{"id":5403,"date":"2010-05-04T08:24:06","date_gmt":"2010-05-04T06:24:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5403"},"modified":"2014-11-25T09:32:55","modified_gmt":"2014-11-25T08:32:55","slug":"rhetorik-der-unverantwortlichkeit-der-umgang-mit-den-wirkungen-der-finanzkrise-und-der-fall-griechenland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5403","title":{"rendered":"Rhetorik der Unverantwortlichkeit \u2013 der Umgang mit den Wirkungen der Finanzkrise und der Fall Griechenland"},"content":{"rendered":"<p>Die Griechenlandkrise kommt gerade richtig. Im medialen Diskurs des kurzen Ged&auml;chtnisses wird sie ohne viel Federlesen von der Finanzkrise entkoppelt und zu einem Problem Griechenlands degradiert. Die &ldquo;griechische Wirtschaft&rdquo; hat in der Konnotation die &ldquo;polnische Wirtschaft&rdquo; abgel&ouml;st, ein Begriff, der zum Nazi-Jargon passte, aber auch in der DDR weiter benutz wurde. Der nationale Chauvinismus scheint sich neue Bahnen zu brechen und bestimmt den &ouml;ffentlichen Diskurs. Der Zusammenhang von Finanzkrise und griechischer Krise wird &uuml;bert&uuml;ncht. Das kommt gelegen, weil die Regierung so ihre gro&szlig;en Worte und hehren Versprechungen aus dem Herbst 2008 vergessen machen kann. Das Primat der Politik sollte wiederhergestellt, die Finanzm&auml;rkte strengen Regeln unterworfen werden &ndash; nichts davon ist geschehen und nichts davon wird absehbar geschehen, denn es wird l&auml;ngst wieder verdient. Solange die B&uuml;rger die Ausfallkosten &uuml;bernehmen gibt es f&uuml;r die Profiteure keinen Regulierungsbedarf. Von Andreas Fisahn*<br>\n<!--more--><br>\nDie Auswirkungen der Finanzkrise und deregulierten Finanzm&auml;rkte auf den griechischen Haushalt und die Staatsfinanzen erm&ouml;glicht es der deutschen Regierung sich wiederum als Macher in Pose zu setzen, nachdem sie diese Geste angesichts der Machtverh&auml;ltnisse aufgeben mussten, als die Regulierung der Finanzm&auml;rkte anstand. Es ist zu kurz gesprungen, wenn man glaubt, die Landtagswahl in NRW habe die Handlungsweise der deutschen Regierung bestimmt oder der &ldquo;harte Kurs&rdquo; gegen&uuml;ber Griechenland sei dem Populismus von &ldquo;Bild&rdquo; geschuldet. Diese Rechnung geht n&auml;mlich nicht auf &ndash; viel zu stark ist die heimliche Sehnsucht auch vieler Deutschen nach einem Bisschen griechischem Savoir Vivre. Der Chauvinismus verdeckt die Sehnsucht nach der Flucht aus der Tretm&uuml;hle des Besser, H&ouml;her, Weiter, des &ldquo;Geld-Machens&rdquo;, der Flucht in den Sirtaki, als Symbol bacchantischer Lebensart. Zwei Seelen wohnen doch in unsrer Brust. <\/p><p>Die Regierung aber glaubt den marktfundamentalistischen Unsinn, der sich jetzt wieder Bahn bricht. Die deutsche H&auml;rte bei den Verhandlungen um Kredite l&auml;sst Merkel und Westerwelle nun auftrumpfen und glauben machen, sie h&auml;tten das harte Sparprogramm in Griechenland durchgesetzt. Hier wird die griechische Trag&ouml;die zur Farce. &bdquo;Spiegel-online&ldquo; titelte am 3. Februar 2010: &bdquo;EU-Sparkommissar Almunia diktiert Griechenland den K&uuml;rzungskurs. Europa verliert die Geduld mit Griechenland &ndash; und verordnet dem Krisenstaat ein hartes K&uuml;rzungsprogramm. EU-W&auml;hrungskommissar Almunia erwartet nun <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/0,1518,675842,00.html\">regelm&auml;&szlig;ige Sparberichte<\/a>.&ldquo; Die EU-Kommission hatte den Sanktionsmechanismus bei &uuml;berm&auml;&szlig;igem Defizit in Gang gesetzt und f&uuml;r Griechenland &ldquo;Empfehlungen&rdquo; ausgesprochen, die exakt dem entsprechen, was nun der Welt als griechisches Sparpaket pr&auml;sentiert wird. Die Zustimmung zu der Kreditvergabe war entgegen dem &ouml;ffentlichen Anschein nicht das Ergebnis des vorherigen Ringens um eine Konsolidierung des griechischen Haushalts oder &ndash; so s&auml;he sie es gern &ndash; des Drucks und der Standfestigkeit der deutschen Regierung. <\/p><p>In der Krise zeigen sich die Fehlkonstruktionen der Verfassung der Europ&auml;ischen Union. Ihr Fundament ist nicht Solidarit&auml;t zwischen den Mitgliedstaaten, sondern ein Marktfundamentalismus, der die Konkurrenz zwischen den Mitgliedstaaten zum Prinzip erhebt. Der Vertrag verbietet mit der &bdquo;No bail out Klausel&ldquo; ausdr&uuml;cklich, dass die Mitgliedstaaten f&uuml;reinander oder die EU f&uuml;r die Mitgliedstaaten haften (Art. 125 AEUV). Damit ist klar gestellt, dass es einen Finanzausgleich, wie er in Bundesstaaten &uuml;blich ist, im System der EU nicht vorgesehen ist. Hier gilt das Prinzip, das die Marktgl&auml;ubigen gern auch f&uuml;r die Bundesrepublik einf&uuml;hren w&uuml;rden: der Wettbewerbsf&ouml;deralismus, die Konkurrenz zwischen den Gebietsk&ouml;rperschaften. Nur &bdquo;haftet&ldquo; weder die EU noch die einzelnen Mitgliedstaaten f&uuml;r Griechenland. Es soll Kredite zu Bedingungen bekommen, die unterhalb der durch Spekulation hoch getriebenen Preise liegen &ndash; nicht mehr und nicht weniger. W&auml;ren die Finanzm&auml;rkte vorher reguliert worden und die sog. CDS (Kreditversicherungen) verboten worden oder wenigstens der vom urspr&uuml;nglichen Kredit gel&ouml;ste Handel mit solchen CDS, oder w&auml;ren &ouml;ffentliche Rating Agenturen geschaffen worden, g&auml;be es m&ouml;glicherweise keine oder doch geringere Finanzierungsprobleme im griechischen Haushalt. Wer gebotene Ma&szlig;nahmen wider besseres Wissen unterl&auml;sst, m&uuml;sste sich als Verursacher in der Pflicht f&uuml;hlen und Verantwortung &uuml;bernehmen. Die Hofschranzen der Macht interpretieren im juristischen Diskurs die Ablehnung des Finanzausgleichs stattdessen so rigide, dass aus dem Haftungsverbot ein Kreditverbot wird und die Kreditvergabe als Notstandsregime erscheinen kann, f&uuml;r das Griechenland rigide Sparma&szlig;nahmen durchf&uuml;hren muss. Entsprechendes verlangte der IWF bisher regelm&auml;&szlig;ig und schematisch von verschuldeten L&auml;ndern des globalen S&uuml;dens und nach der Finanzkrise von den abgerutschten Neumitgliedern der EU au&szlig;erhalb der Euro-Zone wie Ungarn, Lettland oder Rum&auml;nien. <\/p><p>Was war noch gleich der Grund f&uuml;r die Sparma&szlig;nahmen? Griechenlands Wirtschaft soll gesunden, um die Staatsausgaben in Ordnung zu bringen. Dieses Konzept hat in Deutschland nach der gro&szlig;en Weltwirtschaftskrise 1929 in die Katastrophe gef&uuml;hrt, die Wirtschaft taumelte durch zus&auml;tzliche Sparma&szlig;nahmen in den Abgrund, was den N&auml;hrboden f&uuml;r den Aufstieg der Nazis bildete. Dem IWF wird inzwischen nicht nur von den Globalisierungskritikern von attac bescheinigt, dass sein Diktat der Haushaltskontraktion in der Krise diese noch versch&auml;rft. Und selbst die deutschen Herolde der reinen Lehre des Marktglaubens haben auf die Finanz- und Wirtschaftskrise nicht durch Sparma&szlig;nahmen reagiert. Kurz: Die Rezepte sind in der gegenw&auml;rtigen Situation untauglich und geeignet mit Griechenland die EU oder das sog. Euroland weiter nach unten zu ziehen. <\/p><p>Gleichzeitig stellen sich die schwarz-gelben Marktfundamentalisten hin und verlangen nun eine sch&auml;rfere Kontrolle der Wirtschafts- und Finanzpolitikpolitik der Mitgliedstaten durch die EU. Die nationale Haushaltspolitik der Mitgliedstaaten soll wie bei hochverschuldeten Kommunen unter europ&auml;ische Kuratel gestellt werden. Mal abgesehen von der Frage, auf welcher vertraglichen Grundlage das geschehen soll: die EU wird offen sichtbar zu einem imperialen Projekt. Es ist knapp ein Jahr her, da schrieb das Bundesverfassungsgericht der EU ins Stammbuch, dass sie ihre eigene Politik nicht demokratisch legitimieren k&ouml;nne und sah als Ausweg f&uuml;r Helden nur die M&ouml;glichkeit, erstens den nicht-staatlichen Charakter der EU zu betonen und zweitens eine Legitimation durch den Bundestag zu konstruieren. Wenn nun das griechische Parlament unter EU-Aufsicht gestellt wird &ndash; und das geschah schon durch die Beschl&uuml;sse der Kommission vom Februar, denen Griechenland nun folgt, weil es nicht anders kann &#9472; wie ist es dann mit der Legitimation bestellt. Eine zynische Antwort liegt nahe: der Bundestag legitimiert auch das Spar- und K&uuml;rzungsprogramm in Griechenland. Weniger zynisch formuliert: die europ&auml;ische Aufsicht &uuml;ber die Wirtschafts- und Finanzpolitik der Mitgliedstaaten geht schon heute &uuml;ber das hinaus, was sich die deutschen Bundesl&auml;nder gefallen lassen w&uuml;rden. Demokratie wird schon im Ansatz suspendiert. Die L&ouml;sung kann nicht in einer Erh&ouml;hung der Dosis an Marktradikalismus und der zentralen, dirigistischen Durchsetzung dieses Dogmas liegen, sondern in einer Umsteuerung der europ&auml;ischen Politik. Diese muss einsehen, dass eine gemeinsame W&auml;hrung nur funktionieren kann, wenn man sich wenigstens um die &bdquo;Herstellung gleichwertiger Lebensverh&auml;ltnisse&ldquo; bem&uuml;ht, wie es &ndash; nach der letzten &Auml;nderung des Grundgesetzes nun schon wettbewerbsf&ouml;deralistisch abgeschw&auml;cht &#9472; in Art.&nbsp;72&nbsp;GG steht. <\/p><p><em><strong>*Andreas Fisahn<\/strong> ist Professor f&uuml;r &Ouml;ffentliches Recht, Umwelt- und Technikrecht, Rechtstheorie an der rechtswissenschaftlichen Fakult&auml;t der Universit&auml;t Bielefeld.<br>\nEr ist Autor der B&uuml;cher &bdquo;Herrschaft im Wandel &ndash; &Uuml;berlegungen zu einer kritischen Theorie des Staates&ldquo; (K&ouml;ln 2008), &bdquo;Europa am Scheideweg &ndash; Kritik des EU-Reformvertrages&ldquo; (HH 2008) und &bdquo;Verfassungsrecht Konkret &ndash; Die Grundrechte&ldquo; (Berlin 2008).<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Griechenlandkrise kommt gerade richtig. 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