{"id":54167,"date":"2019-08-15T10:06:30","date_gmt":"2019-08-15T08:06:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54167"},"modified":"2019-08-15T16:32:55","modified_gmt":"2019-08-15T14:32:55","slug":"jederzeit-gefuegige-und-aufopferungswillige-untertanen-des-kaisers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54167","title":{"rendered":"\u201eJederzeit gef\u00fcgige und aufopferungswillige Untertanen des Kaisers\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Heute vor 74 Jahren strahlte das japanische Radio eine m&uuml;ndliche Ansprache des Kaisers Hirohito an das japanische Volk aus, in der er erkl&auml;rte, dass Japan die Kapitulationsbedingungen der Alliierten annimmt. Dies markierte de facto das Ende des Zweiten Weltkriegs und damit auch die 36 Jahre Fremdherrschaft, die Japan &uuml;ber seine Kolonie Korea aus&uuml;bte. <strong>Rainer Werning<\/strong> erinnert f&uuml;r die NachDenkSeiten an Japans Traum von einer &bdquo;gr&ouml;&szlig;eren gemeinsamen ostasiatischen Wohlstandssph&auml;re&ldquo; und zieht dabei auch Parallelen zu den aktuellen Handelskonflikten zwischen Seoul und Tokio.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Vorbemerkung<\/strong><\/p><p>Selten war das politisch-diplomatische Verh&auml;ltnis zwischen Tokio und Seoul derma&szlig;en zerr&uuml;ttet, wie das seit dem Herbst 2018 der Fall ist. In diesen Tagen, da sich auch die Kapitulation Japans am 15. August zum 74. Male j&auml;hrt, echauffieren sich japanische Politiker, Gesch&auml;ftsleute und Diplomaten &uuml;ber ihre s&uuml;dkoreanischen Kolleg\/innen, w&auml;hrend in Seoul und anderen Gro&szlig;st&auml;dten der Republik Korea (ROK &ndash; S&uuml;dkorea) offen &bdquo;Boycott Japan&ldquo; skandiert und sogar zum Boykott der Olympischen Spiele im Sommer 2020 in Tokio aufgerufen wird.<\/p><p>Kernpunkt des aktuellen Konflikts zwischen den Protagonisten ist und bleibt der Umgang mit und die Deutung von Vergangenem &ndash; einer Vergangenheit, die partout nicht vergehen will. Die 36-j&auml;hrige Kolonialherrschaft, da der japanische Militarismus selbst die feinsten kapillarischen Ver&auml;stelungen von Koreas Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport und seinem Kunstschaffen durchdrang, hat tiefe Spuren hinterlassen. Ein Verm&auml;chtnis, das gleicherma&szlig;en die ost- und s&uuml;dostasiatischen Anrainer wie die VR China, Vietnam, Myanmar sowie Indonesien und die Philippinen teilen. Die Dem&uuml;tigungen und Wunden, die Millionen von Menschen in Ost-, S&uuml;dost- und S&uuml;dasien sowie im Pazifik unter der Knute des japanischen Imperialismus erdulden mussten und ihnen zugef&uuml;gt wurden, sind noch im Ged&auml;chtnis pr&auml;sent beziehungsweise l&auml;ngst nicht vernarbt.<\/p><p>Nachdem bereits vor &uuml;ber drei Dekaden eine Revisionismus-Debatte in Japan &uuml;ber die dort an Schulen eingesetzten Geschichtsb&uuml;cher entfacht war und ultrareaktion&auml;re politische Kr&auml;fte am liebsten sofort den Artikel 9 der japanischen Nachkriegsverfassung mit seinem ausdr&uuml;cklichen Friedensgebot ersatzlos gestrichen s&auml;hen, werden heute namhafte japanische Gro&szlig;konzerne mit Klageschriften aus Seoul konfrontiert, die eine Entsch&auml;digung der von diesen Firmen einst zwangsrekrutierten koreanischen Arbeiter\/innen vorsehen. Ganz zu schweigen vom Los der euphemistisch sogenannten &bdquo;Trostfrauen&ldquo; &ndash; M&auml;dchen und Frauen, die w&auml;hrend des Zweiten Weltkriegs von der japanischen Soldateska zwangsrekrutiert und in Milit&auml;rbordellen zur Prostitution gen&ouml;tigt wurden. Da hoffen bislang die verantwortlichen Beh&ouml;rden in Japan &ndash; leider wohl nicht ohne Grund &ndash; dass sich dieses &bdquo;Problem&ldquo; biologisch l&ouml;st.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Zun&auml;chst mussten wir alle zum Seouler Bahnhof kommen, wo man uns medizinisch untersuchte, ob wir auch in k&ouml;rperlich guter Verfassung waren. Mit dem Zug ging es dann nach Pusan, von dort aus mit dem Schiff weiter nach Shimonoseki, dann wieder mit der Bahn weiter. Die ganze Zeit wurden wir von W&auml;rtern bewacht, vor denen ich furchtbare Angst hatte. In der Kawasaki-Stahlh&uuml;tte musste ich als Kranf&uuml;hrer arbeiten &ndash; 12 Stunden pro Tag, an Wochenenden auch schon mal bis zu 18 Stunden, inklusive einer Nachtschicht. Zu essen bekamen wir Reis, Weizen und Gerste, die in gro&szlig;en T&ouml;pfen mit Schaufeln zusammenger&uuml;hrt wurden. Als Suppe gab es aufgekochtes Salzwasser. Man hatte uns einen Lohn versprochen &ndash; immerhin 80 Yen im Monat. Doch davon zog man uns f&uuml;r Kleidung und Zwangsabgaben f&uuml;r die nationale Verteidigung und Mitgliedschaft in einer Hilfsorganisation auf Gegenseitigkeit so viel ab, dass am Ende des Monats h&ouml;chstens 25, meistens aber gerade mal zehn Yen &uuml;brigblieben.&ldquo;<br>\n<small>Kim Geung-Sok, ehemaliger koreanischer Zwangsarbeiter, der 1942 nach Japan verschleppt worden war und dort in der Kawasaki-Stahlh&uuml;tte im Besitz der NKK Corporation arbeiten musste.<\/small>\n<\/p><\/blockquote><p>Nach seinen beiden siegreichen Kriegen gegen China (1894\/95) und Russland (1904\/05) war Japan in der Region zur Gro&szlig;macht aufgestiegen, die sich anschickte, ihren Einfluss auch politisch und wirtschaftlich auszuweiten. Bereits 1905 zum japanischen Protektorat erkl&auml;rt, musste Korea seine diplomatischen Rechte an den &uuml;berm&auml;chtigen Nachbar abtreten und der Stationierung eines japanischen Generalgouverneurs in Seoul zustimmen. K&ouml;nig Kojong hatte zugunsten seines Sohnes abzudanken. Der Annexionsvertrag wurde am 22. August 1910 unterzeichnet, aber erst eine Woche sp&auml;ter bekanntgegeben. Japanische Milit&auml;rs regierten fortan Korea, w&auml;hrend das japanische Big Business die Halbinsel tributartig schr&ouml;pfte. Das Gros deren Erl&ouml;se aus Handel, Bergbau und Landwirtschaft wurde ins &bdquo;Mutterland&ldquo; Japan transferiert.<\/p><p><strong>Reiskammer und Reservoir billiger Arbeitskr&auml;fte<\/strong><\/p><p>Als erste wirtschaftliche Ma&szlig;nahme f&uuml;hrte die neue Kolonialmacht von 1910 bis 1918 ein die gesamte Halbinsel umfassendes Landvermessungsprogramm durch, um einen &Uuml;berblick &uuml;ber die Eigentumsverh&auml;ltnisse zu gewinnen. Die &uuml;berwiegend l&auml;ndliche Bev&ouml;lkerung des zu der Zeit noch geeinten Korea (80 Prozent waren Bauern) musste innerhalb einer festgesetzten Frist die Lage und Gr&ouml;&szlig;e von Landparzellen den Kolonialbeamten melden, damit diese sich ein genaues Bild &uuml;ber die Beschaffenheit des Grund und Bodens machen konnten. Die meisten Bauern verstanden diese Aufforderung der Kolonialbeh&ouml;rden nicht, da sie weder lesen noch schreiben konnten. Verpassten sie den fristgem&auml;&szlig;en Meldetermin, was die Regel war, verloren sie ihren Status als P&auml;chter oder das Land, von dem ihre Familien seit Generationen gelebt hatten. Hauptprofiteur der Landregistrierung und fortan mit Abstand gr&ouml;&szlig;ter Landbesitzer in Korea wurde die 1908 gegr&uuml;ndete Toyo Takushoku Co. Ltd., deren Hauptaktion&auml;re der japanische Kaiser (Tenno) und enge Verwandte des Throns waren. Mit einer eigens erhobenen Bodensteuer wurde das Generalgouvernement finanziell in die Lage versetzt, au&szlig;erdem Grundst&uuml;cke billig an die eigenen Landsleute zu ver&auml;u&szlig;ern.<\/p><p>Eine Zeitlang konnte auf den Feldern nur Reis angepflanzt werden, bis die Kolonialadministration in den 1920er Jahren anordnete, im Rahmen ihres Plans zur Erh&ouml;hung der Reisproduktion den Gro&szlig;teil der koreanischen Reisernten zur Versorgung der eigenen Bev&ouml;lkerung nach Japan zu verschiffen. Versorgungsengp&auml;sse in Korea, wachsende Armut und Hungersn&ouml;te veranlassten daraufhin zahlreiche koreanische Bauern, in Japan oder im Nordosten Chinas, in der Mandschurei, Arbeit zu suchen. Korea sollte als Nahrungsmittellieferant die japanische Landwirtschaft weitgehend ersetzen, die in Folge der forcierten kapitalistischen Entwicklung Japans zunehmend an Bedeutung verlor. Au&szlig;erdem wurde das verbliebene Arbeitskr&auml;ftereservoir Koreas systematisch, h&auml;ufig mit Zwangsma&szlig;nahmen, f&uuml;r den Eisenbahnbau, die Arbeit im Bergbau, den Stra&szlig;en- und Hafenbau mobilisiert, um eine aus kolonialer Sicht effiziente Infrastruktur aufzubauen. Gleichzeitig blockierte die Besatzungsmacht Bestrebungen, dass sich eine eigenst&auml;ndige koreanische Industrie entwickelte.<\/p><p><strong>Fanal des Widerstandes &ndash; die Erste-M&auml;rz-Bewegung 1919<\/strong><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Am 1. M&auml;rz 1919 hatten sich namhafte Pers&ouml;nlichkeiten Koreas in Seouls Pagoden-Park zusammengefunden und die Unabh&auml;ngigkeitserkl&auml;rung ihres Landes verlesen. Die Bewegung f&uuml;r Unabh&auml;ngigkeit erfasste bald s&auml;mtliche Winkel auf der koreanischen Halbinsel. Landesweit wurden offiziell 1.491 Gro&szlig;demonstrationen in 217 St&auml;dten registriert, an denen sich innerhalb der ersten drei Monate nach Verk&uuml;ndigung der Unabh&auml;ngigkeit an die zwei Millionen Menschen beteiligten, etwa zehn Prozent der damaligen Gesamtbev&ouml;lkerung Koreas. Die japanischen Besatzungstruppen ben&ouml;tigten ein Jahr, um die Unabh&auml;ngigkeitsbewegung zu unterdr&uuml;cken und das Land wieder zu &sbquo;befrieden&rsquo;.&ldquo;<br>\n<small>Center for Research and Documentation on Japan&rsquo;s War Responsibility (JWRC) in Shinjuku-ku, Tokyo. Das JWRC erforscht die Geschichte des japanischen Militarismus, ver&ouml;ffentlicht Analysen zum Thema, berichtet &uuml;ber Klagen von Opfern vor japanischen Gerichten und unterh&auml;lt eine Dauerausstellung &uuml;ber Japans Ost- und S&uuml;dostasien-Politik w&auml;hrend des Zweiten Weltkrieges.<\/small>\n<\/p><\/blockquote><p>In Korea sowie in China, wohin zahlreiche Koreaner geflohen waren und sp&auml;ter in Schanghai eine provisorische Exilregierung bildeten, regte sich Opposition. Ermutigt durch die &bdquo;14-Punkte-Erkl&auml;rung&ldquo; des US-amerikanischen Pr&auml;sidenten Woodrow Wilson, welche die nationale Selbstbestimmung der V&ouml;lker forderte, &uuml;bergaben am 1. M&auml;rz 1919 koreanische Patrioten der japanischen Regierung eine von 33 Honoratioren unterzeichnete Unabh&auml;ngigkeitserkl&auml;rung. Sie verlangten die Wiederherstellung der koreanischen Souver&auml;nit&auml;t. Begleitet wurde diese diplomatisch-politische Offensive von Stra&szlig;enprotesten f&uuml;r die nationale Unabh&auml;ngigkeit anl&auml;sslich des Todes von K&ouml;nig Kojong, der auf mysteri&ouml;se Weise verstorben war. Fast ein Jahr lang befand sich das Land in Aufruhr. In s&auml;mtlichen gr&ouml;&szlig;eren St&auml;dten beteiligten sich Studenten, Arbeiter, Bauern und Kaufleute an Streiks und Massendemonstrationen. Die japanischen Beh&ouml;rden schritten brutal ein, um die Forderung nach Wiederherstellung der koreanischen Souver&auml;nit&auml;t zu ersticken und die Bev&ouml;lkerung zu dem&uuml;tigen. Nach offiziellen japanischen Statistiken wurden bei der Niederschlagung der Bewegung 7.500 Menschen get&ouml;tet, 16.000 verletzt und 46.000 Personen ins Gef&auml;ngnis geworfen.<\/p><p>Das Jahr 1919 bedeutete eine Z&auml;sur: Tokio musste einsehen, dass sich seine Kolonie durch brutale Gewalt allein nicht dauerhaft beherrschen lie&szlig;. So ersetzte man in der Folgezeit die Milit&auml;rpolizei durch eine zivile &ndash; die Zahl der Polizisten wurde allerdings gleichzeitig verdreifacht &ndash; genehmigte sporadisch die Ver&ouml;ffentlichung koreanischer Zeitungen und hob das Versammlungsverbot partiell wieder auf. Entscheidend wurde die Suche nach internen Verb&uuml;ndeten. Grundbesitzer, Intellektuelle und andere gesellschaftlich einflussreiche Kr&auml;fte wurden umworben, um die Basis der Kolonialherrschaft zu festigen. Kollaborationswillige Koreaner aus diesen Schichten profitierten so materiell oder von dem Privileg, ihre S&ouml;hne ins &bdquo;Mutterland&ldquo; zu entsenden und sie dort an japanischen Eliteuniversit&auml;ten und Milit&auml;rakademien ausbilden zu lassen.<\/p><p>Solche Kooptationsversuche galten indes nicht f&uuml;r die Masse der koreanischen Bev&ouml;lkerung. Im Gegenteil; die Ausbeutung der Arbeiter und Bauern, von denen viele gezwungen waren, auf &bdquo;ihrem&rdquo; Land nunmehr als Tagel&ouml;hner oder P&auml;chter zu arbeiten, versch&auml;rfte sich. Das Generalgouvernement setzte zwangsweise den Plan zur Erh&ouml;hung der Reisproduktion durch. Die zus&auml;tzlichen Ertr&auml;ge wurden durch h&ouml;here Pachtraten abgesch&ouml;pft und nach Japan transferiert. Damals betrug die Pacht mindestens 50 Prozent der Durchschnittsernte, hinzu kamen h&auml;ufig zus&auml;tzliche Steuern. Waren die P&auml;chter au&szlig;erstande, ihre Abgaben p&uuml;nktlich zu entrichten, wurden sie nach Japan verschleppt und dort gezwungen, in Kohlegruben, Eisenerzminen, R&uuml;stungsfabriken sowie auf Werftanlagen, beim Stra&szlig;enbau und Ausbau von H&auml;fen f&uuml;r Hungerl&ouml;hne zu schuften. Ihr Entgelt betrug weniger als die H&auml;lfte des ohnehin kargen Lohns der japanischen Arbeiter. Um dem Teufelskreis aus Verschuldung und Ausbeutung zu entkommen, zogen zahlreiche Bauern (1931 bereits &uuml;ber 150.000) als Bettler umher oder setzten sich scharenweise gen Norden in die Mandschurei ab. Allein dorthin soll in den 1930er Jahren des letzten Jahrhunderts etwa eine Million Menschen ausgewandert sein.<\/p><p><strong>Die &bdquo;Japanisierung&ldquo; des &ouml;ffentlichen Lebens<\/strong><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Alles f&uuml;r den Kaiser &ndash; Komin-ka &ndash; war eine der weitreichenden Ma&szlig;nahmen der japanischen Kolonialverwaltung in Korea, um die Koreaner und Koreanerinnen im Geiste des Tenno zu erziehen, sie in dessen gute, gehorsame und jederzeit aufopferungswillige Untertanen zu verwandeln, die auch Seite an Seite mit den japanischen Invasionstruppen w&auml;hrend der Eroberungsfeldz&uuml;ge in China, S&uuml;dostasien und im Pazifik eingesetzt wurden. Komin-ka bedeutete auch, den Stolz des koreanischen Volkes zu brechen und deren Kultur und Traditionen auszumerzen. In Japan war eigens eine Organisation namens Kyowa-kai ins Leben gerufen worden, die strikt dar&uuml;ber wachte, dass die Koreaner im Lande auch tats&auml;chlich ihre Identit&auml;t preisgaben und sich der Zwangsassimilierung f&uuml;gten. Im &ouml;ffentlichen Leben spielten Koreaner keine Rolle. Sie galten als B&uuml;rger zweiter Klasse, auf die man ver&auml;chtlich herabblickte. Mehr noch: In Katastrophenf&auml;llen, wie beispielsweise bei dem gro&szlig;en Erdbeben in und um Tokio im Jahre 1923, galten sofort die Koreaner als S&uuml;ndenb&ouml;cke, die kollektiv bestraft wurden. Unter dem Vorwand, sie h&auml;tten sich landesweit zum Aufstand ger&uuml;stet, sch&uuml;rten die japanischen Beh&ouml;rden Hass und Zwietracht. Was dazu f&uuml;hrte, dass neben Milit&auml;reinheiten selbst Katastrophenschutzverb&auml;nde, unterst&uuml;tzt von aufgebrachten B&uuml;rgerwehren, Hatz auf Koreaner machten. Mindestens 6.000, m&ouml;glicherweise gar bis zu 10.000 von ihnen wurden so landesweit Opfer einer Lynchjustiz.&ldquo;<br>\n<small>Nach Informationen des Center for Research and Documentation on Japan&rsquo;s War Responsibility (JWRC), Tokyo<\/small>\n<\/p><\/blockquote><p>Die soziale Lage der Koreaner wurde ab 1937, als Japan seine Aggression gegen China ausweitete, noch h&auml;rter und unertr&auml;glicher. Zahlreiche Menschen wurden im Zuge einer Generalmobilmachung zur Zwangsarbeit im Milit&auml;r und in der Kriegsindustrie abkommandiert oder sie lie&szlig;en sich aus purer Not beziehungsweise durch falsche Versprechungen dazu verleiten, Soldat zu werden. H&auml;ufig wurden gerade diese Soldaten als Aufseher an den zahlreichen Fronten in S&uuml;dostasien und im Pazifik eingesetzt, wo sie zu T&auml;tern wurden und Gefangene der japanischen Invasionstruppen grausam behandelten. Familien der koreanischen Ober- und Bildungsschicht hingegen, die offen mit der Besatzungsmacht paktiert oder deren Wirken stillschweigend geduldet hatten, empfanden es jetzt als Ehre, dass ihre an japanischen Milit&auml;rakademien ausgebildeten S&ouml;hne nach Absolvierung des Studiums als Offiziere in japanischen Truppenverb&auml;nden in China und anderswo dienten.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Im April 1938 verk&uuml;ndete die japanische Regierung das Gesetz zur Allgemeinen Mobilmachung des Volkes f&uuml;r den vaterl&auml;ndischen Arbeitsdienst. In gro&szlig;em Stil wurden daraufhin Koreaner und Koreanerinnen dienstverpflichtet, um die japanische Kriegsmaschinerie aufrechtzuerhalten. &Uuml;ber 4,5 Millionen Koreaner wurden auf diese Weise im Lande selbst mobilisiert und &uuml;ber 1,5 Millionen von ihnen bis zum Kriegsende zur Arbeit nach Japan verschleppt. Ab der zweiten H&auml;lfte des Jahres 1944 zwangsrekrutierte die japanische Regierung auch Arbeitskr&auml;fte unabh&auml;ngig von ihrem Alter. Jungen im Alter von 13 oder 14 Jahren, manchmal noch J&uuml;ngere, waren davon betroffen. 10.000 wurden als Kindersoldaten eingesetzt und 155.000 hatten als zivile Hilfskr&auml;fte im Milit&auml;r zu dienen. Massenhaft wurden &uuml;berdies Frauen als Frontprostituierte versklavt &ndash; unter dem Deckmantel der Jyoshi Teishintai (&sbquo;Einheiten der Frauen f&uuml;r die Selbstaufopferung&rsquo;).&ldquo;<br>\n<small>Nach Informationen des Center for Research and Documentation on Japan&rsquo;s War Responsibility (JWRC), Tokyo<\/small>\n<\/p><\/blockquote><p>Im selben Jahr (1938) &auml;nderte die japanische Regierung auch das koreanische Bildungs- und Erziehungsgesetz, wonach der Koreanisch-Unterricht an den Schulen vom Lehrplan gestrichen wurde und die Sch&uuml;ler fortan gezwungen waren, stattdessen Japanisch zu lernen. &Ouml;ffentliche Verlautbarungen mussten in Japanisch geschrieben sein, koreanische Geschichte durfte nicht mehr gelehrt werden. Von Kindesbeinen an wurde Koreaner\/innen systematisch eingetrichtert, ihre Zukunft sei einzig und allein unter den Fittichen Japans m&ouml;glich und garantiert. Koreanern war es auch untersagt, &ouml;ffentlich ihre Sprache zu sprechen, und Zeitungen in Koreanisch, wie beispielsweise die beiden gro&szlig;en Tageszeitungen Dong-A Ilbo and Choson Ilbo, mussten 1940 ihr Erscheinen einstellen.<\/p><p>Noch dem&uuml;tigender war f&uuml;r die Koreaner\/innen der Erlass aus Tokio, dass sie ihre Namen aufzugeben und sich japanische Namen zuzulegen hatten. (Der urspr&uuml;nglich aus dem Norden Koreas stammende Sohn Kee-Chung, &uuml;berragender Gewinner des Marathonlaufs bei den XI. Olympischen Sommerspielen der Nazis 1936 in Berlin, bestieg als &bdquo;Japaner&ldquo; das Siegerpodest und ging als &bdquo;Kitei Son&ldquo; in die olympischen Annalen ein.) Aus Protest gegen diese Politik der Besatzer ver&uuml;bten nicht wenige &auml;ltere Menschen Selbstmord, weil sie unter keinen Umst&auml;nden ihre traditionsreichen Namen preisgeben wollten.<\/p><p><strong>Versperrte R&uuml;ckkehr in die Heimat<\/strong><\/p><p>Der eingangs erw&auml;hnte Kim Geung-Sok war der erste (s&uuml;d-)koreanische Zwangsarbeiter, der Ende September 1991 erstmals in Japan eine Schadensersatzklage gegen &bdquo;seinen fr&uuml;heren Arbeitgeber&ldquo;, die Kawasaki-Stahlh&uuml;tte im Besitz der NKK Corporation, einreichte. Allerdings ohne Erfolg. Im Oktober 1942 war der damals 16-j&auml;hrige Kim als &bdquo;Ersatz&ldquo; f&uuml;r seinen &auml;lteren Bruder nach Japan verschleppt worden, weil dieser als einziger Verdiener in der Familie unabk&ouml;mmlich war. Seine Erlebnisse schilderte Herr Kim seinen Anw&auml;lten:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Als im April 1943 koreanische Arbeiter gegen die schlechte Behandlung durch das japanische Wachpersonal demonstrierten und streikten, wurde ich als einer der R&auml;delsf&uuml;hrer verd&auml;chtigt und brutal zusammengeschlagen. Dabei brach man mir mehrere Rippen und kugelte meinen rechten Arm aus. Da ich nicht mehr arbeitsf&auml;hig war, wurde ich schlie&szlig;lich im Februar 1944 nach Korea zur&uuml;ck verfrachtet. Das Leben blieb hart. Zwischenzeitlich war auch mein &auml;lterer Bruder in ein Kohlebergwerk in Yubari auf der nordjapanischen Insel Hokkaido verschleppt worden. Er starb kurz nach dem Krieg. Ich vermute, er liegt dort irgendwo begraben. Mein Vater ist l&auml;ngst tot und meine Mutter starb 1987 im Alter von 87 Jahren. Ihr letzter Wunsch war es, dass ich die &Uuml;berreste meines &auml;lteren Bruders finde und sie in S&uuml;dkorea bestatte. Ich muss diesen elterlichen Wunsch erf&uuml;llen. Ich muss die Seele meines Bruders, die in Japan umherirrt, finden und mit mir nach Hause nehmen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Etwa eine Viertelmillion zwangsrekrutierte koreanische Arbeiter und Soldaten kam bis zur Kapitulation Japans am 15. August 1945 ums Leben. Diese Zahl ber&uuml;cksichtigt nicht jene Koreanerinnen, die als M&auml;dchen und Frauen in japanischen Milit&auml;rbordellen in China, S&uuml;dostasien und im Pazifik systematisch missbraucht worden waren und dort auch verstarben. Erst 1991 hatte eine Betroffene, die zwischenzeitlich verstorbene Kim Hak-Sun, durch ein &ouml;ffentliches Bekenntnis diese infame Politik des japanischen Milit&auml;rs bekanntgemacht. Die etwa 600.000 Koreaner und Koreanerinnen, die noch heute als &bdquo;koreanische Gastarbeiter&ldquo; oder &bdquo;koreanische Minderheit&ldquo; in Japan leben und dort nach wie vor unter Diskriminierung leiden, sind gr&ouml;&szlig;tenteils Nachkommen zwangsverpflichteter Koreaner, die nach dem Krieg nicht nach Korea zur&uuml;ckgingen oder infolge des Koreakrieges (1950-53) nicht mehr in ihre Heimat zur&uuml;ckkehren konnten.<\/p><p>Exkurs: &bdquo;Blut-und-Boden-Ideologie&ldquo; auf Japanisch &ndash; Die &bdquo;Gr&ouml;&szlig;ere Ostasiatische Gemeinsame Wohlstandssph&auml;re&ldquo;<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/190815_01Greater_East_Asia_Conference.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/190815_01Greater_East_Asia_Conference.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small>Die sogenannte Greater East Asia Conference im November 1943 in Tokio mit den Teilnehmern von links nach rechts: Ba Maw (Staatsoberhaupt von Birma), Zhang Jinghui (Premierminister von Mandschukuo), Wang Jingwei (Pr&auml;sident der Reorganisierten Nationalregierung der Republik China), Hideki Tojo (Premierminister des Kaiserreichs Japan), Prinz Wan Waithayakon (Gesandter des Konigreichs Thailand), Jos&eacute; P. Laurel (Pr&auml;sident der Zweiten Republik der Philippinen) sowie Subhas Chandra Bose (Staatsoberhaupt der Provisorischen Regierung des Freien Indien &mdash; Arzi Hukumat-e-Azad Hind)<\/small><\/p><p>Offiziell verk&uuml;ndete Au&szlig;enminister Matsuoka Y&#333;suke am 1. August 1940 im Namen der Regierung anl&auml;sslich einer Pressekonferenz in Tokio das Projekt der Greater East Asia Co-Prosperity Sphere, der Gr&ouml;&szlig;eren Ostasiatischen Gemeinsamen Wohlstandssph&auml;re. Doch bereits einen Monat zuvor, am 29. Juni 1940, hatte Matsuokas Vorg&auml;nger, Au&szlig;enminister Arita Hachir&#333;, dieses gemeinsam mit dem Kaiserlich-Japanischen Generalstab des Heeres entworfene Projekt erstmalig w&auml;hrend einer Rundfunkansprache skizziert, in der er die Position seiner Regierung im Kontext der damaligen internationalen Lage darlegte. Japans Au&szlig;enpolitik, so der Haupttenor dieser Rede, lie&szlig;e sich fortan von dem Gedanken leiten, &bdquo;die Gr&ouml;&szlig;ere Ostasiatische Gemeinsame Wohlstandssph&auml;re mit Japan, der Mandschurei und China als ihrem Kern zu errichten.&rdquo;<br>\n&bdquo;Die Welt&ldquo;, so beginnt die japanische Regierungserkl&auml;rung, &bdquo;ist an einem Wendepunkt angelangt, da neue Formen der Regierung, Wirtschaft und Kultur entstehen (&hellip;) Um in dieser Lage unsere nationale Politik in &Uuml;bereinstimmung mit dem hehren Geist, in dem unser Land gegr&uuml;ndet wurde, durchzusetzen, stellen wir uns der bedeutsamen Aufgabe und dringlichen Notwendigkeit, den unausweichlichen Entwicklungen der Weltgeschichte Rechnung zu tragen, z&uuml;gig grundlegende Erneuerungen in allen Bereichen der Regierung einzuleiten und die Vervollkommnung einer Staatsstruktur anzustreben, die f&uuml;r die nationale Verteidigung entsprechend gewappnet ist&ldquo;.<\/p><p>Als vorrangiges Ziel formulierte die Erkl&auml;rung vom 1. August 1940 die Schaffung des Weltfriedens im Gr&uuml;ndergeiste Japans. Als erster Schritt in diese Richtung &bdquo;dient der Aufbau einer neuen Ordnung im Gr&ouml;&szlig;eren Ostasien, dessen Fundament die Solidarit&auml;t von Japan, Mandschukuo (dem von Tokio aus der Taufe gehobenen &bdquo;Kaiserreich&ldquo; in der Mandschurei, das offiziell vom 1. M&auml;rz 1932 bis zum 18. August 1945 existierte, aber international von lediglich 23 Staaten anerkannt war &ndash; RW) und China ist.&ldquo; Die nationale Verteidigung und Au&szlig;enpolitik Japans m&uuml;ssten so gestaltet werden, dass das Land den neuen nationalen und internationalen Herausforderungen &ndash; darunter &bdquo;eine vollst&auml;ndige Beilegung der China-Angelegenheit&ldquo; &ndash; gem&auml;&szlig; seiner St&auml;rke vollauf gewachsen ist. S&auml;mtliche internen Strukturen sollten soweit ver&auml;ndert und erneuert werden, dass sie sich &bdquo;in Harmonie mit den fundamentalen Prinzipien der nationalen Politik befinden.&rdquo; Landesweit galt es, solche ethischen Grunds&auml;tze zu verankern, &bdquo;die den Dienst f&uuml;r den Staat &uuml;ber alles stellen und selbsts&uuml;chtige und materialistische Gedanken ausmerzen.&ldquo; Staat, Gesellschaft und das Kaiserhaus sollten im nationalen Interesse k&uuml;nftig enger zusammenarbeiten.<\/p><p>Weiter hei&szlig;t es in dem Dokument vom 1. August 1940: &bdquo;Der Aufbau der nationalen Verteidigungswirtschaft basiert auf der autonomen Entwicklung der Wirtschaften von Japan, Mandschukuo und China mit Japan als ihrem Zentrum.&ldquo; Anschlie&szlig;end ist in 11 Punkten skizziert, wie Japans Verteidigungswirtschaft am besten zu organisieren ist. Dazu z&auml;hlten beispielsweise die Einf&uuml;hrung einer staatlich geplanten und geregelten Wirtschaft, die enge Zusammenarbeit von Regierung und Bev&ouml;lkerung sowie die Perfektionierung eines vereinheitlichten Kontrollsystems in den Bereichen Produktion, Verteilung und Konsum lebensnotwendiger G&uuml;ter, um die Selbstversorgung des Landes zu garantieren. Das Finanzwesen sollte effektiver gestaltet und der Bankensektor unter staatliche Aufsicht gestellt werden. Avisiert wurde in diesem Zusammenhang eine &bdquo;epochale Ausweitung solch lebensnotwendiger Industrien wie der chemischen, Maschinenbau- und Schwerindustrie, gekoppelt mit einer ebenso bahnbrechenden F&ouml;rderung der Wissenschaft sowie Rationalisierung der Produktion.&ldquo;<\/p><p><strong>&bdquo;Asien den Asiaten&rdquo;<\/strong><\/p><p>Das Konzept der Gr&ouml;&szlig;eren Ostasiatischen Gemeinsamen Wohlstandssph&auml;re zielte im Innern auf die Umgestaltung von Staat, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft, um f&uuml;r die bevorstehenden Kriegshandlungen in der Region gewappnet zu sein. Gleichzeitig ber&uuml;cksichtigte es den antikolonialen und antiimperialistischen Geist, der zahlreiche L&auml;nder Ost- und S&uuml;dostasiens erfasst und zum Widerstand gegen die westlichen Kolonialm&auml;chte getrieben hatte. Diese Bestrebungen wurden in der griffigen und von einer panasiatischen Idee geleiteten Losung &bdquo;Asien den Asiaten&rdquo; zum Ausdruck gebracht. Schlie&szlig;lich war das Konzept der Gr&ouml;&szlig;eren Ostasiatischen Gemeinsamen Wohlstandssph&auml;re auch Teil der Strategie Tokios, im Westen die Allianz mit den faschistischen Regimes in Deutschland und Italien zu festigen, um:<\/p><ol type=\"a\">\n<li>in China den R&uuml;cken freizubekommen, wo sich Japans &bdquo;Feldzug&ldquo; aufgrund der Zusammenarbeit zwischen Nationalisten und Kommunisten schwieriger und verlustreicher als urspr&uuml;nglich angenommen erwies;<\/li>\n<li>die Invasion des insularen und Kontinental-S&uuml;dostasien vorzubereiten, um sich deren Bodensch&auml;tze anzueignen (beispielsweise &Ouml;l aus Niederl&auml;ndisch-Indien und Kautschuk aus Indochina) und die eigene Kriegsindustrie auszuweiten;<\/li>\n<li>dort jene europ&auml;ischen Kolonialm&auml;chte (England, Frankreich und die Niederlande) zu schw&auml;chen, die mittlerweile in Europa in den Krieg hineingezogen worden waren;<\/li>\n<li>schlie&szlig;lich nach einem antizipierten Sieg der befreundeten deutschen Wehrmacht &uuml;ber die Truppen der Roten Armee von Zentralasien aus die gemeinsame Inbesitznahme des indischen Subkontinents zu besiegeln. In der Wehrmacht und gegen Kriegsende auch in der Waffen-SS war immerhin mit der Azad Hind Legion (auch als Legion Freies Indien oder Indische Legion bekannt) eine zirka 2.600 Mann starke Truppe integriert, die ihren Treueeid auf Adolf Hitler geleistet hatte. Doch statt jemals wieder indischen Boden zu betreten, wurden die Soldaten der Azad Hind Legion vor ihrer Gefangennahme durch britische Truppen in Deutschland zur Bek&auml;mpfung der franz&ouml;sischen R&eacute;sistance eingesetzt.<\/li>\n<\/ol><p>In Japan selbst stie&szlig; der Propagandarummel um die Gr&ouml;&szlig;ere Ostasiatische Gemeinsame Wohlstandssph&auml;re auf keinen nennenswerten Protest oder Widerstand. Die &uuml;berwiegende Mehrheit der Bev&ouml;lkerung konnte sich damit identifizieren, st&auml;rkte dies doch die Binnensolidarit&auml;t, den unersch&uuml;tterlichen Glauben an die eigene herausragende Stellung in Asien und die Mission ihrer Regierung in der Region &ndash; n&auml;mlich einen von Japan dirigierten autarken Block asiatischer Nationen, frei von Einfl&uuml;ssen westlicher M&auml;chte, zu schaffen. Entsprechend wurden die Invasionen der Kaiserlich-Japanischen Truppen in Ostasien, S&uuml;dostasien und im Pazifik in Tokio als der Gro&szlig;e Ostasiatische Krieg zur Befreiung Asiens vom Joch des europ&auml;ischen und US-amerikanischen Kolonialismus bezeichnet.<\/p><p>Kernidee der Gr&ouml;&szlig;eren Ostasiatischen Gemeinsamen Wohlstandssph&auml;re war die &ouml;konomische und politische Zurichtung der ost- und s&uuml;dostasiatischen sowie pazifischen Peripherien auf das japanische Zentrum hin. In dessen Sicht w&auml;hnte man sich als Mittelpunkt, sozusagen als Krone der Sch&ouml;pfung von des Kaisers Gnaden und nat&uuml;rlicher &bdquo;F&uuml;hrer der asiatischen Rassen&ldquo;. Um dieses Zentrum herum sollten sich &ndash; in Form kleinerer und gr&ouml;&szlig;erer konzentrischer Kreise &ndash; unterschiedliche L&auml;nder gruppieren, aus denen Tokio die f&uuml;r den Unterhalt seiner Kriegsmaschinerie ben&ouml;tigten Ressourcen bezog &ndash; von Bodensch&auml;tzen bis hin zu &bdquo;Menschenmaterial&ldquo;. Zum engsten Kreis z&auml;hlten das &ouml;stliche China, Korea und die Insel Formosa (Taiwan), die als Reiskammern Japans dienen sollten. Aus Korea wurden Arbeiter zwangsrekrutiert, die in japanischen Bergwerken, in der Schwer- und R&uuml;stungsindustrie sowie beim (Aus-)Bau von Stra&szlig;en und H&auml;fen eingesetzt wurden.<\/p><p>Ein gr&ouml;&szlig;erer Kreis umfasste neben dem Kernland Chinas Kontinental-S&uuml;dostasien (im Westen bis einschlie&szlig;lich Thailand) und mit den Philippinen und Indonesien das insulare S&uuml;dostasien. Schlie&szlig;lich z&auml;hlten zur &auml;u&szlig;eren Peripherie die pazifische Inselwelt (einschlie&szlig;lich Papua-Neuguinea und Nordaustralien) und der indische Subkontinent mit Birma (das heutige Myanmar) als Br&uuml;cke zwischen S&uuml;dost- und S&uuml;dasien. Aus diesen Regionen sollten jeweils strategisch wichtige Rohstoffe (von Erd&ouml;l, Kupfer, Kautschuk und Bauxit bis hin zu Baumwolle und Zitrusfr&uuml;chten) bezogen werden, die sowohl zivilen wie milit&auml;rischen Zwecken dienten und Japan bef&auml;higen sollten, sich g&auml;nzlich unabh&auml;ngig vom Handel mit anderen L&auml;ndern und Regionen zu machen und Embargoma&szlig;nahmen des Westens zu unterlaufen. Gleichzeitig wollte sich Japan in diesen Regionen Absatzm&auml;rkte f&uuml;r seine Produkte und Land f&uuml;r Siedlungsprogramme sichern.<\/p><p><strong>Fr&uuml;here Idee eines &bdquo;erstklassigen Landes&ldquo;<\/strong><\/p><p>Das Konzept der Gr&ouml;&szlig;eren Ostasiatischen Gemeinsamen Wohlstandssph&auml;re war nicht grundlegend neu. Es kn&uuml;pfte an Vorstellungen an, die bereits im sp&auml;ten 19. Jahrhundert entstanden und in den 1920er und 1930er Jahren verfeinert worden waren. Die Vorstellung, dass Japan &bdquo;allen anderen asiatischen Rassen&rdquo; kulturell &uuml;berlegen sei, grassierte bereits im sp&auml;ten 19. Jahrhundert. Fukuzawa Yukichi (1835-1901) beispielsweise, einflussreicher Autor, politischer Theoretiker, P&auml;dagoge und Gr&uuml;nder der renommierten Keio University, vertrat bereits in seiner 1882 ver&ouml;ffentlichten Schrift &bdquo;Japans Mission in Asien&rdquo; die Idee einer asiatischen Leitkultur unter japanischer F&uuml;hrung, eine Idee, die vor allem nach Japans milit&auml;rischem Sieg gegen Russland (1904\/05) enormen R&uuml;ckenwind erhalten hatte. Immerhin war es damit Japan erstmalig gegl&uuml;ckt, eine westliche Macht in die Knie zu zwingen und damit seinen eigenen F&uuml;hrungsanspruch zu untermauern. In diese Zeit fiel auch die Gr&uuml;ndung mehrerer ultranationalistischer Gruppierungen wie der Schwarzer-Drachen-Gesellschaft, die geheimdienstliche T&auml;tigkeiten in Russland, den USA und einigen L&auml;ndern S&uuml;dostasiens (z.B. im S&uuml;den der Philippinen) mit messianischem Sendungsbewusstsein &bdquo;der einzigartigen, moralisch reinen, auf die Sonneng&ouml;ttin Amaterasu zur&uuml;ckgehenden Yamato-(japanischen)Rasse&ldquo; und milit&auml;risch durchzusetzenden eigenen hegemonialen Ambitionen verkn&uuml;pften.<\/p><p>Kolonialbesitz sah Japan als eine Vorbedingung daf&uuml;r an, international Ansehen zu erlangen und in die Phalanx der &bdquo;erstklassigen L&auml;nder&ldquo; (itt&ocirc; koku) vorzusto&szlig;en. Doch in diesem Klub der Kolonialm&auml;chte spielte Japan allenfalls die zweite Geige. Tokio sah sich durch eine Reihe politischer Ma&szlig;nahmen seitens des Westens in einer Weise behandelt, dass seine Diplomaten diese als eine Mischung aus Zwang, Dem&uuml;tigung und Provokation empfanden. 1919 war auf der Versailler Friedenskonferenz Japans Ansinnen, in das Regelwerk des V&ouml;lkerbundes eine Klausel &uuml;ber die Rassengleichheit aufzunehmen, br&uuml;sk abgelehnt worden. Als es 1921-22 auf der Washingtoner Konferenz darum ging, in Marinevertr&auml;gen die H&ouml;chstgrenze von Kriegsschiffen festzulegen, f&uuml;hlte sich Tokio benachteiligt; es wurde eine Regelung im Verh&auml;ltnis von 5:5:3 f&uuml;r die USA, Gro&szlig;britannien und Japan getroffen. Und im Jahre 1924 wurde in den USA ein Gesetz erlassen, dass Japanern die Immigration in die Vereinigten Staaten verwehrte.<\/p><p><strong>&bdquo;Licht, Besch&uuml;tzer, F&uuml;hrer Asiens&ldquo;<\/strong><\/p><p>Alle diese Ma&szlig;nahmen beg&uuml;nstigten in Japan eine Politik, die letztlich im Konzept der Gr&ouml;&szlig;eren Ostasiatischen Gemeinsamen Wohlstandssph&auml;re ihren Ausdruck fand. Um diese gegen&uuml;ber den Nachbarn hoff&auml;hig zu machen, propagierte Tokio als eines seiner Ziele, den noch vom westlichen Kolonialismus unterdr&uuml;ckten L&auml;ndern beizustehen und ihnen zur Unabh&auml;ngigkeit zu verhelfen. Flankiert wurde dies von einer offensiven AAA-Aktion, in der sich &bdquo;das japanische Kaiserreich als Zentrum und Pionier der orientalischen Moral und des kulturellen Wiederaufbaus als Licht Asiens, Besch&uuml;tzer Asiens und F&uuml;hrer Asiens&ldquo; w&auml;hnte. Doch schon bald musste die Bev&ouml;lkerung in den besetzten L&auml;ndern am eigenen Leib erfahren, wie wenig die Wirklichkeit der neuen japanischen Ordnung mit den hehren Idealen der Gemeinsamen Wohlstandssph&auml;re gemein hatte.<\/p><p>Die von den Japanern in zahlreichen L&auml;ndern der Region eingesetzten lokalen Regierungen waren nicht unabh&auml;ngig, sondern Marionettenregimes &ndash; vollkommen abh&auml;ngig von der Gnade ihres neuen Herrn und der eigenen Bev&ouml;lkerung entfremdet. In jenen L&auml;ndern zeigten die neuen Kolonialherren eine &ndash; streckenweise abgrundtiefe &ndash; Verachtung der lokalen Sitten, Br&auml;uche und Glaubensvorstellungen und setzten eine umfassende &bdquo;Japanisierung&ldquo; durch. Die Folge: Hunderttausende in den L&auml;ndern Ost- und S&uuml;dostasiens wurden gefoltert, hingerichtet oder starben infolge von Zwangsarbeit. Die gro&szlig;spurig verk&uuml;ndete Gr&ouml;&szlig;ere Ostasiatische Gemeinsame Wohlstandssph&auml;re entpuppte sich im Endeffekt als zumindest ebenso repressives Regime wie das des westlichen Imperialismus. Im September 1940 unterzeichnete Au&szlig;enminister Matsuoka schlie&szlig;lich den Dreier- oder Antikominternpakt mit Deutschland und Italien, gefolgt von dem Russisch-Japanischen Neutralit&auml;tspakt ein Jahr sp&auml;ter.<\/p><p>Titelbild: Ki young\/shutterstock.com<\/p><p><strong>Quellen &amp; weiterf&uuml;hrende Lekt&uuml;re:<\/strong><\/p><ul>\n<li>Constantino, Renato (ed.\/1991): Southeast Asian Perceptions of Japan. Tokyo\/Quezon City<\/li>\n<li>de Bary, William Theodore (2008): Sources of East Asian Tradition: The modern period. (Vol. 2). New York<\/li>\n<li>Dower, John W. (1986): War Without Mercy: Race and Power in the Pacific War. New York<\/li>\n<li>Ienaga, Saburo (1979): Pacific War, Nineteen Thirty-One to Nineteen Forty-Five: A Critical Perspective on Japan&rsquo;s Role in World War 2. New York<\/li>\n<li>Korea Verband e.V. (Berlin\/2019): <a href=\"https:\/\/www.koreaverband.de\/trostfrauen\/\">koreaverband.de\/trostfrauen\/<\/a> &amp; <a href=\"https:\/\/www.koreaverband.de\/trostfrauen\/zeitzeuginnen\/\">koreaverband.de\/trostfrauen\/zeitzeuginnen\/<\/a><\/li>\n<li>Lebra, Joyce C. (1975). Japan&rsquo;s Greater East Asia Co-Prosperity Sphere in World War II: Selected Readings and Documents. Oxford<\/li>\n<li>Rheinisches JournalistInnenb&uuml;ro\/recherche international e.V. (Hg.\/2005): &bdquo;Unsere Opfer z&auml;hlen nicht&ldquo; &ndash; Die Dritte im Zweiten Weltkrieg. Berlin\/Hamburg (darin die Kapitel zu Asien &amp; Ozeanien) &amp; <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/unsere-opfer-zaehlen-nicht.704.de.html?dram:article_id=85618\">deutschlandfunk.de\/unsere-opfer-zaehlen-nicht.704.de.html?dram:article_id=85618<\/a><\/li>\n<li>Saaler, Sven (2005): Politics, Memory and Public Opinion. The History Textbook Controversy and Japanese Society. M&uuml;nchen<\/li>\n<li>Saaler, Sven\/Koschmann, J. Victor (eds.\/2007): Pan-Asianism in Modern Japanese History. London\/ New York<\/li>\n<li>Sakaki, Alexandra (2019): Japan-S&uuml;dkorea-Beziehungen auf Talfahrt &ndash; Mehr als &raquo;nur&laquo; eine Frage der Geschichte. Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) &ndash; SWP-Aktuell Nr. 42. Berlin  <a href=\"https:\/\/www.swp-berlin.org\/fileadmin\/contents\/products\/aktuell\/2019A42_skk.pdf\">swp-berlin.org\/fileadmin\/contents\/products\/aktuell\/2019A42_skk.pdf<\/a><\/li>\n<li>Selden, Mark\/So, Alvin Y. (eds.\/2003): War and State Terrorism: The United States, Japan, and the Asia-Pacific in the Long Twentieth Century. Lanham<\/li>\n<li>Song, Du-Yul\/Werning, Rainer (2012): Korea &ndash; Von der Kolonie zum geteilten Land. Wien<\/li>\n<li>The Korea Times (Seoul\/2019) &uuml;ber aktuelle antijapanische Proteste in S&uuml;dkorea: <a href=\"http:\/\/www.koreatimes.co.kr\/www\/nation\/2019\/08\/281_273499.html\">koreatimes.co.kr\/www\/nation\/2019\/08\/281_273499.html<\/a> &amp; <a href=\"http:\/\/www.koreatimes.co.kr\/www\/nation\/2019\/08\/281_273554.html\">koreatimes.co.kr\/www\/nation\/2019\/08\/281_273554.html<\/a><\/li>\n<li>Toland, John (1970): The Rising Sun: The Decline and Fall of the Japanese Empire 1936-1945. New York<\/li>\n<li>Werning, Rainer (2004 &amp; 2005): <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\/trost-spenden-im-dienste-des-tenno\">freitag.de\/autoren\/der-freitag\/trost-spenden-im-dienste-des-tenno<\/a> &amp; <a href=\"https:\/\/www.swr.de\/swr2\/programm\/sendungen\/wissen\/swr2-wissen-arbeitssklaven-fuer-den-tenno\/-\/id=660374\/did=1631316\/nid=660374\/19mxbjq\/index.html\">swr.de\/swr2\/programm\/sendungen\/wissen\/swr2-wissen-arbeitssklaven-fuer-den-tenno\/-\/id=660374\/did=1631316\/nid=660374\/19mxbjq\/index.html<\/a><\/li>\n<li>Yun Kon-Ja (1985): <a href=\"https:\/\/www.aai.uni-hamburg.de\/japan\/personen\/worm\/medien\/kagami-1987-1988\/kagami-1987-88-ein-koreanischer-blick-auf-japan-die-schulbuchaffaere-von-1982.pdf\">aai.uni-hamburg.de\/japan\/personen\/worm\/medien\/kagami-1987-1988\/kagami-1987-88-ein-koreanischer-blick-auf-japan-die-schulbuchaffaere-von-1982.pdf<\/a><\/li>\n<li>Z&ouml;llner, Reinhard (2017): Geschichte der japanisch-koreanischen Beziehungen: Von den Anf&auml;ngen bis zur Gegenwart. M&uuml;nchen sowie: <a href=\"http:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=6607\">kotoba.japankunde.de\/?p=6607<\/a> &amp; <a href=\"http:\/\/kotoba.japankunde.de\/\">kotoba.japankunde.de\/<\/a><\/li>\n<\/ul><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/6ab83630cad745e2b444036cce6600dd\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute vor 74 Jahren strahlte das japanische Radio eine m&uuml;ndliche Ansprache des Kaisers Hirohito an das japanische Volk aus, in der er erkl&auml;rte, dass Japan die Kapitulationsbedingungen der Alliierten annimmt. 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