{"id":53434,"date":"2019-07-16T12:40:39","date_gmt":"2019-07-16T10:40:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=53434"},"modified":"2019-07-19T09:37:30","modified_gmt":"2019-07-19T07:37:30","slug":"krankenhaeuser-schliessen-leben-retten-oeffentlich-rechtlicher-kampagnenjournalismus-zur-besten-sendezeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=53434","title":{"rendered":"\u201eKrankenh\u00e4user schlie\u00dfen \u2013 Leben retten?\u201c \u2013 \u00d6ffentlich-rechtlicher Kampagnenjournalismus zur besten Sendezeit"},"content":{"rendered":"<p>Die Bertelsmann Stiftung ist daf&uuml;r bekannt, unter dem Deckmantel der wissenschaftlichen Objektivit&auml;t Studien zu erstellen, die stets zu dem Ergebnis kommen, dass staatliche oder &ouml;ffentliche Aufgaben im Sinne der Allgemeinheit privatisiert werden sollten. So kann es auch nicht wirklich verwundern, dass eine aktuelle Studie dieser Stiftung mit fragw&uuml;rdigen Mitteln den radikalen Abbau meist &ouml;ffentlicher Kliniken empfiehlt. Nur 600 der heute 1.600 Krankenh&auml;user sollen diesen Kahlschlag &uuml;berleben. Eine steile These, die man kritisch hinterfragen m&uuml;sste. Bemerkenswert ist jedoch, dass die ARD die Ver&ouml;ffentlichung der Studie mit einer unglaublich einseitigen &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.daserste.de\/information\/reportage-dokumentation\/dokus\/sendung\/krankenhaeuser-schliessen-leben-retten-100.html\">Dokumentation<\/a>&ldquo; begleitet, die dann auch noch zur besten Sendezeit um 20.15 ausgestrahlt wird. Das ist Kampagnenjournalismus in seiner schlimmsten Form. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4737\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-53434-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190716_Krankenhauuser_schliessen_Leben_retten_Kampagnenjournalismus_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190716_Krankenhauuser_schliessen_Leben_retten_Kampagnenjournalismus_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190716_Krankenhauuser_schliessen_Leben_retten_Kampagnenjournalismus_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190716_Krankenhauuser_schliessen_Leben_retten_Kampagnenjournalismus_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=53434-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190716_Krankenhauuser_schliessen_Leben_retten_Kampagnenjournalismus_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"190716_Krankenhauuser_schliessen_Leben_retten_Kampagnenjournalismus_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em>Zur Rolle der Bertelsmann Stiftung lesen Sie bitte auch: Wolfgang Lieb &ndash; &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5228\">Die Rolle der Bertelsmann Stiftung beim Abbau des Sozialstaates und der Demokratie oder: Wenn ein Konzern Politik stiftet &ndash; zum gemeinen Nutzen?<\/a>&ldquo;.<\/em><\/p><p>F&uuml;r ihre aktuelle <a href=\"https:\/\/www.bertelsmann-stiftung.de\/de\/themen\/aktuelle-meldungen\/2019\/juli\/eine-bessere-versorgung-ist-nur-mit-halb-so-vielen-kliniken-moeglich\/\">Krankenhausstudie<\/a> hat das IGES Institut im Auftrag der Bertelsmann Stiftung alle Register gezogen, um mit vermeintlich neutralen Berechnungen zum gew&uuml;nschten Ergebnis zu kommen. Dies f&auml;ngt bereits beim Untersuchungsraum an. So haben die Macher der Studie die Konzentration und Zentralisierung der Krankenhauslandschaft am konkreten Beispiel der Metropolregion K&ouml;ln-Leverkusen untersucht &ndash; einer Region mit 2,2 Millionen Einwohnern, von denen jedoch die H&auml;lfte in der Stadt K&ouml;ln lebt und in der es keinen nennenswerten &bdquo;l&auml;ndlichen Raum&ldquo; gibt, in dem die Entfernung zur n&auml;chsten gr&ouml;&szlig;eren Stadt problematisch ist. So sind nat&uuml;rlich auch die &bdquo;Zielmodelle&ldquo; f&uuml;r die Erreichbarkeit der Kliniken einzuhalten. Im l&auml;ndlichen Raum der gro&szlig;en Fl&auml;chenl&auml;nder sind diese Vorgaben jedoch bereits heute in der Praxis kaum einzuhalten und es ist auch nicht ersichtlich, wie man eine fl&auml;chendeckende Grundversorgung gew&auml;hrleisten will, wenn man in der Fl&auml;che das Versorgungsnetz ausd&uuml;nnt. <\/p><p>Die zeitliche und r&auml;umliche Entfernung ist jedoch beileibe nicht &bdquo;nur&ldquo; eine medizinische, sondern auch eine soziale Frage. Schlie&szlig;lich entf&auml;llt der Gro&szlig;teil der Krankenhausaufenthalte ja nicht auf hochspezialisierte Behandlungsf&auml;lle, die von der Bertelsmann Stiftung gerne thematisiert werden, sondern auf geriatrische Behandlungsf&auml;lle, die vor allem im l&auml;ndlichen Raum mit seinem hohen Altersdurchschnitt von zentraler Bedeutung sind. Wie stellen sich die Macher der Studie eigentlich konkret vor, wie Angeh&ouml;rige von geriatrischen oder gar gerontopsychiatrischen Patienten regelm&auml;&szlig;ige Besuche organisieren sollen, wenn das n&auml;chste Krankenhaus mit &ouml;ffentlichen Verkehrsmitteln eine halbe Tagesreise entfernt ist? Anstatt solche &bdquo;Regelf&auml;lle&ldquo; auch nur zu er&ouml;rtern, fokussiert man sich auf sehr spezielle Eingriffe, die jedoch quantitativ gar keine nennenswerte Rolle spielen und l&auml;sst dabei die soziale und die sozio&ouml;konomische Komponente komplett unter den Tisch fallen.<\/p><p>Stattdessen werden in der ARD-Dokumentation Patienten mit Bauchspeicheldr&uuml;senkrebs und einer H&uuml;ftprothesenrevision als &bdquo;Beispiele&ldquo; vor die Kamera gezerrt, um zu belegen, dass die &Auml;rzte in den kleinen l&auml;ndlichen Krankenh&auml;usern ohnehin &uuml;berfordert und nicht sonderlich qualifiziert sind. Tauglich sind diese Beispiele jedoch nicht. In solchen F&auml;llen h&auml;tte vielmehr der behandelnde Allgemein- oder Facharzt die Patienten zuvor darauf hinweisen m&uuml;ssen, dass es bei derlei Eingriffen einen gro&szlig;en Qualit&auml;tsunterschied zwischen l&auml;ndlichen Krankenh&auml;usern, in denen derartige Eingriffe selten durchgef&uuml;hrt werden, und Fachkliniken gibt, in denen so etwas allt&auml;gliche Arbeit ist. Denn die Grundannahme der Studie, die besagt, dass spezialisierte Einrichtungen qualitativ bessere Ergebnisse liefern als Krankenh&auml;user der Mindest- oder Grundversorgung, steht ja nicht ernsthaft zur Debatte.<\/p><p>Und hier wird es sowohl in der Studie als auch in der ARD-Dokumentation richtig &auml;rgerlich. Es wird gerade so getan, als seien diese Entwicklungen neu und die Ideen der Studie so f&uuml;rchterlich originell. So geht die Zahl der Krankenh&auml;user seit den 1960ern kontinuierlich zur&uuml;ck und sp&auml;testens mit der Einf&uuml;hrung des Krankenhaus-Kostend&auml;mpfungsgesetzes von 1981 unterteilt der Gesetzgeber die Funktionen der Krankenh&auml;user auch klar in verschiedene Versorgungsstufen. Je nach Bundesland wird zwischen Grund-, Regel-, Zentral- und Maximalversorgung unterschieden. Die Dokumentation erweckt jedoch den falschen Eindruck, dass zur Zeit in jeder &bdquo;Milchkanne&ldquo; Eingriffe vorgenommen werden, die man aus Qualit&auml;tsgr&uuml;nden besser in einem Fach- oder Universit&auml;tsklinikum vornehmen sollte. Solche Einzelf&auml;lle mag es ja geben, aber sie sind beileibe nicht die Regel, aus der man dann auch noch derart radikale Schl&uuml;sse ziehen kann. <\/p><p>Interessanter w&auml;re doch die Frage, wie man das jetzige System verbessern kann, ohne gleichzeitig die fl&auml;chendeckende Versorgung zu gef&auml;hrden. Nat&uuml;rlich liegt das Grund&uuml;bel der gesamten Debatte in der &ouml;konomischen Orientierung der Krankenh&auml;user. Nicht das Wohl des Patienten, sondern die Maximierung der Rendite ist das oberste unternehmerische Ziel von Krankenh&auml;usern. Da kann es dann auch schon mal vorkommen, dass Chirurgen eines l&auml;ndlichen Krankenhauses, deren Abteilung unter den hausinternen Umsatzvorgaben liegt, eine Operation selbst durchf&uuml;hren, f&uuml;r die sie objektiv gar nicht ausreichend qualifiziert sind. Die R&uuml;ckabwicklung der Privatisierung des Krankenhaussektors w&auml;re daher die naheliegende Antwort auf die Fragen und Probleme, die in der Studie und der Dokumentation aufgeworfen werden.<\/p><p>Aber auch ohne die &bdquo;Systemfrage&ldquo; im Krankenhaussektor zu stellen, g&auml;be es zahlreiche Alternativen zum Kahlschlag. Nat&uuml;rlich macht es weder medizinisch noch &ouml;konomisch Sinn, hoch spezialisierte Eingriffe in jedem Krankenhaus der Grund- oder Regelversorgung durchf&uuml;hren zu wollen. Es macht aber medizinisch und &ouml;konomisch auch keinen Sinn, Standardeingriffe, wie die Versorgung von Knochenbr&uuml;chen, die Entfernung des Blinddarms oder der Gallensteine oder aber die station&auml;re Behandlung geriatrischer oder gerontopsychiatrischer F&auml;lle nun auf ein Krankenhaus der Zentral- oder gar Maximalversorgung auszugliedern. <\/p><p>Hier muss auch die Frage aufgeworfen werden, wie Bertelsmann und Co. sich eine Realisierung der eigenen Vorschl&auml;ge eigentlich vorstellen. Als gutes Beispiel wird in der Studie und der Dokumentation D&auml;nemark genannt. Das ist interessant, denn in D&auml;nemark sind alle gr&ouml;&szlig;eren Krankenh&auml;user im Besitz der Kommunen oder des Zentralstaats und werden zu mehr als drei Vierteln aus Steuermitteln finanziert. D&auml;nemark l&auml;sst sich die Neuordnung seines Krankenhaussystems rund sechs Milliarden Euro kosten. Umgerechnet auf das gr&ouml;&szlig;ere Deutschland w&auml;ren dies fast achtzig Milliarden Euro. Hier werden also &Auml;pfel mit Birnen verglichen und dann auch noch gezielt einige Rosinen aus dem Gesamtpaket gepickt. Das ist unseri&ouml;s. <\/p><p>Doch keiner dieser kritischen Einw&auml;nde kommt in der ARD-Dokumentation vor. Stattdessen wird ein Skript abgespult, das eher den Charakter eines Werbefilms hat. Da findet im hypermodernen privaten Fachklinikum die Patientenbesprechung vor der OP dann nat&uuml;rlich mit dem medizinischen Chef des Klinikums und nicht wie in der tristen Realit&auml;t mit einem Arzt im Praktikum statt. Das alles hat mit der Realit&auml;t so viel zu tun wie ein Werbespot von Coca Cola mit fettleibigen Kindern.<\/p><p>So l&auml;sst die gesamte Dokumentation dann auch jegliche kritische Distanz vermissen. Echte Kritiker kommen gar nicht zu Wort, Argumente, die gegen die Aussagen der Studie sprechen, kommen &ndash; wenn &uuml;berhaupt &ndash; nur am Rande vor. Und die m&ouml;glichen Profiteure eines Kahlschlags werden gar nicht ernst genannt. Dabei ist die Information, dass es vor allem die privaten Krankenhauskonzerne sind, die auf diese Art und Weise unrentable H&auml;user, zu deren Betrieb sie jedoch zur Zeit oft vertraglich verpflichtet sind, und die kommunale Konkurrenz loswerden wollen. <\/p><p>Stattdessen st&uuml;tzt man die Kernaussage der Studie durch die sehr selektive Auswahl von Fallbeispielen, die zwar die Botschaft der Bertelsmann Stiftung st&uuml;tzen, aber alles andere als repr&auml;sentativ sind. Bemerkenswert ist auch das Timing der Dokumentation, die zur Prime Time am Erscheinungstag der Studie, eingerahmt in den &uuml;blichen Presserummel, sehr prominent platziert wurde. So bekam die irrige Botschaft der Bertelsmann Stiftung die gr&ouml;&szlig;tm&ouml;gliche Aufmerksamkeit. Daf&uuml;r gibt es eigentlich nur ein Wort: Kampagnenjournalismus. <\/p><p>Titelbild: xmee\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/f8947ed4452046b9af5ac6d7a4ffacde\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bertelsmann Stiftung ist daf&uuml;r bekannt, unter dem Deckmantel der wissenschaftlichen Objektivit&auml;t Studien zu erstellen, die stets zu dem Ergebnis kommen, dass staatliche oder &ouml;ffentliche Aufgaben im Sinne der Allgemeinheit privatisiert werden sollten. 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