{"id":54061,"date":"2019-08-09T11:51:36","date_gmt":"2019-08-09T09:51:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54061"},"modified":"2019-08-09T12:09:36","modified_gmt":"2019-08-09T10:09:36","slug":"brasilien-die-verhinderte-vendetta-gegen-lula-da-silva-die-geisel-einer-kriminellen-justiz-vereinigung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54061","title":{"rendered":"Brasilien \u2013 Die verhinderte Vendetta gegen Lula da Silva, die Geisel einer kriminellen Justiz-Vereinigung"},"content":{"rendered":"<p>Am vergangenen Mittwoch, dem 7. August, wurde der seit 500 Tagen an der Regionalverwaltung der brasilianischen Bundespolizei im s&uuml;dbrasilianischen Curitiba inhaftierte Ex-Pr&auml;sident Luis In&aacute;cio Lula da Silva mit einer Hiobsbotschaft geweckt: Er werde in ein Zuchthaus f&uuml;r gew&ouml;hnliche Verbrecher in Trememb&eacute;, 150 km von der 12-Millionen-Metropole S&atilde;o Paulo entfernt, verlegt. Ein Bericht von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Entscheidung fu&szlig;te auf einem Antrag der Bundespolizei, der <a href=\"https:\/\/g1.globo.com\/sp\/sao-paulo\/noticia\/2019\/08\/07\/juiz-determina-que-lula-seja-transferido-para-presidio-em-tremembe-no-interior-de-sp.ghtml\">von Bundesrichterin Carolina Lebbos in Curitiba aufgegriffen, bewilligt<\/a> und an Richter Paulo Eduardo de Almeida Sorci vom Landesgericht S&atilde;o Paulo weitergeleitet wurde. Der Antrag der Bundespolizei ist nicht neu, doch Richterin Lebbos&lsquo; auf Dringlichkeit hinwirkende Anordnung stimmte Medien und Justiz hellh&ouml;rig.<\/p><p>Zum einen, weil nach der Nominierung Sergio Moros zum Justizminister Lebbos auf den Posten seiner Stellvertreterin aufstieg, und zum anderen, weil Landesrichter Sorci seine Nominierung ebenfalls Moro verdankt. Bei der angeordneten &Uuml;berstellung Lulas handelten also zwei seiner engsten Vertrauten und es wirkte suspekt angesichts des seit knapp zwei Monaten andauernden <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52456\">Mega-Leaks<\/a> mit der Image-Besch&auml;digung des seit Januar 2019 amtierenden Chefs der Bolsonaro-Justiz und Scharfrichter Lulas.<\/p><p>Seit April 2018 belegt Lula keine eigentliche Zelle, sondern ein provisorisches 3 mal 5 Meter gro&szlig;es Schlafzimmer f&uuml;r transitreisende Polizisten, ausgestattet mit Bett, Schreibtisch, Fernsehapparat, einschlie&szlig;lich Badezimmer mit elektrischer Dusche. Der Raum befindet sich im vierten Stock der Regionalverwaltung und ist von anderen Zellen komplett isoliert. Realiter fristet Lula dort seit 16 Monaten eine Isolierhaft, die nur durch Besuche von Anw&auml;lten, Familienangeh&ouml;rigen und, b&uuml;rokratisch aufwendig, zugelassene G&auml;ste, zumeist Pers&ouml;nlichkeiten aus dem Ausland &ndash; wie SPD-Politiker Martin Schulz &ndash; unterbrochen wird.<\/p><p>Wenige hundert Meter vom Gef&auml;ngnis entfernt errichteten allerdings schon am 7. April 2018 &ndash; dem Datum von Lulas Einlieferung &ndash; hunderte Anh&auml;nger der Arbeiterpartei (PT) und Aktivisten sozialer Bewegungen ein Protest-Zeltlager und eine Mahnwache, die den inhaftierten Ex-Pr&auml;sidenten bei Sonnenaufgang mit &bdquo;Guten Morgen, Lula!&ldquo; und bei Sonnenuntergang mit &bdquo;Guten Abend, Lula!&ldquo;-Sprechch&ouml;ren begr&uuml;&szlig;en, Besucher des Pr&auml;sidenten empfangen und nachtr&auml;glich interviewen.<\/p><p>Somit f&ouml;rderte das Zeltlager die Entstehung der rund um die Welt verbreiteten &bdquo;Lula Livre &ndash; Frei Lula!&ldquo;-Solidarit&auml;tskomitees und sein ger&auml;uschvolles Treiben rund um die Uhr brachte so manche konservativ gestimmte Anrainer auf die Palme und wirkt nach wie vor auf die wenige Meter entfernte Verwaltung der Bundespolizei als unbeliebter St&ouml;rfaktor. Doch s&auml;mtliche Versuche, das Zeltlager mit juristischen Tricks zu verbieten, scheiterten bisher. Bis der daf&uuml;r gar nicht mehr zust&auml;ndige, ehemalige Richter Moro und seine Stellvertreterin Lebbos sich etwas einfallen lie&szlig;en.<\/p><p><strong>Lulas Ermordung einkalkuliert? Die Schikane vor dem halbfreien Vollzug<\/strong><\/p><p>Die Verlegungs-Entscheidung erreichte den Altpr&auml;sidenten vier Wochen vor Erreichung eines Sechstels seiner Haftstrafe ab dem Zeitpunkt der Festnahme, womit er nach brasilianischem Recht den Wechsel in den halboffenen Vollzug beantragen und ab 7. September 2019 das Gef&auml;ngnis tags&uuml;ber verlassen d&uuml;rfte. Allerdings wurde er zuletzt in einem anderen Fall ebenfalls zu einer langen Freiheitsstrafe verurteilt. Wird das Urteil in der zweiten Instanz best&auml;tigt, werden beide Strafen addiert und Lula bleibt hinter Gittern. Lulas Anw&auml;lte gaben eine scharfe Erkl&auml;rung ab, in der sie auf ihren Antrag zur Aussetzung der Verlegung hinwiesen und stattdessen die mehrmals beim Obersten Gerichtshof (STF) mit Habeas Corpus begr&uuml;ndete sofortige Freilassung forderten. Ihr j&uuml;ngster Habeas-Corpus-Antrag wurde allerdings <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52805\">am vergangenen 25. Juni abgelehnt<\/a>.<\/p><p>Lulas Partei, die PT, erkl&auml;rte ebenfalls mit scharfen Worten an die Adresse Moros und der Staatsanwaltschaft, der ehemalige Pr&auml;sident sei einwandfrei unschuldig, mit einer gerichtlichen Farce verurteilt worden und h&auml;tte gar nicht in Curitiba vor Gericht gestellt werden d&uuml;rfen, da Moro selbst zugegeben habe, dass die Anklage gegen Lula nichts mit den Korruptionsermittlungen gegen den Petrobras-Konzern zu tun hatte, ergo auch nicht in seinen Zust&auml;ndigkeitsbereich fallen durfte, jedoch von Moro sozusagen aus politischen Gr&uuml;nden an sich gerissen, genauer: gesetzwidrig usurpiert wurde.<\/p><p>Bar &uuml;berzeugender Beweismittel wurde der Altpr&auml;sident am 24. Januar 2018 von Moro zu 9 Jahren Haft und nachtr&auml;glich im Revisionsverfahren vom TRF-4-Bundesgericht in Porto Alegre wegen angeblichen Besitzes eines Penthouses zu 12 Jahren und einem Monat Gef&auml;ngnis verurteilt. Mit Beschluss des Obersten Appellationsgerichts STJ vom April dieses Jahres wurde die Verurteilung aufrechterhalten, die Strafe jedoch auf 8 Jahre, 10 Monate und 20 Tage Haft herabgesetzt, von denen Lula am kommenden 7. September ein Sechstel abgesessen und somit Anrecht auf partiellen freien Vollzug h&auml;tte.<\/p><p>In einem Land, in dessen Gef&auml;ngnissen Insassen-Aufst&auml;nde mit Dutzenden von Toten seit Jahren auf der Tagesordnung stehen, stie&szlig; die angedrohte Verlegung Lulas nach Trememb&eacute; &ndash; zumal in eine Zelle mit mehreren, sogenannten &bdquo;gew&ouml;hnlichen&ldquo; Verbrechern, darunter Totschl&auml;gern und M&ouml;rdern &ndash; selbstverst&auml;ndlich auf breite Emp&ouml;rung der &Ouml;ffentlichkeit, schien der Entschluss doch einen Anschlag auf das ehemalige Staatsoberhaupt in Kauf zu nehmen, wenn nicht gar auf zynische, kriminelle Weise zu f&ouml;rdern.<\/p><p><strong>Der Rachefeldzug der Rechtsradikalen in der Justiz<\/strong><\/p><p>Warum sollte der fr&uuml;here Pr&auml;sident also jetzt verlegt werden?<\/p><p>&bdquo;Nun, das Ding ist so offensichtlich, dass es kindisch wirkt. Weil (die Einsatzgruppe) Lava Jato (Autowaschanlage) von den von ihr begangenen Gesetzesbr&uuml;chen in die Enge getrieben wird. Und ohne Beweise verurteilt, ist Lula Sergio Moros gr&ouml;&szlig;te Troph&auml;e. Was sollte die Verlegung bezwecken? Erstens, die Bolsonaro-Anh&auml;ngertruppe in den sozialen Netzwerken mobilisieren. Lula ist immer noch der Name, der ihre bestrafungss&uuml;chtige Libido am meisten reizt. Sprechen Sie den Namen Lula aus und jede Form von Hass scheint beschworen&ldquo;, <a href=\"https:\/\/reinaldoazevedo.blogosfera.uol.com.br\/2019\/08\/07\/lava-jato-usa-prisao-de-lula-para-excitar-bolsonaristas-e-para-testar-o-stf\/\">kommentierte Brasiliens popul&auml;rer Radio- und Zeitungs-Kolumnist Reinaldo Azevedo<\/a>, ein ehemaliger Verb&uuml;ndeter, jedoch zum Erzfeind Moros mutierter, liberaler Journalist, der mit <em>The Intercept<\/em> das gigantische Leak &uuml;ber die kriminellen Machenschaften der politischen Justiz teilt.<\/p><p>Doch der Coup gegen Lula hatte eine zweite Adresse zum Ziel: den Obersten Gerichtshof (STF). Seine Loyalit&auml;t sollte getestet werden. Der Hohe Richter Edson Fachin wirkte als Berichterstatter des PT-Antrags zur Vermeidung der Verlegung. Also wollte Lava Jato wissen, ob &bdquo;Fachin immer noch einer von uns&rdquo; ist, wie es in einer geleakten &Auml;u&szlig;erung von Lulas Hauptankl&auml;ger Deltan Dallagnol nach einem Treffen mit dem Richter hie&szlig;, der sich nach den Intercept-Enth&uuml;llungen von seinen Kontakten zu den Rechtsradikalen um Moro und Dallagnol mit einer k&auml;mpferischen Erkl&auml;rung &bdquo;zum Schutz des Rechtsstaats&ldquo; absetzte.<\/p><p>Die Konfrontation zwischen politisierter Staatsanwaltschaft und dem STF schwelt bereits seit 2018, als der Hohe Richter Gilmar Mendes &ndash; ein einstiger Gegner Lulas &ndash; die Praktiken Moros und der von ihm de facto manipulierten Staatsanwaltschaft auf die Tagesordnung des Plenums setzte. Im Januar 2019 erreichte die Auseinandersetzung ihren H&ouml;hepunkt, als Mendes die Einsatzgruppe Lava Jato der Staatsanwaltschaft <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=q1YbfmEpkxQ\">als &bdquo;Keim einer geplanten Diktatur&ldquo; und einen &bdquo;Haufen von Cr&eacute;tins&ldquo; beschimpfte<\/a>.<\/p><p>Als Revanche bem&uuml;hte sich die Einsatzgruppe der Staatsanwaltschaft in Curitiba, Daten und Informationen &uuml;ber Richter Gilmar Mendes zu sammeln, mit dem Ziel seiner Verd&auml;chtigung und gar seiner Amtsenthebung. Unter F&uuml;hrung von Lulas Hauptankl&auml;ger Deltan Dallagnol durchw&uuml;hlten Staatsanw&auml;lte und Assistenten Aktenberge von Entscheidungen und Urteilen des Richters, um ihn zu &bdquo;&uuml;berf&uuml;hren&ldquo;. Sie gingen aber noch weiter. Sie planten, Ermittler in der Schweiz von angeblichen Korruptionshandlungen Mendes&lsquo; zu &uuml;berzeugen, um in den Besitz vermuteter Beweismittel der schweizerischen Justiz, also &bdquo;Munition&ldquo; gegen den Richter, zu gelangen.<\/p><p>Das ganze Vorgehen extrapolierte nicht nur die engen verfassungsm&auml;&szlig;igen Befugnisse der Staatsanwaltschaft, sondern war gesetzeswidrig und mit kriminellen Absichten angesetzt. Die Strategie gegen Richter Mendes wurde &uuml;ber Monate hinweg in Gespr&auml;chen der Staatsanw&auml;lte auf der Text-&Uuml;bermittlungs-Plattform Telegram diskutiert und von einer anonymen Quelle <em>The Intercept Brasil<\/em> zugespielt, der die geleakte Verschw&ouml;rung vor wenigen Tagen <a href=\"https:\/\/brasil.elpais.com\/brasil\/2019\/08\/05\/politica\/1565040839_880977.html\">zusammen mit der spanischen Tageszeitung El Pa&iacute;s ver&ouml;ffentlichte<\/a>.<\/p><p>Am vergangenen 7. August fand nun das High Noon statt: Mit 10 gegen eine einzige Stimme lehnte der Oberste Gerichtshof Lulas Verlegung ab. Das demokratische Brasilien atmete zwar auf, doch der Endkampf ist noch nicht ausgestanden: die Entlassung und Anklage Moros und Dallagnols.<\/p><p>Titlebild: Helissa Grundemann\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am vergangenen Mittwoch, dem 7. August, wurde der seit 500 Tagen an der Regionalverwaltung der brasilianischen Bundespolizei im s&uuml;dbrasilianischen Curitiba inhaftierte Ex-Pr&auml;sident Luis In&aacute;cio Lula da Silva mit einer Hiobsbotschaft geweckt: Er werde in ein Zuchthaus f&uuml;r gew&ouml;hnliche Verbrecher in Trememb&eacute;, 150 km von der 12-Millionen-Metropole S&atilde;o Paulo entfernt, verlegt. 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