{"id":54006,"date":"2019-08-07T12:09:14","date_gmt":"2019-08-07T10:09:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54006"},"modified":"2019-08-07T15:08:34","modified_gmt":"2019-08-07T13:08:34","slug":"warum-reden-alle-vom-waehrungskrieg-und-keiner-ueber-deutschlands-rolle-in-diesem-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54006","title":{"rendered":"Warum reden alle vom W\u00e4hrungskrieg und keiner \u00fcber Deutschlands Rolle in diesem Krieg?"},"content":{"rendered":"<p>Der angebliche W&auml;hrungskrieg zwischen China und den USA dominierte in den letzten Tagen die Schlagzeilen der Wirtschaftsressorts. Und dabei geht es mitunter maximal alarmistisch zu &ndash; von einer &bdquo;11 auf einer Skala von 1 bis 10&ldquo; oder einem &bdquo;wom&ouml;glichen Ende der Globalisierung&ldquo; ist beispielsweise bei SPIEGEL Online <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/yuan-abwertung-furcht-vor-waehrungskrieg-von-china-und-usa-a-1280682.html\">zu lesen<\/a>. Das erstaunt dann doch, reden wir doch &uuml;ber eine Abwertung des Yuan um magere zwei Prozent. Bezeichnend ist auch, dass in der gesamten Diskussion einmal mehr ausschlie&szlig;lich die Position der Kapitalseite bzw. der Exportwirtschaft eingenommen wird und die Interessen der Bev&ouml;lkerung galant verschwiegen werden. Noch bezeichnender: Die Schurkenrolle wird wahlweise Donald Trump oder China zugeschrieben, w&auml;hrend die massive Abwertung des Euros durch das deutsche Lohndumping noch nicht einmal erw&auml;hnt wird. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6583\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-54006-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190807_Deutschlands_Rolle_im_Waehrungskrieg_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190807_Deutschlands_Rolle_im_Waehrungskrieg_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190807_Deutschlands_Rolle_im_Waehrungskrieg_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190807_Deutschlands_Rolle_im_Waehrungskrieg_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=54006-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190807_Deutschlands_Rolle_im_Waehrungskrieg_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"190807_Deutschlands_Rolle_im_Waehrungskrieg_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Wenn es um W&auml;hrungen geht, ist es nicht immer einfach, den &Uuml;berblick zu behalten und das richtige Ma&szlig; zu finden. Medien und Politik haben hier in den letzten Jahren mehr und mehr die Sichtweise der Exportwirtschaft &uuml;bernommen, nach der eine harte bzw. starke W&auml;hrung kein Vorteil, sondern ein Nachteil ist. Leider wird diese Position so gut wie nie hinterfragt. Das ist schade, da man ohne ein paar Hintergr&uuml;nde nicht verstehen kann, um was es im angeblichen W&auml;hrungskrieg eigentlich geht. <\/p><p>Eine W&auml;hrung kann nie absolut stark oder schwach sein, sondern immer nur in Relation zu anderen W&auml;hrungen. Die relative St&auml;rke einer W&auml;hrung h&auml;ngt dabei von zahlreichen Faktoren ab, die letztlich jedoch allesamt darauf hinauslaufen, dass sie Angebot und Nachfrage nach bestimmten W&auml;hrungen beeinflussen. Einen Sonderfall nimmt hier China ein. Die chinesische W&auml;hrung Renminbi bzw. Yuan wird n&auml;mlich nicht frei nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage gehandelt, sondern unter der Regie der chinesischen Notenbank in einem vergleichsweise engen Korridor (&bdquo;managed float&ldquo;) zu einem <a href=\"https:\/\/frontera.net\/news\/china-reconstituted-yuan-basket\/attachment\/the-new-composition-of-the-cfets-rmb-index\/\">internationalen W&auml;hrungskorb<\/a> bepreist. Allein dieser Umstand stellt f&uuml;r die USA nat&uuml;rlich schon ein potentielles Einfallstor f&uuml;r eine &bdquo;W&auml;hrungsmanipulation&ldquo; dar. <\/p><p>Damit haben die Amerikaner technisch auch gar nicht mal unrecht. Jeder Eingriff der Zentralbank in die Wechselkurse der eigenen W&auml;hrung ist technisch gesehen eine &bdquo;Manipulation&ldquo;. Die entscheidende Frage sollte jedoch eine ganz andere sein &ndash; hat China seine W&auml;hrung tats&auml;chlich k&uuml;nstlich abgewertet? Und hier wird es spannend.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/190807-Waehrungskrieg-01.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/190807-Waehrungskrieg-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>1994 koppelte China seine W&auml;hrung an den Dollar. Diese Dollarbindung verhinderte jedoch eine n&ouml;tige Aufwertung des Renminbi, da sich die chinesische Volkswirtschaft ja wesentlich dynamischer entwickelte als der Dollarraum. Nach internationalen Protesten wertete China die eigene W&auml;hrung daher ab 2005 in mehreren Schritten deutlich auf und koppelte sie nun an einen W&auml;hrungskorb, der die internationalen Handelspartner repr&auml;sentieren soll. Problematisch ist bei solchen Koppelungen jedoch, dass sie sich in der Regel auf die nominalen Kurse, aber nicht auf die Kaufkraft der jeweiligen W&auml;hrung beziehen. So wies China im letzten Jahrzehnt eine deutlich <a href=\"https:\/\/de.inflation.eu\/inflationsraten\/china\/historische-inflation\/vpi-inflation-china.aspx\">h&ouml;here Inflationsrate<\/a> aus als die <a href=\"https:\/\/de.inflation.eu\/inflationsraten\/vereinigte-staaten\/historische-inflation\/vpi-inflation-vereinigte-staaten.aspx\">USA<\/a> oder gar <a href=\"https:\/\/de.inflation.eu\/inflationsraten\/deutschland\/historische-inflation\/vpi-inflation-deutschland.aspx\">Deutschland<\/a>. Wenn die Wechselkurse bei h&ouml;herer Inflation im eigenen W&auml;hrungsraum nominal gleich bleiben, sinkt jedoch die relative Kaufkraft. Die NZZ <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/wirtschaft\/was-heisst-hier-waehrungsmanipulation-der-chinesische-yuan-ist-die-staerkste-waehrung-von-allen-ld.1500198\">hat<\/a> mit den Daten der Bank f&uuml;r Internationalen Zahlungsausgleich einmal den realen Wechselkurs der betreffenden W&auml;hrungen gegen&uuml;ber 60 anderen W&auml;hrungsr&auml;umen visualisiert und ist zu einem erstaunlichen Ergebnis gekommen.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/190807-Waehrungskrieg-02.jpeg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/190807-Waehrungskrieg-02.jpeg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Demnach ist der Yuan nicht etwa unter-, sondern im Vergleich zum Dollar sogar leicht und im Vergleich zum Euro deutlich &uuml;berbewertet. Dass Chinas Notenbank im Rahmen ihres aktiven W&auml;hrungskursmanagements nun den Korridor um wenige Prozentpunkte vergr&ouml;&szlig;ert hat, ist also durchaus legitim. Die Berechnungen der BIZ zeigen jedoch einen ganz anderen &bdquo;W&auml;hrungss&uuml;nder&ldquo; &ndash; und zwar die Eurozone. Der Euro ist es n&auml;mlich, der real &ndash; v.a. wegen der extrem geringen Inflation im letzten Jahrzehnt &ndash; gegen&uuml;ber dem Dollar und dem Yuan, aber auch gegen&uuml;ber den 60 Vergleichsw&auml;hrungen, sehr deutlich abgewertet hat. Wenn die USA einen &bdquo;W&auml;hrungsmanipulator&ldquo; suchen, sollten sie ihren Blick also lieber in Richtung Br&uuml;ssel und besonders in Richtung Berlin lenken.<\/p><p>Hauptverantwortlich f&uuml;r die relative Schw&auml;che des Euro ist n&auml;mlich die Lohnentwicklung in Deutschland, die sehr deutlich unter dem Verteilungsspielraum &ndash; also der Summe aus Produktivit&auml;ts- und Preissteigerung &ndash; rangierte. Und diese Form des Lohndumpings stellt einen sehr realen &bdquo;W&auml;hrungskrieg&ldquo; dar. Deutsche Unternehmen k&ouml;nnen aufgrund der k&uuml;nstlich zu niedrigen Lohnkosten ihre G&uuml;ter und Dienstleistungen preiswerter als die internationale Konkurrenz anbieten. Dies w&uuml;rde normalerweise langfristig zu einer Aufwertung der deutschen W&auml;hrung f&uuml;hren, von der dann vor allem die deutschen Arbeitnehmer profitieren, da importierte G&uuml;ter und Dienstleistungen aus anderen W&auml;hrungsr&auml;umen durch die Aufwertung relativ preiswerter w&uuml;rden. Dieser Mechanismus wird jedoch durch die Gemeinschaftsw&auml;hrung Euro verw&auml;ssert, da die deutschen Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse hier direkt mit den Defiziten anderer Staaten verrechnet werden m&uuml;ssen. Wenn man also einen &bdquo;W&auml;hrungsmanipulator&ldquo; sucht, so wird man vor allem bei Deutschlands Abwertung durch Lohndumping und Eurozonenmitgliedschaft f&uuml;ndig.<\/p><p>Das wissen eigentlich auch die Amerikaner. Noch im Mai 2017 <a href=\"https:\/\/home.treasury.gov\/system\/files\/206\/2018-10-17-%28Fall-2018-FX%20Report%29.pdf\">schrieb<\/a> das US-Finanzministerium in seinem &bdquo;W&auml;hrungsreport&ldquo; (<a href=\"https:\/\/makroskop.eu\/2018\/10\/the-germans-are-bad-very-bad\/\">zitiert nach Heiner Flassbeck<\/a>) &hellip;<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Auf lange Sicht gibt es eine deutliche Diskrepanz zwischen der deutschen Inlandsinflation und dem Lohnwachstum und der (schnelleren) durchschnittlichen Inflation und dem Lohnwachstum im Eurogebiet. Dies hat zu einer allgemeinen Steigerung der Wettbewerbsf&auml;higkeit Deutschlands gegen&uuml;ber seinen Nachbarn im Euroraum beigetragen. Angesichts der gro&szlig;en Streuung der Wirtschaftsleistung im Euroraum hat der nominale Wechselkurs des Euro jedoch nicht an die Steigerung der Wettbewerbsf&auml;higkeit Deutschlands angekn&uuml;pft. &hellip;<\/p>\n<p>Eine Erh&ouml;hung der Inlandsnachfrage bei relativ unelastischem Angebot sollte dazu beitragen, die L&ouml;hne, den Inlandsverbrauch, die relativen Preise gegen&uuml;ber vielen anderen Mitgliedern des Euroraums und die Nachfrage nach Importen zu erh&ouml;hen; h&ouml;here relative Preise w&uuml;rden dazu beitragen, den unterbewerteten realen effektiven Wechselkurs Deutschlands aufzuwerten. Dies w&uuml;rde sowohl zum globalen als auch zum Ausgleich im Eurogebiet beitragen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dem ist eigentlich nur noch die Frage hinzuzuf&uuml;gen, warum Donald Trump diese S&auml;tze seines Ministeriums entweder vergessen oder verdr&auml;ngt hat und sich stattdessen auf China einschie&szlig;t, das in Sachen W&auml;hrungsmanipulation im Vergleich zu Deutschland deutlich unproblematischer ist?<\/p><p>Interessant ist jedoch auch die bei der gesamten Debatte mitschwingende Interpretation der Zusammenh&auml;nge. So gilt es als allgemein erstrebenswert, dass die eigene W&auml;hrung eben nicht auf-, sondern abwertet. Wenn fremde W&auml;hrungen abwerten, so wird dies als Bedrohung gesehen. Warum das? Das ist 1:1 die Sichtweise der Exportwirtschaft. Der normale Arbeitnehmer hat durch eine Abwertung der eigenen W&auml;hrung ja direkt nur Nachteile, verteuern sich dadurch doch die Importe &ndash; angefangen beim Benzin, &uuml;ber das Smartphone, die Software bis hin zum Urlaub. F&uuml;r einen Arbeitnehmer ist eine St&auml;rkung der eigenen W&auml;hrung also durchaus erstrebenswert. Erst indirekt k&ouml;nnte dies zu Problemen f&uuml;hren, da die Lohnkosten in Relation zu anderen W&auml;hrungsr&auml;umen wom&ouml;glich zu Wettbewerbsnachteilen und damit zu Standortverlagerungen f&uuml;hren k&ouml;nnten. Aber diese Debatte m&uuml;ssen wir in Deutschland nun wahrlich nicht f&uuml;hren, wie die Zahlen der BIZ ja klar zeigen. <\/p><p>Die Nachteile einer weichen W&auml;hrung werden in den Medien jedoch nur sehr selten thematisiert. Und auch die globalen Verwerfungen, die durch Deutschlands Lohndumping ausgel&ouml;st wurden, sind f&uuml;r unsere Medien kein Thema. Stattdessen echauffiert man sich lieber &uuml;ber Trump oder &uuml;ber die manipulierenden Chinesen. Es ist zum M&auml;usemelken. <\/p><p>Titelbild: rustamxakim\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/857daf3fcf514df6ac562cf10572392a\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der angebliche W&auml;hrungskrieg zwischen China und den USA dominierte in den letzten Tagen die Schlagzeilen der Wirtschaftsressorts. Und dabei geht es mitunter maximal alarmistisch zu &ndash; von einer &bdquo;11 auf einer Skala von 1 bis 10&ldquo; oder einem &bdquo;wom&ouml;glichen Ende der Globalisierung&ldquo; ist beispielsweise bei SPIEGEL Online <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/yuan-abwertung-furcht-vor-waehrungskrieg-von-china-und-usa-a-1280682.html\">zu lesen<\/a>. 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