{"id":54,"date":"2004-01-19T18:08:19","date_gmt":"2004-01-19T16:08:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=54"},"modified":"2016-04-04T09:27:04","modified_gmt":"2016-04-04T07:27:04","slug":"was-steckt-hinter-der-privatisierung-staatlicher-aufgaben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54","title":{"rendered":"Was steckt hinter der Privatisierung staatlicher Aufgaben?"},"content":{"rendered":"<p>Zum Zeitgeist geh&ouml;rt die Forderung nach Privatisierung von bisher staatlich wahrgenommenen Aufgaben. Welche Motive stecken eigentlich dahinter? Wenn man genauer hinsieht, besteht zwischen Begr&uuml;ndung und Wirklichkeit eine erhebliche Diskrepanz. Meist geht es dabei um ganz andere Ziele als behauptet wird, n&auml;mlich etwa um den Abbau von Planstellen, um Gehaltsaufbesserungen f&uuml;r Spitzenbeamte, um die Lockerung der Finanzkontrolle durch das Parlament. Ob Private die Aufgaben besser oder billiger erbringen als der Staat, kann kaum jemand kontrollieren.<br>\n<!--more--><br>\nLaut Presseberichten &uuml;ber eine bisher nicht ver&ouml;ffentlichte &Uuml;bersicht der nordrhein-westf&auml;lischen Landesregierung gibt es dort insgesamt rund 400 kleinere und gr&ouml;&szlig;ere Gesellschaften, die dem Land geh&ouml;ren oder an denen es beteiligt ist. Das Land gibt daf&uuml;r angeblich 800 Millionen Euro pro Jahr aus.<\/p><p>An Hand von drei Beispielen, die inzwischen in die &ouml;ffentliche Kritik geraten sind, lassen sich die ganz konkreten Motive, die hinter dem Wortgeklingel vom &ldquo;schlanken Staat&rdquo;, vom &ldquo;Outsourcing&rdquo;, von der gr&ouml;&szlig;eren Flexibilit&auml;t und h&ouml;herer Effizienz privat-unternehmerischer Aufgabenerf&uuml;llung stehen, ganz gut erkennen. Nordrhein-Westfalen steht dabei wiederum nur beispielhaft f&uuml;r andere Bundesl&auml;nder, auch in CDU-CSU-regierten L&auml;ndern sieht es nicht anders aus. <\/p><ol>\n<li>Da wurde vor zwei Jahren eine in der Staatskanzlei angesiedelte, eigentlich ziemlich schlagkr&auml;ftige Gruppe f&uuml;r Medienwirtschaft in eine Medien-GmbH ausgelagert. Der Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer wurde im Sinne des heute &uuml;blichen &ldquo;Networkings&rdquo; aus dem fr&uuml;heren beruflichen Umfeld des Regierungssprechers ausgew&auml;hlt.\n<p>Urspr&uuml;nglich sollten aus allen Ministerien medienrelevante Haushaltstitel eingesammelt werden und die Gesellschaft sollte ein Haushaltsvolumen von 180 bis 190 Mio. Mark haben. Nachdem die Ressorts blockten, blieben f&uuml;r das Jahr 2002 gerade noch12 Millionen Euro.Die Gesellschaft hatte 4 Mio. Euro Fixkosten und ganze 8 Mio. Euro strategische Mittel. Zur &ldquo;Verwaltung&rdquo; dieses schmalen Budgets &ldquo;verdiente&rdquo; der Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer &ndash; einschlie&szlig;lich eines Anteils f&uuml;r seine Alterversorgung &ndash; ein Jahresgehalt von 225 000 Euro, nebst einem Dienstwagen der Oberklasse und einem opulenten B&uuml;ro am edlen D&uuml;sseldorfer Medienhafen. Da er den Vertrag selbst aufsetzte, war es nat&uuml;rlich klar, dass er neben seiner Gesch&auml;ftsf&uuml;hrert&auml;tigkeit auch seine bisherigen Teilhaberschaften an seinen eigenen Firmen und seine T&auml;tigkeit als Medien-Rechtsberater weiterbetreiben durfte. Er hatte also locker ein weitaus h&ouml;heres Einkommen als der Ministerpr&auml;sident des Landes.<\/p>\n<p>Die neue Gesellschaft sollte nat&uuml;rlich auch das inzwischen international etablierte NRW-Medienforum organisieren. Was jedenfalls im ersten Jahr fast in die Hose gegangen w&auml;re, wenn nicht die erfahrenen ehemaligen Kollegen aus dem Staatsdienst und der Landesmedienanstalt nicht noch gerettet h&auml;tten, was zu retten war. Ein gr&ouml;&szlig;erer Erfolg des Medienforums als in den Vorjahren unter staatlicher Regie, war jedenfalls nicht zu verzeichnen.<br>\nDer Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer weigerte sich zun&auml;chst, der zust&auml;ndigen Staatsekret&auml;rin einen Gesch&auml;ftsbericht vorzulegen, weil der sich als selbst&auml;ndiger &ldquo;Medienbroker&rdquo; dazu nicht verpflichtet sah. Ob das inzwischen erledigt ist, wei&szlig; ich nicht. Jedenfalls hat man sich eines besseren besonnen und hat sich vom Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer im &uuml;blichen &ldquo;Einvernehmen&rdquo; getrennt und beschlossen, die GmbH wieder aufzul&ouml;sen.<\/p><\/li>\n<li>Als Wolfgang Clement noch einfacher Wirtschaftsminister in Nordrhein-Westfalen war, wurde die Gesellschaft f&uuml;r Wirtschaftsf&ouml;rderung (GfW) erheblich ausgebaut. Sie sollte das Wirtschaftsmarketing des Landes nach innen wie im Ausland &uuml;bernehmen. Die Begr&uuml;ndung war: Eine private Gesellschaft mit unternehmerischer Leitungsstruktur k&ouml;nne die Aufgaben schneller und unb&uuml;rokratischer erf&uuml;llen als die &Ouml;ffentlichkeitsarbeiter des Wirtschaftsressorts.<br>\nEin angenehmer Nebeneffekt war, dass sich die Landesregierung den notorischen Streit mit der Opposition bei den Haushaltsberatungen um die Titel f&uuml;r die &Ouml;ffentlichkeitsarbeit erleichtern konnte, weil die Zusch&uuml;sse an die GfW pauschal ergingen und die Kontrolle nur durch eine Art Aufsichtsrat erfolgten. \n<p>Der Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer (ein fr&uuml;herer Referatsleiter im Wirtschaftsministerium) konnte sein Einkommen auf das Gehalt eines Abteilungsleiters anheben, er durfte einen dicken Dienstwagen fahren, ein einem &bdquo;Wirtschaftsunternehmen&ldquo; angemessen eingerichtetes B&uuml;ro mit Designer-M&ouml;bel beziehen, t&auml;glich frische Blumen auf dem Schreibtisch verlangen und den Chef spielen. Vor allem konnte er seiner Leidenschaft fr&ouml;nen und ohne Dienstreiseantrag durch alle Welt reisen. Im damaligen Staatssekret&auml;r des Wirtschaftsministeriums hatte er einen kongenialen Reisegef&auml;hrten. Damals war gerade Asien als wichtige Wirtschaftsregion f&uuml;r das &ldquo;Industrieland auf Platz 1&rdquo; angesagt. Die Zukunft von NRW lag also in China, Japan, Hongkong, Singapur oder Malaysia. Da musste man also mit millionenschweren Marketingma&szlig;nahmen ansetzen und nat&uuml;rlich st&auml;ndig hinreisen. So konnte man auf die &bdquo;Sesselfurzer&ldquo; in den Ministerien, die sich um das Kleinkarierte k&uuml;mmerten, weltm&auml;nnisch hinabschauen und deren fehlende Visionen beklagen.Das Sch&ouml;ne beim Marketing in fernen L&auml;ndern ist, dass es keinerlei Erfolgskontrolle au&szlig;er den eigenen Lobhudeleien gibt, und warum sollten sich Mitglieder einer Reisedelegation (mittelst&auml;ndische Unternehmer, Journalisten und Parlamentarier) auch beklagen, wenn sie mal mit dem Minister (oder dem Staatssekret&auml;r) in ferne L&auml;nder reisen durften und dort nett betreut wurden.<\/p>\n<p>Inzwischen wurde der Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer entlassen und wieder in die Landesregierung aufgenommen. Ein Untersuchungsausschuss des Landtags besch&auml;ftigt sich mit seinem Gesch&auml;ftsgebaren und mit der Frage, ob das zust&auml;ndige Ressort seiner Aufsichts- und Auskunftspflicht ausreichend nachgekommen ist.<\/p><\/li>\n<li>Gehaltsaufbesserungen und Aufstiegschancen waren auch mit der Gr&uuml;ndung einer Gesellschaft verbunden, die das Liegenschaftsmanagement des Landes betreiben sollte. Man wollte &uuml;ber dieses Management zu einem sparsameren Umgang s&auml;mtlicher Landesbeh&ouml;rden mit den Landesliegenschaften kommen und &uuml;ber Ver&auml;u&szlig;erungen Riesengewinne f&uuml;r den Landeshaushalt erzielen.<br>\nGesch&auml;ftsf&uuml;hrer wurde ein leitender Mitarbeiter aus dem Bauministerium und einer aus dem Finanzministerium, beide habe auch die Kabinettsentscheidung zur Gr&uuml;ndung dieser privaten Gesellschaft mit gro&szlig;em Engagement vorantrieben. Sie verdienten in ihren Vorstandsjobs jeweils mehr als ihre ehemaligen Staatsekret&auml;re und haben dazu noch einen weiteren Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer von einer Wirtschaftspr&uuml;fungsgesellschaft (niemand w&uuml;rde sich wundern, wenn diese vorher gutachterlich t&auml;tig gewesen w&auml;re) eingestellt, um den wirtschaftlichen Sachverstand zu erg&auml;nzen.<br>\nBisher hat die Gesellschaft keinerlei Gewinn erzielt, sondern nur Geld gekostet; f&uuml;r die n&auml;chsten drei Jahre wurde auf der Jahresbilanzpressekonferenz auch schon erl&auml;utert, warum es nicht gelingen k&ouml;nne, Gewinne zu erwirtschaften.Die ersten Korruptionsverdachtsf&auml;lle wurden bekannt. Ein Vorstandsmitglied ist inzwischen wieder auf seine Leerstelle als Abteilungsleiter seines fr&uuml;heren Ministeriums zur&uuml;ckgekehrt. Trotz aller unternehmerischer Risikobereitschaft war die R&uuml;ckfahrkarte in den Landesdienst offenbar gesichert.<\/li>\n<\/ol><p>Was zeigen diese drei Beispiele f&uuml;r eine Verlagerung von Staatsaufgaben auf private Unternehmen:<\/p><ul>\n<li>Es gibt, wie die S&uuml;ddeutsche Zeitung so sch&ouml;n schrieb, in der Politik &ldquo;eine Vorverachtung gegen&uuml;ber den eigenen Apparaten&rdquo; und einen naiven Glauben, dass private Unternehmen alles besser machten als staatliche Einrichtungen.<\/li>\n<li>Mit der Privatisierung von staatlichen Aufgabenwahrnehmungen k&ouml;nnen sich verdiente Mitarbeiter, die am Ende ihrer Karriereleiter angekommen sind, zwar keinen Karriere- aber immerhin einen deutlichen Einkommenssprung verschaffen.<\/li>\n<li>Gleichzeitig kann der Staat oft sogar zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Man kann Leitungspersonal austauschen und vielfach im Landeshaushalt zus&auml;tzlich den (allenthalben geforderten) Abbau von Personalstellen vorspiegeln. Die Geh&auml;lter der transferierten Mitarbeiter werden ja nicht mehr als Personalmittel, sondern als Zusch&uuml;sse ausgewiesen. Besonders elegant ist es, wenn diese Zusch&uuml;sse sogar noch als &ldquo;investive&rdquo; Mittel dargestellt werden k&ouml;nnen und damit die Verfassungskonformit&auml;t der Haushaltsvorlage sichern.<\/li>\n<li>Man kann &ldquo;Personal-Networking&rdquo; betreiben und Personen aus der privaten Wirtschaft mit gut bezahlten Jobs bedienen, nat&uuml;rlich nicht ohne die Hoffnung, dass diese Personal-Rotation keine Einbahnstra&szlig;e bleibt.<\/li>\n<li>Man hatte (jedenfalls bis es zu Untersuchungsaussch&uuml;ssen kam) die Hoffnung durch die &ldquo;Flucht ins private Recht&rdquo; mit &ouml;ffentlichen Geldern gro&szlig;z&uuml;giger (&ldquo;unternehmerischer&rdquo;) umgehen zu k&ouml;nnen, also ohne st&auml;ndige &ldquo;b&uuml;rokratische&rdquo; Begr&uuml;ndung gegen&uuml;ber den Haush&auml;ltern der Parlamente und ohne Bindung an die Auflagen des &ouml;ffentlichen Dienstes, angefangen von &ouml;ffentlichen Ausschreibungen f&uuml;r Auftragsvergaben an Dritte bis hin zu den Reisekostenverordnungen.<\/li>\n<li>Ein ganz wichtiges Motiv der Privatisierung ist die Lockerung der Haushaltskontrolle durch das Parlament. Zwar l&auml;sst es sich h&auml;ufig nicht umgehen, auch Parlamentarier in die Aufsichtsgremien aufzunehmen, doch diese sind dann an die bei privaten Unternehmen geltenden Verschwiegenheitspflichten gebunden und d&uuml;rfen Meinungsverschiedenheiten nicht mehr &ouml;ffentlich austragen und schlie&szlig;lich stimmen die Aufsichtsratstantiemen als kleine Nebeneinnahme auch ein wenig &ldquo;friedlicher&rdquo;.<\/li>\n<\/ul><p>Ob die Aufgaben durch das Outsourcing besser oder schlechter erf&uuml;llt werden, l&auml;sst sich kaum kontrollieren, denn eine wirkliche Bew&auml;hrung auf dem Markt findet nicht statt und kann auch vielfach nicht stattfinden, weil es gar keine privaten Wettbewerber f&uuml;r die ausgelagerten Aufgaben gibt. Was man aber mit ziemlicher Sicherheit sagen kann, ist, dass die Aufgabenerf&uuml;llung dem Steuerzahler erheblich teurer kommt, wenn sich Leitung und Besch&auml;ftigte nicht mehr an das Tarifgef&uuml;ge des &ouml;ffentlichen Dienstes zu halten brauchen und sich die Ausstattung vom B&uuml;ro bis hin zum Dienstwagen dem angeblich in der Wirtschaft &uuml;blichen Niveau anpassen (m&uuml;ssen). <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Zeitgeist geh&ouml;rt die Forderung nach Privatisierung von bisher staatlich wahrgenommenen Aufgaben. Welche Motive stecken eigentlich dahinter? Wenn man genauer hinsieht, besteht zwischen Begr&uuml;ndung und Wirklichkeit eine erhebliche Diskrepanz. 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