{"id":53624,"date":"2019-07-24T11:59:43","date_gmt":"2019-07-24T09:59:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=53624"},"modified":"2019-07-24T14:54:01","modified_gmt":"2019-07-24T12:54:01","slug":"beraterrepublik-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=53624","title":{"rendered":"Beraterrepublik Deutschland"},"content":{"rendered":"<p>Wer versucht, genaue Zahlen &uuml;ber das Ausma&szlig; des Beraterunwesens in den Bundesministerien zu erhalten, bei&szlig;t schnell auf Granit. Der Linken-Abgeordnete Matthias H&ouml;hn hat nachgefragt und ihm wurde mitgeteilt, dass im ersten Halbjahr 2019 178 Mio. Euro f&uuml;r &ldquo;externe Berater&rdquo; <a href=\"https:\/\/www.linksfraktion.de\/fileadmin\/user_upload\/PDF_Dokumente\/2019\/Hoehn_Frage_externe_berater_1halbjahr2019.pdf\">ausgegeben wurden<\/a>. Doch das ist nur die oberste Spitze des Eisbergs. Zum einen ist der Begriff &ldquo;externe Beratung&rdquo; sehr vage, zum anderen beinhaltet diese Zahl weder das besonders beraterfreundliche Bundesverteidigungsministerium noch das Bundeskanzleramt.&nbsp;Dass die Vergabepraxis oft rechtlich fragw&uuml;rdig ist und die horrenden Kosten der Beratung meist in keinem Verh&auml;ltnis zum Ergebnis stehen, wird mittlerweile selbst von SPIEGEL und Co. angekreidet. Das Problem geht jedoch viel tiefer. Interessenkonflikte sind bei einer externen Beratung vorprogrammiert und generell muss auch die Frage erlaubt sein, ob es &uuml;berhaupt zielf&uuml;hrend sein kann, den Staat nach Regeln zu optimieren, die f&uuml;r renditeorientierte Unternehmen erdacht wurden. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5614\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-53624-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190724_Beraterrepublik_Deutschland_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190724_Beraterrepublik_Deutschland_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190724_Beraterrepublik_Deutschland_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190724_Beraterrepublik_Deutschland_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=53624-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190724_Beraterrepublik_Deutschland_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"190724_Beraterrepublik_Deutschland_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em>Lesen Sie zum Thema auch: Albrecht M&uuml;ller &ndash; &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46294\">150 Millionen j&auml;hrlich f&uuml;r Berater, ein Skandal &ndash; und Frau von der Leyen wird zun&auml;chst trotzdem von den meisten Medien geschont<\/a>&ldquo; &amp; Wolfgang Lieb &ndash; &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43\">Zum Berater(un)wesen in der Politik<\/a>&ldquo;<\/em><\/p><p>Um das Problem mit der externen Beratung auf einen Punkt zu bringen, lohnt sich ein Blick auf die EU. Die l&auml;sst sich bei Steuer- und Zollfragen in steter Regelm&auml;&szlig;igkeit von den sogenannten &ldquo;Big Four&rdquo; der Branche <a href=\"https:\/\/corporateeurope.org\/en\/pressreleases\/2018\/07\/big-four-big-influence-architects-corporate-tax-avoidance-embedded-eu-policy\">beraten<\/a>&nbsp;&ndash; das sind die vier amerikanischen Beraterfirmen Deloitte, EY (Ernst &amp; Young), PricewaterhouseCoopers (PwC) und KPMG, die gemeinsam weltweit 800.000 Angestellte haben und 120 Milliarden Euro Umsatz machen. Es gibt wohl nur wenige gro&szlig;e international t&auml;tige Unternehmen, bei denen keine dieser vier gro&szlig;en Beraterfirmen in irgendeiner Form t&auml;tig ist. Und das ist nat&uuml;rlich ein vorprogrammierter Interessenkonflikt, wie man ihn sich nicht plastischer ausmalen kann. PwC war beispielsweise im Auftrag des f&uuml;r Steuern und die Zollunion zust&auml;ndigen EU-Kommissars Pierre Moscovici an den Konzepten zur Besteuerung international t&auml;tiger Konzerne in der EU beteiligt. Gleichzeitig ber&auml;t PwC jedoch auch Amazon und andere steuerrechtlich &bdquo;kreative&ldquo; Gro&szlig;konzerne in Steuerfragen und <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/luxemburg-leaks-steuertrickser-vom-dienst-1.2208497-2\">unterh&auml;lt in Luxemburg<\/a>&nbsp;eine Abteilung mit 460 Spezialisten, die ausschlie&szlig;lich gro&szlig;e Konzerne bei der &ldquo;Steueroptimierung&rdquo; in der EU beraten. Man gelangt also im Auftrag der EU an Herrschaftswissen, gibt dieses Wissen an die Privatwirtschaft weiter und kassiert daf&uuml;r auch noch von beiden Seiten. Aber w&uuml;rde eine Bank einen Sicherheitsberater engagieren, von dem bekannt ist, dass er den gr&ouml;&szlig;ten Teil seines Umsatzes mit Beratert&auml;tigkeiten f&uuml;r die Mafia erzielt? Ganz sicher nicht.&nbsp;Die EU tut genau dies.<\/p><p>Derlei drastische Interessenkonflikte sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Und es geht dabei nicht nur um abstrakte F&auml;lle. So waren s&auml;mtliche Beraterfirmen, die an den Steuerhinterziehungsmodellen &ldquo;<a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/der_ndr\/presse\/mitteilungen\/Luxemburg-Leaks-fragwuerdige-Steuerpraktiken-enthuellt-Finanzbehoerden-des-Grossherzogtums-genehmigten-hundertfach-fragwuerdige-Steuerspar-Konstruktionen,pressemeldungndr14988.html\">Luxemburg Leaks<\/a>&ldquo;, &ldquo;<a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/paradisepapers\/paradisepapers-179.html\">Panama Leaks<\/a>&rdquo;&nbsp;und &ldquo;<a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/kmpg-finanzaufsicht-steuerpruefer-aktiendeals-1.4342892\">CumEx<\/a>&rdquo;&nbsp;beteiligt waren, in irgendeiner Form auch als Berater &ouml;ffentlicher Stellen t&auml;tig. Unter Ursula von der Leyen arbeiteten sogar alle vier gro&szlig;en Beraterfirmen im Verteidigungsministerium parallel an verschiedenen Projekten. PwC und die internationale Kanzlei Freshfields haben f&uuml;r das Bundesverkehrsministerium den desastr&ouml;sen Toll-Collect-Vertrag <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45497\">mitgeschrieben<\/a>.  Urspr&uuml;nglich sollten Freshfields und Co. daf&uuml;r 8,2 Millionen Euro Honorar erhalten &ndash; am bisherigen Ende des Prozesses waren es samt der anh&auml;ngigen Kosten f&uuml;r die Rechtsstreitigkeiten 244 Millionen Euro. Nun k&ouml;nnte man ja sagen, so etwas kann einmal passieren, nur sollte man dann auch die Konsequenzen ziehen. Genau das passiert jedoch nicht. Bei der Pkw-Maut waren wieder genau die Berater mit an Bord (<a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/pkw-maut-wird-zum-goldesel-fuer-berater-a-1234124.html\">u.a. PwC<\/a>), die schon zuvor die LKW-Maut so gnadenlos in den Sand gesetzt hatten. Um diesen Wahnsinn zu verdeutlichen, hilft vielleicht ein Beispiel aus dem Alltag: W&uuml;rden Sie einen Handwerker beauftragen, der bei ihrem letzten Auftrag derart gnadenlos gest&uuml;mpert hat, dass sie vor Gericht gehen und immense Zusatzkosten tragen mussten? Ganz sicher nicht.&nbsp;<\/p><p>Ein Hauptgrund daf&uuml;r, dass auch heute noch die Angestellten des Staates in einem besonderen Beamtenverh&auml;ltnis t&auml;tig sind, ist es, Interessenkonflikte m&ouml;glichst zu verhindern. Wer heute die Regeln aufstellt, darf morgen nicht die Seiten wechseln und potentiellen Regelbrechern die Hintert&uuml;ren zeigen. Genau dieses Prinzip wird jedoch durch die Beauftragung externer Berater au&szlig;er Kraft gesetzt. Mehr noch &ndash; externen Beratern geht es nat&uuml;rlich vor allem um die Renditeziele ihres Arbeitgebers und nicht um das &ouml;ffentliche Wohl. Wenn also beispielsweise das Bundesfinanzministerium sich bei Detailfragen der Finanzmarktregulierung von genau den Kanzleien und Beraterfirmen beraten l&auml;sst, die auf der anderen Seite mit einem ganzen Heer von Spezialisten satte Profite damit machen, diese Regulierung auszuhebeln, ist dies nicht nur au&szlig;erordentlich dumm, sondern auch mit dem Amtseid nicht zu vereinbaren.&nbsp;<\/p><p>Ein weiteres viel tieferliegendes Problem des Beraterunwesens ist die ideologische Unterwanderung des Staatswesens. Die Angestellten der Beratungsfirmen sind &ndash; leicht prosaisch ausgedr&uuml;ckt &ndash; die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=402\">ideologischen Elitesoldaten<\/a> des neoliberalen Systems. Wer bei den Big Four anheuert, hat das neoliberale Mantra von den Segnungen freier M&auml;rkte und einer marktkonformen Politik verinnerlicht. Die Mechanismen, Algorithmen und Scoring-Modelle, mit denen die Beraterfirmen arbeiten und vermeintlich &bdquo;objektive&ldquo; Bewertungskriterien entwerfen, sind gnadenlos subjektiv und stammen in der Regel aus dem Controlling, einem Teilbereich der Betriebswirtschaftslehre. Hier geht es um Ziele, die auf betrieblicher Ebene f&uuml;r die Kapitalseite ja auch erstrebenswert sind. Wenn die Berater in den Ministerien t&auml;tig sind, geht es jedoch nicht darum, ein Unternehmen nach den Regeln des Controllings und der Marktlogik auf Renditemaximierung zu trimmen, sondern um eine hoheitliche Aufgabe, die das Allgemeinwohl maximieren soll. Und hier liegt nicht nur ein Interessen-, sondern sogar in vielen F&auml;llen ein massiver Zielkonflikt vor.<\/p><p>Wenn man ein Ministerium wie ein privatwirtschaftliches Unternehmen versteht, geht es vor allem darum, die definierten Projekte m&ouml;glichst kosteng&uuml;nstig innerhalb des Budgetrahmens und just in time umzusetzen. Dass dies gerade in den Ministerien so gut wie nie gelingt, ist ein anderes Thema und daran sind die Berater wohl auch nicht unschuldig &ndash; so schafft man schlie&szlig;lich Nachfrage nach der eigenen Dienstleistung. Wie dem auch sei, die Arbeit eines Ministeriums darf aber doch nicht daran gemessen werden, wie schlank und effizient dieses Ministerium aufgestellt ist, sondern welche Auswirkungen die Arbeit auf das Allgemeinwohl hat. Und je mehr Dienstleistungen aus der &ouml;ffentlichen &ndash; im Idealfall allgemeinwohlorientierten &ndash; auf die private &ndash; stets renditeorientierte &ndash; Ebene ausgelagert werden, desto tiefer frisst sich die neoliberale Ideologie in unser Gemeinwesen.&nbsp;Dieser Nebenaspekt taucht jedoch erstaunlicherweise in fast keiner Kritik am Beraterunwesen in den klassischen Medien auf. Wenn es um den Neoliberalismus geht, sind die Medien offenbar blind. <\/p><p>Man sollte sich jedoch auch davor h&uuml;ten, externe Beratung generell zu verteufeln und als Einfallstor neoliberalen Denkens zu sehen. Sicherlich gibt es auch zahlreiche F&auml;lle, bei denen die Beratung durch externe Fachleute sehr sinnvoll sein kann. Dies sollte jedoch die Ausnahme und nicht die Regel sein und vor allem transparent und demokratisch vonstatten gehen. Der Vergabeautomatismus, der auf EU-Ebene und in einigen Ministerien bereits Einzug gehalten hat, sollte m&ouml;glichst schnell unterbunden werden. Um das gesamte Problem &uuml;berhaupt fassen zu k&ouml;nnen, w&auml;re daf&uuml;r zun&auml;chst erstmal eine belastbare Aufstellung n&ouml;tig. Doch bereits daran hapert es.&nbsp;<\/p><p>So ergab eine Anfrage des Linken-Abgeordneten Matthias H&ouml;hn im Fr&uuml;hjahr, dass die Bundesregierung in den letzten f&uuml;nf Jahren 716 Millionen Euro f&uuml;r externe Berater <a href=\"https:\/\/www.br.de\/nachrichten\/deutschland-welt\/die-teure-macht-externer-berater-in-der-bundesregierung,RJ5UqRB\">ausgegeben h&auml;tte<\/a>. Die Gr&uuml;nen hakten nach und formulierten die Frage um. Nun waren es schon mehr als 722 Millionen Euro, die nur im Jahr 2017 f&uuml;r externe Berater <a href=\"https:\/\/www.goettinger-tageblatt.de\/Nachrichten\/Politik\/Deutschland-Welt\/Regierung-gab-722-Millionen-Euro-fuer-Berater-aus\">ausgegeben wurden<\/a>&nbsp;&ndash; eine Verf&uuml;nffachung der Summe. Und selbst das ist nicht einmal die ganze Wahrheit, da das Verteidigungsministerium die gew&uuml;nschten Zahlen angeblich innerhalb der gesetzten Frist nicht liefern konnte und daher nicht ber&uuml;cksichtigt wurde. Das hat Methode. Auch bei den aktuellen Zahlen von Matthias H&ouml;hn bleibt das Verteidigungsministerium mit der gleichen Begr&uuml;ndung au&szlig;en vor. Wenn man die kursierenden Zahlen des Bendlerblocks ber&uuml;cksichtigt, k&auml;me man auf jeden Fall auf eine Zahl von &uuml;ber einer Milliarde Euro pro Jahr.<\/p><p>Wie viele Beamte k&ouml;nnte man f&uuml;r eine Milliarde Euro einstellen? 15.000? W&uuml;rde die Bundesregierung das ganze Geld nicht f&uuml;r qualitativ fragw&uuml;rdige, wettbewerbsrechtlich problematische und ideologisch kontraproduktive externe Beratung ausgeben, k&ouml;nnte sie gro&szlig;e Teile des eingekauften Know-hows in den eigenen Ministerien aufbauen und dort Entscheidungen herbeif&uuml;hren, die nicht der Renditemaximierung privatwirtschaftlicher Firmen, sondern der Mehrung des Allgemeinwohls dienen. Doch wahrscheinlich br&auml;uchte die Regierung eine teure Beratung, um diese simple Botschaft mitzubekommen. Und ein Berater, der unsinnige Beratung kritisiert, ist so etwas wie ein Frosch, der einen Sumpf trockenlegen will. <\/p><p>Titelbild: g0d4ather\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/b3715f035e49449abfad8801f1ce084b\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer versucht, genaue Zahlen &uuml;ber das Ausma&szlig; des Beraterunwesens in den Bundesministerien zu erhalten, bei&szlig;t schnell auf Granit. Der Linken-Abgeordnete Matthias H&ouml;hn hat nachgefragt und ihm wurde mitgeteilt, dass im ersten Halbjahr 2019 178 Mio. Euro f&uuml;r &ldquo;externe Berater&rdquo; <a href=\"https:\/\/www.linksfraktion.de\/fileadmin\/user_upload\/PDF_Dokumente\/2019\/Hoehn_Frage_externe_berater_1halbjahr2019.pdf\">ausgegeben wurden<\/a>. Doch das ist nur die oberste Spitze des Eisbergs. 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