{"id":54095,"date":"2019-08-12T13:33:01","date_gmt":"2019-08-12T11:33:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54095"},"modified":"2019-08-12T14:46:26","modified_gmt":"2019-08-12T12:46:26","slug":"krimi-flut-im-oeffentlich-rechtlichen-fernsehen-und-ihre-folgen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54095","title":{"rendered":"Krimi-Flut im \u00f6ffentlich-rechtlichen Fernsehen und ihre Folgen"},"content":{"rendered":"<p>Deutschland schaut Tatort. Jeden Sonntagabend. Seit Jahrzehnten mit nicht nachlassender Begeisterung. Aber nicht nur das. Bl&auml;ttert man durch Programmzeitschriften, sieht man, dass Krimibegeisterte sogar t&auml;glich bedient werden, an manchen Tagen auch mehrmals. Da ermitteln SOKOS in Leipzig und in Stuttgart, jagen bayrische, t&uuml;rkische, franz&ouml;sische, italienische Ermittler die zahlreich mordenden Verbrecher bereits ab den fr&uuml;hen Abendstunden. Sie sind immer erfolgreich, meist im Team, gerne auch mal als Einzelk&auml;mpfer. Wozu dieses &uuml;berbordende Angebot? Ist die Nachfrage so hoch oder sind die Programmverantwortlichen nur sehr einfallslos? <strong>Anette Sorg<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWill man dem kanadischen Experimentalpsychologen und Linguisten Steven Pinker <a href=\"https:\/\/www.goethe.de\/ins\/cz\/de\/kul\/the\/kri\/21312896.html\">Glauben schenken<\/a>, &bdquo;ist unser Alltag heutzutage viel gewaltloser als in fr&uuml;heren Epochen&ldquo;. In seinem Werk&nbsp;<em><strong>Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit<\/strong><\/em>&nbsp;stellt er die These auf, dass sich die Gewalt im Laufe der Menschheitsgeschichte deutlich verringert hat und wir Gewalt zelebrieren, weil wir sie im wahren Leben vermissen. &bdquo;Fanden im Mittelalter noch &ouml;ffentliche Hinrichtungen als Spektakel statt, so wenden wir uns heute einer fiktiven Leichenschau zu.&ldquo;<\/p><p>In der Tat sinkt die Zahl der j&auml;hrlichen Mordopfer. 2017 waren es deutschlandweit <a href=\"https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/2229\/umfrage\/mordopfer-in-deutschland-entwicklung-seit-1987\/\">&bdquo;nur&ldquo; 405 Menschen<\/a>, ungleich weniger als die vielen geschriebenen und verfilmten Krimis vermuten lassen. Selbst wenn man die Totschlagsopfer mitrechnet, waren es &bdquo;nur&ldquo; 731.<\/p><p>Aber l&auml;sst sich der Zustand einer Gesellschaft und ihrer Gewaltbereitschaft allein am R&uuml;ckgang der Opfer von Gewaltverbrechen verl&auml;sslich beschreiben? Und w&auml;ren demnach Krimis nur ein Zerrbild unserer Wirklichkeit und die Krimi-Konsumenten w&auml;ren sich dessen bewusst und freuten sich nach jedem gel&ouml;sten Fernsehfall, dass die Realit&auml;t eine ganz andere ist? Oder hat die Krimi-Flut auch noch andere Funktionen und Wirkungen?<\/p><p>Medienpsychologen, Hirnforscher, Programmbeir&auml;te oder Soziologen werden diese Frage jeweils unterschiedlich beantworten. Eine interessante Ann&auml;herung hat sich der Journalist Frank Zeller Anfang des Jahres <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/medien\/fernsehen-krimis-gesellschaft-1.4275443\">in der S&uuml;ddeutschen getraut<\/a>. Er sucht Parallelen der heutigen Fernsehlandschaft mit einem vergleichbaren Massenmedium der Weimarer Zeit, dem Kino. <\/p><p>Ich teile seine Einsch&auml;tzung, wenn er schreibt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Nat&uuml;rlich ist nichts dagegen einzuwenden, dass Filme die d&uuml;steren Seiten einer Gesellschaft erforschen, ganz im Gegenteil. Doch die Masse deutscher TV-Krimis hat sich l&auml;ngst zu einem schematisch produzierten Mainstream entwickelt. Anstatt von den Schattenseiten des Lebens zu erz&auml;hlen, ist die vulg&auml;re Tendenz entstanden, &uuml;berall nur das Verderbte zu entdecken. Die Welt der Tatorte, der Sokos, Polizeirufe, der Teams f&uuml;r Zwei, der Rentnercops und wie sie alle hei&szlig;en ist ein gewohnheitsgesteuertes Universum herbeifantasierter, b&ouml;ser Machenschaften, voll von Pessimismus und Aggression. Charme, Gro&szlig;z&uuml;gigkeit und Offenheit, Spa&szlig; an der menschlichen Diversit&auml;t oder sogar Humor haben hier wenig&nbsp;Platz.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Es stellt sich die Frage, woher die gro&szlig;e Toleranz gegen&uuml;ber der Darstellung von Gewalt in den Medien seitens der Programmmacher als auch seitens der Fernsehkonsumenten r&uuml;hrt.<\/p><p>Sollen wir vielleicht mittels der vielf&auml;ltigen fiktiven Gewaltdarstellungen abgestumpft werden gegen&uuml;ber den sehr realen Gewaltdarstellungen in den mannigfachen kriegerischen Auseinandersetzungen auf unserem Planeten?<\/p><p>Was fasziniert uns an den Erz&auml;hlstr&auml;ngen? Wird in Krimis die Welt f&uuml;r uns geordnet, wo sie sonst so wenig berechenbar zu sein scheint? Wird klar zwischen Gut und B&ouml;se, moralisch verwerflich oder moralisch integer differenziert? Siegt immer &ndash; verl&auml;sslich und sehr beruhigend &ndash; die staatliche Gewalt in Gestalt der Ermittler &uuml;ber das &bdquo;B&ouml;se&ldquo;? <\/p><p>Sind es diese Funktionen, die uns &ndash; neben all dem Nervenkitzel &ndash; letztlich ein gutes Gef&uuml;hl verschaffen sollen?<\/p><p>Wir sollten uns in diesem Zusammenhang wieder einmal intensiv Gedanken dar&uuml;ber machen, welche Auswirkungen der (unkontrollierte) Konsum von Gewaltmedienprodukten auf uns und insbesondere auf unsere Kinder und Jugendlichen hat. Wer t&auml;glich Gewalt im Vorabendprogramm sendet, nimmt doch billigend in Kauf, dass diese auch von Pubertierenden oder sogar Kindern gesehen werden.<\/p><p>Die Sozialpsychologin Barbara Krah&eacute; <a href=\"https:\/\/www.pnn.de\/wissenschaft\/gewalt-im-fernsehen-macht-aggressiv\/21699250.html\">vermutet<\/a>, dass dadurch die allt&auml;gliche Gewalt (z.B. auf den Schulh&ouml;fen) zunimmt, dass sich Menschen schneller provozieren lassen, dem Gegen&uuml;ber schneller feindselige Absichten unterstellen und insgesamt weniger einf&uuml;hlsam, weniger hilfsbereit sind. <\/p><p>Ein weiterer wichtiger Aspekt scheint mir auch, dass es nicht allen Konsumenten immer gelingt, Fiktion von Realit&auml;t zu trennen. Das hei&szlig;t, manche nehmen ihre Umwelt bedrohlicher wahr, als sie tats&auml;chlich ist. Dies beeinflusst sicher die Art der Reaktion und f&uuml;hrt gegebenenfalls zu einer Art &Uuml;berreaktion, einer h&auml;ufig unangemessenen Aggression.<\/p><p>Eine zunehmende Verrohung unserer Gesellschaft kann wahrgenommen werden. Schon l&auml;nger beobachte nicht nur ich eine zunehmende Kaltschn&auml;uzigkeit, einen zunehmenden Egoismus, eine niedrigere Frustrationstoleranz. Diese Beobachtungen haben sicher viel mit der politisch gewollten, zunehmenden Entsolidarisierung unserer Gesellschaft zu tun, die wir dem Neoliberalismus zu verdanken haben. Welchen (hilfreichen?) Beitrag hierzu Gewaltexzesse in Form von Dutzenden von Krimiformaten leisten, ist noch nicht ausreichend diskutiert und erforscht. Ein mulmiges Gef&uuml;hl bleibt jedenfalls. Interessant w&auml;re es zu erfahren, ob solche Diskussionen z.B. in den Programmbeir&auml;ten gef&uuml;hrt werden. Ob sie sich dort ihrer Verantwortung bewusst sind. Im Jahr 2019 besch&auml;ftigt sich das 9-k&ouml;pfige Gremium der ARD jedenfalls mit anderen Themen. <a href=\"https:\/\/www.daserste.de\/ueber-uns\/organisation-struktur\/ard-programmbeirat\/sitzungen\/index.html\">Siehe hier<\/a>. Mit den Wirkungen oder Nicht-Wirkungen der Rundfunk- und Fernsehr&auml;te, die daf&uuml;r Sorge tragen sollen, dass der Sender seine ihm gesetzlich &uuml;bertragenen Aufgaben erf&uuml;llt und die Einhaltung der Programmgrunds&auml;tze und der dazu erlassenen Richtlinien &uuml;berwachen soll, besch&auml;ftigt sich <a href=\"https:\/\/www.boell.de\/de\/2017\/04\/27\/rundfunkraete-wozu\">dieser Artikel<\/a>.<\/p><p><a href=\"https:\/\/www.die-medienanstalten.de\/fileadmin\/user_upload\/Rechtsgrundlagen\/Gesetze_Staatsvertraege\/Rundfunkstaatsvertrag_RStV.pdf\">Laut Rundfunkstaatsvertrag (&sect; 11 e Absatz 2)<\/a>  haben die &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten alle zwei Jahre einen Bericht &uuml;ber ihre Arbeit und Perspektiven herauszugeben.<\/p><p>Im Netz habe ich einen solchen Bericht <a href=\"https:\/\/www.daserste.de\/specials\/ueber-uns\/telemedien-bericht-2015-2016-ard-leitlinien-2017-2018-100.pdf\">relativ z&uuml;gig finden k&ouml;nnen (von der ARD von 2015\/2016)<\/a>. Das magere Format (46 Seiten f&uuml;r einen Bericht &uuml;ber einen Zeitraum von zwei Jahren und einer Vorschau auf die n&auml;chsten beiden Jahre!) l&auml;sst vermuten, dass man solche l&auml;stigen Diskussionen dort nicht f&uuml;hrt. Zum Thema Krimis in der ARD sind lediglich folgende zwei Abs&auml;tze zu lesen:<\/p><blockquote><p>\nBericht 2015\/2016<\/p>\n<p>&bdquo;Tatort&ldquo;, die beliebteste Krimireihe im deutschen Fernsehen, feierte 2016 ihre tausendste Folge. Zum Jubil&auml;um gab es nicht nur eine TV-Dokumentation, die auf die Erfolgsgeschichte zur&uuml;ckblickt, sondern auch ein umfangreiches Web-Special mit Mitmachaktionen f&uuml;r die Fans und Social TV. Am 27. Juni 1971 ging erstmals das Ermittlerteam des &bdquo;Polizeiruf 110&ldquo; auf Verbrecherjagd, damals noch im DDR-Fernsehen DFF. 2016 feierte die Krimireihe, die als ostdeutsches Pendant zum &bdquo;Tatort&ldquo; gestartet war, ihr 45-j&auml;hriges Bestehen. Zum Jubil&auml;um widmete ihr DasErste.de ein Special mit Quiz und Bildergalerie, Interviews und Berichten zum Fall &bdquo;Endstation&ldquo; (MDR\/Magdeburg) und Backstage-Videos.\n<\/p><\/blockquote><p>Und<\/p><blockquote><p>\nLeitlinien 2017\/2018<\/p>\n<p>Unterhaltung: &bdquo;Babylon Berlin&ldquo; hei&szlig;t das gemeinsame Serienprojekt von ARD und Sky. Derzeit werden zwei Staffeln &agrave; acht Folgen mit je 45 Minuten produziert. &bdquo;Babylon Berlin&ldquo; zeigt opulent auf Basis der erfolgreichen Bestsellerreihe von Volker Kutscher um Kommissar Gereon Rath, der im Berlin der 1920er-Jahre ermittelt, das gesamte Panoptikum der Stadt zwischen Drogen und Politik, Mord und Kunst, Emanzipation und Extremismus. Regie f&uuml;hrt Tom Tykwer. &bdquo;Babylon Berlin&ldquo; ist das aufw&auml;ndigste deutsche TV-Serienprojekt&hellip;\n<\/p><\/blockquote><p>Wenn in diesen Gremien die Diskussionen um m&ouml;gliche Auswirkungen offensichtlich nicht gef&uuml;hrt werden, m&uuml;ssen sie anderswo gef&uuml;hrt werden. Wir sind gespannt, Ihre Meinung zu diesem Themenkomplex, zu den aufgeworfenen Fragen und Vermutungen zu erfahren.\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<\/p><p><strong>&Uuml;brigens:<\/strong> Wenn man sich vergegenw&auml;rtigt, wie d&uuml;rftig die Besch&auml;ftigung der ARD mit den gesellschaftlichen Auswirkungen ihrer Programminhalte  ausf&auml;llt, muss man zwingend fragen,  ob dieses Medium damit nicht das Recht verwirkt, sich &uuml;ber andere Medien zu erheben und sie zu beurteilen, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38121\">wie sie das u.a. mit dem &bdquo;Faktenfinder&ldquo; tut<\/a>.<\/p><p>Titelbild: Fer Gregory \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschland schaut Tatort. Jeden Sonntagabend. Seit Jahrzehnten mit nicht nachlassender Begeisterung. Aber nicht nur das. Bl&auml;ttert man durch Programmzeitschriften, sieht man, dass Krimibegeisterte sogar t&auml;glich bedient werden, an manchen Tagen auch mehrmals. 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