{"id":53931,"date":"2019-08-02T14:00:24","date_gmt":"2019-08-02T12:00:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=53931"},"modified":"2019-08-05T07:28:04","modified_gmt":"2019-08-05T05:28:04","slug":"die-kinderarmut-und-der-skandal-der-ausbleibenden-konsequenzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=53931","title":{"rendered":"Die Kinderarmut und der Skandal der ausbleibenden Konsequenzen"},"content":{"rendered":"<p>Die Schere zwischen Arm und Reich geht in Deutschland weiter auseinander &ndash; und die Leidtragenden dieser Ungerechtigkeit sind vor allem die Kinder. Dieser bekannte Befund wurde nun nochmals durch eine Studie belegt. Dahinter verbergen sich zwei Skandale: zum einen der nun erneut bewiesene Verrat an den Kindern. Zum anderen die ausbleibenden politischen Reaktionen auf diese Tatsache. Von <strong>Tobias Riegel<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1906\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-53931-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190802_Die_Kinderarmut_und_der_Skandal_der_ausbleibenden_Konsequenzen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190802_Die_Kinderarmut_und_der_Skandal_der_ausbleibenden_Konsequenzen_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190802_Die_Kinderarmut_und_der_Skandal_der_ausbleibenden_Konsequenzen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190802_Die_Kinderarmut_und_der_Skandal_der_ausbleibenden_Konsequenzen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=53931-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190802_Die_Kinderarmut_und_der_Skandal_der_ausbleibenden_Konsequenzen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"190802_Die_Kinderarmut_und_der_Skandal_der_ausbleibenden_Konsequenzen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Ein altbekannter Befund wurde in den vergangenen Tagen durch eine neue Studie kurz ins gesellschaftliche Bewusstsein gerufen: Die Schere zwischen armen und reichen Familien in Deutschland ist in den vergangenen Jahren weiter auseinandergegangen &ndash; und Leidtragende sind vor allem die Kinder. Arme Familien haben inzwischen preisbereinigt noch weniger Geld f&uuml;r ihre Kinder zur Verf&uuml;gung als vor zehn Jahren, w&auml;hrend sich reiche Familien immer mehr f&uuml;r ihren Nachwuchs leisten k&ouml;nnen. Dies geht aus einer Studie hervor, die der Parit&auml;tische Gesamtverband vorgelegt hat, wie Medien <a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/politik\/Mangel-und-Entbehrung-in-vielen-Familien-article21180643.html\">berichten<\/a>. Details zu den Ergebnissen und der Machart der Studie finden sich <a href=\"https:\/\/www.der-paritaetische.de\/publikation\/expertise-verschlossene-tueren\/\">hier<\/a>. <\/p><p>Besserverdienende Eltern in Deutschland geben demnach fast vier Mal so viel Geld f&uuml;r die Bildung ihrer Kinder aus als Eltern mit niedrigem Einkommen. Im Bereich Freizeit, Unterhaltung und Kultur sind die Ausgaben der Gutverdiener sogar mehr als f&uuml;nf Mal so hoch. Dieser generelle Befund ist bekannt &ndash; weil aber die politischen Ursachen des Problems nicht angetastet werden, muss diese sch&auml;ndliche Bestandsaufnahme <a href=\"https:\/\/www.bildungsserver.de\/Studien-und-Berichte-zur-statistischen-Erfassung-von-Kinderarmut-5175-de.html\">immer wieder<\/a> erneuert werden: Die Symptome der systematischen Ungerechtigkeit werden in ersch&uuml;tternder, aber auch erm&uuml;dender  Regelm&auml;&szlig;igkeit in Untersuchungen ver&ouml;ffentlicht.<\/p><p><strong>Der Skandal ist bekannt, die Konsequenzen bleiben aus<\/strong><\/p><p>Darum zeigen sich hier zwei Skandale: zum einen die Kinderarmut, die in der Studie offenbar wird. Zum anderen die ausbleibenden Reaktionen auf die in der Studie belegten Zust&auml;nde. Dieses Ph&auml;nomen der ausbleibenden Konsequenzen auf vielfach bewiesene Missst&auml;nde ist auch in anderen Bereichen zu beobachten, etwa bez&uuml;glich des Finanzmarkts &ndash; auch hier werden regelm&auml;&szlig;ig die Defizite und Gefahren formuliert und durch Studien belegt, ohne dass dies bei vielen Politikern und Redakteuren zu einem grunds&auml;tzlichen Umdenken f&uuml;hren w&uuml;rde. <\/p><p>Und so war auch an diesem Donnerstag kein Aufschrei angesichts der Studie festzustellen, weder in der Politik noch in den Redaktionen &ndash; eher ein m&uuml;des &Auml;chzen dar&uuml;ber, dass man sich nun schon wieder mit diesem regelm&auml;&szlig;ig wiederkehrenden Thema herumschlagen muss. Pflichtschuldig werden zwar in den meisten Redaktionen Krokodilstr&auml;nen vergossen &ndash; &uuml;ber das Leid der Kinder, die doch unsere Zukunft seien &ndash; dann wird der Komplex Kinderarmut wieder folgenlos zu den Akten gelegt. Fragen nach den Ursachen und dem wirtschaftsliberalen System werden nicht gestellt.<\/p><p><strong>Ursachen der Kinderarmut bleiben unber&uuml;hrt: &ldquo;kleinliche&nbsp;Verbesserungen&ldquo;<\/strong><\/p><p>Dabei ist nicht zutreffend, dass es gar keine Reaktionen auf das Problem gibt. So haben Sozialminister Hubertus Heil und Familienministerin Franziska Giffey (beide SPD) das &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.bmfsfj.de\/bmfsfj\/service\/gesetze\/starke-familien-gesetz\/131178\">Starke-Familien-Gesetz<\/a>&ldquo; und das <a href=\"https:\/\/www.bmas.de\/DE\/Themen\/Arbeitsmarkt\/Grundsicherung\/Leistungen-zur-Sicherung-des-Lebensunterhalts\/Bildungspaket\/bildungspaket.html\">Bildungs- und Teilhabepaket<\/a> aus der Taufe gehoben. Zu dem Paket geh&ouml;ren <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/leben\/kinderarmut-deutschland-1.4548865\">laut Medien<\/a> Verbesserungen beim Kinderzuschlag f&uuml;r Familien mit kleinen Einkommen, aber auch mehr Geld f&uuml;r den Schulstart und f&uuml;r Nachhilfeunterricht, ein kostenloses Mittagessen in den Schulen und ein ebenfalls kostenloses Ticket f&uuml;r Bus und Bahn.<\/p><p>Dagegen ist zun&auml;chst nichts einzuwenden. Die Ma&szlig;nahmen verharren aber auf einem v&ouml;llig ungen&uuml;genden Niveau der Symptom-Behandlung. Sie sind nichts weiter als politische Kosmetik. Das beurteilt der Parit&auml;tische Gesamtverband &auml;hnlich: &ldquo;Das Bildungs- und Teilhabepaket ist v&ouml;llig gefloppt&rdquo;, sagte Ulrich Schneider, Hauptgesch&auml;ftsf&uuml;hrer des Parit&auml;tischen Gesamtverbands, am Donnerstag in Berlin, &ldquo;und daran &auml;ndert auch das Starke-Familien-Gesetz nichts.&rdquo; Was da &ldquo;abgefeiert&rdquo; werde, sei &ldquo;eine peinliche Veranstaltung&rdquo; mit &ldquo;kleinlichen&nbsp;Verbesserungen&ldquo;.<\/p><p><strong>&bdquo;Von einer generell steigenden Armutsgef&auml;hrdung in der jungen Generation kann keine Rede sein&ldquo;<\/strong><\/p><p>Einige Medien versuchen nicht nur, die Studie m&ouml;glichst ger&auml;uschlos durchzuwinken, sondern greifen den Befund an, etwa die &bdquo;Welt&ldquo;, wenn sie die Datenerhebung (bis 2013) kritisiert und <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article197813809\/Soziale-Teilhabe-So-gross-ist-der-Vorsprung-fuer-Kinder-aus-reichen-Familien.html\">schreibt<\/a>:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Betrachtet man den Zeitraum seit 2013, ergibt sich ein deutlich positiveres Bild als in den Jahren bis 2013&ldquo;, sagt Maximilian Stockhausen, &Ouml;konom beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW). In den letzten sechs Jahren habe sich viel getan. Es sei erfreulicherweise zu beobachten, dass die materielle Entbehrung von Kindern und Jugendlichen kontinuierlich zur&uuml;ckgeht.<\/p>\n<p>Nach Daten der europ&auml;ischen Statistikbeh&ouml;rde ist Deprivation, die durch einen Mangel an ganz normalen, allt&auml;glichen Dingen definiert ist, zuletzt sogar auf einen Tiefststand gesunken. Auch von einer generell steigenden Armutsgef&auml;hrdung in der jungen Generation k&ouml;nne keine Rede sein, betonen Wissenschaftler.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>F&uuml;hrt Absicherung der Kinder zu Arbeitsverweigerung der Eltern?<\/strong><\/p><p>Die &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/kinderarmut-eine-komplexe-reform-1.4548601\">S&uuml;ddeutsche Zeitung<\/a>&ldquo; diffamiert die vom Parit&auml;tischen Gesamtverband geforderte Grundsicherung f&uuml;r Kinder als Arbeitshemmnis f&uuml;r Eltern:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Kinder ohne Eltern zu denken und das in existenzsichernde Leistungen umzurechnen, f&uuml;hrt zu hohen Summen. Wenn diese mit steigendem Einkommen der Eltern dann wieder sinken, wie vom Parit&auml;tischen Gesamtverband gefordert, lohnt sich f&uuml;r V&auml;ter und M&uuml;tter genau das nur noch bedingt, was am besten gegen Kinderarmut hilft: m&ouml;glichst vollzeitnah zu arbeiten.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Gr&uuml;ne und Linke sprechen sich hingegen wie der Parit&auml;tische Gesamtverband f&uuml;r die Einf&uuml;hrung einer Kindergrundsicherung aus, so Medienberichte. Gr&uuml;nen-Chefin Annalena Baerbock sagte, das viele Geld aus der Familienf&ouml;rderung kommt bei denjenigen, die es am dringendsten brauchen, kaum an. Linksfraktionschef Dietmar Bartsch sagte:&nbsp;&bdquo;Jeden Tag erleben Millionen Kinder die Abwertung und Dem&uuml;tigung, die mit Armut einhergehen.&ldquo; Auch die Vize-Chefin der SPD-Fraktion, Katja Mast, bef&uuml;rwortete langfristig eine Kindergrundsicherung. <\/p><p><strong>Man beklagt &bdquo;Populisten&ldquo; und schafft ihnen erst die W&auml;hlerschaft<\/strong><\/p><p>Bei so viel Einigkeit, die angesichts von Studien zu gesellschaftlichen Spaltungen immer wieder kurzzeitig simuliert wird, stellen sich die Fragen nach der (weitgehenden) politischen und medialen Unt&auml;tigkeit noch dr&auml;ngender. Eine dieser Fragen w&auml;re auch, ob eine Kindergrundsicherung eigentlich das Mittel der Wahl w&auml;re oder ob nicht eher konsequent auf h&ouml;here L&ouml;hne f&uuml;r die Eltern gepocht werden sollte. <\/p><p>Ein zentraleres Problem als die Kinderarmut kann es f&uuml;r eine Gesellschaft kaum geben: Es betrifft massiv das aktuelle Gerechtigkeitsgef&uuml;hl, aber es weist auch weit in die Zukunft &ndash; denn eine Gesellschaft, die solche Unterschiede zul&auml;sst, verspielt den Zusammenhalt unter den  B&uuml;rgern sehenden Auges. Wie k&ouml;nnen also f&uuml;hrende Politiker und Redakteure einerseits den Erfolg von &bdquo;Populisten&ldquo; beklagen und andererseits das selber mitverursachte Elend vieler Kinder (und potenzieller zuk&uuml;nftiger &bdquo;Populisten&ldquo;-W&auml;hler) so missachten?<\/p><p>Titelbild: surowa \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schere zwischen Arm und Reich geht in Deutschland weiter auseinander &ndash; und die Leidtragenden dieser Ungerechtigkeit sind vor allem die Kinder. Dieser bekannte Befund wurde nun nochmals durch eine Studie belegt. Dahinter verbergen sich zwei Skandale: zum einen der nun erneut bewiesene Verrat an den Kindern. 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