{"id":52992,"date":"2019-07-04T08:50:30","date_gmt":"2019-07-04T06:50:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52992"},"modified":"2019-07-04T10:06:26","modified_gmt":"2019-07-04T08:06:26","slug":"und-ich-denke-genauso-unentbehrlich-ist-es-die-frage-der-kriegsschuld-immer-wieder-anzugehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52992","title":{"rendered":"\u201eUnd ich denke, genauso unentbehrlich ist es, die Frage der Kriegsschuld immer wieder anzugehen.\u201c"},"content":{"rendered":"<p>So &auml;u&szlig;ert sich der NachDenkSeiten-Leser Domschke in einem ausf&uuml;hrlichen und interessanten Leserbrief. Er h&auml;lt mein <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52824\">hier<\/a> formuliertes Votum, sich nicht weiter mit der Kriegsschuldfrage zu besch&auml;ftigen, f&uuml;r nicht berechtigt. Wir geben seine Lesermail komplett wieder &ndash; genauso wie zwei weitere Leserbriefe. Die &Auml;u&szlig;erungen zeigen, dass man die Frage, ob es sinnvoll ist, die Kriegsschuldfrage in Bezug auf den Ersten Weltkrieg und Versailles weiter zu debattieren, verschieden beantworten kann. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Leserbrief Nr. 1.<\/strong><\/p><p>Lieber Albrecht M&uuml;ller,<\/p><blockquote><p>&ldquo;Pers&ouml;nlich halte ich nicht allzu viel davon, sich 100 Jahre sp&auml;ter &uuml;ber die Kriegsschuldfrage die K&ouml;pfe hei&szlig; zu reden. Was ist die Konsequenz, wenn wir heute feststellen, dass anders als in Versailles vereinbart die Deutschen nicht oder nicht allein die Schuldigen am Ersten Weltkrieg sind? Hilft uns das irgendetwas bei der Bew&auml;ltigung der heutigen Konflikte? Lernen wir daraus f&uuml;r den Umgang mit Russland? Und mit den USA? Und mit Gro&szlig;britannien? Wie auch immer &ndash; im Folgenden finden Sie ein paar Links auf Teile der Debatte von heute und von fr&uuml;her. Und dann auch noch eine kleine Nachbetrachtung anl&auml;sslich eines Besuches auf dem Friedhof und Soldatenfriedhof der kleinen franz&ouml;sischen Stadt Tr&eacute;guier in der Bretagne und in Oradour.&rdquo;<\/p><\/blockquote><p>Albrecht M&uuml;ller. <\/p><p>So beginnen Sie einen kurzen Aufsatz mitsamt einer Schilderung ihrer Eindr&uuml;cke von  Tr&eacute;guier und Oradour. Und ich stimme v&ouml;llig mit ihnen &uuml;berein, wenn sie meinen, dass es unentbehrlich ist, die Schrecken und Gr&auml;uel der Kriege in Erinnerung zu behalten.<\/p><p>Es ist unentbehrlich. Und ich w&auml;hle mit Bedacht diese absolute Kategorie. Es ist nicht wichtig. Es ist unentbehrlich. Wenn wir nicht wissen, was Krieg ist, warum sollten wir ihn dann vermeiden? Oder gar ganz grunds&auml;tzlich ablehnen? Und aus der Vergangenheit k&ouml;nnen wir das erinnern.<\/p><p>Darum ist es unentbehrlich. Nicht wichtig sondern unentbehrlich. Genauso unentbehrlich, wie die Augen aufzumachen, wenn unsere Soldaten, unsere Armeen, unsere milit&auml;rischen Ger&auml;te (aber auch unsere Kapitalgesellschaften) Mord und Verderben in die Welt tragen. Zum Beispiel mit abgereichertem Uran, was man ganz klar als Terror bezeichnen muss, als Kriegsverbrechen, als Bruch der Genfer Konvention und der UN-Charta, als Verbrechen gegen die Menschlichkeit, und wenn wir so wollen gegen jeden gesunden Menschenverstand. Ganz nebenbei ist es mit Sicherheit illegal, nach v&ouml;llig normalem deutschem Recht, sowohl mit Blick auf den Umweltschutz als auch auf den Strahlenschutz generell, dieses Materialien gegen Menschen, gegen Infrastruktur einzusetzen, oder auch nur einfach in den Wald zu werfen. Ich muss ihnen das nat&uuml;rlich nicht erkl&auml;ren, sie wissen das, sie haben auf den NDS dar&uuml;ber berichtet, immer wieder.<\/p><p>Es ist unentbehrlich. Denn wichtig k&ouml;nnte man gegeneinander aufrechnen. Wie Kriegsschuld.*<\/p><p>Und &ndash; ich mutma&szlig;e hier &uuml;ber ihre inneren vielleicht sogar unbewussten Motive &ndash; aus den selben Gr&uuml;nden, die dagegen sprechen Kriegsschuld gegeneinander aufzuwiegen, ist es auch abstru&szlig; gegeneinander aufzurechnen was wichtiger ist. Es ist einfach unentbehrlich das grauen vergangener Kriege in unserer Erinnerung zu bewahren, und es ist unentbehrlich das Grauen aktueller Kriege offenzulegen. In diesem Geist also ein kleines Dankesch&ouml;n zwischendurch f&uuml;r ihre Eindr&uuml;cke aus Frankreich, und f&uuml;r die Erw&auml;hnung und verlinkung verschiedener Ansichten zum Thema Versailles allein an dieser Stelle.<\/p><p>Und ich denke genauso unentbehrlich ist es, die Frage der Kriegsschuld immer wieder anzugehen. Auch und gerade als jemand, der explizit Kriegsschuld nicht aufrechnen m&ouml;chte. Ich m&ouml;chte ihnen das gerne nahelegen, indem ich versuche ihre Fragen zu beantworten. Denn obwohl diese Fragen in ihrer Einleitung wie rethorische Fragen aussehen, klingen sie f&uuml;r mich, als w&uuml;rden diese Fragen selbst um Antworten flehen. Als w&auml;ren sie Gr&auml;ser in der W&uuml;ste auf der Suche nach Wasser.<\/p><p>Aber zuerst m&ouml;chte ich grundlegend auf die Bedeutung von Schuldfragen eingehen. Ihnen pers&ouml;nlich scheint es egal zu sein, wer Schuld hatte. Ich begr&uuml;&szlig;e diese Einstellung sehr, und ich pers&ouml;nlich halte sie f&uuml;r ein starkes Indiz einer, nennen wir es mal vorsichtig &lsquo;gefestigten Pers&ouml;nlichkeit&rsquo;. Es scheint Charaktere zu geben, wir nennen sie zum Beispiel gefestigt, vielleicht auch integrierte Pers&ouml;nlichkeiten oder auch anders, genau weil sie zum Beispiel auf Schuldfragen nicht ansprechen. Wie der Sch&auml;ferhund, den es nicht interessiert, ob der Chihuahua, der vor&uuml;bergeht kl&auml;fft, ist es solchen Charakteren v&ouml;llig einerlei, wer wem wof&uuml;r die Schuld gibt. Es ist einfach unerheblich.<\/p><p>Daf&uuml;r kann es verschiedene Gr&uuml;nde geben &ndash; manchmal liegt es auch gar nicht am Charakter sondern einfach daran, dass der Sch&auml;ferhund gr&ouml;&szlig;er ist. Einerlei warum jemandem das so geht, empfehle ich dankbar zu sein f&uuml;r die Gnade, die das mit sich bringt. Denn im Gegensatz dazu ist ein &lsquo;autorit&auml;rer Charakter&rsquo; im Zweifel (also wenn sie auf ihn f&auml;llt) der Frage nach der Schuld v&ouml;llig hilf- und schutzlos ausgeliefert. Das gilt aus meiner Sicht insbesondere f&uuml;r solche &lsquo;autorit&auml;re Charaktere&rsquo;, wie sie Adorno oder Arno Gruen beschrieben haben, als sie sich mit den sozialen und psychologischen Ursachen des Nationalsozialismus auseinander gesetzt haben.<\/p><p>Eine sehr weitreichende Untersuchung dazu wagt David Graeber mit &ldquo;Schulden &ndash; Die Ersten 5000 Jahre&rdquo;. Auf dem Einband, direkt unter dem Titel prankt ein Zitat von Frank Schirrmacher:<\/p><p>&ldquo;Jeder Umsturz, jede Revolution beginnt mit Schulden, welche die Gesellschaft nicht mehr bezahlen kann. [..]&rdquo; &ndash; in diesem Fall Schulden, die die Weimaer Republik nicht mehr zahlen kann.<\/p><p>Die Auseinandersetzung die David Graeber wagt ist wirklich umfangreich. Ich m&ouml;chte gerne eine Passage nahezu vollst&auml;ndig widergeben, weil sie unglaublich aufschlussreich ist, was die Psychologie des Schuldners anbelangt. Da ihre L&auml;nge hier aber v&ouml;llig den Rahmen sprengt verweise ich auf den Anhang hinter die **.<\/p><p>Und wir fragen, oder werden gefragt: Wer ist Schuld am Nationalsozialismus? Und wir erinnern uns, der Nationalsozialismus war ein Umsturz &ndash; sogar einer der gewaltt&auml;gigeren der Geschichte.<\/p><p>Im deutschen Sprachgebrauch ist schon an der Semantik der W&ouml;rter Schuld und Schulden ganz klar ersichtlich, wie eng diese beiden Themenkomplexe zusammen h&auml;ngen. Sie sind einfach untrennbar. Und es reicht ein einziger Blick in die Bestimmungen von Versailles, die diesem Umsturz vorrausging, um zu wissen wie sehr: Es ging um Schuld (am Krieg) und es ging um Schulden (durch den Krieg).<\/p><p>Allein darum ist die Auseinandersetzung &uuml;ber die Schuldfrage ebenfalls unentbehrlich. Nicht einfach wichtig, sondern einfach unentbehrlich in gleicher Weise wie oben. Aus ihrer und meiner Sicht, das m&ouml;chte ich nachreichen, ist es selbstverst&auml;ndlich die Auseinandersetzung um die Schuldfrage, und nicht ihre Kl&auml;rung, die unentbehrlich ist. Dar&uuml;ber hinaus m&uuml;ssen wir sie unbedingt auch immer zur Schuldenfrage (jener Zeit) machen. Das ist eine wesentliche Aufgabe der &lsquo;aufgekl&auml;rten&rsquo; Linken, denn die Autorit&auml;ren links wie rechts k&ouml;nnen das einfach nicht. Ihnen ist dieser Ansatz weitgehend unzug&auml;nglich. Als Beleg m&ouml;chte ich gerne das Verhalten aller Bundesregierungen mit Ausnahme der Regierung Brandt anf&uuml;hren, deren (immer wieder ambivalente) Handlungen (Schuld gegen&uuml;ber Israel als Staatsr&auml;son &ndash; Merkel &ndash; zum Zwecke der Militarisierung des nahen Ostens ja, aber gegen&uuml;ber KZ-H&auml;ftlingen und als Entsch&auml;digungen eher nicht) nur vor dem Hintergrund unerme&szlig;licher moralischer Schulden verstanden werden kann. Schuld am ersten Weltkrieg, die sich wandelte in Schulden der Weimaer Republik, dann wieder in Schuld am zweiten Weltkrieg. F&uuml;r jemanden, der f&uuml;r Schuld empf&auml;nglich ist, ist diese Frage einfach zentral.<\/p><p>Im Gegensatz dazu l&auml;sst Brandt&rsquo;s Kniefall in Warschau erstaunlicherweise eine ganz andere Interpretation zu, die sich nicht auf Schuld gr&uuml;ndet, sondern ganz wesentlich auf Mitgef&uuml;hl und Empathie. Nat&uuml;rlich wurde Brandts Verhalten als Schuldeingest&auml;ndis interpretiert. Von autorit&auml;r gepr&auml;gten Menschen, die in Politik und Medien damals wie heute den Ton angeben. Das ist genau der Punkt &ndash; Menschen vom Schlage einer Margareth Thatcher ist Empathie und Mitgef&uuml;hl schwer zug&auml;nglich, weil sie sich selbst gegen&uuml;ber kein Mitgef&uuml;hl kennen. Sie kennen ausschlie&szlig;lich die Sprache der Schuld. Das ist todtraurig.<\/p><p>Dies vorweg, bevor ich nun in umgekehrter Reihenfolge ihren Fragen jeweils eine m&ouml;gliche Antwort gegen&uuml;berstellen m&ouml;chte.<\/p><p>Lernen wir daraus, also aus der Frage nach der Schuld, etwas f&uuml;r den Umgang mit Gro&szlig;britannien.<\/p><p>Nun, ich w&uuml;rde mit Griechenland beginnen. Immer wieder Griechenland. Den &lsquo;Pleitegriechen&rsquo;. Den &lsquo;Steuerbetr&uuml;gern&rsquo;. Den &lsquo;Korrupten&rsquo;. Die angeblich selbst &lsquo;schuld&rsquo; waren, an ihren &lsquo;Schulden&rsquo;. Nach einer Geschichte der Besatzung durch fremde europ&auml;ische M&auml;chte. Nach der Besatzung durch die Nazis &ndash; Entsch&auml;digung daf&uuml;r, oder einfach R&uuml;ckzahlung von Raubgut und Zwangsabgaben, gibt es bis heute nicht. Nach einem Milit&auml;rputsch als NATO-Staat. Aber sie waren selbst &lsquo;Schuld&rsquo;. Vor allem die armen, die Rentner und die Jugend, die bis heute unter dem besch&ouml;nigenden Begriff Jugendarbeitslosigkeit zu leiden hat &ndash; zeitweise bis 60%.<\/p><p>Also konnte man ihnen alles abverlangen, um ihre Schulden zu tilgen, oder noch nicht einmal das, weil eigentlich nur die Zinszahlungen aufrecht erhalten wurden. Man vergleiche dies mit dem von Graeber geschilderten Bericht von Kasimir und seinem Vater Friedrich. (siehe Anhang)<\/p><p>F&uuml;r Gro&szlig;britannien liegen die Dinge etwas besser. Die Briten sind Vetomacht und Atommacht. Aber es besteht die Gefahr, dass der Austritt aus der EU auf kriminelle Weise &lsquo;von der EU bestimmt&rsquo; wird, mit der Begr&uuml;ndung, dass die &lsquo;Schuld&rsquo; ja bei den Briten l&auml;ge. Die wollten ja den Austritt.<\/p><p>Nun die Schuld liegt nicht bei den &lsquo;Briten&rsquo;. Aber die &lsquo;Briten&rsquo; werden die Zeche zahlen m&uuml;ssen. Die einfachen Briten wohlgemerkt. Die Armen. Die Arbeiter. Die Dienstleister. Die Lohnabh&auml;ngig besch&auml;ftigten. Unvorstellbar, dass die &lsquo;milit&auml;rische Integration&rsquo; leidet &ndash; also die Kriegsindustrie dies- wie jenseits des Kanals und des Atlantiks. Das der Datenaustausch zur &Uuml;berwachung beeintr&auml;chtigt wird. Das die globalen Konzerne verzichten m&uuml;ssen. Aber das k&ouml;nnten wir schon lernen, aus dem Umgang mit Griechenland, aus dem Umgang mit dem deutsch Reich und der Weimaer Republik. Wenn wir erkennen, dass die Schuldfrage ganz wesentlich ist, f&uuml;r autorit&auml;tsgl&auml;ubige Menschen, also Menschen, die grunds&auml;tzlich gelernt haben, sich unterzuordnen, oder sich andere unterzuordnen, jenachdem wie die Schuldfrage &lsquo;offenkundig&rsquo; liegt.<\/p><p>F&uuml;r den Umgang mit den USA?<\/p><p>Ist es unerheblich zu wissen, dass die USA den Konflikt mit Russland, bzw. der damaligen Sowjetunion von Anfang an sch&uuml;rten? Dass entscheidende Geldgeber f&uuml;r die NSDAP aus dem amerikanischen Ausland kamen? Dass die USA das 3. Reich mit kriegswichtigen G&uuml;tern versorgte, ohne die die deutschen Panzer Stalingrad nie erreicht h&auml;tten &ndash; ihnen w&auml;re einfach unterwegs der Sprit ausgegangen. Das US-Unternehmen ma&szlig;geblich zur Judenvernichtung beitrugen, weil sie unentbehrliche Teile Logistik stellten. Ist das, oder ist das nicht wichtig, f&uuml;r den Umgang mit den USA?<\/p><p>Ist es nicht ganz erheblich, wenn man argumentieren m&ouml;chte, dass die USA sich ihrer eigenen Verantwortung an und in beiden Weltkriegen stets entzogen haben, unter anderem indem sie die &lsquo;deutsche Alleinschuld&rsquo; vorgeschoben haben.<\/p><p>Und f&uuml;r den Umgang mit Russland?<\/p><p>Gerade hier sind die historischen Parallelen von Damals zu Heute so auff&auml;llig, dass sich die Frage eigentlich er&uuml;brigt. Ich habe oben schon die Gesch&auml;ftsinteressen der USA erw&auml;hnt, hinzu kommen der Antikommunismus nach dem Krieg, und die beiden Atombomben. Sicher, getroffen haben die Atombomben Japan. Unter anderem, weil Deutschland zu fr&uuml;h kapituliert hat, und daher eine Atombombe auf Dresden nicht mehr opportun gewesen w&auml;re. Also traf es zweimal Japan.<\/p><p>Aber gerichtet waren die Bomben niemals gegen Japan oder Deutschland. Sie richteten sich von Anfang an gegen die Sowjetunion, als Drohkulisse f&uuml;r die Nachkriegszeit. So funktioniert Terror immer.<\/p><p>All diese Erkenntnisse sind elementar, und zug&auml;nglich sind sie am einfachsten &uuml;ber die Schuldfrage, als Ausgangspunkt f&uuml;r ausf&uuml;hrliche historische Betrachtungen. Ich denke damit er&uuml;brigt sich dann die Frage, &ldquo;was ist die Konsequenz, wenn wir heute feststellen, dass anders als in Versailles vereinbart die Deutschen nicht oder nicht allein die Schuldigen am Ersten Weltkrieg sind&rdquo; sein k&ouml;nnten.<\/p><p>Vielleicht lie&szlig;e sich noch anmerken, dass Schulden &ndash; und damit eben wieder Schuld &ndash; das heutige globale Miteinander bestimmen. Und zwar nicht ganz wesentlich sondern v&ouml;llig allein, als universaler Anspruch und Praxis. Das gesamte Wirtschaftssystem ist ein Schuld(en)system. Die Dominanz der USA basiert seit 1918 auf Schulden, Schuld und nochmals Schulden.***<\/p><p>Vor diesem Hintergrund finde ich es einigerma&szlig;en befremdlich, um nicht zu sagen best&uuml;rzend, dass sie als einer der Aufgekl&auml;rten, als im obigen Sinne &lsquo;gefestigter&rsquo; Charakter, nichts davon halten sich mit der Schuldfrage auseinander zu setzen. Ich hoffe ich konnte ihnen einige Anst&ouml;&szlig;e geben diese Haltung zu &uuml;berdenken, ganz ohne ihre grundlegende Pr&auml;misse, dass man Schuld sowieso nicht gegeneinander aufwiegen sollte, in Frage zu stellen. Und auch ohne sie davon abhalten zu wollen, sich mit anderen Aspekten der Vergangenheit auseinanderzusetzen.<\/p><p>Es ist gut das zu tun, so wie sie es tun. Und womit sie sich heute oder morgen auseinandersetzen, bestimmen sie auch ganz allein. Das ist gut so. Aber es braucht auch die Auseinandersetzung um die Frage der Kriegsschuld durch sie oder mich, oder andere die so denken wie wir. Denn wenn wir diese Auseinandersetzung nicht mitgestalten, dann finden die Autorit&auml;ren, links wie rechts ihre eigenen Antworten, und die f&uuml;hren uns seit 2000 Jahren immer in die selben menschlichen Abgr&uuml;nde:<\/p><p>Krieg gegen die anderen, die &lsquo;wahren Schuldigen&rsquo;.<\/p><p>heute wehm&uuml;tig,<br>\nSebastian Domschke<\/p><p>Fu&szlig;noten: <\/p><p>* offenbar im Gegensatz &uuml;brigens zu Kriegsschulden, die die USA nach dem ersten Weltkrieg nicht gegeneinander aufrechnen konnten\/wollten. Was bemerkenswerte Konsequenzen hatte. Ich verweise dazu auf Krieg und Frieden von John Maynard Keynes.<\/p><p>** zitiert aus David Graeber 2012; Schulden &ndash; die ersten 5000 Jahre<\/p><p>&ldquo;Man muss aber nicht so weit entfernt suchen. Da ist zum Beispiel die Geschichte eines weiteren bekannten Schuldners, des Markgrafen Kasimir von Brandenburg-Kulmbach* (1481-1527) aus dem Haus Hohenzollern.<\/p><p>Kasimir war der Sohn des Markgrafen Friedrich II. des &Auml;lteren (1460-1536), der als einer der &gt;verr&uuml;ckten F&uuml;rsten&lt; der deutschen Renaissance in die Geschichte einging. [..]\n\nEinigkeit besteht darin, dass Friedrich sein Geld nicht zusammenhalten k&ouml;nnte. Anfang des Jahres 1515 befand er sich in derart gro&szlig;en finanziellen N&ouml;ten - es hei&szlig;t, er habe Schulden von 200 000 Gulden gehabt -, dass er seinen Gl&auml;ubigern, die &uuml;berwiegend Standesgenossen waren, ank&uuml;ndigte, er werde m&ouml;glicherweise bald gezwungen sein, die Zinszahlungen zeitweise auszusetzen. Damit l&ouml;ste er offenbar eine Vertrauenskrise aus, und nach wenigen Wochen inszenierte sein Sohn Kasimir eine Palastrevolte: W&auml;hrend Friedrich mit den Faschingsb&auml;llen besch&auml;ftigt war, st&uuml;rmte er in den fr&uuml;hen Morgenstunden des 26. Februar 1515 die Plassenburg und zwang seinen Vater, eine Abdankungsurkunde zu unterzeichnen. Als Grund wurde geistige Gebrechlickeit angegeben. [..]\n\nKasimir versorgte die Gl&auml;ubiger seines Vaters mit Vogteien und anderen begehrten &Auml;mtern. Aber es fiel ihm &uuml;berraschend schwer, seine Finanzen in Ordnung zu bringen. Die Begeisterung, mit der er die Reformen Luthers im Jahr 1521 begr&uuml;&szlig;te, hatte offenkundig nicht nur mit religi&ouml;ser Insbrunst, sondern auch mit der Aussicht auf Kircheng&uuml;ter und Klosterbesitz zu tun. Aber anfangs war die Ver&auml;u&szlig;erung von Kircheneigentum nur eine theoretische M&ouml;glichkeit, und Kasimir vergr&ouml;&szlig;erte seine Probleme, indem er selbst ebenfalls Spielschulden anh&auml;ufte, die sich angeblich auf fast 50 000 Gulden beliefen.\n\nDas er Verwaltungsposten mit seinen Gl&auml;ubigern besetzte, hatte vorhersehbare Folgen: Die Abgabenlast stieg, und viele seiner Untertanen waren bald ebenfalls hoffnungslos &uuml;berschuldet. So kann es kaum &uuml;berraschen, dass Kasimirs L&auml;ndereien im fr&auml;nkischen Taubertal zum Epizentrum der Bauernaufst&auml;nde von 1525 wurden. Die Bewohner zahlreicher D&ouml;rfer bewaffneten sich und erkl&auml;rten, sie w&uuml;rden keinem Gesetz mehr gehorchen, das &gt;dem heiligen Wort Gottes&lt; widerspreche. Der in den verstreuten Burgen isolierte Adel leistete anfangs kaum Widerstand. Die Rebellenf&uuml;hrer, darunter viele Ladenbesitzer, Metzger und angesehene Gemeindemitglieder, begannen einen weitgehend geordneten Feldzug. Die Befestigungen der Herrensitze wurden geschleift; die adeligen Burgherren erhielten Sicherheitsgarantien, sofern sie kooperierten, auf ihre feudalen Privilegien verzichteten und einen Eid auf die Zw&ouml;lf Artikel der aufst&auml;ndischen Bauern ablegten. Viele f&uuml;gten sich. Die gr&ouml;&szlig;te Wut der Aufst&auml;ndischen richtete sich gegen Kirchen und Kl&ouml;ster, die zu Dutzenden gepl&uuml;ndert wurden.\n\nKasimir wartete den geeigneten Zeitpunkt f&uuml;r ein Eingreifen ab. Er stellte eine Streitmacht von rund 2000 erfahrenen S&ouml;ldnern zusammen, weigerte sich jedoch, gegen die Aufst&auml;ndischen vorzugehen, die nahe gelegene Kl&ouml;ster pl&uuml;nderten. Die Rebellenf&uuml;hrer glaubten sogar, er wolle sich ihnen &gt;als christlicher Bruder&lt; anschlie&szlig;en. Doch nachdem die Ritter des Schw&auml;bischen Bundes die Aufst&auml;ndischen der Christlichen Vereinigung im S&uuml;den besiegt hatten, schaltete sich Kasimir in den Konflikt ein. Seine Truppen rieben undisziplinierte Bauernhaufen auf und zogen wie eine Invasionsarmee pl&uuml;ndernd und mordend durch seine eigenen L&auml;nder. Er hielt in jeder Ortschaft Strafgerichte ab und lie&szlig; s&auml;mtliche gepl&uuml;nderten Wertgegenst&auml;nde beschlagnahmen, um sie selbst zu behalten, w&auml;hrend seine Truppen alles Wertvolle, was noch in den Kirchen zu finden war, als &gt;Notkredit&lt; in Besitz nahmen, den er angeblich zur Bezahlung seiner Armee ben&ouml;tigte.\n\nKasimir z&ouml;gerte l&auml;nger als alle anderen deutschen F&uuml;rsten, in den Konflikt einzugreifen, legte dann jedoch die gr&ouml;&szlig;te Rachsucht an den Tag. Seine Truppen waren besonders gef&uuml;rchtet, weil sie nicht nur Aufst&auml;ndische hinrichteten, sondern auch systematisch vermeintlichen Kollaborateuren die Finger abhackten - sein Scharfrichter f&uuml;hrte eine grauenhafte Liste der amputierten K&ouml;rperteile, um sp&auml;ter mit seinem Herrn abrechnen zu k&ouml;nnen -, eine fleischliche Abwandlung jener Hauptb&uuml;cher, die Kasimir das Leben so schwer gemacht hatten. Einmal befahl Kasimir, 58 R&auml;ubern in Kitzingen die Augen auszustechen, weil sie sich geweigert hatten, &gt;ihn als ihren Herrn anzusehen&lt;.[..]\n\nDie Repression veranlasste seinen Bruder Georg (der sp&auml;ter als &gt;der Fromme&lt; bekannt wurde), Kasimir in einem Brief zu fragen, ob er beabsichtige, ein Handwerk aufzunehmen, und ihn h&ouml;flich daran zu erinnern, er k&ouml;nne kaum ein Feudalherr bleiben, wenn all seine Bauern tot seien.\n\nAngesichts solcher Geschehnisse kann es kaum &uuml;berraschen, dass Denker wie Thomas Hobbes glaubten, der Grundzustand der menschlichen Gesellschaft sei der Krieg aller gegen alle und nur die absolute Macht des Monarchen k&ouml;nne uns retten. Gleichzeitig verr&auml;t Kasimirs Vorgehen, in dem sich eine Grundeinstellung der gewissenlosen, kaltbl&uuml;tigen Berechnung mit Ausbr&uuml;chen von beinahe unerkl&auml;rlicher Rachsucht und Grausamkeit zu vermengen scheint, genau wie das Verhalten von Cort&eacute;s' w&uuml;tenden Fu&szlig;soldaten, die im Aztekenreich von der Leine gelassen wurden, etwas Grundlegendes &uuml;ber die Psychologie der Verschuldung - oder, um genau zu sein, &uuml;ber den Schuldner, der das Gef&uuml;hl hat, seine verzweifelte Lage nicht verdient zu haben: Er sieht sich gezwungen, fieberhaft alles, was ihn umgibt, in Geld zu verwandeln, uns ist w&uuml;tend und emp&ouml;rt dar&uuml;ber, dass er so tief gesunken ist.\"\n&nbsp;\n\n\n*** <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46714\">Wie sie sehr genau wissen<\/a><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Leserbrief Nr. 2<\/strong><\/p><p>Sehr geehrter Herr M&uuml;ller, <\/p><p>schon lange sch&auml;tze ich Ihre Aufkl&auml;rungsarbeit und m&ouml;chte mich auch ganz herzlich daf&uuml;r bedanken. <\/p><p>Zu dem Beitrag&rdquo; vor 100 Jahren wurde der Versailler Vetrag unterzeichnet usw. &rdquo; m&ouml;chte ich mich jedoch &auml;ussern. <\/p><p>Ich bin&nbsp; nicht Ihrer Meinung, dass es wenig bringt nach100 Jahren dar&uuml;ber noch zu diskutieren. Wenn diese L&uuml;gen nicht aufgekl&auml;rt werden wird sich unsere Situation niemals &auml;ndern. Wir k&ouml;nnen auch kommende Generationen mit diesen Unwahrheiten nicht zur&uuml;ck lassen. Denn dieser Vertrag hat uns bis heute ins Elend gest&uuml;rzt. <\/p><p>Au&szlig;erdem wissen viele Nationen&nbsp; von diesem Diktat in Versailles. Fr&uuml;her oder sp&auml;ter wird man es uns ins Gesicht sagen wie es wirklich war. So kann man das deutsche Volk nicht auflaufen lassen. Allerdings muss man auch ehrlich erkennen, dass die meisten unserer Mitb&uuml;rger eine Aufkl&auml;rung nicht wirklich w&uuml;nschen.!! <\/p><p>F&uuml;r Ihre weitere Arbeit w&uuml;nsche ich Ihnen viel Erfolg und uns allen das Durchhalteverm&ouml;gen doch noch das Recht in Deutschland wieder herzustellen. <\/p><p>Herzliche Gr&uuml;&szlig;e <\/p><p>Gerda Keuter<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Leserbrief Nr. 3.<\/strong><\/p><p>Sehr geehrter Herr M&uuml;ller, <\/p><p>die Frage ist unter welcher Pr&auml;misse und in welcher Form die Diskussion um den I. WK sowie den Frieden von Versailles gef&uuml;hrt wird. <\/p><p>Wenn der Versailler Vertrag und seine Anlage ein Schl&uuml;sselelement im Machtgef&uuml;ge Europas und der Welt ist sowie dieses Gef&uuml;ge jetzt auseinanderf&auml;llt, dann mu&szlig; man den I. WK wie den Versailler Vertrag jetzt auf jeden Fall diskutieren. Schuldfragen im Nachhinein zu diskutieren, ist stets ein schlechter Weg. <\/p><p>George Friedman schreibt (urspr&uuml;nglich) 2011 in The Next Decade &uuml;ber den Zeitraum 2011 bis 2020: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;W&auml;hrend des 20. Jahrhunderts griffen die Vereinigten Staaten dreimal ein, um eine solche russisch-deutsche Entente zu verhindern, die Eurasien vereinen und fundamentale Amerikanische Interessen gef&auml;hrden k&ouml;nnte. 1917 brachte der separate Frieden Ru&szlig;lands mit Deutschland einen Umschwung gegen&uuml;ber den Briten und Franzosen im Ersten Weltkrieg. Im Zweiten Weltkrieg intervenierten die USA, indem sie die Briten und insbesondere die Sowjets versorgten, die die Wehrmacht ausbluteten und die deutsche &Uuml;bernahme der riesigen russischen Territorien verhinderten. 1944 marschierten die USA in Westeuropa ein; sie blockierten [damit] die Deutschen und genauso die Sowjets. Von 1945 bis 1991 wandten die Vereinigten Staaten enorme Ressourcen auf, um die Sowjets davon abzuhalten, Eurasien zu dominieren. <\/p>\n<p>Die Antwort der Vereinigten Staaten auf eine russisch-deutsche Entente mu&szlig; w&auml;hrend der n&auml;chsten zehn Jahre dieselbe sein wie sie im 20. Jahrhundert war.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Quelle: George Friedman: &bdquo;The Next Decade&rdquo;, Seite 132 (Paperback Edition, Anchor Books, January 2012), eigene &Uuml;bersetzung <\/p><p>Ich fa&szlig;te die Bedeutung so zusammen (Anhang): &ldquo;Diese gem&auml;&szlig; Friedman notwendige Antwort umfa&szlig;t, wie von ihm aufgez&auml;hlt, siehe oben, massive kriegerische Akte. Das bedeutet, es ist eine sinnvolle Annahme, da&szlig; West- und Mittel-Europa, insbesondere Deutschland, sowie Ru&szlig;land hoch akut auf einem Pulverfa&szlig; sitzen.&rdquo; <\/p><p>Das Buch Friedmans enth&auml;lt auch einen Angriffsplan gegen Ru&szlig;land. (Abtrennung S&uuml;dru&szlig;lands und des Nordkaukasus mit Abtrennung des russischen Wolga-Don-Wasserstra&szlig;ensystems vom Schwarzen Meer und vom Kaspischen Meer, was ich im Anhang auch heraus gearbeitet habe.) <\/p><p>Das ist der Grund, warum es so wichtig ist, die Vorg&auml;nge vor 100 Jahren genau zu verstehen &ndash; bevor es knallt. &Uuml;brigens auch Herr Wimmer weist exakt darauf hin. Und nur ganz am Rande: Die Landkarte des Westbalkans sieht fast wieder genauso aus wie 1914. Nur da&szlig; im instabilsten Land des Balkans jetzt einer der gr&ouml;&szlig;ten europ&auml;ischen US-Luftwaffenst&uuml;tzpunkte liegt. F&uuml;r den Frieden? <\/p><p>Mit freundlichen Gr&uuml;&szlig;en<br>\nLars K&uuml;hl<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Anmerkung zur Korrespondenz mit den NachDenkSeiten<\/strong><\/p><p>Die NachDenkSeiten freuen sich &uuml;ber Ihre Zuschriften, am besten in einer angemessenen L&auml;nge und mit einem eindeutigen Betreff.<\/p><p>Es gibt die folgenden Emailadressen:<\/p><ul>\n<li><a href=\"mailto:leserbriefe@nachdenkseiten.de\">leserbriefe(at)nachdenkseiten.de<\/a> f&uuml;r Kommentare zum Inhalt von Beitr&auml;gen.<\/li>\n<li><a href=\"mailto:hinweise@nachdenkseiten.de\">hinweise(at)nachdenkseiten.de<\/a> wenn Sie Links zu Beitr&auml;gen in anderen Medien haben.<\/li>\n<li><a href=\"mailto:videohinweise@nachdenkseiten.de\">videohinweise(at)nachdenkseiten.de<\/a> f&uuml;r die Verlinkung von interessanten Videos.<\/li>\n<li><a href=\"mailto:redaktion@nachdenkseiten.de\">redaktion(at)nachdenkseiten.de<\/a> f&uuml;r Organisatorisches und Fragen an die Redaktion.<\/li>\n<\/ul><p>Weitere Details zu diesem Thema finden Sie in unserer &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?page_id=47939\">Gebrauchsanleitung<\/a>&ldquo;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So &auml;u&szlig;ert sich der NachDenkSeiten-Leser Domschke in einem ausf&uuml;hrlichen und interessanten Leserbrief. Er h&auml;lt mein <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52824\">hier<\/a> formuliertes Votum, sich nicht weiter mit der Kriegsschuldfrage zu besch&auml;ftigen, f&uuml;r nicht berechtigt. Wir geben seine Lesermail komplett wieder &ndash; genauso wie zwei weitere Leserbriefe. 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