{"id":54211,"date":"2019-08-17T11:45:36","date_gmt":"2019-08-17T09:45:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54211"},"modified":"2026-01-27T11:33:26","modified_gmt":"2026-01-27T10:33:26","slug":"bernd-hontschik-ueber-das-gesundheitssystem-die-diagnosen-folgen-dem-geld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54211","title":{"rendered":"Bernd Hontschik \u00fcber das Gesundheitssystem: \u201eDie Diagnosen folgen dem Geld\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Fehlende Solidarit&auml;t, &Auml;rzte, die sich untereinander bek&auml;mpfen, Fokussierung auf den Gewinn: Der Frankfurter Arzt <strong><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=2V7lZz8cm08\">Bernd Hontschik<\/a><\/strong> kennt unser Gesundheitssystem von innen. Auf die Abgr&uuml;nde, die er beobachtet hat, geht er im NachDenkSeiten-Interview ein. Eigentlich, sagt <a href=\"http:\/\/www.medizinHuman.de\">Hontschik<\/a>, seien in Deutschland die Voraussetzungen f&uuml;r ein &bdquo;exzellentes Gesundheitssystem&ldquo; vorhanden. Doch dem sch&ouml;nen Modell stehe die Realit&auml;t eines Systems gegen&uuml;ber, in dem Betriebs- und Volkswirte und Juristen das Sagen haben. Seine These lautet deshalb: &bdquo;Erkranken schadet ihrer Gesundheit&ldquo;. Ein Interview &uuml;ber den R&uuml;ckzug der Humanmedizin und was es bedeutet, wenn Medizin zur Ware wird. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Was ist davon zu halten, wenn eine Regierung das Gesundheitswesen aus dem Sozialministerium ausgliedert und in einem Wirtschaftsministerium aufgehen l&auml;sst?<\/strong><\/p><p>Wenn eine Regierung einem Bereich des Sozialsystems, in diesem Fall dem Gesundheitswesen, kein eigenes Ministerium mehr zugesteht, wenn es noch nicht einmal in einem Sozialministerium, sondern im Wirtschaftsministerium aufgeht, dann ist das ein eindeutiger Ausdruck eines politischen Konzepts. Dieses Konzept hei&szlig;t: Aus dem Sozialsystem will man einen Wirtschaftszweig machen.<\/p><p><strong>Spiegelt sich in diesem Schritt ein grundlegendes Problem wider, wenn es um unser Gesundheitssystem geht?<\/strong><\/p><p>Es geht nicht mehr l&auml;nger darum, dass eine reiche Gesellschaft wie die unsere einen Teil ihres Reichtums ins Gesundheitswesen steckt, zum Wohle Aller, sondern es geht nach der Umwandlung in einen Wirtschaftszweig um das &ouml;konomische Wohl Weniger, die Reichtum aus dem Gesundheitswesen heraussch&ouml;pfen. Es geht also um das Wohl Weniger. Das ist das grundlegende Problem. Dass sich ausgerechnet das sozialdemokratisch gef&uuml;hrte Bundesland Mecklenburg-Vorpommern hier als Vorreiter hervorgetan hat, ist eine besondere Ironie dieses Umw&auml;lzungsprozesses.<\/p><p><strong>Sie sind seit vielen Jahren Arzt. Wie ist es aus Ihrer Sicht um unser Gesundheitswesen bestellt?<\/strong><\/p><p>Ich glaube eigentlich, dass in Deutschland sehr gute Voraussetzungen f&uuml;r ein exzellentes Gesundheitswesen vorhanden sind. Dazu geh&ouml;ren eine technisch und personell bestens ausgestattete Humanmedizin und die solidarische Finanzierung durch die gesetzlichen Krankenkassen, die &ndash; vom Konzept her gedacht &ndash; eine moderne Medizin f&uuml;r alle m&ouml;glich macht, unabh&auml;ngig von der individuellen &ouml;konomischen Situation. Das ist aber leider nur das sch&ouml;ne Modell. In den vergangenen Jahren, extrem beschleunigt durch die Agenda 2010, ist die Medizin immer mehr in den Hintergrund gedr&auml;ngt worden, stattdessen haben die Betriebs- und Volkswirte, Hand in Hand mit Juristen, die F&uuml;hrung in den Krankenh&auml;usern &uuml;bernommen. Schwarze Zahlen m&uuml;ssen geschrieben werden. Was keinen Gewinn verspricht, wird nicht mehr gemacht. Mit Medizin hat das eigentlich nichts mehr zu tun.<\/p><p><strong>Was bedeutet es, wenn Medizin zur Ware wird?<\/strong><\/p><p>Wo der Gewinn das h&ouml;chste Ziel ist, ist es um die Humanmedizin schlecht bestellt. Patientinnen und Patienten werden zu Kunden, &Auml;rztinnen und &Auml;rzte werden zu Leistungsanbietern, Diagnosen und Therapien werden digitalisiert und optimiert, kontrolliert durch ein Qualit&auml;tsmanagement. Es geht nur vordergr&uuml;ndig darum, die Humanmedizin bzw. das Gesundheitswesen zu einer &ouml;konomisch sinnvollen Verfahrensweise anzuhalten, sondern es geht darum, das Primat der Humanmedizin knallhart durch das Primat der Gewinne, der Shareholder zu ersetzen. Profit oder heilende, helfende F&uuml;rsorge stehen sich unvereinbar gegen&uuml;ber. Man muss sich entscheiden &ndash; politisch. Und in unserem Land fallen die W&uuml;rfel immer mehr in Richtung privatem Kapital und Profit, immer weniger Richtung Humanmedizin.<\/p><p><strong>Ihre These lautet: Erkranken schadet der Gesundheit. K&ouml;nnen Sie das bitte an einem Beispiel erl&auml;utern?<\/strong><\/p><p>Das ist nat&uuml;rlich als Provokation gedacht, aber hier ein paar Beispiele: Beim Kaiserschnitt lag fr&uuml;her das Verh&auml;ltnis zwischen Notfall-Sectio und geplanter Routine-Sectio bei 40 zu 60. Die Bezahlung war gleich. Dann &auml;nderte sich die Geb&uuml;hrenordnung und es gab f&uuml;r den Notfall-Kaiserschnitt deutlich mehr Geld. Und flugs war das Verh&auml;ltnis andersrum: Auf einmal gab es 60 Prozent Notfall-Kaiserschnitte und 40 Prozent geplante Eingriffe. Mit Medizin hat das nichts zu tun. Oder: Die Zahl der R&uuml;ckenoperationen ist bundesweit von 2007 bis 2012 von 452.000 auf 772.000 angestiegen. Mit Medizin hat das nichts zu tun, sondern mit dem Geld. Auch hier gab es eine h&ouml;here Verg&uuml;tung. Und dann ist es ist auch kein Mysterium mehr, warum es bundesweit nirgendwo mehr Bandscheibenoperationen gibt als im Raum Fulda. Bundesweit haben wir j&auml;hrlich 199 Bandscheiben-Operationen pro 100.000 Einwohner, in Fulda aber &uuml;ber 500. Da haben sich im Raum Fulda wohl einige Orthop&auml;den und Neurochirurgen niedergelassen, die vom Operieren von Bandscheiben leben. Mit Medizin hat das nichts zu tun.<\/p><p><strong>In Ihrem Buch f&uuml;hren Sie auch Eingriffe am Kniegelenk an. Was l&auml;uft da schief?<\/strong><\/p><p>F&uuml;r eine Arthroskopie des Kniegelenkes berechnet ein Krankenhaus nach dem Fallpauschalensystem etwa 2.300 Euro. Bei 400.000 Eingriffen geht es also um eine knappe Milliarde Euro im Jahr. Freiwillig wollen weder Krankenh&auml;user noch &Auml;rzte auf so viel Geld verzichten, auch wenn l&auml;ngst erwiesen ist, dass die Arthroskopie bei Arthrosen nicht wirklich hilft. Der Streit um die Kniegelenksarthroskopie dauerte viele Jahre, bis der zust&auml;ndige Bundesausschuss endlich die Arthroskopie bei Arthrose (wohlgemerkt: nicht bei Verletzungen) wegen Wirkungslosigkeit aus dem Katalog der Kassenleistungen verbannte.<\/p><p>Leider war das Problem damit aber nicht gel&ouml;st. Jetzt m&uuml;sste ja statt der teuren, aber wirkungslosen Operationen eigentlich die Physiotherapie, die Krankengymnastik zum Einsatz kommen. Kommt sie aber nicht. F&uuml;r eine 20-min&uuml;tige krankengymnastische Behandlung bezahlen die Krankenkassen etwa 18 Euro. F&uuml;r die Kosten einer einzigen Arthroskopie k&ouml;nnte man also mehr als 130 krankengymnastische Behandlungen durchf&uuml;hren. Da die Medizin in unserem Land aber medikamenten-, operations- und technikzentriert ist, f&uuml;hrt die Krankengymnastik ein Schattendasein. Physiotherapeuten mussten bislang nicht nur ihre gesamte Ausbildung selbst finanzieren, sondern sie werden danach auch noch hundsmiserabel bezahlt. Wo kein Profit winkt, verk&uuml;mmert die Medizin. Ich sage voraus, dass nicht weniger Arthroskopien durchgef&uuml;hrt, sondern weniger Arthrosen diagnostiziert werden. Die Zahl der verletzungsbedingten Arthroskopien wird wahrscheinlich auf wundersame Weise ansteigen: Die Diagnosen folgen dem Geld. So einfach ist das.<\/p><p><strong>Wie bewerten Sie denn den Zustand unserer Krankenh&auml;user?<\/strong><\/p><p>1980 gab es in Deutschland 3.783 Krankenh&auml;user mit 879.605 Betten, im Jahr 2010 waren es noch 2.064 mit 502.749 Betten. Die Liegezeit hat sich im gleichen Zeitraum von ca. zwei Wochen auf eine Woche halbiert, &uuml;ber 50.000 Stellen im Pflegebereich wurden gestrichen. Sogenannte Krankenhausexperten gehen davon aus, dass demn&auml;chst ein weiteres F&uuml;nftel der Krankenh&auml;user geschlossen wird. Sie behaupten auch, das habe keine Auswirkung auf die gesundheitliche Versorgung. Ich halte das f&uuml;r Unfug. Die L&auml;nder sind eigentlich f&uuml;r die Instandhaltung der Krankenh&auml;user zust&auml;ndig, haben das aber str&auml;flich und ohne bestraft zu werden seit vielen Jahren vernachl&auml;ssigt. So wurden Krankenh&auml;user in die Insolvenz getrieben und f&uuml;r einen Euro, wie in Offenbach geschehen, an einen privaten Klinikkonzern verkauft. Die Schulden hat aber die Stadt behalten.<\/p><p>Mit der Universit&auml;tsklinik Marburg\/Gie&szlig;en geschah das gleiche. Die gegenw&auml;rtige Diskussion um die Schlie&szlig;ung von mehr als der H&auml;lfte der Krankenh&auml;user ist ein bitteres Armutszeugnis f&uuml;r eine neoliberale Politik, die nur ablenkt von den eigentlich wichtigen Problemen, zum Beispiel der absurden Trennung zwischen station&auml;rer und ambulanter Behandlung. Man h&auml;tte beispielsweise die Polikliniken der DDR als Vorbild nehmen k&ouml;nnen. Stattdessen hat man sie eingestampft und kann sich heute kaum noch daran erinnern, wie gut ein solches System funktioniert hat.<\/p><p><strong>Was m&uuml;sste unternommen werden, um zu einem menschlicheren Gesundheitswesen zu kommen?<\/strong><\/p><p>Es geht nicht darum, zu einem menschlicheren Gesundheitswesen zu kommen. Es muss ein solidarisches Gesundheitswesen werden, das hei&szlig;t zum Beispiel zuerst, dass die Privatversicherungen abgeschafft werden m&uuml;ssen, in denen sich die Wohlhabenden aus der Solidargemeinschaft verabschieden k&ouml;nnen. Nein, es geht darum, die Humanmedizin vor dem Zugriff des Kapitals zu retten. Das ganze Schiff Gesundheitswesen steuert in die falsche Richtung. Es ist h&ouml;chste Zeit, den neoliberalen Kurswechsel zu stoppen. Das Schiff m&uuml;sste dann nicht r&uuml;ckw&auml;rts fahren, sondern vorw&auml;rts in Richtung auf ein modernes Sozialwesen, das der Gesundheit Aller dient und nicht dem Gewinnstreben Weniger.<\/p><p><strong>Welche M&ouml;glichkeiten hat der einzelne Arzt, sei es in der Praxis oder im Krankenhaus?<\/strong><\/p><p>Noch hat man als &Auml;rztin oder Arzt genug M&ouml;glichkeiten, eine patientengerechte Humanmedizin zu praktizieren. Diese Bereiche werden aber immer weniger, bald gibt es nur noch Nischen. Der Aufstand dagegen m&uuml;sste daher eigentlich von den &Auml;rztinnen und &Auml;rzten kommen, aber sie sind sehr zerstritten und verfolgen eher die eigenen Partikularinteressen als das Beste f&uuml;r das gro&szlig;e Ganze &ndash; Allgemein&auml;rzte gegen Fach&auml;rzte, niedergelassene &Auml;rzte gegen Krankenhaus&auml;rzte, Chef&auml;rzte gegen Assistenz&auml;rzte, Unfallchirurgen gegen Orthop&auml;den, beide zusammen gegen Physiotherapeuten, Gyn&auml;kologen gegen Hebammen usw. Ich setze da mehr Hoffnung in den zunehmenden Widerstand des Pflegepersonals, deren Arbeitsbedingungen durch die beschriebenen Entwicklungen auch immer schlechter und schwieriger geworden sind.<\/p><p><strong>Haben Sie einen Rat an die Patienten?<\/strong><\/p><p>Das ist sehr schwer zu beantworten. Rat Nummer Eins: Suchen Sie solange, bis Sie das Gef&uuml;hl haben, dass Sie einen guten Hausarzt, eine gute Haus&auml;rztin gefunden haben. Man sp&uuml;rt das, wenn man gut aufgehoben ist. Rat Nummer Zwei: Versichern Sie sich, dass Sie Medizin nicht aus pekuni&auml;ren Interessen erhalten, ggf. durch Einholen einer zweiten Meinung. Und drittens: Gehen Sie nur zum Arzt, wenn Sie krank sind.<\/p><p>Titelbild: VILevi\/shutterstock.com<\/p><p><em><strong>Lesetipp:<\/strong> Hontschik, Bernd: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/Alle-Buecher\/Erkranken-schadet-Ihrer-Gesundheit.html\">Erkranken schadet Ihrer Gesundheit<\/a>. Westend Verlag. 2. Juli 2019. 160 Seiten. 16 Euro.<\/em><\/p><p><em><strong>Anmerkung:<\/strong> Leser, die mit Bernd Hontschik in Kontakt treten m&ouml;chten, k&ouml;nnen dies gerne &uuml;ber die folgende Mailadresse tun: <a href=\"mailto:chirurg@hontschik.de\">chirurg(at)hontschik.de<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fehlende Solidarit&auml;t, &Auml;rzte, die sich untereinander bek&auml;mpfen, Fokussierung auf den Gewinn: Der Frankfurter Arzt <strong><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=2V7lZz8cm08\">Bernd Hontschik<\/a><\/strong> kennt unser Gesundheitssystem von innen. Auf die Abgr&uuml;nde, die er beobachtet hat, geht er im NachDenkSeiten-Interview ein. Eigentlich, sagt <a href=\"http:\/\/www.medizinHuman.de\">Hontschik<\/a>, seien in Deutschland die Voraussetzungen f&uuml;r ein &bdquo;exzellentes Gesundheitssystem&ldquo; vorhanden. 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