{"id":54136,"date":"2019-08-14T10:00:20","date_gmt":"2019-08-14T08:00:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54136"},"modified":"2026-01-27T11:33:29","modified_gmt":"2026-01-27T10:33:29","slug":"andreas-aust-arme-familien-sind-hoffnungslos-abgehaengt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54136","title":{"rendered":"Andreas Aust: \u201eArme Familien sind hoffnungslos abgeh\u00e4ngt\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Soziale Ungleichheit eind&auml;mmen und fokussierte Bek&auml;mpfung der Einkommensarmut von Familien ist nicht die Priorit&auml;t dieser Bundesregierung&ldquo;, sagt <strong>Andreas Aust<\/strong>, Referent beim Parit&auml;tischen Gesamtverband, im Interview mit den NachDenkSeiten. Hintergrund ist eine aktuelle <a href=\"https:\/\/www.der-paritaetische.de\/publikation\/expertise-verschlossene-tueren\/\">Studie<\/a> vom Parit&auml;tischen, wonach in Deutschland jedes f&uuml;nfte Kind oder Jugendlicher in Armut lebt. Ein Interview mit dem Autor der Studie &uuml;ber Kinderarmut, die Auswirkungen f&uuml;r die Betroffenen und die M&ouml;glichkeiten, den Armutsverh&auml;ltnissen entgegenzuwirken. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5081\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-54136-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190814_Andreas_Aust_Arme_Familien_sind_hoffnungslos_abgehaengt_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190814_Andreas_Aust_Arme_Familien_sind_hoffnungslos_abgehaengt_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190814_Andreas_Aust_Arme_Familien_sind_hoffnungslos_abgehaengt_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190814_Andreas_Aust_Arme_Familien_sind_hoffnungslos_abgehaengt_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=54136-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190814_Andreas_Aust_Arme_Familien_sind_hoffnungslos_abgehaengt_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"190814_Andreas_Aust_Arme_Familien_sind_hoffnungslos_abgehaengt_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Aust, es gibt Kinder in Deutschland, die sind ziemlich <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40864\">arm<\/a> dran. Das Geld in ihren Familien reicht nicht aus, dass die Kinder am Leben teilhaben k&ouml;nnen. Wie kann das sein?<\/strong><\/p><p>In den Armutsberichten des Parit&auml;tischen stellen wir regelm&auml;&szlig;ig heraus, dass der gesellschaftliche Reichtum sehr ungleich verteilt ist. Seit mehreren Jahren entwickelt sich nunmehr die Wirtschaft in Deutschland ausgesprochen positiv. Auch die Besch&auml;ftigung nimmt zu und die offene Erwerbslosigkeit nimmt ab. Infolgedessen m&uuml;sste eigentlich auch die Armut abnehmen, weil mehr Menschen bezahlter Erwerbsarbeit nachgehen. Dies passiert aber nicht. Die Armut in Deutschland nimmt im Gegenteil zu. Im besten Fall stagniert diese Entwicklung zwischenzeitlich. In der l&auml;ngeren Perspektive ist aber der Anstieg der Armut nicht zu leugnen. Kinder sind von dieser Entwicklung besonders betroffen.<\/p><p><strong>Warum ist das so?<\/strong><\/p><p>Weil die finanziellen Bedarfe mit der Anzahl der Kinder steigen, die Einkommen der Haushalte aber nicht in der analogen Art und Weise.<\/p><p><strong>Anders gesagt: Wer mehr Kinder hat, bekommt keinen h&ouml;heren Lohn.<\/strong><\/p><p>Richtig. Und der Familienlastenausgleich gleicht zwar mit Kinderfreibetr&auml;gen und Kindergeld ein wenig aus, aber das Kindergeld reicht nicht aus, um die steigenden Bedarfe zu decken. Besonders betroffen sind Kinder von Alleinerziehenden und Familien mit mehr als zwei Kindern. Diese Familienkonstellationen sind besonders h&auml;ufig arm.<\/p><p><strong>Die Gefahr, von Armut betroffen zu sein, ist also bei Alleinerziehenden gr&ouml;&szlig;er?<\/strong><\/p><p>Ja, das ist so. Nach den j&uuml;ngst ver&ouml;ffentlichten Daten des Statistischen Bundesamtes sind etwa 40 Prozent aller Alleinerziehenden arm. Dieser Gruppe muss daher besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Und wir k&ouml;nnen zeigen: Eine Alleinerziehende &ndash; in den allermeisten F&auml;llen handelt es sich um die Mutter &ndash; hat zwar deutlich weniger Geld zur Verf&uuml;gung als Paare mit Kind(ern). Sie gibt aber dennoch fast genauso viel f&uuml;r ihr Kind \/ ihre Kinder aus. Daher k&ouml;nnen wir sagen: Alleinerziehende sparen eher bei ihren eigenen Bed&uuml;rfnissen als bei den Kindern.<\/p><p><strong>Was hei&szlig;t denn &uuml;berhaupt <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=53931\">Kinderarmut<\/a>? Wann ist ein Kind in Deutschland arm?<\/strong><\/p><p>Der Parit&auml;tische Wohlfahrtsverband arbeitet in seiner regelm&auml;&szlig;igen Armutsberichterstattung mit den Daten zur relativen Einkommensarmut. Relative Einkommensarmut als Ma&szlig;stab bedeutet, dass die Haushalte mit weniger als 60 Prozent des nach Haushalten gewichteten mittleren Einkommens als &bdquo;armutsgef&auml;hrdet&ldquo; gelten. Wir sprechen bei diesen Einkommen allerdings nicht von Gef&auml;hrdung, sondern von Armut. Das haben wir in unseren Armutsberichten ausf&uuml;hrlich begr&uuml;ndet.<\/p><p><strong>Wenn in den Medien von Armut die Rede ist, haben wir es oft mit einer ziemlich technokratischen Betrachtungsweise zu tun. Verschiedene Erfassungsmethoden und Berechnungen werden herangezogen, aber was dabei auf der Strecke bleibt, ist das einzelne Kind, die einzelne Familie, die in Armut lebt. Wie sehen Sie das?<\/strong><\/p><p>In der Tat muss die konkrete Lebenssituation des einzelnen Kindes und der einzelnen Familie im Zentrum stehen. Hinter der Debatte um die technokratische Betrachtungsweise steht aber die Kernfrage: Was verstehen wir unter Armut? Sollen wir nur von Armut sprechen, wenn es nicht genug zu essen oder zu trinken gibt? Oder: Ist Armut nur zu verstehen als relative soziale Lage in einer gegebenen Gesellschaft? Das ist letztlich die Frage: Wie wollen wir miteinander umgehen in einer Gesellschaft? Akzeptieren wir uns wechselseitig als Gleiche und gew&auml;hren einander &ndash; vermittelt &uuml;ber den Sozialstaat &ndash; auch die f&uuml;r ein menschenw&uuml;rdiges Leben notwendigen Ressourcen?<\/p><p>Nach den Daten der amtlichen Sozialberichterstattung liegt die Armutsschwelle f&uuml;r ein Paar mit einem Kind bei einem Einkommen unter 1.863 Euro (2018). Der Parit&auml;tische bezieht sich auf dieses Armutsverst&auml;ndnis im Kern deshalb, weil <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=39896\">Armut<\/a> f&uuml;r uns nicht erst dann beginnt, wenn Menschen unter Br&uuml;cken schlafen oder Pfandflaschen sammeln m&uuml;ssen oder wenn den Kindern nicht einmal mehr notwendige Kleidung, Essen oder Wohnraum zur Verf&uuml;gung gestellt werden kann. F&uuml;r uns beginnt in diesem reichen Deutschland Armut bereits dort, wo Kinder aufgrund der schlechten Einkommenssituation ihrer Eltern schlicht und einfach abgeh&auml;ngt sind, nicht mehr mitmachen k&ouml;nnen, nicht mehr teilhaben am Leben der Mitte dieser Gesellschaft und ihren ganz normalen Selbstverst&auml;ndlichkeiten. Das Gef&uuml;hl, nicht dazuzugeh&ouml;ren, ausgegrenzt zu sein und abseits stehen zu m&uuml;ssen, ist ein verbreitetes Lebensgef&uuml;hl armer Kinder in Deutschland.<\/p><p><strong>Wie sind Sie in Ihrer Studie vorgegangen und was haben sie herausgefunden?<\/strong><\/p><p>In unserer Expertise &bdquo;Vor verschlossener T&uuml;r&ldquo; haben wir nicht die Anzahl der Kinder in Armut diskutiert und gez&auml;hlt, sondern verschiedene Aspekte untersucht: Wie viel Geld hat eine konkret definierte Gruppe von armen Familien &ndash; n&auml;mlich die untersten 10 Prozent des jeweiligen Haushaltstyps &ndash; zur Verf&uuml;gung? Wie verh&auml;lt sich das Einkommen armer Familien zum Durchschnittseinkommen und zu dem Einkommen der sehr gut verdienenden Haushalte in Deutschland? Was wird f&uuml;r die Kinder ausgegeben und wof&uuml;r wird es ausgegeben? Wie viel Ressource steht Kindern f&uuml;r soziale Teilhabe zur Verf&uuml;gung?<\/p><p><strong>Wie konnten Sie diese Fragen beantworten? Woher haben Sie Ihren Datensatz?<\/strong><\/p><p>Wir haben uns der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) des Statistischen Bundesamtes bedient. Diese repr&auml;sentative Erhebung, die alle f&uuml;nf Jahre bei rund 60.000 Haushalten durchgef&uuml;hrt wird, erfasst und kategorisiert &auml;u&szlig;erst penibel s&auml;mtliche Einnahmen und Ausgaben aller Haushaltsmitglieder. F&uuml;r unsere Fragestellung ist damit die EVS die einschl&auml;gige verf&uuml;gbare Datengrundlage.<\/p><p><strong>Aber die letzte EVS ist aus dem Jahr 2013, also sechs Jahre alt.<\/strong><\/p><p>Ja. F&uuml;r einen 10-Jahres-Vergleich zogen wir zus&auml;tzlich die Ergebnisse der Erhebungen aus 2003 und 2008 heran. Wir haben jeweils Einnahmen und Ausgaben des untersten Einkommensdezils, also der einkommens&auml;rmsten 10 Prozent, mit denen des obersten Dezils und von Haushalten mit durchschnittlichem Einkommen verglichen.<\/p><p><strong>Was haben Sie festgestellt?<\/strong><\/p><p>Die Befunde m&uuml;ssen armutspolitisch mehr als beunruhigen. Ich m&ouml;chte nur einige der wichtigsten Befunde kurz am Beispiel von Paarfamilien mit einem Kind vorstellen: Die Einkommensspreizung unter den Familien ist eklatant: Betrug das Einkommen der Familien im obersten Dezil im Schnitt 8.642 Euro und im Gesamtdurchschnitt 3.762 Euro im Monat, so waren es im untersten Dezil gerade noch 1.550 Euro. Das Einkommen des untersten Dezils lag damit bei gerade einmal 18 Prozent des obersten und bei nur 41 Prozent des Durchschnittseinkommens.<\/p><p><strong>Das ist nicht ganz einfach zu verstehen.<\/strong><\/p><p>Andersherum: Am oberen Ende der Einkommensskala hatte man mehr als das F&uuml;nffache dessen, was am unteren Ende zur Verf&uuml;gung stand und auch beim Durchschnittseinkommen noch mehr als das Doppelte. Hier in der Mitte jedoch werden die Standards gesetzt, wenn es um Teilhabe geht.<\/p><p><strong>Sie haben angef&uuml;hrt, dass Sie auch einen 10-Jahres-Vergleich gezogen haben. Hat sich die Situation in dieser Zeit versch&auml;rft?<\/strong><\/p><p>Das Wohlstandsgef&auml;lle hat zugenommen &ndash; w&auml;hrend die Einkommen in der Mitte und in der Spitze preisbereinigt anstiegen, sank das Einkommen beim untersten Dezil um 3,2 Prozent &ndash; wobei insbesondere zwischen 2003 und 2008 ein starker Kaufkraftr&uuml;ckgang zu verzeichnen war, der bis 2013 nicht mehr aufgeholt werden konnte. Mit anderen Worten: Die armen Familien sind 2013 noch &auml;rmer als 10 Jahre zuvor, w&auml;hrend die Mitte und die Spitze &ndash; wenn auch bescheiden &ndash; durchaus zulegen konnten. Die Spaltung hat sich vertieft.<\/p><p>Eines der besonders bedr&uuml;ckenden Ergebnisse: Im untersten Zehntel gelang es weder 2003 noch 2013, die ohnehin sehr niedrigen Konsumausgaben aus den laufenden Einkommen zu decken. 2013 lagen sie bei 1.685 Euro und damit um 135 Euro &uuml;ber ihrem Einkommen. Die Differenz muss durch R&uuml;ckgriffe auf Erspartes oder aber durch die Aufnahme von Krediten ausgeglichen werden.<\/p><p><strong>Mit anderen Worten: Die Armen k&ouml;nnen nur &uuml;ber Verschuldung leben?<\/strong><\/p><p>Ja, die Befunde zeigen, dass bei den armen Haushalten das Einkommen schlicht und einfach nicht ausreicht. Der Weg in eine Schuldenspirale ist die nicht seltene Folge dieser Konstellation.<\/p><p>Zur&uuml;ck zu unseren Befunden: Im n&auml;chsten Schritt wollten wir sehen, wie es speziell mit den Ausgaben f&uuml;r die Kinder aussieht. Es zeigt sich ein &auml;hnliches Bild: Im 10-Jahres-Vergleich sind die Ausgaben f&uuml;r das Kind im unteren Dezil real um 5,5 Prozent zur&uuml;ckgegangen. Bei Familien mit Durchschnittseinkommen sind sie dagegen um 2 Prozent und im obersten Dezil sogar um 11 Prozent angestiegen. Sprich: Die &auml;rmeren Kinder wurden weiter abh&auml;ngt. 364 Euro wurden 2013 in diesen Familien f&uuml;r das Kind ausgegeben. Bei den Familien mit Durchschnittseinkommen waren es dagegen 659 Euro und im obersten Zehntel &uuml;ber 1.000 Euro, die dem Kind zukamen.<\/p><p><strong>Auch das ist nicht ganz einfach zu verstehen.<\/strong><\/p><p>Ich mache es plastisch. In den Haushalten der obersten zehn Prozent wird f&uuml;r ein einzelnes Kind mit &uuml;ber 1.000 Euro etwa zwei Drittel dessen ausgegeben, was die untersten zehn Prozent f&uuml;r ein Paar mit Kind an Einkommen zur Verf&uuml;gung hatten.<\/p><p>F&uuml;r den Teilhabeaspekt besonders wichtig: Bei r&uuml;ckl&auml;ufigen Realeinkommen wurde im untersten Dezil notgedrungen nicht bei Essen und Kleidung gespart, sondern vor allem bei Ausgaben f&uuml;r die sozialen Grundbedarfe der Teilhabe, den ohnehin sehr geringen Ausgaben f&uuml;r Kultur, Freizeit, Unterhaltung, Verkehr, Kommunikation, Mobilit&auml;t oder Vereinswesen. Die Ausgaben f&uuml;r die soziale Teilhabe in dieser Kategorie gingen im untersten Zehntel real sogar um 17 Prozent zur&uuml;ck. Im Durchschnitt waren es minus 4 Prozent, w&auml;hrend im obersten Dezil 18 Prozent zugelegt wurden. 102 Euro wurden 2013 beim untersten Einkommenszehntel f&uuml;r die soziale Teilhabe monatlich f&uuml;r das Kind ausgegeben. Davon entfielen auf Freizeit, Unterhaltung und Kultur einschlie&szlig;lich sogenannter bildungsrelevanter G&uuml;ter gerade noch 35 Euro.<\/p><p><strong>Damit ist was gemeint?<\/strong><\/p><p>Der Besuch eines Kinos oder einer Sportveranstaltung ebenso wie Spielzeug, B&uuml;cher oder Vereinsbeitr&auml;ge. F&uuml;r au&szlig;erh&auml;usliche Verpflegung, sprich: mal ein Eis oder eine Limonade, finden sich im ganzen Monat noch 9 Euro. Es sind Betr&auml;ge, die bei Familien mit Durchschnittseinkommen oder im obersten Dezil drei- und sechsmal so hoch liegen. Es sind Betr&auml;ge, mit denen eine Teilhabe am geselligen und kulturellen Leben der Mitte dieser Gesellschaft nicht ann&auml;hernd zu finanzieren ist. Arme Familien sind hoffnungslos abgeh&auml;ngt.<\/p><p><strong>Um nochmal darauf zur&uuml;ckzukommen. Sie haben den Zeitraum bis 2013 untersucht. Was ist denn mit der Zeit von 2014 bis 2019?<\/strong><\/p><p>Die EVS ist eine aufw&auml;ndige Erhebung, die lediglich alle f&uuml;nf Jahre durchgef&uuml;hrt wird. Die in unserer Expertise zugrunde gelegte Auswertung der Einkommen und Ausgaben von Familien im Jahr 2013 lag im Jahr 2018. Im selben Jahr wurden die turnusm&auml;&szlig;igen neuen Erhebungen durchgef&uuml;hrt. Bis diese Informationen aufbereitet und zug&auml;nglich sind, wird es noch einige Jahre dauern. Insofern kann nicht mit Gewissheit gesagt werden, wie die Entwicklung nach 2013 aussieht.<\/p><p>Wohl aber lassen sich durchaus ein paar Thesen formulieren, welche Entwicklung man erwarten kann. F&uuml;r eine Absch&auml;tzung kann man sich auf j&uuml;ngste Forschungsergebnisse des Deutschen Instituts f&uuml;r Wirtschaftsforschung (DIW) st&uuml;tzen. Dieses Institut untersucht regelm&auml;&szlig;ig auf der Grundlage des sogenannten Sozio-&ouml;konomischen Panels (SOEP) die Entwicklung der Einkommensverteilung. Schaut man hier auf die j&uuml;ngsten Befunde des Instituts, so sieht man, dass sich die Einkommen der untersten 10 Prozent der Haushalte negativ entwickelt haben, sprich: Diese Haushalte sind real &auml;rmer geworden. Das DIW untersucht hier zwar nicht dieselben Gruppen wie wir in unserer Expertise, in beiden F&auml;llen handelt es sich aber um die einkommens&auml;rmsten zehn Prozent der Haushalte.<\/p><p>Es ist demnach plausibel davon auszugehen, dass sich nach 2013 die Entwicklung nicht umdrehte. Ganz im Gegenteil: Die Forschungsergebnisse des DIW weisen darauf hin, dass die Schere zwischen 2013 und 2016 noch weiter aufging.<\/p><p><strong>Was bedeutet diese Situation f&uuml;r die in Armut lebenden Kinder? Und: Wie kann man in Anbetracht dieser Realit&auml;t sagen, hierzulande gibt es &bdquo;Chancengleichheit&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Ein gleichberechtigtes Aufwachsen ist f&uuml;r die Kinder in den einkommensarmen Haushalten nicht m&ouml;glich. Einschr&auml;nkungen sind vorprogrammiert. Damit sind auch deren Entwicklungsperspektiven beeintr&auml;chtigt. Von Chancengleichheit l&auml;sst sich bei derart ungleichen finanziellen M&ouml;glichkeiten nicht reden.<\/p><p><strong>Wie m&uuml;ssten die Rahmenbedingungen aussehen, dass die Armut der Kinder aufh&ouml;rt?<\/strong><\/p><p>Mit Blick auf die Situation der Kinder zeigen sich deutliche Defizite der derzeitigen Familienpolitik. In Stichworten: Die existenzsichernden Leistungen f&uuml;r Kinder und Jugendliche sind fachlich ungen&uuml;gend ermittelt und im Ergebnis nicht bedarfsdeckend, um Armut und soziale Ausgrenzung zu vermeiden. Die Leistungen m&uuml;ssten viel h&ouml;her liegen. Zudem mangelt es an einem einheitlich definierten Existenzminimum, das hei&szlig;t die verschiedenen Rechtsgebiete (Sozial-, Unterhalts- und Steuerpolitik) sind nur unzureichend aufeinander bezogen. In der Summe wird Kinderarmut durch die familien- und sozialpolitischen Leistungen in einem unzureichenden Ma&szlig;e bek&auml;mpft und die vertikale Ungleichheit zwischen armen und reichen Familien wird nicht nennenswert reduziert.<\/p><p>Im Gegenteil: Kindergeld und steuerlicher Kinderfreibetrag f&uuml;hren in der Wirkung dazu, dass der steuerliche Entlastungseffekt von Besser- und Spitzenverdienern f&uuml;r ihre Kinder deutlich h&ouml;her ausf&auml;llt als das der breiten Elternschaft zukommende Kindergeld. F&uuml;r die &auml;rmsten Kinder gibt es Hartz IV. Kindergelderh&ouml;hungen werden wiederum bei Hartz IV komplett angerechnet. Diese Leistungen kommen unter dem Strich bei den &auml;rmsten Kindern &ndash; denen im Grundsicherungsbezug &ndash; nicht an. Wir haben es also mit einem ungerechten Drei-Klassen-System zu tun.<\/p><p>Die Untersuchung untermauert damit die langj&auml;hrige Forderung, den Kinderlastenausgleich in Deutschland endlich &bdquo;vom Kopf auf die F&uuml;&szlig;e zu stellen&ldquo;. Kinderbezogene Transferleistungen sind so auszugestalten, dass diejenigen, die am meisten Unterst&uuml;tzung brauchen, auch am meisten bekommen, und umgekehrt. Kinderbezogene staatliche Transferleistungen haben vor Armut zu sch&uuml;tzen und sind dar&uuml;ber hinaus deutlich unb&uuml;rokratischer zu gestalten als im derzeitigen System des Nebeneinanders unterschiedlicher Leistungen.<\/p><p>Auch wenn es im Grunde nie allein um arme Kinder, sondern fast immer um arme Familien geht, sollte eine zentrale Ma&szlig;nahme in diesem Zusammenhang &ndash; neben dem parallel notwendigen Ausbau von allgemein zug&auml;nglichen sozialen Infrastrukturen &ndash; die Einf&uuml;hrung einer Kindergrundsicherung sein. Die Kindergrundsicherung will bisherige, nur unzureichend aufeinander abgestimmte Leistungen f&uuml;r Kinder und Jugendliche zusammenf&uuml;hren und so weit wie m&ouml;glich durch eine Leistung auf einem neu zu ermittelnden, bedarfsdeckenden Niveau ersetzen. Die Ausgestaltung der Kindergrundsicherung muss daf&uuml;r sorgen, dass das Existenzminimum aller Kinder gesichert ist, sodass keine Familie lediglich wegen des Vorhandenseins der Kinder auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen ist. Dabei ist vorgesehen, dass der Kindergrundsicherungsbetrag mit steigendem Einkommen der Eltern abgeschmolzen wird.<\/p><p><strong>Welche M&ouml;glichkeiten sehen Sie, damit die Forderungen von Ihnen auch politisch umgesetzt werden?<\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst m&uuml;ssen wir feststellen, dass in der praktizierten Politik die speziellen Anliegen von einkommensarmen Kindern und Jugendlichen nicht hinreichend ber&uuml;cksichtigt werden. Betrachten wir beispielsweise die kostentr&auml;chtigen Programme der aktuellen Regierung, die mit &bdquo;Kindern&ldquo; begr&uuml;ndet werden, so ist zu sehen, dass die Interessen von einkommensschwachen Familien nicht die oberste Priorit&auml;t haben. F&uuml;r das neu eingef&uuml;hrte Baukindergeld erhalten Familien 1.200 Euro pro Kind und pro Jahr &ndash; zehn Jahre lang. Es ist offenkundig, dass einkommensarme Familien von diesem Programm nichts haben.<\/p><p>Aber auch von der Erh&ouml;hung des Kindergeldes haben Kinder im Grundsicherungs-\/Hartz-IV-Bezug nichts. Diese Leistungen des Familienlastenausgleichs werden vollst&auml;ndig auf die Grundsicherung angerechnet. Unter dem Strich bleibt nichts &uuml;brig. Die Anhebung des Kindergeldes l&auml;sst der Bund sich immerhin 1,5 Mrd. Euro pro Jahr kosten. Auch f&uuml;r die &Auml;nderungen des Kinderzuschlags kalkuliert der Bund Mehrausgaben von immerhin &uuml;ber 450 Mio. Euro pro Jahr ab 2020. F&uuml;r die Kinder im Grundsicherungsbezug sieht die Bilanz dagegen bescheiden aus. Die Leistungsanpassungen f&uuml;r das Bildungs- und Teilhabepaket werden in der Summe mit 220 Mio. Euro pro Jahr veranschlagt. Mit diesem Gesamtpaket ist klar: Soziale Ungleichheit eind&auml;mmen und fokussierte Bek&auml;mpfung der Einkommensarmut von Familien ist nicht die Priorit&auml;t dieser Bundesregierung.<\/p><p>Titelbild: &copy; Volkssolidarit&auml;t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Soziale Ungleichheit eind&auml;mmen und fokussierte Bek&auml;mpfung der Einkommensarmut von Familien ist nicht die Priorit&auml;t dieser Bundesregierung&ldquo;, sagt <strong>Andreas Aust<\/strong>, Referent beim Parit&auml;tischen Gesamtverband, im Interview mit den NachDenkSeiten. Hintergrund ist eine aktuelle <a href=\"https:\/\/www.der-paritaetische.de\/publikation\/expertise-verschlossene-tueren\/\">Studie<\/a> vom Parit&auml;tischen, wonach in Deutschland jedes f&uuml;nfte Kind oder Jugendlicher in Armut lebt. Ein Interview mit dem Autor der Studie &uuml;ber<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54136\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":54137,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,167,209,146,132],"tags":[2113,1649,882,308,217,444,2702,1707,407,405,218,687,291],"class_list":["post-54136","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-familienpolitik","category-interviews","category-soziale-gerechtigkeit","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-alleinerziehende","tag-armutsbericht","tag-armutsgefaehrdung","tag-existenzminimum","tag-kinderarmut","tag-kindergeld","tag-kindergrundsicherung","tag-kinderzuschlag","tag-paritaetischer","tag-statistisches-bundesamt","tag-teilhabe","tag-ungleichheit","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/csm_Andreas_Aust_Paritaet_Gesamtverband_Sozialpolitisches_Fachgespraech_der_Volkssolidaritaet_2719420656.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/54136","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=54136"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/54136\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":81601,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/54136\/revisions\/81601"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/54137"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=54136"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=54136"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=54136"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}