{"id":53965,"date":"2019-08-05T09:18:27","date_gmt":"2019-08-05T07:18:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=53965"},"modified":"2019-08-05T12:08:53","modified_gmt":"2019-08-05T10:08:53","slug":"trump-afghanistan-und-der-falsche-fokus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=53965","title":{"rendered":"Trump, Afghanistan und der falsche Fokus"},"content":{"rendered":"<p>Mittlerweile vergeht so gut wie kein Tag, an dem Donald Trump nicht etwas Skurriles, Obsz&ouml;nes oder Verr&uuml;cktes von sich gibt. Dies war auch vor Kurzem der Fall, als der US-Pr&auml;sident in einem Interview meinte, den Afghanistan-Krieg &bdquo;innerhalb von zehn Tagen&ldquo; beenden zu k&ouml;nnen. &bdquo;Ich will nicht zehn Millionen Menschen t&ouml;ten&ldquo;, so Trump. Viele Beobachter emp&ouml;rten sich zu Recht &uuml;ber diese Aussage. Doch gleichzeitig lag &ndash; wie gewohnt &ndash; der Fokus auf Trumps Person und nicht auf der grunds&auml;tzlichen Frage, warum der Westen in Afghanistan &uuml;berhaupt Krieg f&uuml;hrt. Von <strong>Emran Feroz<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3152\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-53965-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190805_Trump_Afghanistan_und_der_falsche_Fokus_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190805_Trump_Afghanistan_und_der_falsche_Fokus_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190805_Trump_Afghanistan_und_der_falsche_Fokus_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190805_Trump_Afghanistan_und_der_falsche_Fokus_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=53965-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190805_Trump_Afghanistan_und_der_falsche_Fokus_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"190805_Trump_Afghanistan_und_der_falsche_Fokus_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Es war fast schon klar, dass das Treffen zwischen Pakistans neuem Premierminister Imran Khan und US-Pr&auml;sident Donald Trump im Oval Office nicht ohne eine Art von Zwischenfall stattfinden wird. Ebenso offensichtlich war die Tatsache, dass Khan und Trump sich &uuml;ber Afghanistan unterhalten w&uuml;rden &ndash; immerhin handelt es sich bei der Atommacht Pakistan nicht nur um irgendeinen Nachbarstaat. Seit Jahren wird dem pakistanischen Geheimdienst ISI vorgeworfen, die aufst&auml;ndischen Taliban-K&auml;mpfer zu unterst&uuml;tzen, und sp&auml;testens seit der T&ouml;tung Osama bin Ladens im pakistanischen Abottabad fragen sich nicht wenige Sicherheitsexperten, ob man 2001 wom&ouml;glich im falschen Land interveniert hat.<\/p><p>Wie dem auch sei, letzten Endes kam es dann doch zu jenem Zwischenfall, als Trump meinte, den Afghanistan-Krieg beenden zu k&ouml;nnen, indem er das Land einfach von der Landkarte tilge. Demnach w&auml;re das ganze Problem in wortw&ouml;rtlich &bdquo;zehn Tagen&ldquo; gel&ouml;st. Diesen Weg will Trump allerdings nicht gehen. Er wolle nicht, wie <a href=\"https:\/\/abcnews.go.com\/Politics\/trump-win-war-afghanistan-kill-10-million-people\/story?id=64484472\">er selbst betonte<\/a>, zehn Millionen Menschen t&ouml;ten.<\/p><p>Nat&uuml;rlich lie&szlig; man diesen Satz nicht lange im Raum stehen. Man emp&ouml;rte und echauffierte sich dar&uuml;ber &ndash; von Washington bis nach Kabul. Der US-amerikanische Politikwissenschaftler <a href=\"https:\/\/twitter.com\/jaylyall_red5\">Jason Lyall war etwa schockiert<\/a> &uuml;ber Trumps &Auml;u&szlig;erungen und fragte sich auf Twitter, warum dieser &uuml;berhaupt die &bdquo;Ausl&ouml;schung eines Verb&uuml;ndeten&ldquo; vorschlage. Nat&uuml;rlich, der Fokus sollte selbstverst&auml;ndlich darauf gerichtet sein, dass es sich bei Afghanistan &ndash; oder um genauer zu sein: bei der Kabuler Regierung &ndash; um einen US-Verb&uuml;ndeten handelt. Nach der Logik des Imperiums geh&ouml;rt es sich dann ganz und gar nicht, einen solchen Verb&uuml;ndeten einfach zu vernichten.<\/p><p>Doch auch der &bdquo;Verb&uuml;ndete&ldquo; reagierte w&uuml;tend. Zahlreiche twitter- und facebookaffine Regierungsmitglieder, deren Geh&auml;lter in US-Dollar ausgezahlt werden, zeigten sich vermeintlich patriotisch und w&uuml;tend. &bdquo;Was f&auml;llt eigentlich diesem Trump ein?&ldquo;, fragten sich viele. Die Kabuler Regierung verlangte nach Trumps Kommentaren gar eine Kl&auml;rung. &bdquo;Die afghanische Nation hat und wird auch niemals einer fremden Macht ihr Schicksal &uuml;berlassen&ldquo;, hie&szlig; es <a href=\"https:\/\/www.aljazeera.com\/news\/2019\/07\/kabul-seeks-clarification-trump-comment-afghan-war-190723100952964.html\">in einem Statement<\/a>. Das klingt von Seiten der Regierung, die ohne US-Unterst&uuml;tzung wohl innerhalb von wenigen Tagen fallen w&uuml;rde, &auml;u&szlig;erst unglaubw&uuml;rdig.<\/p><p>Besonders ironisch war dabei die Tatsache, dass ebenjene Kabuler Eliten sich in problematischen Narrativen und Argumentationen verstrickten. Zum einen zeigte man sich stolz auf die afghanische Nation, die sich noch nie von fremden Invasoren erobern lie&szlig; und auch einen Trump die Leviten lesen w&uuml;rde. Zum anderen wollte man nicht einsehen, dass ebenjene M&auml;nner, die heute die Invasoren &ndash; sprich, NATO- und US-Soldaten &ndash; bek&auml;mpfen, niemand Geringeres sind als die Taliban, also die erkl&auml;rten Feinde der Kabuler Regierung.<\/p><p><strong>Trump ist bereits der Schrecken in Afghanistan<\/strong><\/p><p>Wer in Anbetracht von Trumps Aussagen meint, dass der US-Pr&auml;sident zum Gl&uuml;ck gn&auml;dig ist und seine genozidalen Gedanken nicht in die Tat umsetzen will, der irrt sich ohnehin gewaltig. Trotz der Tatsache, dass die Trump-Administration Friedensgespr&auml;che mit den Taliban eingeleitet hat, sollte Folgendes klar sein: Amerikanische Kriegsverbrechen am Hindukusch haben seit der Macht&uuml;bernahme Trumps einen H&ouml;hepunkt erreicht. Dies wurde bereits im ersten Amtsjahr Trumps deutlich. Im April 2017 warf das US-Milit&auml;r ihre gr&ouml;&szlig;te nicht-nukleare Bombe, die euphemistisch genannte &bdquo;Mutter aller Bomben&ldquo; (MOAD), &uuml;ber den Distrikt Achin in der ostafghanischen Provinz Nangarhar ab. Wie viele Menschen durch den Abwurf get&ouml;tet wurden, ist bis heute nicht bekannt. Ebenso wenig wei&szlig; man etwas &uuml;ber ihre Identit&auml;ten. Die US-Administration sowie die Kabuler Regierung sprachen &ndash; wie gewohnt &ndash; von <a href=\"https:\/\/theintercept.com\/2017\/08\/15\/fearful-villagers-see-the-u-s-using-afghanistan-as-a-playground-for-their-weapons\/\">&bdquo;get&ouml;teten Terroristen&ldquo;<\/a>.<\/p><p>Doch als ich im Mai desselben Jahres in Nangarhar unterwegs war, offenbarte sich ein anderes Bild. Zahlreiche Einwohner meinten, dass das angebliche Ziel in Achin, die afghanische IS-Zelle, bereits vor dem Abwurf das Weite gesucht h&auml;tte. Die Opfer waren demnach haupts&auml;chlich Zivilisten, die der Welt&ouml;ffentlichkeit verborgen blieben, da kurz nach der Detonation das gesamte Gebiet von US-Soldaten abgesperrt wurde. F&uuml;r die Menschen, mit denen ich damals sprach, war klar, dass Afghanistan, ihre Heimat, lediglich zu einem Waffentestgel&auml;nde der USA verkommen sei. Wen diese Waffen tagt&auml;glich t&ouml;ten, sei uninteressant.<\/p><p>Eine weitere Errungenschaft Trumps im selben Jahr war die massive Erh&ouml;hung von Luft- und Drohnen-Angriffen. In dieser Hinsicht hatte er seinen Amtsvorg&auml;nger Barack Obama, den einstigen &bdquo;Herrn der Drohnen&ldquo;, innerhalb k&uuml;rzester Zeit abgel&ouml;st. Der H&ouml;hepunkt des Luftterrors <a href=\"https:\/\/www.forbes.com\/sites\/niallmccarthy\/2018\/11\/13\/the-u-s-never-dropped-as-many-bombs-on-afghanistan-as-it-did-in-2018-infographic\/#3c7697752fae\">wurde 2018 erreicht<\/a>. Im vergangenen Jahr hat das US-Milit&auml;r n&auml;mlich so viele Bomben auf Afghanistan abgeworfen wie noch nie zuvor. Insgesamt wurden <a href=\"https:\/\/www.afcent.af.mil\/Portals\/82\/Documents\/Airpower%20summary\/(U)%20APPROVED%20Dec%202018%20APS%20Data.pdf?ver=2019-02-08-022732-933\">&uuml;ber 7.300 Bomben in zw&ouml;lf Monaten<\/a> abgeworfen, was vor allem in den l&auml;ndlichen Gebieten zu zahlreichen zivilen Opfern gef&uuml;hrt hat.<\/p><p>Dieser &bdquo;Trend&ldquo; wird auch in diesem Jahr fortgesetzt. Der vor Kurzem ver&ouml;ffentlichte Halbjahresbericht von UNAMA zu zivilen Opfern im Land machte abermals deutlich, dass die Mehrheit der &bdquo;Kollateralsch&auml;den&ldquo; nicht durch Taliban oder IS verursacht werden, sondern durch das US-Milit&auml;r und die afghanische Armee. Die UN betont diesbez&uuml;glich regelm&auml;&szlig;ig, dass die Zunahme ziviler Opfer durch Luftangriffe massiv zugenommen hat. Insgesamt wurden zwischen Januar und Juni mindestens 3.812 Zivilisten verletzt oder get&ouml;tet.<\/p><p><strong>Wof&uuml;r eigentlich?<\/strong><\/p><p>In Anbetracht all der neuen Entwicklungen, Zahlen und Fakten vergisst man manchmal wom&ouml;glich tats&auml;chlich die Frage zu stellen, warum in Afghanistan &uuml;berhaupt Krieg gef&uuml;hrt wird. Die Anschl&auml;ge des 11. Septembers 2001 liegen nun fast achtzehn Jahre zur&uuml;ck. Amerikaner, etwa damalige Kleinkinder, sind mittlerweile erwachsen und k&auml;mpfen auch an der Front, w&auml;hrend eine weitere Generation von Afghanen nichts anderes kennt als den Krieg. All dies geschah, weil neunzehn M&auml;nner, darunter 15 saudische Staatsb&uuml;rger, das World Trade Center sowie das Pentagon angriffen. Kein einziger T&auml;ter war ein Afghane und doch m&uuml;ssen Millionen f&uuml;r Afghanen bis heute f&uuml;r ein Verbrechen bezahlen, das sie nicht begangen haben. Dies betrifft, bei zahlreicher, berechtigter Kritik in sehr vielen Fragen, auch die Taliban, die nach den Anschl&auml;gen sogar bereit waren, Osama bin Laden auszuliefern, was <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2001\/oct\/14\/afghanistan.terrorism5\">vom damaligen US-Pr&auml;sidenten Bush abgelehnt<\/a> wurde. Ein Umstand, der bis heute gerne verdr&auml;ngt und vergessen wird.<\/p><p>Heute, im Jahr 2019, sind die Vereinigten Staaten samt Verb&uuml;ndeter weiterhin in einen Krieg verstrickt, der sich zum l&auml;ngsten entwickelt hat, den sie je gef&uuml;hrt haben. Die gr&uuml;nen T&auml;ler der Provinzen Kunar, Nangarhar oder Nuristan sind zu den Todesfallen amerikanischer Soldaten geworden. &Uuml;ber sie wurden mittlerweile zahlreiche B&uuml;cher geschrieben und Filme gedreht. F&uuml;hrende US-Milit&auml;rs haben in den letzten Monaten und Jahren immer wieder betont, dass man die &bdquo;rural areas&ldquo;, also das l&auml;ndliche Afghanistan, nicht erobern k&ouml;nne. Und jene, die 2001 und noch bis vor Kurzem als &bdquo;Terroristen&ldquo; gebrandmarkt wurden, sprich, die Taliban, sitzen mit den Amerikanern am Verhandlungstisch &ndash; auf gleicher Augenh&ouml;he. 2001 wurden sie aus Kabul verjagt, doch nun sind sie sogar so frech, ihre Teilnahme an den Friedensgespr&auml;chen Washington <a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/news\/world-us-canada-48300618\">in Rechnung zu stellen<\/a>, w&auml;hrend ihren Feldkommandanten immer mehr der Geduldsfaden zu rei&szlig;en droht. &bdquo;Warum sollen wir verhandeln? Wir sind auf dem Siegeszug.&ldquo;, h&ouml;rt man in deren Reihen immer lauter.<\/p><p>Wenn all dies keine Niederlage ist, was dann? Doch was man daraus lernt, wird sich noch zeigen.<\/p><p>Titelbild: Getmilitaryphotos\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mittlerweile vergeht so gut wie kein Tag, an dem Donald Trump nicht etwas Skurriles, Obsz&ouml;nes oder Verr&uuml;cktes von sich gibt. Dies war auch vor Kurzem der Fall, als der US-Pr&auml;sident in einem Interview meinte, den Afghanistan-Krieg &bdquo;innerhalb von zehn Tagen&ldquo; beenden zu k&ouml;nnen. &bdquo;Ich will nicht zehn Millionen Menschen t&ouml;ten&ldquo;, so Trump. 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