{"id":54087,"date":"2019-08-12T11:00:25","date_gmt":"2019-08-12T09:00:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54087"},"modified":"2019-08-12T11:10:18","modified_gmt":"2019-08-12T09:10:18","slug":"wie-man-per-definitionem-den-antisemitismus-am-leben-erhaelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54087","title":{"rendered":"Wie man per definitionem den Antisemitismus am Leben erh\u00e4lt"},"content":{"rendered":"<p>Beim &bdquo;Antisemitismus-Streit&ldquo; innerhalb der britischen Labour-Partei ging es am Ende auch um die Frage: Wie ist Antisemitismus eigentlich definiert? Den Gegnern von Parteichef Corbyn kam da die Antisemitismus-Definition der International Holocaust Rememberance Alliance (IHRA) <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45356\">sehr gelegen<\/a>. Diese &bdquo;Definition&ldquo; ist international umstritten &ndash; vor allem linke j&uuml;dische Verb&auml;nde &auml;u&szlig;erten bereits <a href=\"https:\/\/electronicintifada.net\/blogs\/asa-winstanley\/calling-israel-racist-isnt-anti-semitic-rules-uk-labour\">massive Kritik<\/a>. Auch in Deutschland gibt es kritische Stimmen. Der Politikwissenschaftler und Friedensforscher <strong>Rudolph Bauer<\/strong> h&auml;lt die IHRA-Definition f&uuml;r einen fragw&uuml;rdigen Beitrag zur deutschen Schuldabwehr historischer Verbrechen, wie er in einem Debattenbeitrag f&uuml;r die NachDenkSeiten unterstreicht.<br>\n<!--more--><br>\nDie Entscheidung von US-Pr&auml;sident Trump, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, hat im Dezember 2017 in vielen europ&auml;ischen St&auml;dten, u. a. in Berlin, Demonstrationen ausgel&ouml;st. Daraufhin sprach sich der damalige deutsche Bundesinnenminister de Maizi&egrave;re daf&uuml;r aus, das Amt eines Antisemitismus-Beauftragten einzurichten. Ein entsprechender Beschluss des Deutschen Bundestages erfolgte am 18. Januar 2018. Besetzt wurde das Amt durch den Innen- und Heimatminister Seehofer am 1. Mai 2018. Schon fr&uuml;her, am 20. September 2017, hatte das Bundeskabinett die Entscheidung getroffen, sich die Antisemitismus-Definition der <em>International Holocaust Rememberance Alliance<\/em> (IHRA) zu eigen zu machen (siehe Kasten).<\/p><p>Die Bundesregierung folgte mit diesem Beschluss einer Entschlie&szlig;ung des Europ&auml;ischen Parlaments (EP) vom 1. Juni 2017 &ldquo;zur Bek&auml;mpfung von Antisemitismus&rdquo;. Das EP forderte die Mitgliedstaaten der Europ&auml;ischen Union sowie deren Organe und Agenturen u. a. auf, &ldquo;die Arbeitsdefinition von Antisemitismus der Internationalen Allianz f&uuml;r Holocaust-Gedenken (IHRA) anzunehmen und umzusetzen, um die Bem&uuml;hungen der Justiz- und Strafverfolgungsbeh&ouml;rden um eine effizientere und wirksamere Ermittlung und strafrechtliche Verfolgung antisemitischer Angriffe zu unterst&uuml;tzen&rdquo;.<\/p><p>Vorarbeiten f&uuml;r den Beschluss des Europaparlaments zur &Uuml;bernahme der IHRA-Definition hatte eine &ldquo;European Parliament Working Group in Antisemitism&rdquo; geleistet. Als Sekretariat dieser Arbeitsgruppe fungierte der European Jewish Congress mit Berliner B&uuml;ro und Hauptsitz in Paris, ins Leben gerufen vom europ&auml;ischen Zweig des J&uuml;dischen Weltkongresses. Die IHRA ist eine 1998 gegr&uuml;ndete zwischenstaatliche Organisation mit Sitz in Berlin.<\/p><p>Unter Anwendung der IHRA-Definition wird der Antisemitismus-Vorwurf in j&uuml;ngster Zeit vor allem gegen fortschrittliche Politiker erhoben, etwa gegen den Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn in Gro&szlig;britannien, gegen die Kongress-Abgeordnete Ilhan Omar in den USA oder gegen Ofer Cassif, Professor an der Hebr&auml;ischen Universit&auml;t und prominentes j&uuml;disches Mitglied der arabischen Listenverbindung Hadash-Ta&rsquo;al-Union. Es sind somit mehrere gewichtige Gr&uuml;nde, weswegen es angebracht ist, die justiz- und strafverfolgungsrelevante Antisemitismus-Definition der IHRA kritisch zu beleuchten &ndash; auch deshalb, weil der Beschlussfassung ihres h&ouml;chst fragw&uuml;rdigen Inhalts durch das EP und die Bundesregierung keine &ouml;ffentliche und demokratische Debatte auf europ&auml;ischer und nationaler Ebene vorausgegangen ist.<\/p><p>Die englische Fassung der IHRA-Definition lautet: <strong>&ldquo;Antisemitism is a certain perception of Jews, which may be expressed as hatred toward Jews. Rhetorical and physical manifestations of antisemitism are directed toward Jewish or non-Jewish individuals and\/or their property, toward Jewish community institutions and religious facilities.&rdquo;<\/strong><\/p><p>Ins Deutsche &uuml;bersetzt (und die deutsche &Uuml;bersetzung ist hier Gegenstand kritischer Anmerkungen) lautet die &bdquo;Definition&ldquo;: <strong>&bdquo;Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegen&uuml;ber Juden ausdr&uuml;cken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen j&uuml;dische oder nichtj&uuml;dische Einzelpersonen und\/oder deren Eigentum sowie gegen j&uuml;dische Gemeindeinstitutionen oder religi&ouml;se Einrichtungen.&ldquo;<\/strong><\/p><p>In erweiterter Form umfasst die Definition einen dritten Satz des folgenden Wortlauts: <strong>&bdquo;Dar&uuml;ber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als j&uuml;disches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein.&ldquo;<\/strong><\/p><ol>\n<li><strong>Wahrnehmung statt Vorurteil<\/strong>\n<p>Die Erkl&auml;rung eines Begriffs dient zur pr&auml;zisen Erl&auml;uterung und klaren Bestimmung seiner Bedeutung. Davon kann im Fall der von der IHRA vorgeschlagenen Arbeitsdefinition (&bdquo;working definition&ldquo;) des Antisemitismus keine Rede sein. Als Definition &ndash; von lat. definitio, urspr&uuml;nglich Umgrenzung &ndash; gilt im weitesten Sinne jede Art der Feststellung oder Festsetzung einer Zeichenverwendung: hier der Kennzeichnung &bdquo;Antisemitismus&ldquo;. Von einer Definition ist zu erwarten, dass sie bestimmten Ma&szlig;st&auml;ben gen&uuml;gt und methodische Regeln befolgt, die je nach Zusammenhang unterschiedlich sein k&ouml;nnen. Sie soll vor allem verst&auml;ndlich sein, zweckm&auml;&szlig;ig, ad&auml;quat und begr&uuml;ndet. Sie darf nicht irref&uuml;hrend und manipulierend sein.<\/p>\n<p>Die IHRA-Definition besagt, Antisemitismus sei eine bestimmte Wahrnehmung. Antisemitismus ist jedoch keine Wahrnehmung, sondern ein Vorurteil, gleichbedeutend mit einer Falsch- oder Unwahrnehmung. Der Antisemitismus als Vorurteil pflegt Feindbilder, die sich einer rationalen Argumentation verweigern und deshalb die menschlichen Denk- und Handlungsm&ouml;glichkeiten einschr&auml;nken. Kern der irrationalen Voreingenommenheit ist das Feindbild &bdquo;Jude&ldquo;, gepaart mit m&ouml;rderischem Hass gegen &bdquo;die Juden&ldquo; aus dem einzigen Grund, weil sie &bdquo;Juden&ldquo; sind. Selbst dieses &bdquo;Jude&ldquo;-Sein unterliegt aus antisemitischer Sicht keiner begrifflichen Bestimmung und entspricht schon gar nicht dem Selbstbild der Betroffenen. Das antisemitische Vorurteil wird aus ideologisch motivierten Begr&uuml;ndungen &ndash; etwa Rasse, Gesch&auml;ftst&uuml;chtigkeit, Einfluss, Schmarotzertum und Weltherrschaftspl&auml;ne &ndash; abgeleitet.<\/p>\n<p>Mit anderen Worten: Der Antisemitismus ist eine Grundeinstellung, die im Sinne einer festen Meinung oder &Uuml;berzeugung zwar teilweise objektiv sein kann, aber vorurteilsbehaftet oder von Machtinteressen gest&uuml;tzt ist. Diese Grundeinstellung strukturiert formal die Apperzeption, beeinflusst sie inhaltlich und definiert sie. Sie ist immer auch subjektiv, ein interaktives Gemisch aus Affekten und Kognitionen. Letztere haben den Charakter von Rationalisierungen, die dazu beitragen, wo und wie auch immer entstandene Affekte zu &uuml;bertragen auf die daf&uuml;r scheinbar geeigneten, gegebenenfalls gesellschaftlich pr&auml;destinierten Personen oder Gegenst&auml;nde. Entsprechend ist die jeweilige &ldquo;Definition&rdquo; &auml;u&szlig;erst beliebig.<\/p>\n<p>Als Wahrnehmung wird beim Menschen der Vorgang bezeichnet, sinnliche Reize aufzunehmen und zu verarbeiten. (In der englischen Fassung der IHRA-Definition ist die Bedeutung der Formulierung &bdquo;perception&ldquo; nicht auf die Wahrnehmung sinnlicher Reize beschr&auml;nkt; das Wort kann auch eine Idee, eine Vorstellung oder Auffassung meinen.) Der in der deutschen &Uuml;bersetzung verwendete Terminus &ldquo;Wahrnehmung&rdquo; beschreibt ein Mit-den-Sinnen-Erfassen. Sinnlich erfasst wird z. B. ein Ger&auml;usch, ein Geruch, ein Geschmack, etwas Tast- oder Sichtbares. Die deutsche IHRA-Definition legt nahe, dass Juden wahrgenommen werden, d. h. dass man sie mit Hilfe der Sinneswahrnehmungen erkennt, als w&uuml;rde es eine objektiv wahrnehmbare Qualit&auml;t des Objekts der Wahrnehmung tats&auml;chlich geben. Hier wabert wom&ouml;glich ein rassistisches Vorurteil. Auch die Nazi-&bdquo;Rassenlehre&ldquo; hat Juden auf &auml;u&szlig;erliche Merkmale reduziert. Eine Definition des Antisemitismus, die sich aus sinnlicher Wahrnehmung speist, ist im Kern selbst vorurteilsbehaftet.<\/p>\n<p>Wenn, wie im vorliegenden Fall, definitorisch nicht nur von Wahrnehmung die Rede ist, sondern zus&auml;tzlich von einer bestimmten (!) Wahrnehmung &ndash; also von einer schlechthin antisemitischen &Uuml;berzeugung oder Grundeinstellung &ndash; dann stellt sich die Frage, wodurch die Wahrnehmung bestimmt ist, d. h. genau festgelegt, entschieden und gewiss. Darauf gibt die IHRA-Definition keine Antwort. Sie l&auml;sst offen, von welcher bestimmten Wahrnehmung die Rede ist. Insoweit ist sie ungenau und beliebig &ndash; also keine zweckm&auml;&szlig;ig brauchbare Definition mit intellektuell verbindlichem Anspruch.<\/p><\/li>\n<li><strong>Juden und Nichtjuden<\/strong>\n<p>Die Definition seitens der IHRA besagt, Antisemitismus sei eine bestimmte Wahrnehmung von Juden. Allein schon der Gebrauch des Genitivs ist uneindeutig und ambivalent. Es bleibt zun&auml;chst unklar, ob es sich um einen Genitivus objectivus handelt (&bdquo;Juden werden wahrgenommen&ldquo;) oder um einen Genitivus subjectivus (&bdquo;Juden nehmen etwas wahr&ldquo;).<\/p>\n<p>Angesichts dessen, was heute auf insistierende Weise als &bdquo;erweiterter Antisemitismusbegriff&ldquo; ins Feld gef&uuml;hrt wird (davon ist sp&auml;ter in Abschnitt 8.1 noch die Rede), k&ouml;nnte es sich um einen Genitivus subjectivus handeln: um eine Wahrnehmung des Antisemitismus, wie er durch Juden &ndash; m&ouml;glicherweise ebenfalls auf vorurteilshaft verzerrte Weise &ndash; aufgefasst und erlebt wird. Aus dem Nachsatz geht allerdings hervor, was gemeint sein soll: n&auml;mlich das Wahrgenommen-Werden von Juden (Genitivus objectivus) &ndash; wobei die Bezeichnung &bdquo;Juden&ldquo; nicht n&auml;her erl&auml;utert wird. Es bleibt den Lesenden &uuml;berlassen zu deuten, ob &bdquo;Juden&ldquo; sich auf die bekennenden Angeh&ouml;rigen der j&uuml;dischen Religionsgemeinschaft bezieht (orthodoxe Juden) oder auf liberale, nichtorthodoxe Personen j&uuml;dischen Glaubens oder j&uuml;discher Herkunft, Abstammung, Familienzugeh&ouml;rigkeit bzw. ob es sich um israelische Staatsb&uuml;rger\/innen handelt oder ob von den Get&ouml;teten des Genozids die Rede ist, denen von den Nazis rassistische Judenmerkmale zugeschrieben wurden.<\/p>\n<p>Sinnvoll w&auml;re es, in der Definition deutlich zu machen, dass &bdquo;den Juden&ldquo; im Rahmen des rassistischen Antisemitismus eine S&uuml;ndenbock-Rolle aufgeladen wurde und wird f&uuml;r all das, was wirtschaftlich und gesellschaftlich aus dem Ruder und schiefl&auml;uft. Vergleichbares widerf&auml;hrt &bdquo;den Moslems&ldquo; im Rahmen des Antiislamismus oder &bdquo;den Christgl&auml;ubigen&ldquo; in L&auml;ndern mit Christenverfolgung. Der rassistische Antisemitismus lenkt in unangemessen ideologischer Weise ab von den realen Widerspr&uuml;chen der politischen &Ouml;konomie, indem er deren Ursachen individualisiert (&bdquo;der Jude ist schuld&ldquo;) oder gruppenbezogen personalisiert (&bdquo;die Juden sind schuld&ldquo;). <\/p>\n<p>Umgekehrt verhindert das Antisemitismusverdikt aber auch einen empirischen Zugang zur tats&auml;chlichen Rolle und zum wirklichen Einfluss von Anh&auml;ngern religi&ouml;ser oder gesellschaftlicher Gruppen, zu denen nicht nur diejenigen geh&ouml;ren, die Adepten j&uuml;discher Gemeinschaften sind oder ihnen nahestehen. Eine empirische Untersuchung etwa des katholischen Opus Dei ist kein antikatholischer Akt, eine Studie &uuml;ber die Mafia in den USA kein antiitalienisches Projekt. Es muss m&ouml;glich und erlaubt sein, Macht- und Einflussstrukturen von Gruppen mit gesellschaftlichem oder religi&ouml;sem Hintergrund zu analysieren.<\/p><\/li>\n<li><strong>Antisemitismus ohne Antisemite<\/strong>\n<p>Um mit der deskriptiven Kritik der IHRA-Definition fortzufahren: Sie besagt, es handle sich um eine Wahrnehmung, die sich gegen&uuml;ber Juden ausdr&uuml;cken kann. Kann sich eine Wahrnehmung &uuml;berhaupt artikulieren? Ist eine Wahrnehmung f&auml;hig, sich zu &auml;u&szlig;ern? Ein wahrgenommenes Ger&auml;usch beispielsweise dr&uuml;ckt sich nicht aus. Es ist vielmehr selbst &lsquo;Ausdruck&rsquo; und Ergebnis von etwas &ndash; beispielsweise eines vorbeifahrenden Zuges, eines Hilferufs oder einer Explosion. Es bedarf also einer Person (eines Subjekts), die etwas wahrnimmt und das Wahrgenommene dann wiedergibt: ausdr&uuml;ckt, formuliert, in Worte fasst.<\/p>\n<p>Eine Wahrnehmung, die sich gegen&uuml;ber einer j&uuml;dischen Einzelperson oder der Personengruppe &bdquo;Juden&ldquo; ausdr&uuml;ckt, bedarf einer Vermittlung (z. B. mit Hilfe von Medien oder der Propaganda) bzw. eines die Wahrnehmung mitteilenden Subjekts, in unserem Zusammenhang also des bzw. der Antisemiten. W&uuml;rde sie unmittelbar erfolgen, ohne eine vermittelnde Instanz oder Person, w&auml;re das ein abstruser Vorgang: ein Antisemitismus ohne Antisemiten. Einen abstrakten Sachverhalt auf dieselbe Weise wie einen konkreten Akteur als handelnd bzw. vermittelnd einzuf&uuml;hren, wie es der Wortlaut der IHRA-Definition andeutet, ist eine widerspr&uuml;chliche Taschenspielerei, die eher vernebelt, als beizutragen zur Kl&auml;rung.<\/p><\/li>\n<li><strong>Das Ph&auml;nomen beschw&ouml;ren, aber die Ursachen vernachl&auml;ssigen<\/strong>\n<p>Die an dieser Stelle in der Definition verwendete Kann-Formulierung, dass Wahrnehmung sich ausdr&uuml;cken <strong>kann<\/strong>, impliziert verschiedene Bedeutungen. &ldquo;K&ouml;nnen&rdquo; meint so Unterschiedliches wie: (a) f&auml;hig und in der Lage sein (&bdquo;laufen k&ouml;nnen&ldquo;); (b) eine Sprache beherrschen (&bdquo;Hebr&auml;isch k&ouml;nnen&ldquo;); (c) die M&ouml;glichkeit haben (&bdquo;ein Studium aufnehmen k&ouml;nnen&ldquo;); (d) die Erlaubnis haben, etwas zu d&uuml;rfen (&bdquo;mit Billigung der Eltern einen Freund besuchen k&ouml;nnen&ldquo;); (e) m&ouml;glich oder denkbar sein (&bdquo;etwas kann sich ereignen&ldquo;).<\/p>\n<p>Gesetzt den Fall, dass &ndash; wie anzunehmen ist &ndash; Letzteres gemeint ist, stellt sich die Frage, unter welchen Bedingungen oder Voraussetzungen die M&ouml;glichkeit eines Ereignisses oder einer Entwicklung in Realit&auml;t umschl&auml;gt. Dar&uuml;ber gibt die IHRA-Definition keine Auskunft. Die sonstigen Bedeutungen lassen &ndash; falls sie denn gemeint sind &ndash; offen, wie die entsprechenden F&auml;higkeiten oder M&ouml;glichkeiten entstanden sind (und wie man ihr Entstehen oder ihre Ausbreitung verhindern kann).<\/p>\n<p>Das Fehlen einer Ursachenanalyse und die Ungenauigkeit der definitorisch unzweckm&auml;&szlig;igen Ausdrucksweise haben zur Folge, dass der Gedanke einer Ursachenbek&auml;mpfung oder begr&uuml;ndeten Pr&auml;vention des Antisemitismus gar nicht erst aufkommt. Antisemitismus erscheint als eine Art Naturereignis oder naturgegebenes Gesellschaftsph&auml;nomen, deren Entstehung im Dunkeln bleibt, aber auch nicht interessiert (siehe dazu die Schlussabschnitte 8.2 und 8.3). Dieser Mangel &ndash; man k&ouml;nnte fast meinen, dass die Vernachl&auml;ssigung der Ursachenforschung ein Zeichen daf&uuml;r ist, am weiteren Fortbestehen des Antisemitismus interessiert zu sein, nicht an der Befreiung von ihm &ndash; best&auml;tigt sich auch im Folgenden.<\/p><\/li>\n<li><strong>Abscheu statt Untersuchung<\/strong>\n<p>Antisemitismus, so hei&szlig;t es gem&auml;&szlig; IHRA-Definition, sei eine Wahrnehmung, die sich als Hass gegen&uuml;ber Juden ausdr&uuml;cken kann. Gemeint ist offenbar eine Einstellung gegen&uuml;ber &bdquo;den Juden&ldquo;, die sich nicht zuletzt als Hass zeigt. Hass wird in der Definition auf widersinnige Weise zum Ausdruck einer Wahrnehmung erkl&auml;rt. Hass ist jedoch eine irrationale Emotion, die sich in Form von prinzipieller Antipathie auswirken kann. Freilich l&auml;sst sich nicht jede Form einer radikalen Demonstration von Protest und Widerspruch zur&uuml;ckf&uuml;hren auf Hass. Auch an dieser Stelle bleibt die Definition unbestimmt.<\/p>\n<p>Die intensiven negativen Gef&uuml;hle des Hasses l&ouml;sen bei den Hassenden Abneigung und Verachtung aus. Sie zeigen sich in der Praxis als feindselige und aggressive Haltung. Diese Einstellung hat nichts mit angeblichen Wahrnehmungen zu tun. Es handelt sich um eine emotionale Attit&uuml;de bzw. eine psychische Disposition, deren Genese nicht auf Wahrnehmungen zur&uuml;ckgeht, sondern auf &ouml;konomisch verursachte, gesellschaftlich ausgel&ouml;ste und psychodynamisch bearbeitete Beweggr&uuml;nde, die zu benennen (und zu bearbeiten) w&auml;ren.<\/p>\n<p>Bei der Art von ph&auml;nomenologischer Definition, wie sie von der IHRA vertreten wird, geht es definitiv nicht um Ursachenanalyse und -bek&auml;mpfung, sondern um die Horrifizierung des als Wahrnehmungsph&auml;nomen klassifizierten Definitionsgegenstandes, der sich beim rassistischen Antisemitismus als Hass &auml;u&szlig;ert. Die tieferen Wurzeln des Antisemitismus bleiben im Dunkeln &ndash; und das sollen sie wohl auch, und zwar sowohl bei den Bef&uuml;rwortern des Antisemitismus als auch bei den Antisemitismus-Gegnern. Letztere begreifen ebenso wenig wie die Erstgenannten, dass es sich beim Antisemiten um ein gesellschaftliches Ph&auml;nomen handelt.<\/p><\/li>\n<li><strong>Die Adressaten des IHRA-Antisemitismus<\/strong>\n<p>Der Antisemitismus gem&auml;&szlig; IHRA-Definition richtet sich gegen &hellip; . Diese Aussage ist &ndash; von der irrigen Personifizierung des Generalbegriffs einmal abgesehen (&bdquo;der Antisemitismus richtet sich &hellip;&ldquo;) &ndash; weitgehend korrekt. Gem&auml;&szlig; der griechischen Vorsilbe &bdquo;anti&ldquo; (d. h. gegen) besagt die Worterkl&auml;rung, dass das antisemitische Vorurteil gegen etwas gerichtet ist, n&auml;mlich (und hier wird die Definition in gef&auml;hrlicher Weise un&uuml;bersichtlich sowie auf fatale Weise beliebig und manipulativ) &hellip;<\/p>\n<p><strong>&hellip; gegen &hellip; Einzelpersonen &hellip; und\/oder<\/strong> (gegen) <strong>deren Eigentum &hellip; sowie gegen &hellip; Gemeindeinstitutionen und &hellip; Einrichtungen<\/strong>. Die Definition des durch das Suffix &ldquo;-ismus&rdquo; in p&ouml;nalisierender Absicht bezeichneten Begriffs benennt verschiedene Gruppen und Arten von Adressaten der antisemitischen Gegnerschaft, n&auml;mlich (a.) Personen, (b.) deren Eigentum (d. h. einen Rechtstitel) sowie (c.) Institutionen und (d.) Organisationen.<\/p>\n<ol type=\"a\">\n<li>Die personenbezogene Gegnerschaft richtet sich <strong>gegen j&uuml;dische oder nichtj&uuml;dische Einzelpersonen<\/strong>. Diese Definition liefert keinen Anhaltspunkt zur Unterscheidung zwischen j&uuml;dischen und nichtj&uuml;dischen Einzelpersonen. Es bleibt ungekl&auml;rt und daher unbegreiflich, warum und auf welche Weise einzelne Nicht-Juden zur Angriffsfl&auml;che antisemitischen Hasses werden.<\/li>\n<li>Die sachbezogene Gegnerschaft <strong>gegen<\/strong> den <strong>Eigentum<\/strong>stitel, auf den sich &bdquo;j&uuml;dische und nichtj&uuml;dische Einzelpersonen&ldquo; berufen k&ouml;nnen, bleibt vage. Handelt es sich dabei um Sachbesch&auml;digung, Zerst&ouml;rung, Diebstahl, Raub oder die staatliche Konfiszierung von Eigentum? Ist angesichts der Beliebigkeit, die in der ungenauen Formulierung der Definition angelegt ist, nicht bereits auch die Kritik am Eigentum und an seiner Verwendung ein Zeichen von antisemitischer Gegnerschaft, etwa die Kritik an verschwenderischem Luxus oder an problematischen Investitionen, z. B. beim Bau von Atomkraftwerken, in die R&uuml;stungsindustrie oder bei ethisch fragw&uuml;rdigen Forschungsprojekten? Die Definition unterscheidet auch nicht hinsichtlich der Schwere sachbezogener Gegnerschaft und sie differenziert ebenso wenig, ob die Gegnerschaft von Individuen ausgeht, von einer Gruppe oder vom Staat.<\/li>\n<li>Die erw&auml;hnte Gegnerschaft <strong>gegen j&uuml;dische Gemeindeinstitutionen oder religi&ouml;se Einrichtungen<\/strong> l&auml;sst erstens offen, ob sie von Privaten oder vom Staat ausgeht, und zweitens, ob jegliche Gegnerschaft gemeint sein soll (z. B. die Beschwerde von Nachbarn gegen den Kinderl&auml;rm einer Kita in j&uuml;discher Tr&auml;gerschaft).<\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<li><strong>&bdquo;Wort <em>oder<\/em> Tat&ldquo; statt &bdquo;Wort <em>und<\/em> Tat&ldquo;<\/strong>\n<p>Die antisemitische Gegnerschaft &auml;u&szlig;ert sich nach Ma&szlig;gabe der IHRA-Definition <strong>in Wort oder Tat<\/strong>. Hier f&auml;llt ein gravierender Unterschied zwischen der englischen Fassung und der deutschen &Uuml;bersetzung ins Auge. Im Englischen ist von &bdquo;rhetorical and physical manifestations&ldquo; die Rede, im Deutschen hingegen von einer Gegnerschaft in Wort oder Tat.<\/p>\n<p>Die englische Version kann in der Weise verstanden werden, dass sich die antisemitische Gegnerschaft in doppelter Weise zeigt, sowohl rhetorisch (&ldquo;in Worten&rdquo;) als auch handelnd (&ldquo;in Taten&rdquo;). Die deutsche &Uuml;bersetzung legt nahe, dass eine m&uuml;ndliche bzw. schriftliche &Auml;u&szlig;erung, die sich gegen die in der IHRA-Definition genannten Personen oder Institutionen richtet, in derselben Weise zu ahnden ist wie eine gegen sie gerichtete Handlung. Eine antisemitische &Auml;u&szlig;erung oder Gesinnung wird mit einem antisemitischen Akt gleichgesetzt.<\/p>\n<p>Das ist einer der Anl&auml;sse, um die in Deutschland grundrechtlich verb&uuml;rgte Meinungsfreiheit zu beschneiden bzw. eine entsprechende Meinungs&auml;u&szlig;erung dadurch zu unterbinden, dass ihr der Zugang zu &ouml;ffentlichen R&auml;umen verwehrt wird &ndash; wie es j&uuml;ngst erneut der Fall war anl&auml;sslich der Verleihung des G&ouml;ttinger Friedenspreises an den Verein &ldquo;J&uuml;dische Stimme f&uuml;r gerechten Frieden in Nahost&rdquo; (zur Vielzahl anderer Beispiele siehe Johannes Feest: Israelkritik und Antisemitismusvorwurf. Veranstaltungsverbote als Problem der Meinungsfreiheit; in: Vorg&auml;nge 220, 56. Jg., 4\/2017, S. 117-126). Auf diese Weise wird einer vordemokratischen Gesinnungspr&uuml;fung der Weg gebahnt, statt am Grundsatz der Rechtsprechung durch eine unabh&auml;ngige Justiz festzuhalten.<\/p><\/li>\n<li><strong>Fazit <\/strong>\n<ul>\n<li><strong>8.1 Brandmarkung statt Forschung, Maulkorb statt Aufkl&auml;rung und Pr&auml;vention<\/strong>\n<p>Die Arbeitsdefinition der IHRA ist mangelhaft und daher unbrauchbar, ja sogar gef&auml;hrlich. Ihr zufolge speist sich der Antisemitismus aus sinnlicher Wahrnehmung. Eine solche Erkl&auml;rung ist strukturell selbst antisemitisch. Die IHRA ergeht sich &bdquo;per definitionem&ldquo; in einem selbstwiderspr&uuml;chlichen Autismus. Sie benennt weder die Tr&auml;ger, Vermittler und handelnden Akteure des Antisemitismus, noch erw&auml;hnt sie dessen gesellschaftliche und sozialpsychologische Entstehungszusammenh&auml;nge. Das Ph&auml;nomen Antisemitismus wird horrifiziert, nicht definiert. Eine Definition w&uuml;rde es erlauben, die spezifische Erscheinungsform zu bestimmen und Abweichungen davon zu unterscheiden. Sie w&uuml;rde es erlauben, der Frage nach den Wurzeln und der Ausbreitung des Antisemitismus nachzugehen, um auf dieser Grundlage gegebenenfalls p&auml;dagogisch aufzukl&auml;ren und vorzubeugen.<\/p>\n<p>Der Adressatenkreis antisemitischer Gegnerschaft wird nicht definitorisch eingegrenzt, sondern definitiv ausgeweitet, so dass heute in irref&uuml;hrender Weise auch der Staat Israel als Zielscheibe und Opfer des Antisemitismus figuriert: &bdquo;als j&uuml;disches Kollektiv&ldquo; (siehe den dritten Satz der IHRA-Definition: &ldquo;Dar&uuml;ber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als j&uuml;disches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein.&ldquo;). Da der israelische Staat sich als &bdquo;j&uuml;discher Staat&ldquo; versteht, kann jeder Einwand gegen dieses Konzept zugleich als antisemitische Fundamentalkritik am Staat Israel verstanden und verurteilt werden.<\/p>\n<p>W&auml;hrend das antisemitische Vorurteil rassistischer Pr&auml;gung sowohl j&uuml;dische Individuen als auch die gesellschaftliche Minderheit der &ldquo;Juden&rdquo; betraf und betrifft, wird mit Hilfe der IHRA-Definition die Regierung der j&uuml;dischen Mehrheitsgesellschaft Israels in Schutz genommen und zum Tabu erkl&auml;rt. Damit wird der auf solche Weise erweiterte Antisemitismusbegriff zu einem Instrument der Manipulation seitens derjenigen, die ein Interesse an der Immunit&auml;t israelischer Regierungs-, Milit&auml;r- und Besatzungspolitik haben &ndash; oder die, wie nicht zuletzt die Regierung der Bundesrepublik Deutschland, ein Interesse haben an Waffenlieferungen nach Israel und an der milit&auml;rischen Zusammenarbeit mit der israelischen Besatzungsarmee.<\/p>\n<p>Die staatliche bzw. religionsstaatliche Erweiterung des Antisemitismusbegriffs wird nicht sachlich begr&uuml;ndet, sondern behauptet und &ndash; mit Verweis auf die rund sechs Millionen gemeuchelter Juden &ndash; in moralisierender Weise beschworen. Moral, Irrationalismus und Gewalt ergeben eine explosive Mischung, und das in t&uuml;ckischer Berufung auf die Get&ouml;teten in den Konzentrationslagern. Somit erlangen Antisemitismusvorwurf und -anschuldigung einen gef&auml;hrlichen Stellenwert in der politischen Auseinandersetzung. Es entsteht ein neues Schm&auml;h- und Feindbild, gegen das sich zur Wehr zu setzen als angebliches Beweismittel gilt: der &bdquo;Antisemitismus&ldquo;.<\/p>\n<p>Der Vorwurf des &bdquo;Antisemitismus&ldquo; erweiterter Art hat &ndash; gewollt oder ungewollt &ndash; die Normalisierung des antisemitischen Rassismus zur Folge. Er dient einerseits der Verdr&auml;ngung der wahren Ursachen, zu denen auch der Klassenwiderspruch z&auml;hlt, und andererseits als paradoxe Verd&auml;chtigung zur Stigmatisierung, als ideologischer Maulkorb. Die IHRA-Definition gilt als Nonplusultra einer Begriffsbestimmung des Antisemitismus und blendet daher die Notwendigkeit von wissenschaftlicher Forschung, gesellschaftlicher Pr&auml;vention, historischer Aufkl&auml;rung und humanistischer P&auml;dagogik im Hinblick auf den rassistischen Antisemitismus weitgehend aus. Doch wem n&uuml;tzt das?<\/p><\/li>\n<li><strong>8.2 Widerspr&uuml;che der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung werden verschleiert<\/strong>\n<p>Der Gebrauch des Terminus Antisemitismus dient heute, wie die Erfahrung zeigt, nicht zuletzt der Entstellung und Brandmarkung von Kritik, vor allem der Kritik aus progressiver und pazifistischer Perspektive. Dabei ger&auml;t die entschiedene Verurteilung sowohl der rassistischen Instrumentalisierung des Antisemitismus in den Zwangsarbeitslagern und der Vernichtungsindustrie der NS-Diktatur bzw. der Wiederkehr faschistischer Regierungsmehrheiten in Europa in den Hintergrund. Nicht zuletzt vernebelt der auf dem erweiterten Begriffsverst&auml;ndnis fu&szlig;ende Antisemitismusvorwurf &ndash; wie auch schon der klassische Rasse-Antisemitismus &ndash; die Widerspr&uuml;che der kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, wie sie im gegenw&auml;rtigen Stadium des globalen Imperialismus erneut virulent sind.<\/p>\n<p>Die Ablenkungs- und Vertuschungsfunktion des rassistischen Antisemitismus auf der einen Seite und des ganz anders gearteten, &ldquo;antideutsch&rdquo; argumentierenden Antisemitismusvorwurfs gegen Kritik an Netanjahu und den Bankstern der Wallstreet andererseits erkl&auml;rt, warum sich sowohl das Europaparlament als auch die Bundesregierung die irref&uuml;hrende IHRA-Definition zu eigen gemacht haben. Ausgestattet mit dem Instrument einer undemokratischen und manipulativen Begriffsdefinition, wurden in Deutschland von der Bundesregierung und einer Reihe von Landesregierungen Antisemitismus-Beauftragte berufen. Ihr skandalisierendes Wirken lenkt die &Ouml;ffentlichkeit ab von den gesellschaftlichen Widerspr&uuml;chen, politischen Konflikten und &ouml;konomischen Krisen: u. a. von wachsender Armut und Verelendung, vom Vertrauensverlust unter den Verb&uuml;ndeten, von der europaweiten Refaschisierung und den Banken-&ldquo;Rettungsschirmen&rdquo; auf Kosten der Steuerzahler und Kleinen Leute.<\/p><\/li>\n<li><strong>8.3 Ein Instrument zur Schuldabwehr und zur gesellschaftlichen Spaltung<\/strong>\n<p>Ein weiterer Grund f&uuml;r die politische N&uuml;tzlichkeit der IHRA-Definition ist zu nennen: Beide Formen des Antisemitismus &ndash; der rassistische, welcher &bdquo;die Juden&ldquo; irrational angreift, ebenso wie der erweiterte, welcher zum Zweck der Verdr&auml;ngung, Verd&auml;chtigung und stillschweigender Komplizenschaft instrumentalisiert wird &ndash; dienen der gesellschaftlichen Spaltung. Der rassistische Antisemitismus spaltete und spaltet die Gesellschaft in eine j&uuml;dische Minderheit und eine nicht-j&uuml;dische (&ldquo;arisch-reinrassige&rdquo;) Mehrheit.<\/p>\n<p>Der erweiterte Begriff des Antisemitismus spaltet die Gesellschaft ebenfalls: in die Minderheit derjenigen, welche sich der per Staatsraison proklamierten und von den j&uuml;dischen Kultusgemeinden in Deutschland unterst&uuml;tzten Tabuisierung israelischer Politik nicht beugen, und die gro&szlig;e Mehrheit jener Deutschen, welche sich im kollektiven Unterbewusstsein Vers&ouml;hnung und Entlastung versprechen von den seit Kriegsende verdr&auml;ngten und nicht betrauerten Schuldgef&uuml;hlen. Indem sie Israel als &bdquo;j&uuml;disches Kollektiv&ldquo; in der Tradition der Verfolgungsgeschichte von Juden im Dritten Reich zu verstehen meinen, entheben sie den israelischen Staat und die Politik der israelischen Regierung jeder Kritik und der Verantwortung f&uuml;r ihr Handeln gegen&uuml;ber den entrechteten Pal&auml;stinensern.<\/p>\n<p>So wie ihre V&auml;ter und Gro&szlig;v&auml;ter behaupteten, von den Naziverbrechen nichts gewusst zu haben, so wollen sie von der politischen Realit&auml;t im Nahen Osten nichts wissen und die dort herrschende Politik nicht zur Kenntnis nehmen. Was sich in Israel und Pal&auml;stina t&auml;glich abspielt, entlastet sie von der eigenen historischen Schuld. Deshalb wird auch jeder Vergleich bereits im Ansatz als &ldquo;antisemitisch&rdquo; abgeblockt, und zwar sowohl aus deutscher als auch mehrheitlich aus israelischer und j&uuml;discher Sicht.<\/p>\n<p>Ein solcher Vergleich, der durchaus keine Gleichsetzung bedeutet, gilt als schwerer Regelversto&szlig;, weil er die verbrecherische Politik der Nazi-Vergangenheit und ihrer Folgen vor Augen f&uuml;hren w&uuml;rde. Die Sprachregelung und Begriffsakrobatik in Sachen Antisemitismus hilft den angeblichen Freunden Israels dar&uuml;ber hinweg, aus &ldquo;Unf&auml;higkeit zu trauern&rdquo; (Alexander und Margarete Mitscherlich), nicht in der Lage zu sein, sich bewusst &ndash; nicht in schuldbehafteter Verdr&auml;ngung &ndash; der historischen Erfahrung des Faschismus zu stellen und der Tatsache seiner Wiederkehr zu widerstehen.<\/p><\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ol><p>Titelbild: Fidan Farajullayeva\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim &bdquo;Antisemitismus-Streit&ldquo; innerhalb der britischen Labour-Partei ging es am Ende auch um die Frage: Wie ist Antisemitismus eigentlich definiert? Den Gegnern von Parteichef Corbyn kam da die Antisemitismus-Definition der International Holocaust Rememberance Alliance (IHRA) <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45356\">sehr gelegen<\/a>. Diese &bdquo;Definition&ldquo; ist international umstritten &ndash; vor allem linke j&uuml;dische Verb&auml;nde &auml;u&szlig;erten bereits <a href=\"https:\/\/electronicintifada.net\/blogs\/asa-winstanley\/calling-israel-racist-isnt-anti-semitic-rules-uk-labour\">massive Kritik<\/a>. Auch in<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54087\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":54093,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[88,11],"tags":[1289,1557,1865,826,2299,2374,827],"class_list":["post-54087","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-antisemitismus","category-strategien-der-meinungsmache","tag-holocaust","tag-israel","tag-meinungsfreiheit","tag-rassismus","tag-sprachkritik","tag-staatsraeson","tag-stigmatisierung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/shutterstock_788704204.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/54087","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=54087"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/54087\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":54094,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/54087\/revisions\/54094"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/54093"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=54087"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=54087"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=54087"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}