{"id":53475,"date":"2019-07-18T09:16:46","date_gmt":"2019-07-18T07:16:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=53475"},"modified":"2019-09-26T16:16:41","modified_gmt":"2019-09-26T14:16:41","slug":"die-hohenzollern-die-gier-der-eliten-und-die-schwache-reaktion-darauf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=53475","title":{"rendered":"Die Hohenzollern, die Gier der \u201eEliten\u201c und die schwache Reaktion darauf"},"content":{"rendered":"<p>Die dreisten aktuellen Forderungen der Erben des Adels erlauben Einblicke in die moralische Verfassung weiter Teile der &bdquo;Eliten&ldquo;. Die Emp&ouml;rung in Medien und Politik erscheint nur auf den ersten Blick immens &ndash; auf den zweiten Blick erscheint sie defensiv: Den Hohenzollern werden wahrscheinlich Zugest&auml;ndnisse gemacht werden. Von <strong>Tobias Riegel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie deutschen Adelsnachfahren melden &bdquo;Anspr&uuml;che&ldquo; an: Dabei handelt es sich um tausende unbezahlbare Objekte, die gr&ouml;&szlig;tenteils nach dem Zweiten Weltkrieg verstaatlicht wurden und nach der Wiedervereinigung in &ouml;ffentlichen Besitz &uuml;bergingen. Zudem handelt es sich um Immobilien wie das Schloss Cecilienhof oder die Villa Liegnitz im Park von Sanssouci, in denen die verhandelnden Erben &bdquo;ein dauerhaftes, unentgeltliches und grundbuchlich zu sicherndes Mitbenutzungsrecht&ldquo; fordern, wie etwa die &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/geschichte-aus-preussen-haus-hohenzollern-erhebt-neue-ansprueche-16284488.html\">FAZ<\/a>&ldquo; berichtet.<\/p><p><strong>Ein bizarrer Vorgang &ndash; Aber werden die Angriffe der Erbfolger scheitern?<\/strong><\/p><p>Man w&uuml;rde meinen, dieser Vorgang sei so absurd, dass man sich nicht n&auml;her damit befassen m&uuml;sste: Die Forderungen der Hohenzollern widersprechen allen historischen, politischen und moralischen Kriterien und sollten ohne Wenn und Aber zur&uuml;ckgewiesen werden.<\/p><p>Doch so einfach scheint es nicht zu sein: So erfahren die B&uuml;rger dieser Tage, dass sich der Staat seit 2014 in ernsthaften Verhandlungen mit den Hohenzollern befindet, &uuml;ber eben diesen bizarren Forderungskatalog. Die Tatsache, dass die Forderungen der Adelsnachfahren vor einigen Tagen mutma&szlig;lich von staatlicher Seite an den &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/streng-geheime-verhandlungen-hohenzollern-erheben-ansprueche-auf-tausende-bedeutende-kunstwerke\/24587204.html\">Tagesspiegel<\/a>&ldquo; durchgesteckt wurden, ist einerseits zu begr&uuml;&szlig;en: Weil er Blicke auf ein dreistes  Verhalten von mindestens Teilen der deutschen Oberschicht erlaubt. Diese Einblicke k&ouml;nnen aufr&uuml;ttelnd wirken.<\/p><p>Andererseits lenkt der Schritt aber den Blick darauf, dass der Staat sich gegen&uuml;ber den Angriffen der Hohenzollern anscheinend in einer juristisch so schwachen Position sieht, dass er zur Unterst&uuml;tzung &ouml;ffentliche Emp&ouml;rung sch&uuml;ren muss. Das macht nicht den Eindruck einer souver&auml;nen Verhandlungsposition. <\/p><p><strong>Die &bdquo;Anspr&uuml;che&ldquo; der &bdquo;Eliten&ldquo; &ndash; und die devote Reaktion des Staates<\/strong><\/p><p>Ein wichtiger Teil des Vertrauensverlusts vieler B&uuml;rger gegen&uuml;ber den &ouml;ffentlichen Institutionen beruht auf einer verlorengegangenen staatlichen Autorit&auml;t im Umgang mit sich stets steigernden Forderungen von &bdquo;Eliten&ldquo;: Durch eine devote Umsetzung wirtschaftsliberaler Forderungen wurde der Gestaltungsspielraum der &Ouml;ffentlichen Hand massiv eingeschr&auml;nkt. Die Episode um die Hohenzollern k&ouml;nnte eine gute Chance sein, sich als jemand produzieren, der die Gier der &bdquo;Eliten&ldquo; an einem eindeutigen Beispiel in die Schranken weist &ndash; doch selbst diese Chance wird nicht ergriffen.<\/p><p>Einerseits wird zwar gro&szlig;e Emp&ouml;rung ge&auml;u&szlig;ert. So bezeichnet der <em><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/streng-geheime-verhandlungen-hohenzollern-erheben-ansprueche-auf-tausende-bedeutende-kunstwerke\/24587204.html\">Tagesspiegel<\/a><\/em> den Vorgang als &raquo;Zumutung f&uuml;r die aufgekl&auml;rte Gesellschaft&laquo;, die &bdquo;<em><a href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article196840021\/Georg-Friedrich-von-Preussen-Die-unbescheidenen-Forderungen-der-Hohenzollern.html\">Welt<\/a><\/em>&rdquo; <em>fragt<\/em> nach den Toten des Ersten Weltkriegs und die <em><a href=\"https:\/\/www.fr.de\/kultur\/hohenzollern-wollen-abkassieren-hinter-kulissen-herrscht-blanke-gier-12818276.html\">Frankfurter Rundschau<\/a><\/em> skandalisiert die &bdquo;blanke Gier&ldquo; der Hohenzollern.<\/p><p><strong>Im Schatten der &bdquo;Emp&ouml;rung&ldquo;: Zugest&auml;ndnisse und &bdquo;g&uuml;tliche Verhandlungen&ldquo;<\/strong><\/p><p>Es mehren sich aber auch die Stimmen, die von &bdquo;g&uuml;tlichen Verhandlungen&ldquo; sprechen. So sagt etwa die &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/geschichte-aus-preussen-haus-hohenzollern-erhebt-neue-ansprueche-16284488.html\">FAZ<\/a>&ldquo; zu den &bdquo;adeligen Anspr&uuml;chen&ldquo;: &bdquo;&Uuml;ber all das l&auml;sst sich verhandeln.&ldquo; Denn &bdquo;auch wenn der Bund in Gestalt von <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/thema\/monika-gruetters\">Monika Gr&uuml;tters<\/a> die Verhandlungen erst einmal abgesagt hat &ndash; irgendwann, wenn die Forderungen der Preu&szlig;en-Erben weniger maximal und die Angebote der &ouml;ffentlichen Hand weniger minimal sind, wird man wieder zusammenkommen.&ldquo; Dieses &bdquo;Zusammenkommen&ldquo; wird dann auch Zugest&auml;ndnisse an die Hohenzollern beinhalten. <\/p><p>Diese Bef&uuml;rchtungen einer schwachen Verhandlungsf&uuml;hrung werden auch durch eine Verschiebung der Debatte bef&ouml;rdert: Diese geht weg von der konsequenten Abwehr der materiellen Forderungen, hin zu einer &bdquo;politisch-philosophischen&ldquo; Debatte. <\/p><p><strong>Scheingefechte: &bdquo;Politische&ldquo; Zur&uuml;ckweisung &ndash; aber materielle Verg&uuml;tung der Adelsnachfahren?<\/strong><\/p><p>Diese politische Einflussnahme wird zu recht skandalisiert, etwa in der &bdquo;FAZ&ldquo;: &bdquo;Es hat seinen Grund, dass das Haus Hohenzollern bei der offiziellen Darstellung deutscher Geschichte nicht mitreden darf.&ldquo; Die Betonung des politischen Aspekts macht aber auch misstrauisch, wenn die materiellen Forderungen nicht ebenso zur&uuml;ckgewiesen werden. Die Sto&szlig;richtung verfolgt unter vielen anderen Medien auch der &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/historiker-ueber-forderungen-der-hohenzollern-der-kampf-um.1008.de.html?dram:article_id=454049\">Deutschlandfunk<\/a>&ldquo;: Bei dem Konflikt mit den Hohenzollern &bdquo;geht es nicht nur um Kunstsch&auml;tze&ldquo;, so der Sender, sondern &bdquo;vor allem&ldquo; um die &bdquo;Deutungshoheit der Geschichte&ldquo;. <\/p><p>Diese Verschiebung der Debatte erscheint als Scheingefecht:  Den Monarchen wird in der &bdquo;politischen&ldquo; Debatte eine &bdquo;Niederlage&ldquo; zugef&uuml;gt. Gleichzeitig werden viele der dreisten materiellen Forderungen mutma&szlig;lich befriedigt werden. Diese &bdquo;zur&uuml;ck&ldquo;geforderten Sch&auml;tze wurden im &Uuml;brigen vom Steuerzahler instandgehalten.<\/p><p><strong>&bdquo;Kompromisse&ldquo; im Schatten von &bdquo;Maximalforderungen&ldquo;<\/strong><\/p><p>Eine weitere Taktik ist zu erkennen: Der Historiker Stephan Malinowski bezeichnete das Vorgehen der Hohenzollern im &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/ansprueche-der-hohenzollern-des-kaisers-alte-schaetze.691.de.html?dram:article_id=453901\">Deutschlandfunk<\/a>&ldquo;zum einen als gro&szlig;es PR-Desaster &ndash; damit k&ouml;nnen die eher im Hintergrund agierenden Blaubl&uuml;ter mutma&szlig;lich gut leben. Malinowski vermutet aber auch, die Familie stelle nun dreiste Maximalanspr&uuml;che, um schlussendlich einen Teil davon zugesprochen zu bekommen.<\/p><p>Wahrscheinlich ist diese Beobachtung richtig: Demnach werden nun nur die besonders unrealistischen Maximalforderungen abger&auml;umt, deren Scheitern ohnehin eingeplant war. Mutma&szlig;lich werden wie bereits erw&auml;hnt zus&auml;tzlich die &bdquo;politischen&ldquo; Forderungen und die nun besonders skandalisierten &bdquo;Wohnrechte&ldquo; abgewehrt &ndash; weniger spektakul&auml;re &bdquo;Anspr&uuml;che&ldquo;, die sich in Millionenh&ouml;he bewegen, werden im Schatten dieser &bdquo;Niederlage&ldquo; aber wahrscheinlich gew&auml;hrt werden. <\/p><p><strong>Politik findet Adelsnachfahren &bdquo;konstruktiv&ldquo;<\/strong><\/p><p>So zeigte sich etwa Brandenburgs Ministerpr&auml;sident Woidke (SPD) &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.rbb24.de\/kultur\/beitrag\/2019\/07\/hohenzollern-streit-machen-druck-leihvertraege-gekuendigt.html\">zuversichtlich<\/a>&ldquo;, dass eine Einigung gefunden wird &ndash; schlie&szlig;lich seien die Aristokraten doch &bdquo;sympathische und durchaus konstruktive Menschen&ldquo;. Konsequente Abwehr klingt anders. Und auch die &bdquo;Stiftung Preu&szlig;ischer Kulturbesitz&ldquo; zeigt sich <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/newsticker\/dpa_nt\/infoline_nt\/boulevard_nt\/article196988419\/Wem-gehoert-der-Hohenzollern-Schatz.html\">verhandlungsbereit<\/a>, um kostspielige Gerichtsverfahren zu vermeiden, wie Pr&auml;sident Hermann Parzinger erkl&auml;rte. <\/p><p>Wenn selbst bei einer so &ouml;ffentlichen und so offensichtlich anma&szlig;enden Debatte so wachsweich reagiert wird, wie es nun zu erleben ist, dann kann man sich die ungeheuren Kungeleien vorstellen, die ansonsten etwa zwischen Privatwirtschaft und &Ouml;ffentlicher Hand im Verborgenen stattfinden.<\/p><p><strong>Enteignung der &bdquo;imperialistischen Kriegstreiber&ldquo; r&uuml;ckg&auml;ngig machen?<\/strong><\/p><p>Hintergr&uuml;nde und Status Quo der Debatte beschreibt auch die &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/358921.pr-desaster-f%C3%BCr-hohenzollern.html\">Junge Welt<\/a>&ldquo;. So h&auml;tten die Hohenzollern bereits vor Jahren versucht, vom Land Brandenburg eine Entsch&auml;digung einzuklagen. Das Land hatte das aber mit Verweis auf die NS-Verstrickungen des Kronprinzen abgelehnt. Und so ergibt sich folgende Situation:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Nach der Revolution von 1918 wurde der kaiserliche Besitz beschlagnahmt. Ein Vertrag zwischen dem Land Preu&szlig;en und den Hohenzollern &uuml;ber die Verm&ouml;gensregelung wurde 1926 &ndash; die KPD hatte damals erst ein Volksbegehren und dann einen Volksentscheid f&uuml;r eine entsch&auml;digungslose Enteignung auf den Weg gebracht &ndash; geschlossen, wies aber viele L&uuml;cken auf. Erst 1945 erfolgte in der sowjetischen Besatzungszone eine echte Enteignung der Hohenzollern, die auch nach 1990 nicht angetastet wurde.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Eindeutig Stellung bezieht nur die LINKE, etwa die innenpolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke im Bundestag, Ulla Jelpke, bezeichnete es als &raquo;schon ziemlich dreist&laquo;, dass Vertreter jenes Herrscherhauses, das &raquo;durch sein militaristisches Gro&szlig;machtstreben erhebliche Mitverantwortung f&uuml;r den Ersten Weltkrieg tr&auml;gt und sich sp&auml;ter den Nazis andiente, mietfrei auf Steuerzahlerkosten in Prunkschl&ouml;ssern wohnen und nach 1945 enteignete Kunstsch&auml;tze zur&uuml;ckhaben&laquo; wollen. Die Enteignung der &raquo;imperialistischen Kriegstreiber&laquo; sei zu Recht erfolgt.<\/p><p>Titelbild: Maria Sbytova \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die dreisten aktuellen Forderungen der Erben des Adels erlauben Einblicke in die moralische Verfassung weiter Teile der &bdquo;Eliten&ldquo;. Die Emp&ouml;rung in Medien und Politik erscheint nur auf den ersten Blick immens &ndash; auf den zweiten Blick erscheint sie defensiv: Den Hohenzollern werden wahrscheinlich Zugest&auml;ndnisse gemacht werden. 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