{"id":53899,"date":"2019-08-01T09:26:43","date_gmt":"2019-08-01T07:26:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=53899"},"modified":"2026-01-27T11:32:30","modified_gmt":"2026-01-27T10:32:30","slug":"das-ist-der-naehrboden-in-dem-sich-soziale-spannungen-breit-machen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=53899","title":{"rendered":"\u201eDas ist der N\u00e4hrboden, in dem sich soziale Spannungen breitmachen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Der &sbquo;freie Markt&lsquo; wird niemals breite Teile der Bev&ouml;lkerung mit bezahlbarem Wohnraum versorgen.&ldquo; Das sagt <strong>Karin Zauner-Lohmeyer<\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten. Deshalb fordert sie als Sprecherin der europ&auml;ischen Initiative <a href=\"https:\/\/www.housingforall.eu\/de\/wohnen-muss-bezahlbar-sein-fuer-alle\/\">Housing for All<\/a> die EU auf, bessere Rahmenbedingungen f&uuml;r Menschen in ganz Europa zu schaffen, die Zugang zu bezahlbarem Wohnraum ben&ouml;tigen. Zauner-Lohmeyer, die in Wien im &ouml;ffentlichen Wohnungsbau arbeitet, sagt, Ziel der Initiative sei es, bis M&auml;rz 2020 eine Million Unterschriften zusammen zu haben &ndash; dann m&uuml;sse sich die EU-Kommission mit dem Anliegen auseinandersetzen. Ein Interview &uuml;ber eine Politik, die dazu gef&uuml;hrt hat, dass mittlerweile selbst Angeh&ouml;rige der Mittelschicht Probleme haben, bezahlbaren Wohnraum zu finden. &bdquo;Wohnen&ldquo;, sagt die &Ouml;sterreicherin, &bdquo;ist keine Selbstverst&auml;ndlichkeit mehr, sondern zunehmend ein Problem. Dann kommen Verarmung, Elend, Obdachlosigkeit&ldquo;. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Frau Zauner, in Teilen Deutschlands sieht es mit bezahlbarem Wohnraum sehr schlecht aus. Wie ist das in anderen L&auml;ndern Europas?<\/strong><\/p><p>Die Wohnsituation ist in den allermeisten EU-Mitgliedsstaaten dramatisch. Wohnen ist in vielen Metropolen mittlerweile fast unerschwinglich. Es wird viel zu wenig in den kommunalen und gemeinwohlorientierten Wohnbau investiert und die Spekulation mit Wohnraum l&auml;sst die Boden- und Immobilienpreise explodieren. Die Wohnkosten steigen wesentlich rascher als die Geh&auml;lter und das seit Jahren. Immer mehr Menschen m&uuml;ssen die St&auml;dte verlassen, weil sie sich das Wohnen nicht mehr leisten k&ouml;nnen. Ich rede hier nicht nur von den einkommensschw&auml;cheren Gruppen, sondern von jenen Arbeitnehmern, die wir als &bdquo;Mitte der Gesellschaft&ldquo; bezeichnen, wie Polizeibeamte, Feuerwehrleute, Lehrer, Krankenpfleger. <\/p><p><strong>Welche Fehler haben die politisch Verantwortlichen in der Vergangenheit in Sachen bezahlbarem Wohnraum gemacht?<\/strong><\/p><p>Die Wurzel allen &Uuml;bels liegt in der vorherrschenden neoliberalen &Uuml;berzeugung, dass der ungez&uuml;gelte Markt alles zum Guten wendet. So wurden in Deutschland beispielsweise seit 1997 mehr als 700.000 kommunale Wohnungen privatisiert &ndash; g&uuml;nstiger Wohnraum, der den St&auml;dten immer sp&uuml;rbarer fehlt. Diese neoliberale Markt-Gl&auml;ubigkeit f&uuml;hrt die Europ&auml;ische Union zunehmend in eine sozialpolitische Sackgasse mit ersch&uuml;tternden Folgen.<\/p><p><strong>Auch die Mittelschicht ist betroffen.<\/strong><\/p><p>Ist sie. Auch die Besserverdienenden bekommen die Entwicklung zu sp&uuml;ren. Wohnen ist keine Selbstverst&auml;ndlichkeit mehr, sondern zunehmend ein Problem. Dann kommen Verarmung, Elend, Obdachlosigkeit. Das ist der N&auml;hrboden, in dem sich soziale Spannungen breitmachen.<\/p><p><strong>Ganz zu schweigen von rechtsextremen Entwicklungen.<\/strong><\/p><p>Rechtsextreme Gruppierungen entwickeln sich fast explosionsartig, weil sie vermeintliche S&uuml;ndenb&ouml;cke f&uuml;r die schlechter werdenden Lebensbedingungen suchen und finden. Dass der uneingeschr&auml;nkte Wettbewerb und die maximale Gier unsere Wirtschaftsr&auml;ume und Gesellschaften zerst&ouml;ren, h&auml;tten die politischen Entscheidungstr&auml;ger sp&auml;testens bei dem gro&szlig;en Banken-Crash 2008\/2009 erkennen m&uuml;ssen. Genauso wenig wie ein L&ouml;we ein Veganer wird, wird sich der &bdquo;freie Markt&ldquo; nicht um das Gemeinwohl k&uuml;mmern. Der &bdquo;freie Markt&ldquo; wird niemals breite Teile der Bev&ouml;lkerung mit bezahlbarem Wohnraum versorgen. Das hat es noch nicht gegeben und das wird es nicht geben. Ganz im Gegenteil: Die Spekulation mit Wohnraum treibt Boden- und Immobilienpreise unabl&auml;ssig in die H&ouml;he. In Zeiten von extrem niedrigen Zinsen flie&szlig;t das Geld noch viel st&auml;rker in die Immobilien, weil dort hohe Renditen zu holen sind, selbst f&uuml;r kleinere Verm&ouml;gen. Globale Immobilienkonzerne, Hedgefonds, Pensionsfonds kaufen derzeit ganze Stadtteile auf, erh&ouml;hen die Mieten und die Menschen m&uuml;ssen zahlen oder gehen. Es geht nicht ums Wohnen, sondern nur ums Geldverdienen. Die Mieter sind dabei einfach nur &bdquo;l&auml;stig&ldquo;, quasi ein St&ouml;rfaktor. Steigen die Preise, dann wird die Immobilie wieder verkauft, wie eine Aktie. Auf der Strecke bleiben die St&auml;dte, die Menschen, also wir alle.<\/p><p><strong>Was hat das alles mit der EU zu tun?<\/strong><\/p><p>Das EU-Wirtschaftsregime ist stark neoliberal gepr&auml;gt: &bdquo;Mehr privat, weniger Staat!&ldquo; Wohnraumversorgung geh&ouml;rt zwar zu den Kompetenzen der Mitgliedsstaaten, doch die EU-Gesetzgebung beeinflusst &uuml;ber die finanziellen und gesetzlichen Rahmenbedingungen das nationale Geschehen entscheidend. Sie beschr&auml;nkt die L&auml;nder, St&auml;dte und Gemeinden, wenn diese in bezahlbares Wohnen investieren wollen. Beispielsweise durch die Maastricht-Kriterien oder das EU-Beihilfenrecht. Die L&auml;nder, St&auml;dte und Gemeinden k&ouml;nnen unter den aktuellen europ&auml;ischen Rahmenbedingungen ihre Aufgabe, Wohnraum f&uuml;r alle zu schaffen, einfach nicht ausreichend erf&uuml;llen. Und da setzt unsere Europ&auml;ische B&uuml;rgerinitiative &bdquo;Housing for All&ldquo; an. Wir sind der Meinung, dass der Staat die Aufgabe hat, die Wohnversorgung aller Menschen sicherzustellen und die EU die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen muss. <\/p><p><strong>Was wollen Sie mit &bdquo;Housing for All&ldquo; erreichen?<\/strong><\/p><p>Wir haben durch &bdquo;Housing for All&ldquo; begonnen, dieses Missverh&auml;ltnis zwischen Staat und Gro&szlig;konzernen, zwischen Menschenrecht auf Wohnen und Profitgier zu thematisieren. Konkret fordern wir eine bessere EU-Gesetzgebung f&uuml;r bezahlbares, kommunales und gemeinwohlorientiertes Wohnen in Europa. Wir sehen akuten Handlungsbedarf bei der EU-Kommission. Es geht darum, dass es auch m&ouml;glich wird, dass die so genannte &bdquo;&ouml;ffentliche Hand&ldquo; Wohnraum f&ouml;rdert. Solche Zusch&uuml;sse d&uuml;rfen nicht unter die Maastricht-Regeln fallen, weil sie eine Investition in die Zukunft sind.<\/p><p><strong>Genauer: Wer ist &bdquo;Housing for All&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Die Europ&auml;ische Initiative &bdquo;Housing for All&ldquo; (Wohnen f&uuml;r alle) wird getragen von einem breiten, internationalen Netzwerk aus engagierten B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern, Gewerkschaften, Mieterverb&auml;nden, sozialen Vereinen, Menschenrechtsorganisationen, Interessenvertretungen von Studierenden, Jugendlichen, Rentner\/innen, von St&auml;dtenetzwerken und anderen Zusammenschl&uuml;ssen. Es ist die Auseinandersetzung zwischen einer global agierenden, profitgierigen Immobilienbranche und L&auml;ndern, St&auml;dten und Gemeinden; letztlich uns allen. Unser Ziel ist es, das Thema in die politische Agenda zu heben und in der &ouml;ffentlichen Debatte das Bewusstsein zu sch&auml;rfen. Au&szlig;erdem wollen wir  bis zum 18.3.2020 mehr als eine Million Unterst&uuml;tzer gewinnen.  Wenn wir so viele Unterschriften erhalten, ist die EU-Kommission verpflichtet, sich mit dem Thema zu besch&auml;ftigen und die Organisatoren haben ein Recht, das Thema im EU-Parlament vorzutragen.  <\/p><p><strong>Was sind die konkreten Forderungen?<\/strong><\/p><p>Wir wollen zun&auml;chst eine Erleichterung des Zugangs f&uuml;r alle zu bezahlbarem und gef&ouml;rdertem Wohnbau. Wir fordern die EU-Kommission auf, im EU-Beihilfenrecht die Definition der Zielgruppe f&uuml;r den gef&ouml;rderten Wohnbau (&bdquo;sozialer Wohnbau nur f&uuml;r die &Auml;rmsten der Armen&ldquo;) zu streichen. Denn dieses Gesetz beschr&auml;nkt die Wohnraumversorgung f&uuml;r alle. Die Staaten, St&auml;dte und Gemeinden sollen sich nicht um die Versorgung der &Auml;rmsten k&uuml;mmern, sondern um die ganze Bev&ouml;lkerung. Sie m&uuml;ssen selber entscheiden, welche Bev&ouml;lkerungsgruppen (mit welchen Einkommen etc.) in den Genuss einer staatlich gef&ouml;rderten Wohnung kommen sollen. Es ist nicht einzusehen, dass die EU hier mitredet! Sie tut dies derzeit, auch wenn das auf den ersten Blick gar nicht so aussieht.<\/p><p><strong>Warum soll die EU da nicht mitreden?<\/strong><\/p><p>Wohnungspolitik ist Sache des Mitgliedsstaates und das ist sehr gut so. Die B&uuml;rgermeister in Europa wissen am besten &uuml;ber den Wohnbedarf ihrer B&uuml;rger Bescheid. Warum soll das Br&uuml;ssel regeln? Das macht keinen Sinn.<\/p><p><strong>Sie sehen auch ein Problem mit den Maastricht-Kriterien, wonach die Mitgliedstaaten &bdquo;Haushaltsdisziplin&ldquo; &uuml;ben m&uuml;ssen, das hei&szlig;t, dass das &ouml;ffentliche Defizit maximal drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen darf.<\/strong><\/p><p>Genauso ist es. Das Maastricht-Finanz-Korsett nimmt den St&auml;dten die Luft zum atmen, f&uuml;hrt zu einem massiven Personalabbau im &ouml;ffentlichen Dienst (vor allem auch in den Bauabteilungen) und &ouml;ffnet der Privatisierung der Daseinsvorsorge und dem Verkauf von &ouml;ffentlichen Grundst&uuml;cken T&uuml;r und Tor. Unsere weitere Forderung schl&auml;gt in dieselbe Kerbe. Wir wollen besseren Zugang zu EU-Finanzmitteln f&uuml;r gemeinn&uuml;tzige und kommunale Wohnbautr&auml;ger, die wieder in ihren Wohnungsbestand re-investieren. St&auml;dte brauchen die M&ouml;glichkeit, rasch an Geld zu kommen, damit der Bedarf an bezahlbaren Wohnraum gedeckt werden kann.<\/p><p><strong>Die EU kann viele Statistiken vorweisen. Was das Wohnen angeht, scheint es Nachholbedarf zu geben.<\/strong><\/p><p>Das stimmt. Derzeit werden die Wohnsituation, die Wohnkosten, der Wohnbedarf etc. nur auf der Ebene der Mitgliedsstaaten repr&auml;sentativ &uuml;ber die EUROSTAT erhoben. Das bedeutet, ich kann Ihnen die Durchschnittsmiete in Frankreich oder Spanien sagen und L&auml;nder miteinander vergleichen. Das sind aber keine Zahlen, mit denen Entscheidungstr&auml;ger etwas anfangen k&ouml;nnen, denn die Wohnungspreise werden in Paris anders aussehen als in strukturschwachen, l&auml;ndlichen Gegenden. Wir brauchen eine viel kleinr&auml;umigere Erfassung der Wohnsituation, zum Beispiel auf der Ebene der St&auml;dte, damit Fehlentwicklungen sichtbar gemacht werden k&ouml;nnen. Die Statistik muss Daten &uuml;ber die kleinr&auml;umige Situation liefern, und das in jedem Mitgliedsstaat. Erst dann hat man einen detaillierten &Uuml;berblick dar&uuml;ber, wo es in der Wohnpolitik &bdquo;Hot-Spots&ldquo; gibt.<\/p><p><strong>Wie sind Sie zu der Initiative gekommen? Was sind Ihre pers&ouml;nlichen Motive, sich f&uuml;r bezahlbaren Wohnraum einzusetzen?<\/strong><\/p><p>Ich arbeite im &ouml;ffentlichen Wohnbau in Wien und leite dort die Abteilung Soziales Management, die sich mit Wohnungssicherung und Forschung befasst. In den vergangenen Jahren hat es auf Konferenzen in ganz Europa einen roten Faden gegeben: Die neoliberale, europ&auml;ische Wirtschaftspolitik zerst&ouml;rt die soziale Infrastruktur in den St&auml;dten und die Wohnungsm&auml;rkte. So kann es nicht weitergehen! Daher habe ich als Privatperson beschlossen, dagegen etwas zu unternehmen.  <\/p><p>Titelbild: bogdanhoda \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Der &sbquo;freie Markt&lsquo; wird niemals breite Teile der Bev&ouml;lkerung mit bezahlbarem Wohnraum versorgen.&ldquo; Das sagt <strong>Karin Zauner-Lohmeyer<\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten. 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