, sondern von der Staatsanwaltschaft gestellt worden war. Doch der britische Supreme Court entschied, dem Antrag stattzugeben: zwar d&uuml;rfe nach EU-Auslieferungsrecht nur eine &bdquo;judicial authority&ldquo;, also ein Gericht, eine Auslieferung beantragen, wenn man aber die franz&ouml;sische &Uuml;bersetzung  &ndash; &bdquo;autorit&eacute; judicial&ldquo; &ndash; heranz&ouml;ge, d&uuml;rften das auch Staatsanw&auml;lte, lautete das Urteil. Dass Julian Assange angesichts derartiger Rechtsverdrehungen in die ecuadorianische Botschaft fl&uuml;chtete, weil er das Vertrauen in ein faires Verfahren verloren hatte und bef&uuml;rchtete, von Schweden an die USA weitergereicht zu werden, ist absolut nachvollziehbar. Dass er jetzt wegen eines Meldevergehens zu 50 Wochen in einem Hochsicherheitsgef&auml;ngnis verurteilt wurde, zeigt ebenfalls, dass seine Verfolgung nur noch scheinbar dem Buchstaben des Gesetzes angemessen ist. Assange ist kein Krimineller, sondern ein politischer Gefangener.<\/p><p><strong>F&uuml;r alle Leser, die sich mit Assange noch nicht so richtig auseinandergesetzt haben: K&ouml;nnen Sie uns etwas zu seiner Biografie sagen? Und: Wie wurde er &uuml;berhaupt zum Chef von Wikileaks?<\/strong><\/p><p>Julian Assange ist Australier und hat sich mit 14 Jahren auf dem &bdquo;Commodore 64&ldquo; das Hacken selbst beigebracht. Wenige Jahre sp&auml;ter war er mit zwei Freunden in der Lage, sich  zu zahlreichen Rechnern von Universit&auml;ten, Banken, Beh&ouml;rden und Milit&auml;r Zugang zu verschaffen und sich dort umzusehen. Irgendwann wurden die jugendlichen Hacker erwischt und Julian Assange als Kopf der &bdquo;Bande&ldquo; angeklagt. Nach einem sich lange hinziehenden Verfahren bekannte er sich am Ende schuldig und wurde 1996 zu einer Geldstrafe von 2000 australischen Dollar verurteilt. Das Gericht begr&uuml;ndete die milde Strafe damit, dass Assange nicht zum Zwecke pers&ouml;nlicher Bereicherung, sondern aus &bdquo;intellektueller Neugier&ldquo; gehandelt habe.<\/p><p><strong>2007 ging es dann mit Wikileaks los. Was w&uuml;rden Sie als die gewichtigsten Ver&ouml;ffentlichungen der Plattform bezeichnen?<\/strong><\/p><p>Weltber&uuml;hmt und ber&uuml;chtigt wurde Wikileaks nach der Ver&ouml;ffentlichung des Videos &bdquo;Collateral Murder&ldquo;, das die Ermordung von einer Gruppe von sechszehn Zivilisten, inklusive Kindern, und zwei Reuters-Journaliste durch einen US-Kampfhubschrauber im Irak zeigt. Ein Verbrechen, f&uuml;r das bis dato niemand verantwortlich gemacht wurde &ndash; au&szlig;er Julian Assange, der die Welt&ouml;ffentlichkeit dar&uuml;ber informiert hat. <\/p><p><strong>Das war 2010.<\/strong><\/p><p>Aber schon 2007 hat Wikileaks die <em>Standard Operating Procedures for Camp Delta<\/em>, das Handbuch f&uuml;r Soldaten von Gefangenen in Guantanamo Bay, ver&ouml;ffentlicht, wodurch unter anderem  ans Licht kam, dass Gefangene vor dem Komitee des Roten Kreuz versteckt wurden und sich unter den Gefangenen auch f&uuml;nfzehnj&auml;hrige Kinder befinden. <\/p><p><strong>Was hat Wikileaks noch ver&ouml;ffentlicht?<\/strong><\/p><p>2010 und 2011 werden geheime Milit&auml;rdokumente aus den Kriegen in Afghanistan und Irak publiziert, die belegen, dass die Zahl der Ziviltoten weitaus h&ouml;her ist, als offiziell zugegeben wird. 2015 ver&ouml;ffentlicht Wikileaks das geheime &raquo;Investment-Kapitel&laquo; der TPP-Vertr&auml;ge, das supra-nationale Gerichtsh&ouml;fe vorschl&auml;gt, bei denen multinationale Konzerne L&auml;nder verklagen k&ouml;nnen. 2016  dann die Emails von Mitarbeitern des Democratic National Congress (DNC), aus denen hervorgeht, wie die Parteizentrale Hillary Clinton in den Vorwahlen bevorteilte, obwohl Bernie Sanders bessere Aussicht auf einen Wahlsieg hatte. Die ebenfalls publizierten Emails von John Podesta zeigten unter anderem, wie Wallstreet-Banker die Mitglieder des Obama-Kabinetts ausgesucht haben. Im M&auml;rz 2017 wird  &raquo;Vault 7&laquo;  ver&ouml;ffentlicht, tausende interne CIA-Dokumente, die unter anderem &uuml;ber verdeckte Hacking-Programme und Spionagesoftware berichten, mit denen Mobiltelefone und Auto-Computer angegriffen werden k&ouml;nnen.<\/p><p>Das sind, neben den 2010\/11 ver&ouml;ffentlichten 250.000 diplomatischen Depeschen des US-Au&szlig;enministeriums, die  vielleicht wichtigsten Wikileaks-Publikationen, die die USA betreffen. Aber es wurden in  diesen Jahren auch viele Materialien aus anderen L&auml;ndern publiziert &ndash; von Korruption in Kenia, &uuml;ber den Bankenskandal in Island, der zur Inhaftierung zahlreicher Banker f&uuml;hrte, bis zu den &bdquo;Spy Files&ldquo; &uuml;ber die &Uuml;berwachung in Russland.<\/p><p><strong>Wikileaks wurden immer mehr Unterlagen zugespielt. Die Mitarbeiter konnten die Informationen selbst nicht mehr bew&auml;ltigen, haben sich dann gro&szlig;e Medien als Kooperationspartner gesucht. War das ein Fehler?<\/strong><\/p><p>Im Nachhinein betrachtet w&uuml;rde ich sagen, dass es ein Fehler war. Aber was sollte Assange sonst tun? Einfach nur die vielen Dokumente zu publizieren, die Whistleblower auf Wikileaks hinterlegt hatten, machte wenig Sinn und erzeugte kaum Wirkung. Sie mussten in einen Kontext gestellt werden, was nur Fachleute k&ouml;nnen, die sich in den jeweiligen L&auml;ndern oder Zusammenh&auml;ngen auskennen. Aber Wikileaks hatte sich mit der m&auml;chtigsten Instanz dieser Erde, der amerikanischen Kriegsmaschine, angelegt und konnte nicht einfach Stellenanzeigen aufgeben, ohne bef&uuml;rchten zu m&uuml;ssen, umgehend von Spitzeln und Agenten unterwandert zu werden. Und so blieb Assange und seinen wenigen Vertrauten eigentlich gar nichts anderes &uuml;brig, als sich an die gro&szlig;en Medien zu wenden. Bevor Wikileaks die diplomatischen Depeschen selbst publizierte, wurden sie dem &bdquo;Guardian&ldquo; und der &bdquo;New York Times&ldquo; zur Verf&uuml;gung gestellt. Hier prallten dann zwei Welten aufeinander: Wikileaks mit seinem radikalen Transparenzprinzip, grunds&auml;tzlich alle Dokumente unbearbeitet zu ver&ouml;ffentlichen und nur die Namen v&ouml;llig unbeteiligter Zivilpersonen zu schw&auml;rzen &ndash; und die Gro&szlig;medien in ihrer Funktion als Schleusenw&auml;rter und Gatekeeper.<\/p><p><strong>Unter den Materialien, die Wikileaks an den Guardian weitergab, waren auch Depeschen &uuml;ber die Kriminalit&auml;t in Bulgarien. Wie ist der Guardian damit umgegangen?<\/strong><\/p><p>Der &bdquo;Guardian&ldquo; hat nur einen Bruchteil publiziert, ohne auf die K&uuml;rzungen hinzuweisen und s&auml;mtliche Namen weggelassen, unter Berufung auf das Risiko von presserechtlichen Klagen. In der Depesche berichtet der US-Botschafter sehr ausf&uuml;hrlich nach Hause, von welchen organisierten Kriminellen die bulgarischen Beh&ouml;rden und die Regierung unterwandert sind &ndash; er benennt die Personen und ihre Gesch&auml;fte und Unternehmen. In den  &bdquo;Guardian&ldquo;-Ausz&uuml;gen des Dokuments wird dann nur ein einziger Name genannt und die Passagen sind so zusammenstellt, als ob die berichtete Kriminalit&auml;t und Unterwanderung allein auf diesen russischen Oligarchen zur&uuml;ckgeht.  Das ist nur eines von vielen  Beispielen, das den Widerspruch zwischen Wikileaks-Transparenz und Medien-Spin gut verdeutlicht. Und auch zeigt, dass die Berufung auf &bdquo;Presserecht&ldquo; und &bdquo;journalistische Verantwortung&ldquo; nur vorgeschoben ist und wie in diesem Fall zwar f&uuml;r Bulgaren, aber nicht f&uuml;r Russen gilt. <\/p><p><strong>Wie bewerten Sie den Umgang der gro&szlig;en Medien mit den Informationen, die von Wikileaks kamen?<\/strong><\/p><p>Das kann man am besten bewerten, wenn man sich den Umgang der Gro&szlig;medien mit Whistleblower-Material anschaut, das <em>nicht<\/em> von Wikileaks kam &ndash; wie das ganze Material von Edward Snowden, von dem nur Bruchteile bekannt geworden sind. Er hatte es &bdquo;The Intercept&ldquo; anvertraut, von wo jetzt gerade mitgeteilt wurde, dass f&uuml;r eine weitere Sichtung und Bearbeitung leider das Geld fehlt &ndash; dieser Laden wird von dem ebay-Milliard&auml;r Pierre Omidyar finanziert. Von den &bdquo;Panama Papers&ldquo; wurden nur 2% publiziert &ndash; von einer Gruppe internationaler Medien unter Beteiligung der &bdquo;S&uuml;ddeutschen Zeitung&ldquo;.  Dass Wikileaks alle 250.000 diplomatischen Kabel unbearbeitet ver&ouml;ffentlichte, f&uuml;hrte dann dazu, dass sich die Medien von Assange distanzierten; auch intern gab es Konflikte. Aber wie das Beispiel zeigt: nur das radikale Wikileaks-Prinzip, nach &Uuml;berpr&uuml;fung der Dokumente auf ihre Echtheit alles zu publizieren, garantiert einem Whistleblower, dass sein Material auch wirklich an die &Ouml;ffentlichkeit kommt.<\/p><p><strong>Welche Bedeutung hat Assange mit seiner Plattform f&uuml;r den investigativen Journalismus?<\/strong><\/p><p>Wikileaks hat eine neue Dimension f&uuml;r investigativen Journalismus er&ouml;ffnet, der de facto ja kaum noch stattfindet, da die Presse als &bdquo;vierte S&auml;ule&ldquo; und Wachhund der Demokratie weitgehend zu einem Scho&szlig;hund der M&auml;chtigen geworden ist. Chelsea (damals noch: Bradley) Manning hatte die Dokumente &uuml;ber die Kriegsverbrechen in Irak und Afghanistan ja zuerst der New York Times und der Washington Post angeboten, erst als diese nicht interessiert waren, wandte er sich an Wikileaks. Julian Assange hat mit dieser Plattform  eine M&ouml;glichkeit geschaffen, die Whistleblowern Anonymit&auml;t sichert, also mit technischen, kryptographischen Mitteln einen 100-prozentigen Quellenschutz garantiert, wie er Journalisten rechtlich ohnehin zusteht &ndash; und mit dem Transparenz-Prinzip auch sichergestellt, dass die &uuml;bermittelten Materialien auch publiziert werden. Von den mehr als 1,5 Millionen Dokumenten, die Wikileaks ver&ouml;ffentlichte, hat sich kein einziges als F&auml;lschung erwiesen. Das  spricht im Zeitalter von Fake-News f&uuml;r die herausragende Qualit&auml;t dieser publizistischen Institution &ndash; kein anderes unserer sogenannten Qualit&auml;tsmedien kann sich in Sachen Faktentreue und Wahrheitsgehalt mit Wikileaks messen.<\/p><p><strong>Mittlerweile wird in der Berichterstattung der Medien Assange als eine ziemlich kontroverse Person dargestellt. Was ist Ihre Einsch&auml;tzung?<\/strong><\/p><p>Die wunderbare Caitlin Johnstone &ndash; &sbquo;rogue journalist&rsquo; und Bloggerin in Julian Assanges Heimatland Australien &ndash; hat einen Artikel ausgearbeitet, in dem sie auf die zahlreichen Verleumdungen Julian Assanges eingeht und sie Punkt f&uuml;r Punkt widerlegt. Wie schon gesagt, wird seit mehr als zehn Jahren von Seiten der Vereinigten Staaten daran gearbeitet, den Ruf von Wikileaks und die Glaubw&uuml;rdigkeit seines Gr&uuml;nders zu zerst&ouml;ren. Und das mit Erfolg, denn kaum f&auml;llt der Name, kommt meist sofort das gro&szlig;e &bdquo;Ja aber&hellip;&ldquo;, gefolgt von Begriffen wie &bdquo;Vergewaltiger&ldquo;, &bdquo;Trump-Fan&ldquo;, &bdquo;Putin-Agent&ldquo; usw.<\/p><p><strong>Caitlin Johnstone hat 29 dieser Verleumdungen genauer betrachtet &hellip;<\/strong><\/p><p>&hellip; und widerlegt! Es ist eine Schmierenkampagne sondergleichen, die dazu gef&uuml;hrt hat, das Julian Assange als &bdquo;kontroverse Person&ldquo; in den Medien dargestellt wird. Der Grund f&uuml;r alle diese Diffamierungen ist, vom Kern der Sache abzulenken. <\/p><p><strong>Was ist denn der Kern?<\/strong><\/p><p>Es geht bei der Verfolgung und Anklage gegen Julian Assange nicht um seine Person, es geht um die Institution Wikileaks, es geht um die unabh&auml;ngige Publikation von Informationen, es geht um die Wahrheit &uuml;ber Kriegsverbrechen, Korruption und Kriminalit&auml;t der Herrschenden. <\/p><p><strong>Auch wenn Sie kein Anwalt sind, was meinen Sie: Wie viel Substanz haben die rechtlichen Vorw&uuml;rfe gegen Assange?<\/strong><\/p><p>Die Anklageschrift aus den USA umfasst 18 Punkte. Einer davon ist, dass er Chelsea Manning angestiftet und  geholfen haben soll, &bdquo;Collateral Murder&ldquo; und anderes Material von den Milit&auml;rservern herunterzuladen. Chelsea Manning wurde nach der Begnadigung durch Pr&auml;sident Obama jetzt zum zweiten Mal in Beugehaft genommen, um eine Zeugenaussage gegen Assange zu erzwingen. Sie weigert sich weiter, der Vorladung zu folgen und muss daf&uuml;r eine Strafe von 500 Dollar pro Tag zahlen. <\/p><p><strong>Eine Menge Geld.<\/strong><\/p><p>Das sind Daumenschrauben. Sie  erinnern  an die Methoden der mittelalterlichen Inquisition &ndash; und zeigen, wie wenig die US-Justiz gegen Julian Assange letztlich in der Hand hat. Die anderen 17 Anklagepunkte betreffen allein die publizistischen Aktivit&auml;ten von Wikileaks, die Ver&ouml;ffentlichungen von als geheim eingestuften Dokumenten, was nach dem &bdquo;Espionage Act&ldquo; von 1917 angeklagt ist. Es ist das erste Mal, dass ein Journalist nach diesem Gesetz angeklagt wird und die Staatsanwaltschaft des Court of Virgina fordert f&uuml;r Assange insgesamt 175 Jahre Haft. Rechtlich geht das nur, indem man den Angeklagten als &bdquo;feindlichen Spion&ldquo; einstuft. Weil er aber in keiner Weise spioniert, sondern nur publiziert hat,  steht diese Anklage meiner Einsch&auml;tzung nach auf sehr t&ouml;nernen F&uuml;&szlig;en.  <\/p><p><strong>Es wird immer gesagt, Assange sei kein Journalist. Wie sehen Sie das?<\/strong><\/p><p>Das wird von seinen Verfolgern immer wieder behauptet, Au&szlig;enminister Pompeo nannte Wikileaks einen &bdquo;feindlichen Geheimdienst&ldquo;, denn nur wenn man Assange den Status eines Publizisten abspricht, kann man eine solche Anklage konstruieren. Dass Assange Wikileaks einmal ironisch als &bdquo;Geheimdienst des Volkes&ldquo; bezeichnet hat, nimmt die Anklageschrift gleich im ersten Satz allen Ernstes auf. Dass Wikileaks das genaue Gegenteil eines Geheimdiensts ist, weil alle gesammelten Informationen der &Ouml;ffentlichkeit zur Verf&uuml;gung gestellt werden &ndash; derlei Subtilit&auml;ten sind den US-Ankl&auml;gern offensichtlich entgangen. Sie verwenden die Definition, um aus Assange einen feindlichen Spion zu basteln und seine Aktivit&auml;ten von publizistischem, journalistischem Tun zu entfernen. Das ist notwendig, denn sonst m&uuml;ssten alle die Verleger und Journalisten von der New York Times abw&auml;rts, die Wikileaks-Material publiziert haben, ebenfalls als feindliche Spione angeklagt werden. Deshalb hatten die Juristen der Obama-Regierung der Anti-Wikileaks-Taskforce noch geraten, auf eine solche Anklage zu verzichten, weil davon der Verfassungsgrundsatz der Pressefreiheit ber&uuml;hrt ist. Die Regierung Trump hat diese Bedenken nun fallengelassen und versucht, einen Pr&auml;zedenzfall zu schaffen.<\/p><p><strong>Warum ist die Frage, ob Assange als Journalist zu betrachten ist oder nicht, von Relevanz?<\/strong><\/p><p>Wenn diese Anklage zu einer Auslieferung und Verurteilung Julian Assanges f&uuml;hrt, kann k&uuml;nftig jeder verfolgt werden, der f&uuml;r das US-Imperium unangenehme Wahrheiten ver&ouml;ffentlicht. Es geht bei diesem Fall nicht um irgendeinen Freak, der Geheimdokumente ins Internet gestellt hat, es geht um einen Pr&auml;zedenzfall, der die Grundlage demokratischer Verfassungen, die Pressefreiheit, au&szlig;er Kraft setzt. <\/p><p><strong>Was w&uuml;rde denn eine Auslieferung oder gar eine Verurteilung aufgrund dieser Anklage bedeuten?<\/strong><\/p><p>Dann hei&szlig;t das nichts anderes, als dass fortan jeder Publizist und jeder Verlag &uuml;berall auf der Welt zur Loyalit&auml;t gegen&uuml;ber den Vereinigten Staaten und zur Verschwiegenheit gegen&uuml;ber ihren Staatsgeheimnissen verpflichtet ist. Und dass als &bdquo;Journalist&ldquo; nur noch gilt, wer von der k&uuml;nftigen &bdquo;Reichsschrifttumskammer 2.0&ldquo; in Washington nicht als &raquo;feindlicher Spion&laquo; eingestuft und mit internationalem Haftbefehl zur sofortigen Auslieferung ausgeschrieben wird. <\/p><p>Edward Snowden hat gesagt: &bdquo;Wenn das Aufdecken von Verbrechen wie ein Verbrechen behandelt wird, werden wir von Verbrechern regiert&ldquo; &ndash; der Ausgang des Verfahrens gegen Assange wird zeigen, ob wir definitiv schon so weit sind. Nils Melzer, der Sonderberichterstatter f&uuml;r Folter vom Hochkommissariat der Menschenrechte der Vereinten Nationen, der Julian Assange im Gef&auml;ngnis mit zwei medizinischen Experten besuchen konnte, spricht von &bdquo;psychologischer Folter&ldquo;, der Assange seit Jahren ausgesetzt sei und die sofort beendet werden m&uuml;sse. Er hat fast 10 Kilo abgenommen und befindet sich derzeit im Krankenhaus des Gef&auml;ngnisses. Diese Torturen werden von der &Ouml;ffentlichkeit nur hingenommen, weil Julian Assange der Status als Journalist abgesprochen wird. Stellen Sie sich vor, in Russland oder in China s&auml;&szlig;e ein Kollege, der Dokumente &uuml;ber Kriegsverbrechen und Korruption ver&ouml;ffentlicht hat,  wegen Versto&szlig; gegen Meldeauflagen in Isolationshaft und das UN-Kommissariat konstatiert in einem Gutachten &bdquo;Folter&ldquo;. Was w&auml;re da international in den Nachrichten los, was g&auml;be es f&uuml;r einen Alarm von Amnesty International, Reporter ohne Grenzen und aus der Politik ? Als der Springer-Journalist Deniz Y&uuml;cel in der T&uuml;rkei in Haft genommen wurde, war das monatelang  ein Thema,  von &bdquo;taz&ldquo; &uuml;ber FAZ bis  &bdquo;Tagesschau&ldquo; bis hin zum Bundespr&auml;sidialamt.<\/p><p><strong>Was f&auml;llt Ihnen an der Berichterstattung hierzulande zu Assange auf?<\/strong><\/p><p>Eben dieses penetrante, ignorante Schweigen. Bei dem ich aber nicht wei&szlig;, ob es allein aus Unterw&uuml;rfigkeit gegen&uuml;ber dem US-Imperium stattfindet oder weil die Branche einfach den Schuss nicht geh&ouml;rt und noch gar nicht gecheckt hat, dass von diesem Fall jede Journalistin, jeder Journalist, jeder Verlag, jede Webseite, alle, die &bdquo;irgendwas mit Medien&ldquo; machen, betroffen sind. Und zwar nicht irgendwie, sondern im Kern. Wer Journalismus noch nicht als Teil einer internationalen Unterhaltungsindustrie versteht, sondern so, wie er in der Verfassung definiert und mit besonderen Rechten ausgestattet ist &ndash;  als Wachhund und Kontrolleur der M&auml;chtigen, der f&uuml;r den eigentlichen Souver&auml;n &ndash; das Volk &ndash; Transparenz und &Ouml;ffentlichkeit herstellt &ndash; muss verhindern, dass mit der Verurteilung von Julian Assange ein Pr&auml;zedenzfall geschaffen wird. Deshalb muss immer wieder klargestellt werden: Wikileaks hat keine Verbrechen begangen, sondern Verbrechen aufgedeckt! Julian Assange ist kein Spion, sondern Journalist und Publizist! Er darf nicht an die Vereinigten Staaten ausgeliefert und verurteilt werden, denn seine T&auml;tigkeit ist von allen europ&auml;ischen Verfassungen gesch&uuml;tzt. Seine Verfolgung ist ein massiver Angriff auf die Pressefreiheit. Die Bundesregierung und die EU-Institutionen in Br&uuml;ssel sind aufgerufen, dies klarzustellen und Julian Assange Asyl zu gew&auml;hren. Und wenn ich dort irgendetwas zu sagen h&auml;tte, w&uuml;rde ich ihn als Datenschutz- und Whistleblower-Beauftragten einstellen und ihn zusammen mit Chelsea Manning umgehend f&uuml;r den Friedensnobelpreis 2019 nominieren.<\/p><p>Titelbild: Elena Rostunova\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Worum geht es im Fall des Wikileaks-Gr&uuml;nders <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?tag=assange-julian\">Julian Assange<\/a>? Es geht nicht um die Person Assange, &bdquo;es geht um die Institution Wikileaks, es geht um die unabh&auml;ngige Publikation von Informationen, es geht um die Wahrheit &uuml;ber Kriegsverbrechen, Korruption und Kriminalit&auml;t der Herrschenden.&ldquo; Das sagt der Autor Mathias Br&ouml;ckers im NachDenkSeiten-Interview. 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