{"id":5362,"date":"2010-04-30T09:09:03","date_gmt":"2010-04-30T07:09:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5362"},"modified":"2014-08-07T14:58:46","modified_gmt":"2014-08-07T12:58:46","slug":"verschuldungskrisen-in-der-eu-eine-herausforderung-fuer-alle-mitgliedstaaten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5362","title":{"rendered":"Verschuldungskrisen in der EU \u2013 eine Herausforderung f\u00fcr alle Mitgliedstaaten"},"content":{"rendered":"<p>Die Verschuldungskrise Griechenlands ist im Hinblick auf die Ungleichgewichte in der EU die Spitze eines Eisberges. Die Art, wie die EU  Griechenland helfen wird, d&uuml;rfte ihr Verhalten  in k&uuml;nftigen Krisenf&auml;llen vorpr&auml;gen. Dessen sind sich die Akteure bewusst. Von Joseph Fischer*<br>\n<!--more--><br>\nSelbstverst&auml;ndlich muss Griechenland auch selber einen entscheidenden Beitrag zur &Uuml;berwindung der Schuldenkrise leisten. Diskutiert wird auch eine weitergehende Forderung, die darauf hinauslaufen w&uuml;rde, Griechenland jede Hilfe zu verweigern. Ein Staatsbankrot w&auml;re dann nicht zu vermeiden. <\/p><p>Das w&uuml;rde nicht nur die &ouml;konomische Stabilit&auml;t, sondern auch das Vertrauen in die Handlungsf&auml;higkeit der EU grundlegend besch&auml;digen. Die Gl&auml;ubiger Griechenlands, vor allem europ&auml;ische Banken, m&uuml;ssten erneut hohe Summen abschreiben. Eine zweite Finanzmarktkrise in kurzer Zeitfolge lie&szlig;e sich dann nur schwer eind&auml;mmen &ndash; mit dramatischen Folgen f&uuml;r Wachstum und Besch&auml;ftigung in der EU.<\/p><p>Ein Ausscheiden Griechenlands aus der W&auml;hrungsunion w&uuml;rde in jedem Falle von Anfang an ein nicht beherrschbares Chaos ausl&ouml;sen. Eine abgeschlagene W&auml;hrung eines bankrotten, relativ kleinen Landes kann keine Geldfunktion erf&uuml;llen.<\/p><p>D.h. die EU-L&auml;nder haben alle ein Interesse daran, einen  &ouml;konomischen  Zusammenbruch Griechenlands abzuwenden. Diesem Ziel dienen die Kredithilfen, die von der EU und dem IWF in Aussicht gestellt wurden. Der erkennbare Kreditbedarf Griechenlands steigt fast t&auml;glich dramatisch an. Jetzt ist schnelles Handeln unbedingt n&ouml;tig.<\/p><p>Sp&auml;testens hier stellt sich die Frage, ob Griechenland gleichzeitig relativ hohe Zinsen zahlen, die Schulden abbauen und bei einem  extremen Sparkurs auch noch seine internationale Wettbewerbsf&auml;higkeit verbessern kann. Das ist mit h&ouml;chster Wahrscheinlichkeit nicht der Fall. Damit befassen sich die EU-L&auml;nder bisher nicht.<\/p><p>Bisher lehnen es die EU- Partnerl&auml;nder ab, mehr als Kredithilfen f&uuml;r Griechenland zu leisten.  Die Gr&uuml;nde daf&uuml;r liegen auf der Hand. Einem Partnerland aus einer  weitgehend selbstverschuldeten Krise mit Milliardenbetr&auml;gen zu helfen, ist unpopul&auml;r. Lavieren ist daher immer noch fester Bestandteil der deutschen Verhandlungsposition. Der Bundesfinanzminister vermittelt immer noch den Eindruck, es gehe bei den Hilfen nur um B&uuml;rgschaften und voraussichtlich nicht um Steuergelder. Ein Kuriosum ist in diesem Zusammenhang die Erwartung der Bundesregierung, dass sie f&uuml;r eine deutsche Kredithilfe an Griechenland einen h&ouml;heren Zins erhielte, als sie selber f&uuml;r eine entsprechende Anleihe auf den Finanzm&auml;rkten zahlen m&uuml;sste.<\/p><p>Gest&uuml;tzt wird die restriktive Haltung der EU-L&auml;nder durch die EU-Vertr&auml;ge. Entstehen Ungleichgewichte, greift die EU erst dann &ndash; mit Sanktionen &ndash;  ein, wenn ein Mitgliedstaat die Schuldenschwellen von 3% des BIP bei der Neuverschuldung und von 60% des BIP beim Schuldenstand &uuml;berschreitet. Dieses Instrument greift zu sp&auml;t und ist in der Regel nicht effektiv genug. So wird niemand in finanziellen Sanktionen einen Beitrag zur L&ouml;sung der Verschuldungskrise  Griechenlands sehen.<\/p><p>Krisen lie&szlig;en sich eher vermeiden, wenn die EU fr&uuml;her gemeinsam handeln k&ouml;nnte. Das setzte voraus, dass die EU-Mitgliedstaaten ihre  Autonomie in der Wirtschafts- und Finanzpolitik zu Gunsten einer effektiveren Koordinierung lockern w&uuml;rden. Dazu fehlt die Bereitschaft. Das geht so weit, dass die Mitgliedstaaten es vorziehen, den IWF mit Griechenland die Auflagen zu den Kredithilfen aushandeln zu lassen, statt EU-intern derart in die Politik eines Mitgliedstaates einzugreifen.<\/p><p>Neben den Kredithilfen ist also eine effektive  Zusammenarbeit der EU-L&auml;nder vor allem im Bereich der Wirtschafts- und Finanzpolitik die zweite Voraussetzung daf&uuml;r, Krisen zu vermeiden und im aktuellen Fall zu helfen.<\/p><p>Zu Beginn der Gespr&auml;che &uuml;ber die Hilfen f&uuml;r Griechenland hat die franz&ouml;sische Wirtschafts- und Finanzministerin, Frau Christine Lagarde, einen Stein ins Wasser geworfen. Sie machte Deutschland  wegen seiner relativ niedrigen Inlandsnachfrage, insbesondere der niedrigen Lohnst&uuml;ckkosten, und seiner Jahr f&uuml;r Jahr hohen Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse mit verantwortlich f&uuml;r die Wachstumsschw&auml;che der Defizitl&auml;nder in der EU und insoweit auch f&uuml;r die Verschuldungskrise Griechenlands. Die Reaktion in Deutschland war reflexartig und lief auf die Empfehlung hinaus, die deutschen Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse als vorbildlich<br>\nzu betrachten. Wichtige Tatbest&auml;nde blieben unerw&auml;hnt.<\/p><p>Einem Leistungsbilanz&uuml;berschuss stehen zwangsl&auml;ufig Defizite der Partnerl&auml;nder in gleicher H&ouml;he gegen&uuml;ber. Tats&auml;chlich liegt die Vermutung nahe, dass die Schw&auml;che der Inlandsnachfrage in Deutschland zu den Exporterfolgen beitr&auml;gt. Der st&auml;ndige Hinweis auf die Folgen der Globalisierung l&ouml;ste &Auml;ngste aus und machte die Forderung, wir m&uuml;ssten den G&uuml;rtel enger schnallen, glaubw&uuml;rdig. Dabei bleibt  unerw&auml;hnt, dass Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse eine Schw&auml;che der Inlandsnachfrage in der Regel nicht ausgleichen k&ouml;nnen. Von vorbildlich kann also keine Rede sein.<\/p><p>Im Hinblick auf die Nachfrageseite wirken positive Salden expansiv und negative Salden kontraktiv. Bei der G&uuml;terversorgung sind die Effekte umgekehrt verteilt. Ein Land mit Import&uuml;bersch&uuml;ssen bezieht mehr G&uuml;ter von einem Land mit Export&uuml;bersch&uuml;ssen als es dorthin exportiert; es hat insoweit die Chance durch den Import von Investitionsg&uuml;ten, mit Hilfe des Partnerlandes sein Produktionspotential auszubauen. Das Export&uuml;berschussland &bdquo;spart&ldquo; f&uuml;r den schw&auml;cheren Partner und verzichtet auf sofortigen Konsum oder Investitionen in  entsprechender H&ouml;he. <\/p><p>Kein Land kann ein Interesse daran haben, dauerhaft einen hohen &ndash; negativen oder positiven &ndash; Leistungsbilanzsaldo zu erzielen.<\/p><p>Zusammengefasst hei&szlig;t das:<\/p><ul>\n<li>Zu den Kredithilfen f&uuml;r Griechenland gibt es keine realistische Alternative.<\/li>\n<li>Es ist eine zentrale Aufgabe der EU, die wirtschaftlichen Ungleichgewichte zwischen den Mitgliedstaaten abzubauen und damit auch Griechenland zu helfen.<\/li>\n<li>Die Koordinierungsinstrumente der EU haben versagt. Sie erfassen Fehlentwicklungen zu sp&auml;t und sind nicht effektiv genug.<\/li>\n<li>Entscheidend wird sein, inwieweit es gelingt, die Wirtschafts- und Finanzpolitik der EU-L&auml;nder besser zu koordinieren.<\/li>\n<\/ul><p>Anfang der 60er Jahre hat R. A. Mundell die Grundlage f&uuml;r die Theorie der optimalen W&auml;hrungsr&auml;ume geschaffen. Sein Einfluss auf die tats&auml;chlichen w&auml;hrungspolitischen Parzellierungs- und Integrationsbestrebungen war wohl gering. Ein Ergebnis der Theorie ist beachtenswert: Die Mitglieder eines W&auml;hrungsraumes m&uuml;ssen die Ergebnisse des Marktprozesses entweder hinnehmen oder die L&ouml;sung von Regionalproblemen, als gemeinsame Aufgabe betrachten, die mit strukturpolitischen Ma&szlig;nahmen zu bew&auml;ltigen ist.<\/p><p><em>* Der Autor, Dr. Josef Fischer,  war Staatssekret&auml;r im Ministerium f&uuml;r  Wirtschdaft und Arbeit des Landes NRW.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Verschuldungskrise Griechenlands ist im Hinblick auf die Ungleichgewichte in der EU die Spitze eines Eisberges. Die Art, wie die EU Griechenland helfen wird, d&uuml;rfte ihr Verhalten in k&uuml;nftigen Krisenf&auml;llen vorpr&auml;gen. Dessen sind sich die Akteure bewusst. 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