{"id":53682,"date":"2019-07-25T12:02:01","date_gmt":"2019-07-25T10:02:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=53682"},"modified":"2019-07-25T15:06:07","modified_gmt":"2019-07-25T13:06:07","slug":"digitalisierung-die-unsichtbare-gefahr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=53682","title":{"rendered":"Digitalisierung: die unsichtbare Gefahr"},"content":{"rendered":"<p>H&auml;lt die Digitalisierung, was uns die Medien immer wieder versprechen? Zweifel sind erlaubt. Sicher hilft uns die Informationstechnologie, Inhalte zu verbreiten, auszutauschen und rasch und einigerma&szlig;en problemlos zu finden &ndash; Aktivit&auml;ten, die vor drei&szlig;ig Jahren noch ausgesprochen m&uuml;hevoll waren. Doch diesen Errungenschaften des Computerzeitalters stehen Gefahren gegen&uuml;ber, von denen kaum gesprochen wird. Von <strong>Wolfgang Teubert<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDigitalisierung l&auml;hmt unsere Kreativit&auml;t. Sie hindert uns, neue Wege zu beschreiten. Zum Teil muss das so sein. Denn alle Datenverarbeitung ist mechanisch. Nur was bestimmten Anforderungen gen&uuml;gt, l&auml;sst sich verarbeiten. Wann immer wir Informationstechnologie benutzen, m&uuml;ssen wir Regeln einhalten, die systembedingt sind. Auch die beste &Uuml;bersetzungssoftware kann nur &uuml;bersetzen, was so oder so &auml;hnlich schon einmal &uuml;bersetzt worden ist. Bei einem Wort, das sie nicht kennt, muss sie versagen. Systemzw&auml;nge, unhintergehbare Regeln, k&ouml;nnen aber auch von denen, deren Systeme wir benutzen, bewusst geschaffen werden. Das betrifft beispielsweise Software, die bestimmte Formulierungen als &sbquo;hate speech&lsquo; oder &sbquo;fake news&lsquo; identifiziert und zensiert. Je mehr wir uns auf solche Vorgaben einlassen, desto schwieriger kann es werden, neue Ideen zu formulieren. <\/p><p>Digitalisierung hat es immer schon gegeben, wenn es um mechanisches Verhalten geht. Das trifft f&uuml;r einen erheblichen Teil unseres Lebens zu. Da gibt es ein &sbquo;richtig&lsquo; oder &sbquo;falsch&lsquo;, ein &sbquo;ja&lsquo; oder &sbquo;nein&lsquo;, eine Null oder eine Eins. Die prototypische Ausbildung von Soldaten erzieht diese zum Gehorsam, zum Ausf&uuml;hren von Befehlen, nicht zur Diskussion mit dem Vorgesetzten. Aber auch sonst tun wir oft, wenn es nicht weh tut, genau das, was von uns erwartet wird. Der Mensch ist weitgehend programmierbar, und er programmiert sich auch selber gerne. Er verarbeitet Daten, die an ihn herangetragen werden, als Instruktionen, denen er, solange nichts dazwischenkommt, mehr oder weniger automatisch Folge leistet. So unterwerfen wir uns, einzeln oder gemeinsam, durchaus freiwillig, Regeln, die andere uns vorgeben, sei es beim Sudoku, beim Kreuzwortr&auml;tsel, beim Mensch-&auml;rgere-dich-nicht-Spiel, oder auch beim Einhalten religi&ouml;ser Gebote. Das (gelegentliche) Erfolgserlebnis kann uns geradezu s&uuml;chtig machen, sich derart geregelten Vorg&auml;ngen zu unterwerfen. All das ist es, was ich als digitales Verhalten bezeichne. <\/p><p>Aber nicht alles kommunikative Verhalten war geregelt. Zwar gab es im Umgang untereinander immer schon Konventionen, aber es waren unsere Regeln, die wir uns selbst gegeben haben, und sie waren flexibel und lie&szlig;en sich auch gelegentlich verletzen, ohne dass dabei das Miteinander notwendig auseinanderbrechen musste. Gerade in fruchtbaren Auseinandersetzungen schl&auml;gt man gern mal &uuml;ber die Str&auml;nge. Das kann besonders bei Diskussionen &uuml;ber Dinge, die einem am Herzen liegen, ganz leicht passieren. Das ist bei Regeln, die von oben kommen (beispielsweise in der B&uuml;rokratie), oder bei den Spielregeln der digitalen Informationstechnologie anders: sie lassen keine Regelverletzungen zu.  <\/p><p>Zahlen sind immer schon digital. Aber die Inhalte, die wir miteinander austauschen, sind es eigentlich nicht. Inhalte sind keine unabweisbaren Daten. Inhalte sind immer an Sprache gebunden. Doch was Gesagtes bedeutet, steht nicht fest; es bedarf der Interpretation. Und weil es keine richtigen und falschen Interpretationen gibt, ist Gesagtes prinzipiell mehrdeutig. Wenn Sprache aber digitalisiert wird, dann werden aus Inhalten Daten, die sich ohne Bezug auf das, was sie bedeuten, mechanisch verarbeiten lassen. Bisher konnten wir uns ziemlich frei ausdr&uuml;cken, solange uns unserer Gespr&auml;chspartner verstanden hat. Nun, wo ein immer gr&ouml;&szlig;erer Teil unserer Kommunikation durch den Filter der Informationstechnologie l&auml;uft, m&uuml;ssen wir uns angew&ouml;hnen, uns so auszudr&uuml;cken, dass auch die Softwarealgorithmen damit kein Problem haben. Nun muss das, was wir an Inhalten mit anderen austauschen wollen, auch den Regeln gehorchen, die von den sozialen Netzwerken vorgegeben sind. Nat&uuml;rlich wird sich auf den Webseiten vieler Blogs immer noch gern gestritten. Aber es mehren sich die F&auml;lle, in denen Inhalte wegen vorgeblicher Regelverst&ouml;&szlig;e (etwa weil der Algorithmus sie als <em>fake news<\/em> oder als rassistisch oder sonstwie diskriminierend identifiziert) der Zensur zum Opfer fallen. <\/p><p>Die Digitalisierung gibt denen, die an den Schalthebeln der Informationstechnologie sitzen, denen, die die Regeln f&uuml;r Google, Facebook, Twitter, WhatsApp, Instagramm usw. bestimmen, die Macht &uuml;ber das, was wir sagen d&uuml;rfen, die Macht, uns in unserem Sagen und Denken so zu konditionieren, dass wir uns gar nicht mehr der Regeln bewusst sind, denen wir zu folgen haben. Soweit wir uns darauf einlassen, diese Technologie zu nutzen, sind wir den Interessen derer, die die Bedingungen festlegen, mehr als wir gemeinhin glauben ausgeliefert.<\/p><p>Wenn wir selber Gesagtes immer mehr als verarbeitbare Daten und immer weniger als interpretierbare Inhalte auffassen, h&ouml;ren wir auf, &uuml;ber Inhalte zu diskutieren. Stattdessen nehmen das, was uns gesagt wird und was wir anderen sagen, als Daten, als Informationen entgegen, die man annimmt oder verwirft, aber &uuml;ber die man nicht streitet. Doch es ist genau diese Streitkultur, die uns zwingt, dem, was andere sagen, mit Argumenten zu begegnen, Sichtweisen mit anderen Perspektiven zu kontern, die uns neue Ideen eingibt, die unsere sch&ouml;pferische Ader freilegt. Ohne solche Debatten bleibt alles f&uuml;r uns beim Alten. Dabei kommt es nicht darauf an, dass man sich gegen&uuml;bersitzt. Solche Debatten werden oft schriftlich gef&uuml;hrt. In einem Essay, einem wissenschaftlichen Artikel, in einem Buch kann man auf das reagieren, was andere gesagt haben, best&auml;tigen oder in Frage stellen, was dort behauptet wurde und wird dabei oft zu Schlussfolgerungen kommen, die neu sind und &uuml;ber das hinausgehen, was man selbst zuvor gesagt hat. Und darauf wieder k&ouml;nnen andere antworten. Das war einmal fast selbstverst&auml;ndlich. Doch dem ist nicht mehr so. Inzwischen mehren sich, wie ich zeigen m&ouml;chte, die Indizien daf&uuml;r, dass uns Digitalisierung d&uuml;mmer macht und uns immer mehr denen ausliefert, die sie kontrollieren.<\/p><p><strong>Sprache schafft Wirklichkeit<\/strong><\/p><p>Es ist ganz wesentlich die Sprache, die uns Menschen unsere besondere Stellung unter den Lebewesen gibt. Sie gestattet uns, der Einsamkeit unseres Denkens zu entkommen und mit anderen Menschen eine Gemeinschaft zu bilden, in der wir unser Wissen, unsere Vorlieben und Bef&uuml;rchtungen austauschen und mit anderen Menschen teilen k&ouml;nnen, in der wir von anderen lernen und anderen etwas beibringen k&ouml;nnen, in der wir uns &uuml;ber die Wirklichkeit, in der wir uns befinden, verst&auml;ndigen und uns zusammentun k&ouml;nnen, um sie so zu ver&auml;ndern, dass sie mehr unseren W&uuml;nschen und Hoffnungen entspricht. Dazu m&uuml;ssen wir frei sein, so miteinander zu sprechen, wie es uns gef&auml;llt, von gleich zu gleich, ohne an Regeln gebunden zu sein, die andere erlassen haben. <\/p><p>Erst seit vielleicht zweihunderttausend Jahren haben die Menschen sprechen gelernt. Lange ging es nur darum, Informationen auszutauschen und sich zu gemeinsamem Tun zu verabreden, wie noch zu Zeiten der Steinzeit:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;- Schau, Oskar, da dr&uuml;ben am Waldrand, siehst du, da steht ein Wollmammut. Hast du deinen Speer parat? Wollen wir es jagen? Rufst Du Seppl, dass er mitkommt?<br>\n&ndash; Ich will aber nicht. Ich brauche Ruhe. Ich bin total gestresst.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Mittels Sprache haben Menschen ihre Umwelt, also die Wirklichkeit, die sie umgibt, in Dinge zerlegt, die sie mit W&ouml;rtern bezeichnen k&ouml;nnen, beispielsweise <em>Wald, Rand, Wollmammut, Speer<\/em>, aber auch in Personen, etwa <em>Seppl<\/em> oder <em>Oskar<\/em>, in Vorg&auml;nge und Zust&auml;nde (<em>stehen, jagen, mitkommen, gestresst sein<\/em>), und manches mehr, sogar in sogenannte Pronominaladverbien wie dr&uuml;ben. Das Aufkommen von Sprache hat die Grenzen ihrer Kommunikationsm&ouml;glichkeiten enorm erweitert. Sie k&ouml;nnen nun Gruppenmitglieder ansprechen und sich von ihnen ansprechen lassen, sie k&ouml;nnen sagen, was sie sehen und h&ouml;ren, was sie getan haben und tun werden, W&uuml;nsche &auml;u&szlig;ern, Fragen stellen und Antworten geben, und sie k&ouml;nnen Geschichten erz&auml;hlen, wahre und erfundene. <\/p><p>Das gibt es alles noch immer, trotz Digitalisierung. &Uuml;berwiegend sind es immer noch wir, die Sprecher, die bestimmen, wie wir miteinander reden. Man kann miteinander Kaffee trinken oder telefonieren, Geb&auml;rdensprache benutzen oder jemandem eine Ansichtskarte, oft auch eine WhatsApp-Mitteilung oder gar einen richtigen Brief schicken, ohne dass uns jemand einen Regelversto&szlig; vorwirft. Nat&uuml;rlich bilden sich dabei auch Konventionen aus, es entstehen immer wieder neue Usancen und alte geraten in Vergessenheit. Wir sind uns ihrer nur in seltenen F&auml;llen bewusst. Ohne darauf acht zu haben, reden wir in der Familie so, im Freundeskreis etwas anders und mit Kollegen wieder anders. Manchmal treffen wir vielleicht auch den falschen Ton, aber das l&auml;sst sich meist ausb&uuml;geln. <\/p><p>Doch das ist l&auml;ngst nicht alles, was Miteinander-Sprechen bedeuten kann. Mit Sprache kann man auch Herrschaft aus&uuml;ben. Wenn die einen frei sind zu sagen, was ihren Interessen dient, w&auml;hrend andere so gut wie kein Stimmrecht haben, befinden wir uns in einer Klassengesellschaft. Es mag damit begonnen haben, dass einige so privilegiert waren, dass es f&uuml;r sie nicht mehr nur um das schlichte &Uuml;berleben ging, sondern dass sie die Mu&szlig;e hatten, sich darin zu &uuml;ben, sich nach Lust und Laune mit anderen auseinanderzusetzen. So entstand eine Gesellschaft, in der die einen lernten, den anderen zu sagen, wo es lang geht. Das gilt auch heute noch. Wer zur Oberschicht geh&ouml;rt, kann sich oft gewandter ausdr&uuml;cken und &uuml;berzeugender sprechen als Menschen, die ohne besondere Ausbildung ihren Mann stehen m&uuml;ssen. Diese ergeben sich meist in ihr Schicksal. Sie haben nicht gelernt, die Verh&auml;ltnisse in Frage zu stellen.<\/p><p>Wer die Macht &uuml;ber den &ouml;ffentlichen Diskurs aus&uuml;bt, indem er etwa &uuml;ber die Medien verf&uuml;gen kann, der kann auch Einfluss nehmen auf unsere Sicht der Wirklichkeit. Denn Sprache kann mehr als nur unsere Wirklichkeit benennen. Dadurch, dass uns jemand etwas zeigt und dem Gezeigten Namen gibt, kann er in unseren K&ouml;pfen verankern, dass Gehorsam und Flei&szlig;, Ehrlichkeit und Bescheidenheit die wichtigsten Tugenden sind, dass es in unserem Land allen, die es verdienen, gut geht, oder dass wir uns vor Aggressionen aus dem Osten sch&uuml;tzen m&uuml;ssen. So internalisieren wir konzeptionelle, spirituelle und gesellschaftsbezogene Sichtweisen, die sich andere f&uuml;r uns ausgedacht haben. Sie bestimmen das, was wir f&uuml;r unsere Wirklichkeit halten. <\/p><p>Gegenbewegungen hat es immer schon gegeben. Die meisten Versuche, eine Gesellschaft mit mehr Gleichheit und weniger Ausbeutung zu etablieren, sind fr&uuml;her oder sp&auml;ter gescheitert, n&auml;mlich immer dann, wenn es Kr&auml;fte gab, die sich mit Versprechungen und wohlklingenden Narrativen beim Volk einschmeichelten, w&auml;hrend sie die Pr&auml;senz von Gegenmeinungen verhinderten. Ein gutes Beispiel daf&uuml;r ist die Propaganda, mit der die deutschen F&uuml;rsten ihre sogenannten Befreiungskriege gegen die Napoleonische Herrschaft begleiteten. Am Ende herrschte wieder wie zuvor die Obrigkeit &uuml;ber ihre Untertanen.<\/p><p>In den letzten Jahrzehnten hat die Anarchie des Internets Gegenmeinungen zum herrschenden Diskurs eine neue Plattform f&uuml;r Protest gegeben. Doch das ist nicht im Sinn der Herrschenden. Als der Youtuber Rezo in einem millionenfach zur Kenntnis genommenen Video angesichts ungen&uuml;gender Ma&szlig;nahmen in Sachen Klima dazu aufgerufen hatte, weder CDU\/CSU noch SPD zu w&auml;hlen, <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/reaktion-auf-rezo-akk-will-im-wahlkampf-regeln-fuer-influencer-16209710.html\">forderte<\/a> die CDU-Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer Regeln, mit denen solche einseitigen Aufrufe unterbunden werden k&ouml;nnten. Das passt nahtlos zu allgegenw&auml;rtigen Anstrengungen, all das, was den M&auml;chtigen in unserer Gesellschaft gef&auml;hrlich werden k&ouml;nnte, aus dem Internet zu verbannen. So wird es zunehmend der Zensur unterworfen. Aber entscheidender k&ouml;nnte es sein, dass ein immer gr&ouml;&szlig;erer Teil unserer Kommunikation, n&auml;mlich all die Daten, die wir online an Beh&ouml;rden, Warenanbieter oder andere Institutionen richten, den digitalen Regeln dieser Empf&auml;nger unterworfen sind, denen wir uns zu unterwerfen haben, dass wir also immer mehr mit Algorithmen und nicht mit Menschen kommunizieren. Das hat, so glaube ich, zur Folge, dass sich unser gesamtes Kommunikationsverhalten unmerklich diesen digitalen Zw&auml;ngen anpasst. Es sind deshalb oftmals nur noch Daten, Informationen, und immer weniger Inhalte, die wir austauschen. Wir sind in Gefahr, zu verlernen, wie man sich um Inhalte streitet. Doch nur solche Gespr&auml;che halten unseren Geist rege; nur sie sind es, die unsere sch&ouml;pferische Intelligenz trainieren.<\/p><p><strong>Die Umkehrung des Flynn-Effekts: Werden wir wieder d&uuml;mmer?<\/strong><\/p><p>Es ist also, wie es scheint, die zunehmende Digitalisierung von immer mehr Aktivit&auml;ten, die viele Menschen gar nicht mehr auf den Gedanken kommen l&auml;sst, dass man sich gegen die Zumutungen von sich digital verhaltenden Beh&ouml;rden und Online-H&auml;ndlern oder ganz allgemein gegen eine durchalgorithmisierte Umwelt wehren m&uuml;sste. Vielleicht ist das aber auch schon die Folge davon, dass sich unsere Kreativit&auml;t allm&auml;hlich abbaut. Denn seit ein paar Jahren geht ein Gespenst um in der sogenannten zivilisierten Welt: die Umkehrung des Flynn-Effekts. <\/p><p>Mit dem nach James Flynn benannten Effekt bezeichnet man das Ph&auml;nomen, dass sich die gemessenen Intelligenztest-Ergebnisse vom Beginn des 20. Jahrhunderts an st&auml;ndig nach oben bewegt haben. Die Menschen, so scheint es, waren intelligenter geworden. Doch vor gut zwanzig Jahren kam es offensichtlich zu einer Umkehr. Werden wir also wieder d&uuml;mmer? Nun wissen wir nat&uuml;rlich nicht, was diese Tests eigentlich messen, und ebenso wenig sind wir uns einig, was Intelligenz ist. Aber dennoch sollten wir uns fragen: M&uuml;ssen wir uns Sorgen machen? Dazu schreiben James Flynn und Michael Shayer in einem 2018 ver&ouml;ffentlichten Beitrag: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Zu registrieren ist ein starker R&uuml;ckgang gerade der Spitzenergebnisse. &hellip; Weniger englische Sch&uuml;ler k&ouml;nnen formale Operationen durchf&uuml;hren. Das hei&szlig;t, weniger von ihnen k&ouml;nnen abstrakt (ohne konkrete Beispiele) denken, wodurch sich ihre F&auml;higkeit begrenzt, folgerichtig zu denken und systematisch zu planen. &hellip; Kinder heute denken weniger abstrakt als konkret. Sie gehen mehr in einer modernen visuellen und auditiven Kultur auf. Sie verbringen mehr Zeit beim Fernsehen, am Handy und mit Computerspielen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Noch immer gibt es Intelligenz-Forscher, die als m&ouml;gliche Ursachen genetische Unterschiede zwischen V&ouml;lkerschaften unterstellen und den R&uuml;ckgang der Testergebnisse auf eine Kombination von Geburtenr&uuml;ckgang und Zuwanderung aus weniger entwickelten Regionen zur&uuml;ckf&uuml;hren, beispielsweise Heiner Rindermann, David Becker und Thomas Coyle in ihrem Artikel &sbquo;Survey of expert opinion on intelligence: The Flynn effect and the future of intelligence&lsquo;. Doch diese Ursache wird von Bernt Bratsberg und Ole Rogeburg in ihrem Artikel &sbquo;Flynn effect and its reversal are both environmentally caused&lsquo; (2018) entschieden zur&uuml;ckgewiesen, ohne dass sie selber Vermutungen &auml;u&szlig;ern. Aus meiner Sicht gibt es vor allem zwei m&ouml;gliche Ursachen f&uuml;r die Umkehrung des Flynn-Effekts. Beide haben mit immer mehr Digitalisierung von Kommunikation zu tun.<\/p><p>Die eine ist eine zunehmende B&uuml;rokratisierung unserer Welt, eigentlich f&uuml;r jedermann deutlich sichtbar etwa am enormen Wachstum von B&uuml;roraum bei gleichzeitigem R&uuml;ckgang an Fabrikraum. B&uuml;rokratisierung bedeutet, Vorg&auml;nge m&ouml;glichst restlos durch Anweisungen so zu regeln, dass den Betroffenen, bei Beh&ouml;rden den Sachbearbeitern und ihren Klienten, (fast) jede Entscheidungsfreiheit genommen wird. Im Sinne von einem letztlich der Aufkl&auml;rung geschuldeten Begriff von Rationalit&auml;t bedeutet das einerseits eine Steigerung von Effizienz und andererseits die Ma&szlig;gabe, dass Gleiches auch gleichbehandelt wird. Doch ebenso bedeutet B&uuml;rokratie f&uuml;r die, die &uuml;ber die Apparate verf&uuml;gen, auch Macht. Anders als das Milit&auml;r &uuml;bt sie diese durch Verwaltungsvorg&auml;nge in sprachlicher Form aus, sei es in der Interaktion staatlicher Organe mit B&uuml;rgern oder in der Kommunikation zwischen Produzenten, Verk&auml;ufern oder Dienstleistern mit den Konsumenten. <\/p><p>B&uuml;rokratie ist in ihrem Wesen immer schon digital: ohne R&uuml;cksicht auf den Inhalt ist sie im Prinzip strikt regelgebunden. Es geht um den Austausch von Daten, nicht um eine Verst&auml;ndigung &uuml;ber Inhalte. Was fr&uuml;her der papierne Fragebogen war, ist heute das Ablaufdiagramm auf dem Bildschirm. Es gibt nur Ja oder Nein, ein Eintrag ist zul&auml;ssig oder nicht, richtig oder falsch, Null oder Eins. Diskussion ist ausgeschlossen. Mehr noch als fr&uuml;her hat die B&uuml;rokratisierung das bedachte Ermessen der Sachbearbeiter, ihren Erfahrungsschatz, ihre kreative Intelligenz ausgeschaltet. Wie herk&ouml;mmliche Computerprogramme, wie Roboter, m&uuml;ssen sie das von oben erlassene Regelwerk Schritt f&uuml;r Schritt anwenden, auch in Hinblick auf nicht &ouml;ffentlich gemachte Vorgaben der Beh&ouml;rdenleitung. Hartz IV ist dabei vielleicht nur die Spitze des Eisbergs. Dass B&uuml;rokratie ein Herrschaftsinstrument ist, welches sowohl den B&uuml;rokraten wie auch den B&uuml;rger zum Untertanen degradiert, hat schon Meyers Konversations-Lexikon von 1894 gewusst. B&uuml;rokratie, hei&szlig;t es dort, bezeichnet<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;eine kurzsichtige und engherzige Beamtenwirtschaft, welcher das Verst&auml;ndnis f&uuml;r die praktischen Bed&uuml;rfnisse des Volkes gebricht. Der Boden der B&uuml;reaukratie ist der&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Absolutismus\">Absolutismus<\/a>. Das b&uuml;rokratische Regiment kennzeichnet die Zeit des&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Polizeistaat\">Polizeistaates<\/a>. Die Begr&uuml;ndung der konstitutionellen Regierungsform, das freie Versammlungsrecht, die Bedeutung der Presse sind Momente, welche ein b&uuml;rokratisches Regiment in der Gegenwart ausschlie&szlig;en.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Max Weber hat diesen Optimismus nicht geteilt. Gerade weil auch f&uuml;r ihn B&uuml;rokratie die Aus&uuml;bung von Herrschaft &uuml;ber die B&uuml;rger bedeutet, fragt er: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Angesichts der Grundtatsache des unaufhaltsamen Vormarsches der B&uuml;rokratisierung kann die Frage nach den k&uuml;nftigen politischen Organisationsformen &uuml;berhaupt nur so gestellt werden:<\/p>\n<p>1. Wie ist es angesichts dieser &Uuml;bermacht der Tendenz zur B&uuml;rokratisierung &uuml;berhaupt noch m&ouml;glich, irgendwelche&nbsp;Reste&nbsp;einer in irgendeinem Sinn &raquo;individualistischen&laquo; Bewegungsfreiheit zu retten? <\/p>\n<p>2. Wie kann, angesichts der steigenden Machtstellung des uns hier interessierenden staatlichen Beamtentums, irgendwelche Gew&auml;hr daf&uuml;r geboten werden, da&szlig; M&auml;chte vorhanden sind, welche die ungeheure &Uuml;bermacht dieser [B&uuml;rokraten] in&nbsp;Schranken&nbsp;halten und sie wirksam kontrollieren? Wie wird Demokratie auch nur in diesem beschr&auml;nkten Sinn &uuml;berhaupt m&ouml;glich sein?&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Der Arbeitsmodus b&uuml;rokratischer Institutionen ist digital: Sachverhalte sind nach Ma&szlig;gabe von Regeln Punkt f&uuml;r Punkt zu bearbeiten, unbeschadet von den Besonderheiten des Einzelfalls. Antragsteller und Sachbearbeiter haben nicht die Freiheit, sich auf eine sinnvolle L&ouml;sung zu einigen.  Zu bedenken ist, dass die B&uuml;rokratisierung nicht dem heute mehr denn je expandierenden Heer von Verwaltungsangestellten und Beamten anzulasten ist, die Macht aus&uuml;ben; sie sind ebenso wie die Menschen, mit denen sie es zu tun haben, nur die Opfer derer, bei denen die eigentliche Macht liegt. Ob B&uuml;rger oder B&uuml;rokraten, ob Dienstleistungspersonal oder Kunden: wir sind immer mehr gezwungen, lediglich das abzuarbeiten, was uns das Protokoll auf dem Bildschirm anweist. Ist man erst einmal daran gew&ouml;hnt, gibt es keinen Grund mehr, selbst&auml;ndig folgerichtig zu denken und systematisch zu planen. Doch sch&ouml;pferische Intelligenz kann nur dort entstehen, wo Menschen frei, ohne an Instruktionen gebunden zu sein, im Dialog auf gleicher Ebene ihre Ideen entwickeln k&ouml;nnen. Wenn es um neue Ideen geht, f&uuml;hrt an Auseinandersetzungen, sogar an Streitgespr&auml;chen, kaum ein Weg vorbei. Diese Art eines fruchtbaren Austauschs, die ich im Gegensatz zum digitalen den analogen Diskursmodus nenne, droht uns, wie ich glaube, weithin verloren zu gehen.<\/p><p>Die andere naheliegende Ursache f&uuml;r die Umkehr des Flynn-Effekts ist die zunehmende elektronische Digitalisierung unserer Welt. Immer gr&ouml;&szlig;ere Diskursbereiche laufen &uuml;ber die Informationstechnologie. Dass wir unsere Orthographie an Textverarbeitungsprogramme anpassen m&uuml;ssen, war nur ein bescheidener Anfang. Inzwischen entscheiden Algorithmen (in Wirklichkeit nat&uuml;rlich die, die sie in Auftrag gegeben haben), ob das, was wir sagen, &uuml;berhaupt gesagt werden darf oder ob es sich vielleicht um <em>fake news<\/em> oder <em>hate speech<\/em> handelt. <\/p><p>Oft ist die Einflussnahme weniger direkt. Der Nutzer merkt nicht, wenn ihm Informationen vorenthalten werden. Die Nachrichten, die ein Facebook-Nutzer erh&auml;lt, sind so ausgew&auml;hlt, dass sie letztlich die Interessen der Firma bef&ouml;rdern. Wenn zwei Nutzer bei Google dieselbe Anfrage stellen, bekommen sie unterschiedliche Ergebnisse vorgelegt. Denn der Algorithmus hat aus den Daten ihres bisherigen Verhaltens (unter anderem aufgrund deren Auswahl angebotener Webseiten) ein Pers&ouml;nlichkeitsprofil erstellt, das die Reihenfolge des Angebots determiniert. Die Chancen, dass ein Umweltaktivist schon bei den ersten angebotenen Webseiten etwas &uuml;ber m&ouml;gliche Gesundheitsprobleme bestimmter Unkrautvernichtungsmittel erf&auml;hrt, sind gering, solange die Herstellerfirma mit Facebook ein entsprechendes Abkommen hat. Immer mehr entscheiden die digitalen Netzwerke, was bei den Nutzern ankommt. Das hat zur Folge, dass Digitalisierung heute jedem nur die Sicht auf die Wirklichkeit vermittelt, die ihm die Algorithmen der sozialen Netzwerke zuweisen. Eine Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Standpunkten kann so kaum stattfinden. Der Wunsch, sich immer wieder erneut in seinen Anschauungen best&auml;tigt zu f&uuml;hlen, ist Wegbereiter einer Sucht, m&ouml;glichst viel Zeit in den F&auml;ngen von Facebook, Twitter oder &auml;hnlichen Angeboten zu verbringen. Galt das Internet urspr&uuml;nglich als M&ouml;glichkeit, die eigene Sichtweise zu bereichern, indem man sich mit anderen Perspektiven konfrontieren l&auml;sst und so zu neuen Einsichten gelangt, so ist davon heute kaum noch etwas zu sp&uuml;ren. <\/p><p>Digitalisierung schr&auml;nkt uns ein, sei sie b&uuml;rokratischer oder elektronischer Natur. Sie nimmt uns die Notwendigkeit, selbst zu denken und uns mit den vielen m&ouml;glichen Perspektiven, die uns dabei offenstehen, auseinanderzusetzen. Das kommt vielleicht auch einer angeborenen Tr&auml;gheit entgegen, der wir uns umso mehr &uuml;berlassen, je weniger wir noch an dem, was uns betrifft, mitwirken k&ouml;nnen, je mehr wir zum Objekt einer digitalisierten Welt geworden sind. Wer nichts mehr zu sagen hat, hat auch keinen Bedarf mehr an sch&ouml;pferischer Intelligenz. Wir k&ouml;nnen getrost d&uuml;mmer werden.<\/p><p><strong>Wer etwas zu entscheiden hat, denkt immer schon nicht digital, sondern analog<\/strong><\/p><p>Wenn wir nicht wissen, wo wir unseren Urlaub verbringen wollen, k&ouml;nnen wir die Entscheidung einem &bdquo;sprachgesteuerten, internetbasiertem intelligentem pers&ouml;nlichen Assistenten&ldquo; (Wikipedia) wie Alexa, Cortana oder Siri &uuml;berlassen. Mit einiger Sicherheit werden wir deren Rat nicht zu bereuen haben, orientieren sie sich doch eng an dem, was wir in vorhergegangenen Interaktionen mehr oder weniger unbeabsichtigt von uns preisgegeben haben. Falls sie uns nicht Angebote von Anbietern unterjubeln wollen, von denen sie f&uuml;r diesen Dienst honoriert werden, werden sie ein Ziel vorschlagen, das unser Pers&ouml;nlichkeitsprofil suggeriert, algorithmisch entwickelt aus unseren Suchanfragen, aus Bestellungen, aus unseren Whatsapp-Kommunikationen und den Bildern, die wir verschickt haben. Strandansichten, Biergelage und ein geringeres Einkommen m&ouml;gen so Urlaub auf Mallorca nahelegen, w&auml;hrend h&auml;ufiges Nennen von Opern, Fremdsprachenkenntnis und ein elaborierter Wortschatz eher zur Anregung eines Besuchs des Opernfestivals von Glyndebourne f&uuml;hrt. Digital sind solche Anmutungen, weil sie von Algorithmen getrieben werden, die trotz aller K&uuml;nstlicher Intelligenz letztlich mechanisch vorgehen. <\/p><p>Aber wie w&auml;re es mit ein wenig Mut auf etwas Neues? H&auml;tten wir darauf Lust, k&ouml;nnten wir uns vielleicht mit Freunden beraten. Wir k&ouml;nnten mit ihnen Erfahrungen austauschen und so auf neue Gedanken kommen, auf Ideen, die wir zuvor noch nie zur Kenntnis genommen haben. Da k&ouml;nnen wir dann Ziele, solche die wir kennen und solche, wo wir noch nicht waren, miteinander vergleichen und f&uuml;r ihr F&uuml;r und Wider bestimmter Ziele argumentieren. Was am Ende dabei herauskommt, ist nicht vorgegeben. Vielleicht bleiben wir doch wieder beim Gehabten oder aber wir trauen uns, mal etwas ganz anderes zu machen. Auf jeden Fall sind wir durch das Gespr&auml;ch kl&uuml;ger geworden. Ein solches Gespr&auml;ch geh&ouml;rt zum nicht zum digitalen, sondern zum analogen Diskursmodus. Nur er macht m&ouml;glich, dass es zu etwas Neuem kommt, sei es, was die Wahl meines n&auml;chsten Urlaubs angeht, sei es, was meine Einstellung zum Fleischgenuss betrifft. Was uns kl&uuml;ger macht, ist Widerspruch in Auseinandersetzungen. Er zwingt uns, Argumente zu suchen, mit denen wir eine nicht genehme Auffassung ablehnen und unsere eigene Auffassung begr&uuml;nden. Das f&uuml;hrt nicht selten dazu, dass wir zu neuen Ansichten kommen, und so trainieren wir auch unsere Intelligenz. <\/p><p>Denn wenn immer wir ein Problem haben, zu dem uns keine offensichtliche L&ouml;sung einf&auml;llt, wenn immer wir ein Ziel vor Augen haben, von dem wir nicht wissen, wie wir es erreichen k&ouml;nnen, wenn immer wir uns Gedanken &uuml;ber die Zukunft machen, bietet sich an, mit anderen dar&uuml;ber zu sprechen. Im eigenen Kopf sto&szlig;e ich immer nur auf das, was ich schon kenne, also das, woran ich mich erinnere. Da ist nichts Neues dabei. Neue Ideen bekommen wir nur im Gespr&auml;ch mit anderen. Es geht dabei immer um mehr als um die &Uuml;bermittlung und Verarbeitung von Daten. Es geht um eine ergebnisoffene Diskussion von Inhalten, um den Austausch unterschiedlicher  Interpretationen von dem, was wir f&uuml;r die Wirklichkeit halten und von dem, was dar&uuml;ber gesagt wird. Dabei ger&auml;t man leicht in Streit. Man muss lernen, Widerspruch zu ertragen und anderen zu widersprechen. Indem er sich mit der damaligen wissenschaftlichen Orthodoxie auseinandergesetzt hat, indem er sie kontr&auml;ren Beobachtungen gegen&uuml;bergestellt hat, ist Galileo zu seiner neuen revolution&auml;ren Sicht gekommen. Das ist das Wesen des analogen Diskurses. Wie unabdingbar er f&uuml;r menschliche Kreativit&auml;t ist, haben vor mehreren Jahren Douglas Hofstadter und Emmanuel Sanders in ihrem Buch <em>Surfaces and Essences: Analogy as the Fuel and Fire of Thinking<\/em> deutlich gemacht. Beim analogen Diskurs gibt es keinen lenkenden Algorithmus; ist nichts vorbestimmt. Es ist durchaus offen, wie ein Teilnehmer auf das reagieren wird, was zuvor gesagt wurde; und deswegen wei&szlig; auch keiner im Voraus, wo das Gespr&auml;ch am Ende hinf&uuml;hren wird. So k&ouml;nnen aus dem Zusammenprall unterschiedlicher Vorstellungen neue Ideen, neue Gestaltungsr&auml;ume, geboren werden. Genau das ist es, wo der digitale, algorithmische Diskursmodus versagen muss. <\/p><p>Solche von Argumenten getragenen Auseinandersetzungen sind nicht jedermanns Sache. Nicht nur, dass sie M&uuml;he machen, gern auch mal zu Streit f&uuml;hren, uns zwingen, nach Parallelen zu suchen und &uuml;berzeugende Argumente zu formulieren &ndash; wir haben vielleicht auch Angst davor, dass wir ihnen nicht gewachsen sind. Denn anders als das Konsumieren digitaler Unterhaltungsm&ouml;glichkeiten f&auml;llt einem der analoge Diskursmodus nicht in den Scho&szlig;; er muss einge&uuml;bt werden, am besten von fr&uuml;her Kindheit an. Aber nur er ist es, der unsere sch&ouml;pferische, unsere analoge Intelligenz freisetzt. Es gibt nat&uuml;rlich auch eine digitale Intelligenz, eine Intelligenz, die wir ben&ouml;tigen, um etwa ein digital entscheidbares Spiel, wie das Schachspiel, zu meistern. Es ist an Regeln gebunden, die nicht &uuml;bertreten werden d&uuml;rfen. Strategie und Taktik beruhen darauf, dass man erfolgreiche Zugfolgen von Meisterpartien verinnerlicht. Kreativit&auml;t ist nur innerhalb eines definierten Gestaltungsraums m&ouml;glich. Weil die Grenzen des Digitalen nicht &uuml;berschritten werden k&ouml;nnen, sind Computer dem Menschen bei regelgebundenen Spielen letztlich immer &uuml;berlegen. F&uuml;r wirklich innovative L&ouml;sungen ist hier kein Platz.<\/p><p>Sch&ouml;pferische Intelligenz kann sich nur da entfalten, wo es in der Tat Freir&auml;ume gibt, die es einem gestatten, etwas zu bewirken oder zu gestalten. Wenn andere mir vorschreiben, wie im Zweifelsfall zu verfahren ist, wenn digitale Systeme, seien sie b&uuml;rokratischer oder computativer Natur, f&uuml;r mich entscheiden, ist es nutzlos, sich mit anderen zu beraten. Es ist meine These, dass es im Leben vieler Menschen heute sehr viel weniger solcher Freir&auml;ume gibt als noch vor f&uuml;nfzig Jahren. Nur wenige wachsen so privilegiert auf, dass sie von fr&uuml;her Kindheit an als Gespr&auml;chspartner ernst genommen werden, dass man sie selbst entscheiden l&auml;sst, dass sie lernen, gemeinsam nach L&ouml;sungen f&uuml;r Probleme zu suchen und so ihre Stimme einzubringen. Sie werden an dieser Herausforderung nur dann Gefallen finden, wenn ihre Stimme, einzeln oder kollektiv, dann auch z&auml;hlt. Solche Kinder  haben zu Hause Ansprechpartner, besuchen private Kinderg&auml;rten mit hochqualifizierten Betreuern, nehmen zus&auml;tzliche Entfaltungsangebote wahr, besuchen anspruchsvolle Grundschulen und danach nicht selten private Gymnasien mit einem guten Lehrer-Sch&uuml;lerverh&auml;ltnis, verbringen l&auml;ngere Zeit im Ausland, lernen mit Ihresgleichen zu debattieren und studieren anschlie&szlig;end an Spitzenuniversit&auml;ten. Sie haben Besseres zu tun, als ihre Zeit mit Computerspielen oder auf sozialen Netzwerken zu vertr&ouml;deln. Den Vorsprung einer solchen Jugend kann ihnen keiner nehmen. Sie werden es sein, die einmal &uuml;ber die Algorithmen bestimmen werden, die das Leben der anderen bestimmen.<\/p><p>Denn andererseits wachsen immer mehr Kinder in Familien auf, in denen es kaum Gelegenheit gibt, sch&ouml;pferische Intelligenz zu entfalten. Oftmals f&uuml;hrt die Angst um den Arbeitsplatz, die st&auml;ndig wachsenden Belastungen am Arbeitsplatz, die Sorge, die Wohnung zu verlieren, die Pflege der gebrechlichen Eltern, zu einem Ersch&ouml;pfungszustand, der kaum dazu einl&auml;dt, sich Zeit zu nehmen f&uuml;r intensive Diskussionen mit dem Nachwuchs. Dazu werden von einem jeden immer mehr Fertigkeiten abverlangt, mit elektronischen Ger&auml;ten, Verfahren und Technologien umzugehen, die jegliche Anschaulichkeit vermissen lassen und sich zudem st&auml;ndig durch <em>updates<\/em> ver&auml;ndern. Sie zwingen einen, sich selber digital zu verhalten, alle Anweisungen zu akzeptieren und deren Vernunft nicht zu hinterfragen. Die Mu&szlig;e zu intellektuellen Debatten ist einem bei all diesen Zumutungen, die es noch vor f&uuml;nfzig Jahren kaum gab, leicht verflogen, denn, so f&uuml;hlt man, &auml;ndern kann man ohnedies nichts. Und es wundert nicht, dass man in der knapp bemessenen freien Zeit vor allem nach Entspannung sucht und sich deshalb gern den digitalen Unterhaltungsangeboten &uuml;berl&auml;sst und seine Zeit mit Facebook, Whatsapp oder Instagram verbringt. Den jungen Menschen bietet sich die Flucht in oft s&uuml;chtig machende Computerspiele an. Da finden sie ihre Erfolgserlebnisse und merken nicht, wie das digitale Machwerk sie dazu zwingt, selber digital zu denken. So stirbt die Anlage zu sch&ouml;pferischer Intelligenz bei vielen Alten und Jungen mehr und mehr ab. Ihnen entgeht die Chance, aus dem Regelwerk des Alltags auszubrechen. <\/p><p>Dem kann man entgegenhalten, dass nat&uuml;rlich auch heute noch intellektuelle Auseinandersetzungen der geschilderten Art stattfinden. Sieht man, wieviele Blogs es zu allen Bereichen des Lebens gibt und wie heftig hier oft argumentiert wird, wie Sichtweisen miteinander verglichen und neue Interpretationen vorgeschlagen werden, wie heute Debatten gef&uuml;hrt werden, die ohne die sozialen Netzwerke gar nicht m&ouml;glich w&auml;ren, wie altes Denken aufgemischt wird, scheinen meine Kassandrarufe ziemlich unangebracht. Viele vor allem auch junge Menschen entdecken hier, wie solch ein Austausch von Meinungen und &Uuml;berzeugungen auch zu neuen Einsichten f&uuml;hren kann, wenn man einigerma&szlig;en offen ist. Doch so sind leider nur die wenigsten Blogs. Viele sind ideologisch festgelegt, und positiv zur Kenntnis genommen wird hier nur, wer noch extremere Ansichten formuliert. Das digitale Schema, demzufolge es nur ein Richtig und ein Falsch, aber keine offene Auseinandersetzung geben kann, bleibt hier ungebrochen. Auf das, was die Gegenseite sagt, wird argumentativ nicht eingegangen. Der eigene Standpunkt wird st&auml;ndig wiederholt, wie man das auch aus vielen Talkshows kennt. Es geht dann nur noch um die Best&auml;tigung einer vorgefassten Meinung. Insgesamt ist es allerdings nur eine kleine Minderheit der Bev&ouml;lkerung, sicher nicht mehr als vielleicht f&uuml;nf Prozent, die aktiv in ideologisch nicht festgelegten weltanschaulichen oder politischen Blogs pr&auml;sent sind.  <\/p><p>Mehr Digitalisierung birgt, wie es scheint, die Gefahr, dass sich kreative Intelligenz nicht mehr so ausbilden kann wie noch im 20. Jahrhundert. Die schier ungebrochene Begeisterung f&uuml;r einen Pakt zur Digitalisierung unserer Schulen, wie sie im November vergangenen Jahres durch unsere Medien schwappte, gibt allerdings Anlass zu Bef&uuml;rchtungen, wie der Sozialwissenschaftler G&ouml;tz Eisenberg, eine der wenigen kritischen Stimmen, ausf&uuml;hrt: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wahrhafte Bildung hat stets einen subversiven Anteil und birgt immer Gefahren f&uuml;r die jeweilige Form der Herrschaft. Kein Wunder, dass Kinder an den Schulen eher&nbsp;verbildet werden sollen. Gez&uuml;chtet wird eine smarte, &ouml;konomisch verwertbare Form der Idiotie, die sich im Wiederk&auml;uen von Erlerntem und im Beherrschen blinkender Ger&auml;te ersch&ouml;pft. Am Ende beherrschen eher die Ger&auml;te die Menschen. Der Grundfehler [des Digitalpakts] besteht darin, dass die Schulen als Zulieferbetriebe f&uuml;r die Industrie begriffen werden&hellip; Wir brauchen keinen &bdquo;Digitalpakt f&uuml;r Schulen&ldquo;, sondern einen gesellschaftlichen Solidarpakt, der Schulen und Sch&uuml;ler vor der Zurichtung durch die Digitalisierung sch&uuml;tzt. (Eisenberg 2018)&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Post-B&uuml;rokratie &ndash; Willk&uuml;r durch die Hintert&uuml;r<\/strong><\/p><p>Die Kritik an traditioneller, hierarchisch orientierter B&uuml;rokratie, wie sie Max Weber beschrieben hat, mit ihren relativ &uuml;berschaubaren Regelwerken, die ein gewisses Ma&szlig; an Transparenz erm&ouml;glicht haben, aber eben auch als demokratiefeindlicher Transmissionsriemen einer Gewalt von oben wahrgenommen wird, hat zu Konsequenzen gef&uuml;hrt. Ihr folgt nach, was die Sozialwissenschaftler Post-B&uuml;rokratie nennen, vorgeblich eine eher einem demokratisch organisierten Staatswesen und seinem Menschenbild angemessene Form von Interaktion zwischen oben und unten. Noch immer gibt es zwar strikte Regelwerke, die bestimmen, was abgefragt werden muss und welche Antworten gegeben werden m&uuml;ssen, damit dem an einen Computer gekoppelten Sachbearbeiter gr&uuml;nes Licht f&uuml;r die eine oder andere Ma&szlig;nahme oder Sanktion gegeben wird. <\/p><p>Doch neuerdings wird den Vorschriftenkatalogen ein Lob der Kreativit&auml;t, Flexibilit&auml;t und Vernunft der Sachbearbeiter an die Seite gestellt. Die Sachbearbeiter werden angehalten, mit ihren Klienten kreativ nach Probleml&ouml;sungen zu suchen. Dem Publikum wird suggeriert, dass man sich auf Augenh&ouml;he tr&auml;fe und b&uuml;rokratische Zw&auml;nge weitgehend entfielen. Doch so einfach ist es nicht. Wie es scheint, treten nun oft an die Stelle &ouml;ffentlich einsehbarer klarer Regeln vertrauliche Vorgaben seitens des Managements, welche die Sachbearbeiter auffordern, bei der Anwendung der Regeln eine gewisse interpretatorische Willk&uuml;r walten zu lassen. Dieses &bdquo;neue &sbquo;Ethos der B&uuml;rokratie&lsquo; &auml;hnelt immer mehr,&ldquo; sagen Thomas Lodrup- Hjorth und A. R. Obling, &bdquo;einer oxymoronischen Vorstellung, als dass sie etwas wirklich Bedenkenswertes beinhalten.&ldquo; (Lodrup Hjorth\/Obling 2018, 2). Denn von den Sachbearbeitern, die nun einerseits pl&ouml;tzlich selbst&auml;ndig denken lernen sollen, wird gleichzeitig verlangt, Zielvorgaben umzusetzen, die auch im Widerspruch zu den &ouml;ffentlich einsehbaren Vorschriften stehen k&ouml;nnen. Das funktioniert, solange &bdquo;die formalen Regeln der Organisation undurchdringbar erscheinen. Die Beh&ouml;rden sind unwillig, ihre Vorschriften zu offenbaren, selbst in F&auml;llen vermuteter Regelverletzung, und es ist keineswegs klar, ob die Regeln wirklich bekannt sind&ldquo; (Munro\/Huber 2012, 531). Hinter den Vorschriften, auf die sich ein Klient beruft, lauert im Zweifelsfall eine ihm unbekannte Vorgabe, die die Anwendbarkeit der Regel verhindert. Was die Post-B&uuml;rokratie von der alten B&uuml;rokratie unterscheidet, ist am Ende nur die Willk&uuml;r der Entscheidungstr&auml;ger an der Spitze, die an die Stelle einklagbarer Vorschriften getreten ist. Der Diskursmodus bleibt digital: Es ist allein das System, das das Ergebnis der Interaktion bestimmt. <\/p><p><strong>Der pseudo-analoge Diskursmodus moderner Mensch-Maschine-Kommunikation<\/strong><\/p><p>Auch in der Informationstechnologie ist die Zeit nicht stehengeblieben. Die gro&szlig;en F&uuml;nf des Silicon Valley, Google, Facebook, Apple, Twitter, Amazon, haben die alten Modelle der Mensch-Maschine-Kommunikation l&auml;ngst &uuml;berwunden. Die neuronalen Netze der K&uuml;nstlichen Intelligenz machen Kommunikations-Algorithmen m&ouml;glich, die sich selbst perfektionieren und echtes dialogisches Verhalten vort&auml;uschen. Noch steht die Technik ziemlich am Anfang, und noch k&ouml;nnen wir meistens leicht erkennen, ob wir es mit einem richtigen Menschen oder einem Algorithmus zu tun haben. <\/p><p>Mit den sogenannten pers&ouml;nlichen Assistenten wie Alexa, Cortana oder Siri kann man v&ouml;llig frei und scheinbar regellos sprechen. Sie verstehen uns und sie finden Antworten auf unsere Fragen. Sie verbessern ihr eigenes Kommunikationsverhalten kontinuierlich und automatisch. Und sie lernen, woran wir interessiert sind, welche Vorlieben wir haben und worauf wir besonders abfahren. Sie m&uuml;ssen das wissen, damit sie uns, ohne dass wir es merken, in die Richtung weisen k&ouml;nnen, in die wir gelenkt werden sollen. Die Herrscher des Internets bestimmen, wohin die Reise geht, und dank des Profils, das sie von jedem von uns erstellt haben, wissen sie genau, wie sie uns dahin f&uuml;hren k&ouml;nnen, w&auml;hrend wir doch glauben sollen, wir bef&auml;nden uns in einem echten Dialog mit ihnen, also im analogen Diskursmodus. <\/p><p>In ihrem 2018 erschienenen Buch <em>Das Zeitalter des &Uuml;berwachungskapitalismus<\/em> hat die Harvard-Professorin Shoshana Zuboff im Detail gezeigt, wie diese Firmen alles, was wir sagen, auswerten, um es f&uuml;r ihre Zwecke (und das hei&szlig;t meist f&uuml;r die Interessen der Warenanbieter, die sie daf&uuml;r bezahlen) zu nutzen. Es sei dahingestellt, ob es hier nur um Profit oder auch um weitergehende Machtinteressen der Betreiber sozialer Netze geht. Jedenfalls kann man, wie es scheint, mit der Erstellung von Nutzerprofilen nicht fr&uuml;h genug in deren Leben anfangen. So gibt es seit ein paar Jahren auf dem Markt vieler L&auml;nder eine Puppe namens My Friend Cayla, der sich Kleinkinder anvertrauen sollen, sobald sie zu sprechen gelernt haben. Denn diese Puppe, so hei&szlig;t es im Prospekt (meine &Uuml;bersetzung), &bdquo;liebt es einfach zu plaudern. Sie hat tausend Dinge zu sagen und will auch deine Fragen beantworten. Frag sie, was ihr gef&auml;llt und was sie nicht mag, und auch, was sie so gemacht hat. Du kannst sie auch nach allem anderen fragen, denn sie ist sehr klug und kennt sich beispielsweise in Erdkunde, Sport, Wissenschaft und vielem anderen aus.&ldquo;  Nat&uuml;rlich muss sie dazu ans Internet angeschlossen sein. So k&ouml;nnen die Kleinen die digitalen Vielfra&szlig;e mit ihren geheimsten Tr&auml;umen f&uuml;ttern, indem sie der Puppe ihre geheimsten Tr&auml;ume offenbaren, die selbst den Eltern vorenthalten bleiben. <\/p><p>Weil wir Konsumenten die Systeme nutzen, um Antworten auf unsere Fragen zu erhalten, werden wir unser Sprachverhalten so optimieren, dass wir ohne viel R&uuml;ckfragen bekommen, was wir suchen. So stellen wir uns, ohne es zu merken, auf den vorgegebenen Sprachmodus ein. Das gab es nat&uuml;rlich auch schon in der vordigitalen Zeit. Die andere Gefahr ist weitaus gr&ouml;&szlig;er: Je mehr unsere Kommunikation mit anderen &uuml;ber digitale Medien l&auml;uft, desto mehr k&ouml;nnen diese darauf Einfluss nehmen, was von dem, was wir sagen wollen, bei wem und in welcher Form ankommt. Dann transportieren die medialen Netzwerke am Ende nur noch, was sie f&uuml;r unbedenklich halten oder was ihren Interessen entspricht, w&auml;hrend alles andere herausgefiltert wird. Das gro&szlig;e Versprechen, dass das Internet in nie geahnter Weise eine Diskussion zwischen B&uuml;rgern in v&ouml;llig unzensierter, geradezu anarchischer Freiheit erm&ouml;glichen w&uuml;rde, geh&ouml;rt so ziemlich der Vergangenheit an. Selbst unsere Erinnerungen sind Manipulationen ausgeliefert. Denn der Zeitungsartikel von damals, an den wir uns zu erinnern glauben und den wir jetzt wieder lesen wollen, ist vielleicht l&auml;ngst umgeschrieben oder ganz aus dem Archiv entfernt worden. <\/p><p>Noch gr&ouml;&szlig;er ist der Erfolg von Meinungslenkung, wenn sie individuell auf das Pers&ouml;nlichkeitsprofil eines Netzwerkteilnehmers abgestimmt wird. &sbquo;Wei&szlig;&lsquo; der Algorithmus, welchen Aussagen ein Nutzer &uuml;blicherweise zustimmt, welche Meinungen er vertritt, welchen Argumenten er zug&auml;nglich ist, dann kann er die social bots mit ihren scheinbar authentischen Botschaften so konfigurieren, dass der Angesprochene ohne es zu merken zu einem bestimmten Verhalten gebracht werden kann. Das ist schon keine Utopie mehr. Der Skandal um die mittlerweile umfirmierte Firma Cambridge Analytica spricht B&auml;nde. Es besteht der starke Verdacht, dass diese Firma mithilfe automatisch erstellter Pers&ouml;nlichkeitsprofile, die ihr von Facebook zug&auml;nglich gemacht wurden, durch algorithmisch generierte individuelle Anschreiben an einzelne Nutzer erfolgreich Einfluss genommen hat auf deren Wahlverhalten. So ist es anscheinend beim britischen Europareferendum geschehen.<\/p><p><strong>Auswirkungen der Digitalisierung auf unsere Gespr&auml;chskultur?<\/strong><\/p><p>Ich f&uuml;rchte, dass der Mensch der schleichenden Digitalisierung des analogen Diskursmodus nur wenig entgegenzusetzen hat. Ohne uns dessen bewusst zu sein, werden wir dahin gebracht, uns auch sprachlich nur noch so zu verhalten, wie es die Meister der Algorithmen zulassen. Zwei Aspekte stehen im Vordergrund. Wer sich, wie Viele heute, &uuml;berwiegend aus den sozialen Medien informiert, erh&auml;lt vorrangig die Informationen, die nach dem Gutd&uuml;nken der Provider seinem Pers&ouml;nlichkeitsprofil entsprechen und somit vorgefassten Ansichten zus&auml;tzlich Nahrung geben. Andere Standpunkte, besonders aber solche, die gegen dessen Interessen versto&szlig;en k&ouml;nnen, werden ihm vorenthalten. Eine Auseinandersetzung mit konkurrierenden Wirklichkeitsentw&uuml;rfen bleibt so aus. Das andere ist, dass der Nutzer sich immer weniger darauf verlassen kann, dass seine Texte die gew&uuml;nschten Adressaten erreichen. Dabei spielt das Thema <em>fake news<\/em> eine besondere Rolle. Der Begriff setzt voraus, dass die, die die Kontrolle aus&uuml;ben, nicht nur wissen, was wahr ist, sondern auch dar&uuml;ber wachen, dass wir keinen Falschmeldungen ausgesetzt werden. Wie sehr dieses Thema einer unterschwelligen Zensur schon seit ein paar Jahren im Vordergrund steht, l&auml;sst sich daran erkennen, dass Google Scholar, die Plattform f&uuml;r akademische Ver&ouml;ffentlichungen, f&uuml;r das Jahr 2018 f&uuml;r &sbquo;automatic detection &bdquo;fake news&ldquo;&lsquo; 1830 akademische Publikationen auflistet.  <\/p><p>Mit zunehmender Digitalisierung m&uuml;ssen wir der Gefahr entgegensehen, dass unsere Gespr&auml;chskultur auch daran leidet, dass wir zum einen von vielleicht relevantem Wissen ausgeschlossen werden und zum anderen nur noch Daten ausgetauscht, aber keine Inhalte mehr diskutiert werden. Je mehr wir uns auf die sozialen Netze verlassen, desto weniger k&ouml;nnen wir einen echten analogen Diskurs aufrechterhalten, der doch die Voraussetzung f&uuml;r eine sch&ouml;pferische Bew&auml;ltigung von Problemen w&auml;re. Die Vorgaben der sozialen Medien bestimmen immer weitgehender, was wir wissen und wie wir uns &auml;u&szlig;ern.<\/p><p>So hat immer schon die alte Obrigkeit mit dem Instrument der B&uuml;rokratie und nun auch die neue Macht der Herrscher &uuml;ber das Internet versucht, die Menschen beherrschbar, regelkonform und roboterhaft zu machen. Gegen den &auml;lteren digitalen Diskursmodus konnten wir uns noch wehren, weil das obrigkeitliche Herrschaftsinteresse allzu durchsichtig war. Inzwischen m&uuml;ssen wir nun auch bef&uuml;rchten, den Algorithmen der K&uuml;nstlichen Intelligenz (und ihren Auftraggebern), die uns vorgaukeln, wir w&uuml;rden mit ihnen in einem authentischen analogen Diskurs teilhaben, weithin ausgeliefert zu sein. Bald werden wir, so steht zu bef&uuml;rchten, aufgeh&ouml;rt haben, autonome Staatsb&uuml;rger zu sein, die, wie es noch J&uuml;rgen Habermas vorschwebte, gemeinsam in einem vernunftgeleiteten Dialog darum ringen, ihre Zukunft gestalten. B&uuml;rokratie und Internet sind zu einem Machtinstrument geworden, das die Menschheit weitgehender als je zuvor unter Kontrolle hat. Der digitale Diskurs macht es m&ouml;glich. Der Flynn-Effekt hat sich umgekehrt.<\/p><p>Es ist gerade die Verhei&szlig;ung einer Plattform, die es jedem erlaubt, sich mit allen anderen nach Lust und Laune auszutauschen, die das Internet popul&auml;r gemacht hat. Zugleich hat sie die Warner auf den Plan gerufen, die sich Sorgen machen, dass sich Nutzer nicht wehren k&ouml;nnen, Texte zu lesen, die sie zu falschem Denken verf&uuml;hren. Die neue Diskursethik sieht sich herausgefordert, daf&uuml;r zu sorgen, dass Verst&ouml;&szlig;e gegen vorgegebene Diskursregeln durch Zensur geahndet werden. So soll der Internetnutzer vor manipulativen <em>fake news<\/em> und <em>hate speech<\/em> gesch&uuml;tzt werden. Dass nun auch Akademiker meinen, man k&ouml;nne und m&uuml;sse Fakten von L&uuml;gen unterscheiden und letztere eliminieren, damit der unverst&auml;ndige Leser nicht auf falsche Gedanken kommt, zeigt, wie leicht sie sich von einer wenngleich demokratisch verbr&auml;mten Obrigkeit in die Pflicht nehmen lassen. Die Parlamente selber haben mittlerweile in vielen westlichen Demokratien die Herren &uuml;ber das Internet erm&auml;chtigt, das, was mit ihrer Weltsicht nicht &uuml;bereinstimmt, aus dem Diskurs zu tilgen. Universit&auml;ten finden offenbar nichts dabei, von Facebook finanzierte Ethikinstitute einzugliedern. Das mit 6,5 Millionen Euro ausgestattete Ethikinstitut an der Technischen Universit&auml;t M&uuml;nchen soll erforschen, &bdquo;welche ethischen Grunds&auml;tze bei der Entwicklung von k&uuml;nstlicher Intelligenz gelten sollen. Man werde der Frage nachgehen, wie &hellip; sie die Gesellschaft beeinflusst.&ldquo; Man darf darauf vertrauen, dass die Antworten auf diese Fragen nicht zum Nachteil von Facebook ausfallen.<\/p><p>Der Harvard-Philosoph Sean Dorrance Kelly hat unl&auml;ngst die Entwicklung, der wir fast unmerklich unterworfen sind, in diese Worte gefasst: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wie viele Menschen haben heute Jobs, bei denen man sie zwingt, einem vorgegebenen Skript f&uuml;r ihre Gespr&auml;che zu folgen? Wie wenig von dem, was wir als reales, authentisches, kreatives und offenes menschliches Gespr&auml;ch kennen, bleibt in dieser inhaltslosen Scharade zur&uuml;ck? Wie sehr gleicht es stattdessen der Art von Regel-Befolgung, die wir von Maschinen kennen? Und wie viele von uns &hellip; verlieren dabei auch ihre Inhalte? Wie viele Stunden jeden Tages lassen wir es zu, uns mit effektiv maschinen&auml;hnlichen T&auml;tigkeiten zu besch&auml;ftigen &ndash; mit dem Ausf&uuml;llen von Formularen und Frageb&ouml;gen am Bildschirm, mit unserer Reaktion auf Klickk&ouml;der, auf die wir automatisch mit unseren angeborenen tier&auml;hnlichen Impulsen reagieren, mit Spielen, die entwickelt wurden, um uns s&uuml;chtig zu machen?&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>Bibliographie<\/em><\/p><ul>\n<li>Barnett, Anthony (2017): Democracy and the machinations of mind control. In: <em>New York Review of Books Daily<\/em>, 14.12.1917 [<a href=\"https:\/\/www.nybooks.com\/daily\/2017\/12\/14\/democracy-and-the-machinations-of-mind-control\/\">nybooks.com\/daily\/2017\/12\/14\/democracy-and-the-machinations-of-mind-control\/<\/a>]<\/li>\n<li>Bratsberg, Bernd, and Ole Rogeberg (2018): Flynn effect and its reversal are both environmentally caused. In:&nbsp;<em>Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America<\/em>, Vol. 115, 6674-6678<\/li>\n<li>Cardoso Durier da Silva, Fernando, Rafael Viera da Costa Silva, und Ana Christina Bicharra Garcia (209): Can machines Learn to detect fake news? A survey focused on social media. In: <em>Proceedings of the 52nd Hawaii International Conference on System Sciences<\/em>, 2763-2770 (<a href=\"https:\/\/scholarspace.manoa.hawaii.edu\/bitstream\/10125\/59713\/0273.pdf\">scholarspace.manoa.hawaii.edu\/bitstream\/10125\/59713\/0273.pdf<\/a>). <\/li>\n<li>Eisenberg, G&ouml;tz (2018): Digital idiots &ndash; Zur Kritik des &bdquo;Digitalpakts f&uuml;r Schulen&ldquo;. <a href=\"https:\/\/hinter-den-schlagzeilen.de\/digital-idiots-zur-kritik-des-digitalpakts-fuer-schulen\">hinter-den-schlagzeilen.de\/digital-idiots-zur-kritik-des-digitalpakts-fuer-schulen<\/a>. <\/li>\n<li>Flynn, James R., und Michael Shayer (2018): IQ decline and Piaget: Does the rot start at the top? In: <em>Intelligence<\/em>, Vol. 66, 112-121.<\/li>\n<li>Hofstadter, Douglas, and Emmanuel Sanders (2013): <em>Surfaces and Essences: Analogy as the Fuel and Fire of Thinking<\/em>. New York: Basic Books.<\/li>\n<li>Jahnsohn, Christa (2018): Brexit means Brexit? <em>The Selected Proceedings of the Symposium<\/em>. Akademie der Wissenschaften und Literatur, Mainz. 6-8 December 2017. <\/li>\n<li>Kelly, Sean Dorrance (2019): Creativity is, and always will be, a human endeavour. In: <em>MIT Technology Review<\/em>, 21 February. <\/li>\n<li>Lodrup-Hjorth, Thomas, und Anne Roelsgaard Obling (2018): Monstrous Rebirth: Re-instating the ethos of bureaucracy in public organization. In: Organization, 1-23.<\/li>\n<li>Meyers Konversations-Lexikon, 5. Auflage (1894). Leipzig: Bibliographisches Institut (Stichwort <em>B&uuml;rokratie<\/em>).<\/li>\n<li>Munro, Iain, and Christian Huber (2012): Kafka&rsquo;s mythology: Organization, bureaucracy and the limits of sensemaking. In: Human Relations, Vol. 65, 523-544.<\/li>\n<li>Myfriendcayla: <a href=\"http:\/\/vi.raptor.ebaydesc.com\/ws\/eBayISAPI.dll?ViewItemDescV4&amp;item=223048133355&amp;category=180158&amp;pm=1&amp;ds=0&amp;t=1534964452000&amp;ver=0\">vi.raptor.ebaydesc.com\/ws\/eBayISAPI.dll?ViewItemDescV4&amp;item=223048133355&amp;category=180158&amp;pm=1&amp;ds=0&amp;t=1534964452000&amp;ver=0<\/a>. <\/li>\n<li>Rindermann, Heiner, David Becker, und Thomas Coyle (2017): Survey on expert opinion on intelligence: The Flynn effect and the future of intelligence. In: <em>Personality and Individual Differences<\/em>, Vol. 106, 242-247.<\/li>\n<li>S&uuml;ddeutsche Zeitung (20.01.2019): Valentin Dornis: Facebook finanziert Ethik-Institut and der TU M&uuml;nchen (<a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/muenchen\/facebook-tu-muenchen-kuenstliche-intelligenz-1.4295434\">sueddeutsche.de\/muenchen\/facebook-tu-muenchen-kuenstliche-intelligenz-1.4295434<\/a>). <\/li>\n<li>Weber, Max (2008): <em>Wirtschaft und Gesellschaft<\/em>. 5. Aufl. T&uuml;bingen: Mohr Siebeck.<\/li>\n<li>Zuboff, Shoshana (2018): <em>Das Zeitalter des &Uuml;berwachungskapitalismus<\/em>. Franlfurt a.M.: Campus Verlag<\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Titelbild: Peshkova \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>H&auml;lt die Digitalisierung, was uns die Medien immer wieder versprechen? Zweifel sind erlaubt. Sicher hilft uns die Informationstechnologie, Inhalte zu verbreiten, auszutauschen und rasch und einigerma&szlig;en problemlos zu finden &ndash; Aktivit&auml;ten, die vor drei&szlig;ig Jahren noch ausgesprochen m&uuml;hevoll waren. Doch diesen Errungenschaften des Computerzeitalters stehen Gefahren gegen&uuml;ber, von denen kaum gesprochen wird. Von <strong>Wolfgang Teubert<\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":53683,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[165,11,161],"tags":[998,2094,1805,1163,1113,2507,220],"class_list":["post-53682","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-strategien-der-meinungsmache","category-wertedebatte","tag-buerokratie","tag-digitalisierung","tag-kuenstliche-intelligenz","tag-meinungspluralismus","tag-soziale-medien","tag-streitkultur","tag-zensur"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/shutterstock_465653942.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/53682","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=53682"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/53682\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53694,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/53682\/revisions\/53694"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/53683"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=53682"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=53682"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=53682"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}