{"id":5422,"date":"2010-05-06T09:05:30","date_gmt":"2010-05-06T07:05:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5422"},"modified":"2019-07-11T16:48:20","modified_gmt":"2019-07-11T14:48:20","slug":"soziale-herkunft-bestimmt-schulart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5422","title":{"rendered":"Soziale Herkunft bestimmt Schulart"},"content":{"rendered":"<p>Oder: Wie sich dank der Mehrgliedrigkeit und inneren Beschaffenheit des Schulsystems soziale Ungleichheit reproduziert. Von Jens Wernicke<br>\n<!--more--><\/p><p><strong>Bildungsreservenaussch&ouml;pfung als Standortfaktor<\/strong><\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Nach Artikel 26 der Allgemeinen Erkl&auml;rung der Menschenrechte soll jeder &ndash; unabh&auml;ngig von Alter, Geschlecht und sozialer Herkunft &ndash; Zugang zu Bildung haben. Vergleichsstudien wie PISA oder IGLU zeigen jedoch, dass Bildungserfolg und Bildungsbeteiligung von der sozialen Herkunft der Kinder abh&auml;ngen.&ldquo; <\/em><\/p><\/blockquote><p>So beginnt die Zusammenfassung einer aktuellen Sonderauswertung der Ergebnisse des Mikrozensus zum &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.destatis.de\/jetspeed\/portal\/cms\/Sites\/destatis\/Internet\/DE\/Content\/Publikationen\/Querschnittsveroeffentlichungen\/WirtschaftStatistik\/BildungForschungKultur\/StatusSchueler__22010,property=file.pdf\">Sozio&ouml;konomischen Status von Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;lern 2008 [PDF &ndash; 208KB]<\/a>&ldquo;, die in Ausgabe 2\/20101[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] der Schriftenreihe &bdquo;Wirtschaft und Statistik&ldquo; (S. 138 &ndash; 149) des Statistischen Bundesamtes ver&ouml;ffentlicht wurde. Die Studie der Sozialwissenschaftlerin Daniela Nold geht von der Pr&auml;misse aus, dass das &bdquo;Aussch&ouml;pfen von Bildungsreserven von gro&szlig;er Bedeutung f&uuml;r die Zukunftsf&auml;higkeit der Gesellschaft&ldquo; sei, da, &bdquo;Innovation und Fortschritt entscheidende Faktoren der Wettbewerbsf&auml;higkeit&ldquo; (S. 138) seien[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]. So reden zwar oft auch die Regierungen hierzulande, gleichzeitig wird &uuml;blicherweise aber behauptet, dass ein Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und dem Besuch einer Schulart eigentlich nicht best&uuml;nde und es jedenfalls keine entsprechenden empirischen Daten g&auml;be bzw. geben k&ouml;nne[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>].<\/p><p><strong>Die amtliche Repr&auml;sentativstatistik Mikrozensus best&auml;tigt die soziale Selektivit&auml;t des Bildungssystems<\/strong><\/p><p>Anders die Autorin dieses Textes. Ihr Fazit lautet: <\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Die Untersuchung des Zusammenhangs zwischen dem sozio&ouml;konomischen Status der Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler und der Art der besuchten Schule zeigt deutliche Abh&auml;ngigkeiten und best&auml;tigt die vorab dargelegten Thesen und Erkenntnisse anderer Studien &uuml;ber soziale Disparit&auml;ten im Bildungswesen. (&hellip;) W&auml;hrend Realschulen und Berufsschulen eher ausgeglichene Anteile an Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;lern aus allen sozialen Schichten aufweisen, sind gro&szlig;e Unterschiede vor allem zwischen Hauptschulen sowie Einrichtungen des &Uuml;bergangssystems einerseits und Gymnasien andererseits zu beobachten. &Auml;hnliche Muster finden sich auch bei der Betrachtung des Migrationshintergrundes. Die durchgef&uuml;hrten Analysen zeigen deutlich, dass die Art der besuchten Schule vom sozio&ouml;konomischen Hintergrund sowie vom Migrationshintergrund der Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler abh&auml;ngt und dass sich die soziale Zusammensetzung der Sch&uuml;lerschaft zwischen den unterschiedlichen Schularten deutlich unterscheidet. [&hellip;] Soziale Ungleichheiten reproduzieren sich &uuml;ber Generationen hinweg und die Humanressourcen der Gesellschaft werden nicht in optimaler Weise entwickelt und genutzt&ldquo; (S. 148 f.).&rdquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Bezogen auf das gesamte Bundesgebiet stellt die Autorin fest, dass bundesweit 24&nbsp;Prozent der Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler an Grundschulen aus finanziell armen Verh&auml;ltnissen stammen; an Hauptschulen liegt diese Quote bei knapp 37 Prozent und an Gymnasien bei nur 16,2 Prozent (Tabelle 8, S. 146). Es bildet sich also in der Mikrozensus-Sonderauswertung Folgendes ab: Hauptschulen besuchen &uuml;berdurchschnittlich viele Kinder aus armen Elternh&auml;usern, an Gymnasien sind diese Kinder hingegen stark unterrepr&auml;sentiert. <\/p><p><strong>Die Chancen der einen&hellip;<\/strong><\/p><p>Exemplarisch ergibt eine Detailauswertung f&uuml;r das Bundesland Hessen, die dem Autor vorliegt, dabei folgendes Bild: <\/p><p>Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler, deren Eltern einen Volks- oder Hauptschulabschluss haben, machen 20,4 Prozent der Gesamtheit hessischer Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler aus. W&auml;hrend sich dieser Anteil in der Grundschule mit 18,2 Prozent der dortigen Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler noch widerspiegelt, &auml;ndert sich dies nach der Grundschule massiv: Sage und schreibe 40,7 Prozent der Hauptsch&uuml;lerinnen und Hauptsch&uuml;ler sowie gerade einmal 9,2 Prozent der Gymnasiastinnen und Gymnasiasten haben Eltern mit Volks- respektive Hauptschulabschluss. Kinder, deren Eltern einen Volks- bzw. Hauptschulabschluss haben, besuchen also doppelt so h&auml;ufig eine Hauptschule und nur halb so h&auml;ufig ein Gymnasium wie es ihrem Anteil an der Gesamtheit entspricht. <\/p><p><strong>&hellip;sind das Spiegelbild der Chancen der anderen<\/strong><\/p><p>Kinder, deren Eltern &uuml;ber Fachhochschul- oder Hochschulabschluss verf&uuml;gen, machen 39,6 Prozent an der Gesamtheit der Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler aus; ihr Anteil an den der Grundsch&uuml;lerinnen und Grundsch&uuml;ler liegt bei 44,1 Prozent. Der Anteil auch dieser Gruppe der Kinder in der Grundschule entspricht also in etwa ihrem Anteil an der Gesamtbev&ouml;lkerung. Auch hier &auml;ndert sich nach der Grundschule das Bild jedoch schlagartig: 59 Prozent der Gymnasiastinnen und Gymnasiasten und nur 12 Prozent der Hauptsch&uuml;lerinnen und Hauptsch&uuml;ler haben Eltern mit diesem Bildungshintergrund. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder von Eltern mit einem Hochschulabschluss ein Gymnasium besuchen, liegt also etwa f&uuml;nfzig Prozent &uuml;ber Durchschnitt, w&auml;hrend die Wahrscheinlichkeit, dass diese Kinder auf die Hauptschule gehen, bei nur etwa einem Drittel des Durchschnitts liegt. <\/p><p>Kinder mit armer bzw. &bdquo;bildungsferner&ldquo; Herkunft gehen in Hessen also etwa sechsmal so wahrscheinlich auf eine Hauptschule wie solche aus einem Akademikerhaushalt und letztere dreimal so wahrscheinlich aufs Gymnasium wie erstere. <\/p><p>W&auml;hrend aus der bundesweiten Gesamtheit von Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;lern 9,1 Prozent der sozialen Risikogruppe (beide Elternteile oder Alleinerziehende: erwerbslos oder Nichterwerbsperson), 12,4 der kulturellen Risikogruppe (beide Elternteile oder Alleinerziehende: h&ouml;chster schulischer und\/oder beruflicher Abschluss unter ISCED 3) und 23,6 Prozent der &ouml;konomischen Risikogruppe (weniger als 60 Prozent des Familien&auml;quivalenzeinkommens) angeh&ouml;ren, sind es an Hauptschulen alsdann 15,6 Prozent der Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler, die der sozialen, 26,9 Prozent, die der kulturellen, und 37 Prozent, die der &ouml;konomischen Risikogruppe angeh&ouml;ren. <\/p><p>Hessen steht weit schlechter da als der Bundesdurchschnitt: Ganze 21,7 Prozent aller hessischen Hauptsch&uuml;ler werden der Gruppe mit einem hohen sozialen Risiko, 35 Prozent der Gruppe mit einem hohen kulturelles und 45,4 Prozent der Gruppe mit einem hohen materielles Risiko qua Lebens- und Familiensituation zugerechnet. Die armen, sozial und kulturell benachteiligten Kinder und Jugendlichen werden zwar deutschlandweit &bdquo;in die Hauptschulen kanalisiert&ldquo;. Das Land Hessen ist hierbei aber deutlich &bdquo;effizienter&ldquo; als der Bundesdurchschnitt.<\/p><p><strong>Konservativ-liberale Erkl&auml;rung ist &bdquo;Klassenrassismus&ldquo;<\/strong><\/p><p>Wenn solche Befunde seitens der herrschenden Politik oder vorherrschenden Wissenschaftsans&auml;tze &uuml;berhaupt zur Kenntnis genommen werden, so endet an dieser Stelle &uuml;blicherweise bereits die &bdquo;Analyse&ldquo;. Die soziale Aufteilung der Bildungschancen f&uuml;r Kinder und Jugendliche wird in der Regel als &bdquo;naturw&uuml;chsig&ldquo; weil genetisch bzw. biologisch determiniert interpretiert und gerechtfertigt. Das Erkl&auml;rungsmuster lautet dann: Dumme Eltern kriegen eben dumme Kinder, kluge Eltern hingegen kluge &ndash; qua &bdquo;Begabung&ldquo;, die sich vererbt. Schluss. Nicht nur, aber auch der FDP-Politiker Daniel Bahr brachte diese spezielle Lesart sozialer Ungleichheit einmal auf den Punkt[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>], indem er sagte: &ldquo;In Deutschland kriegen [schlicht] die Falschen die Kinder&rdquo;.<\/p><p>Die soziale Aufteilung, welche das Bildungssystem qua Form und Funktionalit&auml;t de facto erst generiert, werden also einfach mittels des Denkmusters von &bdquo;Eignung&ldquo; und &bdquo;Begabung&ldquo; erkl&auml;rt &ndash; und damit gleichzeitig legitimiert. Soziale Selektion, strukturelle Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen mit nicht-&bdquo;b&uuml;rgerlicher&ldquo; Herkunft, aus &auml;rmeren Verh&auml;ltnissen, mit anderem kulturellen Hintergrund &ndash; all das gibt es f&uuml;r solche Leute oftmals nicht. <\/p><p>Schuld an der Ungleichheit im vermeintlich &bdquo;begabungsgerechten&ldquo; mehrgliedrigen Schulsystem sind dann die Benachteiligten selbst: Sie sind zu dumm oder unbegabt und daher f&uuml;r  ihr Scheitern am Bildungsaufstieg selber schuld &ndash; das war`s. <\/p><p>Der franz&ouml;sische Soziologe Pierre Bourdieu spricht diesbez&uuml;glich zu Recht von einer Art &raquo;Klassenrassismus&laquo; [&hellip;], der es den Herrschenden seit Jahrhunderten erm&ouml;glicht, sich selbst bar jeder Grundlage als Wesen h&ouml;herer Art und Wertigkeit zu begreifen und die von ihnen Beherrschten als &rsaquo;dummes Pack&lsaquo; anzusehen&ldquo;[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>]: Statt sich selbst als Nutznie&szlig;er einer willk&uuml;rlichen gesellschaftlichen Ordnung zu begreifen, die sie qua Struktur wie Inhalt stets aufs Neue privilegiert, inszenieren sie sich als qua Geburt und Leistung &bdquo;Besondere&ldquo; und legitimieren hierdurch auch und vor allem die soziale und materielle Deklassierung der &bdquo;restlichen&ldquo; Bev&ouml;lkerung, welche die breite Mehrheit ausmacht. <\/p><p><strong>Kritik der Begabungsideologie als notwendige Voraussetzung f&uuml;r gesellschaftliche und bildungspolitische Erneuerung<\/strong><\/p><p>In der durchaus g&auml;ngigen Alltagsvorstellung und jenen wissenschaftlichen Lehren, die solche Alltagsvorstellungen bedienen, ist &ldquo;Begabung&rdquo; dabei eine nicht weiter r&uuml;ckf&uuml;hrbare nat&uuml;rliche, also angeborene Disposition, die zur Ent&auml;u&szlig;erung besonderer Leistungen auf dem Feld dieser Begabung bef&auml;higt. Im Unterschied zu Leistungen, die auf der Beobachtungsebene liegen, ist &ldquo;Begabung&rdquo; ein Konstrukt, das zur Erkl&auml;rung von beobachteten Leistungen herangezogen wird. Begabung ist also nicht etwas, das man beobachten kann, sondern etwas, mit dem man <a href=\"http:\/\/www.gegenentwurf-muenchen.de\/mormareli.htm\">Beobachtetes deutet, interpretiert, erkl&auml;rt<\/a>.<\/p><p>Das Zirkul&auml;re dieses Denkens liegt darin, dass von einer bestimmten Leistung unvermittelt auf eine bestimmte Begabung geschlossen wird, diese Begabung aber wiederum als Ursache der Leistung genommen wird. Andersherum: Den Begabungsbegriff zu problematisieren, schlie&szlig;t keineswegs notwendig ein, Leistungsunterschiede zu leugnen. Problematisiert werden damit allein die wissenschaftliche Dignit&auml;t und die gesellschaftliche Funktionalit&auml;t einer biologisch-genetischen Erkl&auml;rung von Leistungsunterschieden. Die Funktion dieser Erkl&auml;rung besteht in der Naturalisierung von Unterschieden und der damit erleichterten Sortierung von Individuen. Deswegen ist dieses Denken auch so reaktion&auml;r wie unwissenschaftlich: Mit einem R&uuml;ckgriff auf Begabungsunterschiede wird jedes wissenschaftliche Weiterfragen nach Gr&uuml;nden von Leistungsunterschieden aufgrund einer dogmatischen, d.h. selbst <em>nicht wissenschaftlich begr&uuml;ndbaren<\/em> , Vorentscheidung abgeschnitten.<\/p><p>Allen Untersuchungen zum Trotz ist es dabei bis heute nicht gelungen, &ldquo;Begabung&rdquo; unabh&auml;ngig von beobachtbaren Leistungen bzw. Leistungsunterschieden empirisch zu verifizieren. &Uuml;ber eine diesbez&uuml;gliche menschliche Naturgrundlage lassen sich deshalb nur gattungsallgemeine Aussagen machen. <\/p><p>Insofern enth&auml;lt die Aussage Charles Bukowskis, der gesagt haben soll: &ldquo;Die meisten Menschen werden als Genies geboren, aber als Idioten beerdigt&rdquo;, eine wissenschaftlich fruchtbarere und gesellschaftlich fortschrittlichere Fragestellung als das, was bildungspolitisch von vielen Liberalen und Konservativen derweil zur Verteidigung des dreigliedrigen Schulsystems in Stellung gebracht wird. Sie stellt aber zugleich auch eine pointierte Kritik des skizzierten &bdquo;klassenrassistischen&ldquo; Bildungsverst&auml;ndnisses dar: Mittels der Struktur des Schulsystems wird einem gro&szlig;en Teil der Kinder und Jugendlichen ihr Potential, ihre Neugier, ihre Chance auf Erwerb weitgehender, qualitativ h&ouml;herwertiger Bildung, im Sinne Bukowskis also ihre &bdquo;Genie&ldquo; genommen bzw. die Entwicklung desselben unm&ouml;glich gemacht &ndash; und den dann &bdquo;Abgeh&auml;ngten&ldquo; sp&auml;ter vorgeworfen, sie selbst tr&uuml;gen hierf&uuml;r die Verantwortung. <\/p><p><strong>Das Ganze ist das Unwahre<\/strong><\/p><p>Tats&auml;chlich jedoch gilt, was Bourdieu in seinem geistreichen Buch &bdquo;Wie die Kultur zum Bauern kommt&ldquo; (S. 39) so pointiert formuliert: <\/p><blockquote><p><em>&ldquo;Von unten bis ganz nach oben funktioniert das Schulsystem, als best&uuml;nde seine Funktion nicht darin auszubilden, sondern zu eliminieren. Besser: in dem Ma&szlig;, wie es eliminiert, gelingt es ihm, die Verlierer davon zu &uuml;berzeugen, dass sie selbst f&uuml;r ihre Eliminierung verantwortlich sind. Indem das Schulsystem alle Sch&uuml;ler, wie ungleich sie auch in Wirklichkeit sein m&ouml;gen, in ihren Rechten und Pflichten gleich behandelt, sanktioniert es faktisch die urspr&uuml;ngliche Ungleichheit gegen&uuml;ber der Kultur. Die formale Gleichheit, die die p&auml;dagogische Praxis bestimmt, dient in Wirklichkeit als Verschleierung und Rechtfertigung der Gleichg&uuml;ltigkeit gegen&uuml;ber der wirklichen Ungleichheit in Bezug auf den Unterricht und der im Unterricht vermittelten oder, genauer gesagt, verlangten Kultur.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Dass die <em>formale<\/em> Struktur des dreigliedrigen Schulsystems f&uuml;r eine sozial selektive Verteilung der Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler auf Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien sorgt ist hierbei allerdings nur ein Teil des Problems. Das &bdquo;Ganze&ldquo; jedoch, im Sinne Adornos das Unwahre, gilt es immer wieder herauszuarbeiten, zu betonen und kritisieren: Es ist die Ideologie vom &bdquo;nationalen Wettbewerbsstaat&ldquo; und seiner Logik, die Kinder und Jugendliche nur noch als Produktivkr&auml;fte und deren Wissen als Standortvorteile im internationalen Wettbewerb zu klassifizieren. Diese Ideologie bedient sich &bdquo;klassenrassistischen&ldquo; Vorurteilen von einer biologischen, genetischen und\/oder nat&uuml;rlichen Determiniertheit der Verteilung vermeintlicher Dummheit und Klugheit im Lande, die de facto wiederum nur die Verteilung von Armut und Reichtum auf viele bzw. wenige legitimiert. <\/p><p>Dass Kinder armer Herkunft in der Regel keine gesellschaftlich anerkannten &bdquo;Genies&ldquo; werden, liegt gerade nicht an deren mangelnder Motivation (wie dies bspw. Initiativen wie &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.teachfirst.de\/\">Teach First<\/a>&ldquo; oder in Teilen auch &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.arbeiterkind.de\/\">Arbeiterkind<\/a>&ldquo; suggerieren und kolportieren), und auch nicht an einer nat&uuml;rlichen &bdquo;Begabung&ldquo; oder &bdquo;Eignung&ldquo;, sondern vor allem daran daran, dass die Oberen in einer pyramidenf&ouml;rmig organisierten Gesellschaft ihren gesellschaftlichen Rang und den ihres Nachwuchses verteidigen und die mit ihrer sozialen Stellung verbundenen Privilegien niemals freiwillig zur Disposition stellen oder einem wirklichen Leistungswettbewerb aussetzen wollen. Insofern sind auch die meisten aktuellen Debatten &uuml;ber &bdquo;Reformen&ldquo; des Bildungswesens kritisch zu sehen, wenn diese nicht zumindest auch die &bdquo;Leistungen&ldquo; der im Bestehenden Bildungs(un)wesen Erfolgreichen, aus denen sich in der Regel eben die Eliten in Wirtschaft und Politik rekrutieren, problematisieren. Will sagen: Die Entscheider im Lande, sind die, die sich in der Regel f&uuml;r etwas &bdquo;Bessres&ldquo; weil &bdquo;leistungsf&auml;higer&ldquo; halten; solange dieses Denken nicht in Frage gestellt wird, reproduziert sich die soziale Selektivit&auml;t und Entm&uuml;ndigung, also der &bdquo;Klassenrassismus&ldquo; im Sinne Bourdieus immer wieder aufs Neue.<\/p><p>So &bdquo;kommt es [dann dazu], dass &ndash; f&uuml;r die spezifischen kulturellen Erbschaften einzelner gesellschaftlicher Klassen oft blind &ndash; die politischen K&auml;mpfe zwischen mutma&szlig;lich &sbquo;linken&rsquo; (egalit&auml;ren) und &sbquo;rechten&rsquo; (marktliberal-konservativen) Kr&auml;ften bildungspolitisch zwar auf Verschiedenes abzuzielen meinen, in ihrer unfaire Bedingungen reproduzierenden und konservierenden Wirkung jedoch nur zwei Seiten einer Medaille sind: Die Infragestellung bspw. der universit&auml;ren Hierarchien mit dem Argument der Demokratisierung und die Verteidigung eben dieser mit dem Argument der Qualit&auml;t der Lehre, bilden de facto ein Kr&auml;ftepaar, das in Bezug auf das, was das Wesentliche am Bildungssystem ist &ndash; n&auml;mlich die Produktions- und Vermittlungsweisen von Wissen und Wissenschaft &ndash; den Status quo zementiert. Die &ndash; &sbquo;politische&rsquo; &ndash; Frage ist schlicht falsch gestellt, der Kampf wird auf dem falschen Felde gef&uuml;hrt. Oder um es anders auszudr&uuml;cken: Wo die fundamentale gesellschaftliche Funktion des Bildungswesens die Verteilung einer Vielzahl von Arbeitskr&auml;ften auf stets nur wenige hohe, einige mittlere und endlos viele niedere gesellschaftliche Positionen ist, fruchten rein formal daherkommende Forderungen nach &sbquo;sozialer &Ouml;ffnung&rsquo; der [Schulen und] Hochschulen, wie sie [seit ehedem] von Studierendenverb&auml;nden [allzu oft] erhoben werden, wenig. Denn selbst wenn man dieselben f&uuml;r doppelt so viele Kinder aus der beherrschten Klasse &ouml;ffnete, w&uuml;rden diese ob des dort g&uuml;ltigen Systems kultureller Blindheit und Benachteiligung in der Regel doch (nur wieder) zu Verlierern gemacht.&ldquo; [<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>]<\/p><p>Um nicht missverstanden zu werden: Die &Ouml;ffnung des Bildungssystems ist eine zentrale Voraussetzung, wenn die Segmentierung der Gesellschaft &uuml;berwunden werden soll. Sie ist jedoch keineswegs hinreichend Durchl&auml;ssigkeit und Chancengleichzeit herzustellen, da die sozio&ouml;konomische Verteilung von Macht und Einkommen eben nicht an Schulen und Hochschulen entschieden wird, wie man uns immer wieder weiszumachen versucht.<\/p><p>Oder, wie Bourdieu es in &bdquo;Die feinen Unterschiede&ldquo; formuliert:<\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Das Auseinanderklaffen zwischen den vom Bildungssystem gen&auml;hrten Hoffnungen und Erwartungen auf der einen, den Chancen, die es in Wirklichkeit anbietet, auf der anderen Seite, ist in einer Phase der Inflation von Titeln ein strukturelles Faktum, das graduell verschieden je nach Seltenheitsgrad der Titel und ihrer sozialen Herkunft alle Angeh&ouml;rigen einer Schulgeneration in Mitleidenschaft zieht. Die blo&szlig;e Tatsache, im weiterf&uuml;hrenden Schulwesen Fu&szlig; gefa&szlig;t zu haben, l&auml;&szlig;t die neu aufger&uuml;ckten Klassen von diesem [f&auml;lschlicherweise] erwarten, was es fr&uuml;her, als sie noch praktisch ausgeschlossen waren, tats&auml;chlich auch erf&uuml;llte.&ldquo;<\/em> <\/p><\/blockquote><p><em><strong>Danksagung<\/strong>: Viele Gedanken und Impulse zur Kritik am Begabungsbegriff sind Artikeln und Schriften von Prof. Dr. Morus Markard[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] entnommen, der dem geneigten Leser und der geneigten Leserin unbedingt zur Lekt&uuml;re weiterempfohlen wird. <\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] <a href=\"https:\/\/www-ec.destatis.de\/csp\/shop\/sfg\/bpm.html.cms.cBroker.cls?cmspath=struktur,Warenkorb.csp&amp;action=basketadd&amp;id=1025386\">Destatis.de<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Der &bdquo;nationale Wettbewerbsstaat&ldquo; &ndash; vgl. unter anderem: <a href=\"http:\/\/www.nadir.org\/nadir\/archiv\/Diverses\/pdfs\/hirsch_wettbewerb.pdf\">Nadir.de [PDF &ndash; 726KB]<\/a> &ndash; sowie ein Verst&auml;ndnis von Bildung als &bdquo;Humankapital&ldquo; &ndash; vgl. unter anderem: <a href=\"http:\/\/www.studis-online.de\/HoPo\/Hintergrund\/humankapital.php\">Studis-online<\/a> &ndash; lassen lauthals gr&uuml;&szlig;en.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] vgl. hierzu insbesondere <a href=\"http:\/\/starweb.hessen.de\/cache\/DRS\/18\/9\/00979.pdf\">Starweb.hessen.de [PDF &ndash; 1.6MB]<\/a> sowie die Landtagsdebatte zum Thema, im Internet ver&ouml;ffentlicht unter: <a href=\"http:\/\/starweb.hessen.de\/cache\/PLPR\/\/18\/0\/00030.pdf\">Starweb.hessen.de [PDF &ndash; 1.3MB]<\/a>. In dieser vertritt bspw. Alexander Bauer (CDU) zum Thema einer Gro&szlig;en Anfrage der Fraktion DIE LINKE. im Hessischen Landtag bez&uuml;glich unter anderem der &bdquo;Verteilung von Armut auf Schulformen in Hessen&ldquo; (Frage 21) &ndash; die Landesregierung antwortet: &bdquo;Bez&uuml;glich der Verteilung von Armut und Schulformen in Hessen liegen, soweit bekannt, keine (amtlichen) statistischen Auswertungen vor.&ldquo; &ndash; folgende Position zum Thema: &bdquo;Sehr geehrter Herr Pr&auml;sident, sehr geehrte Damen und Herren! Sich mit Antr&auml;gen oder Anfragen der linken Partei zu besch&auml;ftigen, hat immer seinen eigenen Reiz. Freunde einfacher Weltbilder werden dort stets bestens bedient. Auch die vorliegende Gro&szlig;e Anfrage zur Lernmittelfreiheit zeigt die Ideologie der Antragsteller. Erstaunlich ist z.B. immer wieder, mit den Vorstellungen der LINKEN hinsichtlich Datenerhebung des Staates konfrontiert zu werden. Meine Damen und Herren der LINKEN, zur Erledigung Ihres Anliegens bedarf es eines Meldewesens, das daf&uuml;r sorgt, dass jede von Lehrkr&auml;ften erstellte und an Sch&uuml;ler verteilte Kopie, jedes von Sch&uuml;lerseite zu f&uuml;hrende Arbeitsbuch f&uuml;r den Fremdsprachenunterricht, jeder im Kunstunterricht oder zu Hause verwendete Pinsel erfasst werden, eines Meldewesens, das daf&uuml;r sorgt, dass jede Leihgeb&uuml;hr der Schulbibliotheken, die in die Zust&auml;ndigkeit der Schultr&auml;ger fallen, nach Wiesbaden weitergemeldet wird. Meine Damen und Herren, das existiert nicht, und das wird mit uns auch nicht existieren. [&hellip;] Auf solche Ideen kann man nur kommen, wenn man sich ein vor 20 Jahren zu Grabe getragenes Staatswesen zum Vorbild nimmt. In Ihrer Rechnung kommt die Freiheit nicht vor, und deshalb geht Ihre Rechnung auch nicht auf.&ldquo; Mario D&ouml;weling (FDP) formuliert es anders: &bdquo;Herr Pr&auml;sident, meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich muss schon sagen: So oft wie bei der Lekt&uuml;re dieser beiden Anfragen habe ich selten den Kopf sch&uuml;tteln m&uuml;ssen und mir selten solche Anmerkungen machen m&uuml;ssen. Kollege Merz hat es ganz feinsinnig ausgedr&uuml;ckt: Sie gehen hier von einer gewissen Pr&auml;misse aus &ndash; sagte er &ndash;, die Ihren Fragen zugrunde liegt. [&hellip;] Zum einen kann die Landesregierung diese Daten gar nicht vorr&auml;tig haben; zum anderen sollten Sie vielleicht einmal eine andere Adresse fragen. Es wurde schon angesprochen: Vielleicht w&auml;re eine Schultr&auml;gerabfrage der richtige Weg. Wenn Sie sich beklagen, die Landesregierung antworte darauf nicht, so kann das wirklich nicht der richtige Weg sein.&ldquo;<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/meldung202404.html%20\">Tagesschau<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] <a href=\"http:\/\/www.astafu.de\/inhalte\/publikationen\/hopo\/bd13\/hopo13.pdf\">Astafu [PDF &ndash; 3.7MB]<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] <a href=\"http:\/\/www.studis-online.de\/HoPo\/art-679-klassenbildung.php\">Studis-online<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] <a href=\"http:\/\/www.bdwi.de\/bdwi\/organisation\/referenten\/_node\/personen\/markard.html\">BDWI<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oder: Wie sich dank der Mehrgliedrigkeit und inneren Beschaffenheit des Schulsystems soziale Ungleichheit reproduziert. 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