{"id":530,"date":"2005-04-22T19:21:05","date_gmt":"2005-04-22T17:21:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=530"},"modified":"2005-04-22T19:21:05","modified_gmt":"2005-04-22T17:21:05","slug":"massenphanomen-papst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=530","title":{"rendered":"Massenph\u00e4nomen Papst"},"content":{"rendered":"<p>Flucht aus einer realen inhumanen Welt der Zw&auml;nge in religi&ouml;se Symbolik und moralische Geborgenheit.<br>\n<!--more--><br>\nWir von den NachDenkSeiten f&uuml;hlen uns nicht gerade dazu berufen, das Ableben und die Neuwahl eines Papstes zu kommentieren. Als Nichtkatholik will ich mich nicht in Glaubensfragen oder innerkirchliche Angelegenheiten der katholischen Kirche einmischen, ich habe mit der Kritik an der weltlichen Glaubenslehre des Neoliberalismus ein ausreichendes Bet&auml;tigungsfeld. Als &uuml;berzeugter Anh&auml;nger einer aufkl&auml;rerischen Vernunft m&ouml;chte ich mich auch zur&uuml;ckhalten, wenn es um Metaphysisches geht. Was mir allerdings seit dem &ouml;ffentlich zelebrierten Sterben von Karol Woytila, mit den Trauerzeremonien und der Wahl eines neuen Papstes auffiel oder mich sogar beunruhigt, ist die Suggestion, ja vielfach geradezu die Hysterie, die diese Ereignisse offenbar weltweit und &ndash; wo ich das etwa im und um den K&ouml;lner Dom selbst beobachten konnten &ndash; sogar im als eher emotionslos geltenden Deutschland bei Millionen von Menschen und gerade auch bei J&uuml;ngeren ausl&ouml;sten. Wie gesagt, ich will niemand pers&ouml;nlich in seinen religi&ouml;sen Gef&uuml;hlen zu nahe treten. Nachdenklich hat mich aber das mir zu meiner Lebzeit so noch nicht begegnete Massenph&auml;nomen schon gemacht. Sicherlich in erheblichem Ma&szlig;e ist die au&szlig;ergew&ouml;hnliche &ouml;ffentliche und individuelle Aufmerksamkeit auch der historisch einmaligen Medieninszenierung geschuldet.<br>\nDoch es war eben nicht nur ein Medien-&bdquo;Event&ldquo;. Die Medien wirken zwar als Selbstverst&auml;rker, sie k&ouml;nnen aber eine Berichterstattungswelle nicht so lange und so aufw&uuml;hlend durchhalten, wenn sie nicht &ndash; zumindest auch &ndash; auf eine Disposition des Publikums und auf seine Bereitschaft sto&szlig;en, den medialen Inszenierungen sein Interesse zu schenken. Das Aufschaukeln von Medienaufbereitung und die Gefolgschaft des Publikums ist immer auch gegenseitig. <\/p><p>Die Auseinandersetzung mit dem Tod eines Menschen kann die &bdquo;Globalisierung des Gef&uuml;hls&ldquo; (so Norbert Bolz in der taz) nicht allein erkl&auml;ren. Viele andere ber&uuml;hmte, ja sogar beliebtere Menschen sind gestorben, und die Medien berichteten dar&uuml;ber ohne eine derartige &ouml;ffentliche Anteilnahme auszul&ouml;sen. <\/p><p>Dass nicht nur der Tod von Johannes Paul II., sondern auch die &ndash; wenig &uuml;berraschende &ndash; Wahl von Kardinal Ratzinger als seinem Nachfolger Seiten &uuml;ber Seiten in den Zeitungen f&uuml;llt und zahllose Menschen und keineswegs nur Katholiken auf Pl&auml;tze und in Kirchen treibt, muss meines Erachtens nach auch eine zeitgeistige Erkl&auml;rung haben. <\/p><p>Bei meinem pers&ouml;nlichen Erkl&auml;rungsversuch, will ich mich gar nicht so sehr mit der kirchlichen und weltlichen Interpretation der Rolle von Karol Woytila besch&auml;ftigen und dass er in vielerlei Hinsicht ein besonderer Papst war, soll unbestritten bleiben &ndash; aber das war Johannes XXIII. auch, er war in gewissem Sinne sogar eher auf der H&ouml;he der Zeit. <\/p><p>Kaum jemand bestreitet, dass Johannes Paul II. jedenfalls in Glaubens- und Kirchenfragen ein konservativer Papst war und niemand kann bestreiten, dass Kardinal Ratzinger als Pr&auml;fekt der Glaubenskongregation gerade zu ein Gralsh&uuml;ter einer konservativen Glaubenslehre war, der &ndash; jedenfalls Jugendlichen der westlichen Zivilisation etwa mit seinen Sexuallehren eher auf ihrem Gewissen lag. Obwohl also viele Menschen und darunter viele Katholiken mit der katholischen Kirche und ihren Lehren Schwierigkeiten hatten, haben sie in erkl&auml;rungsbed&uuml;rftiger Weise Anteil an den zur&uuml;ckliegenden Ereignissen genommen. <\/p><p>Mir scheint das nicht rational, sondern allenfalls spirituell verstehbar. Mein Interpretationszugang ergibt sich aus der Frage, wie kommt es, dass in einer Zeit wo die Religionsgemeinschaften massenhaft Mitglieder verlieren und wo die Kirchen immer leerer werden, gerade exponierte Vertreter von strengen Glaubenslehren, einer weltabgewandten Fr&ouml;mmigkeit und von (als &uuml;berholt geltenden) moralischen Werte so viel Zulauf erfahren? Ich will das weder vergleichen noch zu weit treiben, aber auch George W. Bush hat mit seinen &bdquo;moral values&ldquo;, obwohl eine Mehrheit seine praktische Politik ablehnte, die Mehrheit hinter sich gebracht. Mir scheint jedenfalls, dass es ein ausgepr&auml;gtes Bed&uuml;rfnis vieler Menschen nach moralischer Orientierung, ja nach einer Heilslehre gibt, mag die Ausrichtung auch irrational sein, ja sogar pers&ouml;nlich noch nicht einmal f&uuml;r verbindlich gehalten werden.<br>\nIch sehe darin eine Art Weltflucht, eine Flucht aus einer orientierungslos gewordenen Welt der Zw&auml;nge in eine normative Geborgenheit, in eine moralische Identifikation. Eine Geborgenheit vor wirklichen oder eingeredeten Zw&auml;ngen der realen Welt, in der man sich nicht mehr emotional aufgehoben f&uuml;hlt und an der man mit den Kr&auml;ften der menschlichen Vernunft nicht mehr mitgestalten oder sich einzurichten zu k&ouml;nnen glaubt. Ist es nicht ein ganz allgemeines Ph&auml;nomen, dass Zukunfts&auml;ngste Einfallstore f&uuml;r Metaphysisches, f&uuml;r Irrationales oder &ndash; religi&ouml;s oder politisch ausgedr&uuml;ckt &ndash; f&uuml;r Glaubenslehren sind? <\/p><p>Und leben wir nicht in einer Welt, in der den Menschen t&auml;glich eingeredet wird, den Zw&auml;ngen der Globalisierung ausgeliefert zu sein. In der ein angeblich gesetzm&auml;&szlig;iger &Ouml;konomismus nicht nur die Sph&auml;re der Wirtschaft, sondern auch des Sozialen und Kulturellen durchdringt. In der die Individuen zunehmend nur noch als verdinglichte Kostenfaktoren gelten, in der alle Regeln des Zusammenlebens dereguliert werden sollen. Die Interpreten des Zeitgeistes verlangen von jedem, dass er leistungsstark und belastbar, flexibel und vielseitig einsetzbar, anschluss- und anpassungsf&auml;hig, team- und kooperationsbegabt, selbstverantwortlich und unternehmerisch, mobil und mehrsprachig, optimistisch und hoch motiviert, kommunikativ und sozial kompetent sein muss und dar&uuml;ber hinaus ein Leben lang lernbereit. Kurz, verlangt wird der &bdquo;flexible Mensch&ldquo; &ndash; wie Richard Sennet das nannte. Wer diese Anpassungsleistung nicht schafft oder sich verweigert, wird an den Rand gedr&auml;ngt, abgeh&auml;ngt oder allein gelassen. <\/p><p>Auff&auml;llig ist, dass die meisten, der abverlangten Eigenschaften, in einem passiven Bezug stehen. Wer in Zukunft Gewinner sein will, soll flexibel sein &ndash; flexibel gegen&uuml;ber welchen Zw&auml;ngen? Anschluss- und anpassungsf&auml;hig, an was? Vielseitig einsetzbar, f&uuml;r wen? Kooperationsf&auml;hig, mit wem? Mobil, wof&uuml;r? Es ist geradezu ein Leben im Passiv, das uns da als Zukunftsentwurf an die Wand gemalt wird.<br>\nAltbundespr&auml;sident Rau kritisierte solche Gesellschaftsbilder zu Recht: &bdquo;Der Einzelne w&uuml;rde zu einem, der sich anpasst und der sich m&ouml;glichst gut einpasst. Dann ist kein Platz mehr f&uuml;r selbst&auml;ndiges und freies Denken, f&uuml;r aktives Gestalten, Verantwortung f&uuml;r andere zu &uuml;bernehmen oder f&uuml;r den Dienst an der Gesellschaft scheint in solchen Zukunftsentw&uuml;rfen nicht mehr viel Platz zu sein.&ldquo; Die Menschen scheinen aber ohne Hoffnung auf Befreiung von inhumanen, &bdquo;objektiven&ldquo; Zw&auml;ngen nicht leben zu k&ouml;nnen oder zu wollen. Und wenn ihre Hoffnungen in der realen Welt permanent entt&auml;uscht werden, sch&ouml;pfen sie Trost oder Zuversicht aus der Sehnsucht nach einer moralischen Welt, nach einer Welt des Spirituellen oder Irrationalen. Ein Objekt dieser emotionalen Besetzung, scheinen mir derzeit weniger die Kirche als Institution, als vielmehr ihre Symbolfiguren der Religiosit&auml;t, die P&auml;pste zu sein &ndash; eben &bdquo;Wir sind Papst&ldquo; (BILD). Das liegt nat&uuml;rlich auch daran, dass es derzeit kaum &bdquo;diesseitige&ldquo; Alternativangebote gibt, auf die sich die Hoffnungen Vieler projizieren k&ouml;nnten. <\/p><p>Wenn sich das Massenph&auml;nomen um Tod und Neueinsetzung des Papstes, jedenfalls auch damit erkl&auml;ren lie&szlig;e, steht es mir nicht zu, das Verhalten dieser Menschen in ihrer Papstbegeisterung zu kritisieren, aber es &auml;ngstigt mich. <\/p><p>Was w&auml;re, wenn pl&ouml;tzlich andere Projektionsfl&auml;chen f&uuml;r solche Ohnmachtgef&uuml;hle auftauchten, Projektionsfl&auml;chen, die nicht &ndash; wie das die katholische Kirche bei aller religi&ouml;ser R&uuml;ckw&auml;rtsgewandtheit immer noch tut &ndash; die individuelle Moralit&auml;t, sondern einen kollektiven Wahn anspr&auml;chen und daraus eine politisches Massenhysterie erw&uuml;chse und &ndash; darauf gest&uuml;tzt &ndash; politische Macht entst&uuml;nde?\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Flucht aus einer realen inhumanen Welt der Zw&auml;nge in religi&ouml;se Symbolik und moralische Geborgenheit.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-530","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-das-kritische-tagebuch"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/530","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=530"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/530\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=530"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=530"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=530"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}