{"id":54232,"date":"2019-08-19T11:06:44","date_gmt":"2019-08-19T09:06:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54232"},"modified":"2019-08-19T14:13:28","modified_gmt":"2019-08-19T12:13:28","slug":"freie-fahrt-fuer-die-bundeswehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54232","title":{"rendered":"Freie Fahrt f\u00fcr die Bundeswehr"},"content":{"rendered":"<p>Ab n&auml;chstem Jahr d&uuml;rfen Bundeswehrsoldaten die Deutsche Bahn f&uuml;r private und dienstliche Fahrten <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2019-08\/bundeswehr-deutsche-bahn-soldaten-uniform-gratisfahrten-einigung\">kostenfrei nutzen<\/a>. Was umweltpolitisch sicher sinnvoll ist, stellt verkehrspolitisch ein mehr als fragw&uuml;rdiges Man&ouml;ver dar. Die Kosten f&uuml;r die Freifahrtscheine der Soldaten wird n&auml;mlich zum gr&ouml;&szlig;ten Teil die Bahn selbst &uuml;bernehmen m&uuml;ssen. Dieses Geld fehlt an anderen Stellen und wird &uuml;ber kurz oder lang &uuml;ber erh&ouml;hte Ticketpreise von den Kunden der Bahn wieder hereingeholt. So zahlt der B&uuml;rger ein Projekt, das offenkundig vor allem als PR-Kampagne f&uuml;r die CDU-Vorsitzende und neue Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer lanciert wurde. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3560\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-54232-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190819_Freie_Fahrt_fuer_die_Bundeswehr_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190819_Freie_Fahrt_fuer_die_Bundeswehr_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190819_Freie_Fahrt_fuer_die_Bundeswehr_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190819_Freie_Fahrt_fuer_die_Bundeswehr_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=54232-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/190819_Freie_Fahrt_fuer_die_Bundeswehr_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"190819_Freie_Fahrt_fuer_die_Bundeswehr_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Als es in Deutschland noch die allgemeine Wehrpflicht gab, durften Wehrdienstleistende am Wochenende kostenlos mit der Bahn zwischen der Kaserne und ihrem Heimatort pendeln. Die Kosten daf&uuml;r musste das Verteidigungsministerium aus seinem Wehretat &uuml;bernehmen &ndash; 2010 immerhin <a href=\"https:\/\/www.bundeshaushalt.de\/fileadmin\/de.bundeshaushalt\/content_de\/dokumente\/2012\/soll\/epl14.pdf\">43 Millionen Euro<\/a>. Das ab kommendem Jahr geltende Freifahrangebot f&uuml;r Soldaten stellt die alte Regelung deutlich in den Schatten &ndash; es gilt n&auml;mlich ausnahmslos f&uuml;r alle Soldaten und nicht nur f&uuml;r &bdquo;Heimfahrten&ldquo;, sondern f&uuml;r s&auml;mtliche dienstlichen und privaten Fahrten innerhalb des gesamten Netzes*. Da sollte der Verdacht ja naheliegen, dass das Verteidigungsministerium f&uuml;r diesen Service f&uuml;r seine Mitarbeiter tief in die Taschen greifen musste. Doch weit gefehlt. F&uuml;r das gro&szlig;e Paket zahlt das Verteidigungsministerium nur l&auml;cherliche vier Millionen Euro pro Jahr an die Bahn &ndash; das sind 22 Euro pro Bundeswehrsoldat.<\/p><p>Um diese Zahl greifbarer zu machen, lohnt sich ein Blick auf die Kosten, die andere Unternehmen f&uuml;r ihre Mitarbeiter f&uuml;r vergleichbare Dienstleistungen aufbringen m&uuml;ssen. Die BahnCard 100 f&uuml;r Gesch&auml;ftskunden, die durchaus mit der kommenden &bdquo;Bundeswehrnetzkarte&ldquo; vergleichbar ist, <a href=\"https:\/\/www.bahn.de\/p\/view\/bahnbusiness\/businesscards\/bahncard100-geschaeftskunden.shtml\">kostet<\/a> 4.395 Euro pro Jahr. Man kann zwar davon ausgehen, dass die Bahn gro&szlig;en Firmenkunden auch gro&szlig;z&uuml;gige Rabatte einr&auml;umt. Die sagenhafte Schieflage wird dies jedoch auch nicht gro&szlig;artig mindern k&ouml;nnen: <strong>Die Differenz zwischen den 22 Euro der Bundeswehr und den 4.395 Euro f&uuml;r normale Firmenkunden betr&auml;gt fast das 200-fache!<\/strong><\/p><p><strong>Ein schlechter Deal<\/strong><\/p><p>Wie sehr die Bahn bei diesem Deal &uuml;bervorteilt wurde, lassen <a href=\"http:\/\/www.bundeswehr-journal.de\/2019\/kostenlose-bahnfahrten-fuer-aktive-soldaten-ab-1-januar-2020\/\">die vorliegenden Zwischenberichte aus Verhandlungskreisen<\/a> erahnen. Dort hie&szlig; es, dass die Bahn urspr&uuml;nglich mindestens 38 Millionen Euro pro Jahr veranschlagte, nur um die laufenden Kosten zu bew&auml;ltigen. Diese Kalkulation bezog sich jedoch auf ein deutlich eingeschr&auml;nktes Angebot, bei dem Soldaten nur die Z&uuml;ge kostenfrei h&auml;tten buchen d&uuml;rfen, die nicht sonderlich ausgelastet sind &ndash; also ein Angebot, dass f&uuml;r die Bahn kaum Zusatzkosten bedeutet h&auml;tte. F&uuml;r dieses eingeschr&auml;nkte Angebot wollte das Verteidigungsministerium demnach &bdquo;knapp 20 Millionen Euro&ldquo; aufbringen. Nun hat man sich also f&uuml;r das &bdquo;gro&szlig;e Sorglospaket&ldquo; mit massiven Zusatzkosten f&uuml;r die Bahn entschieden und wie durch ein Wunder ist parallel dazu der Preis implodiert. Die verabschiedeten vier Millionen f&uuml;r das &bdquo;gro&szlig;e Paket&ldquo; sind immerhin nur fast ein Zehntel der urspr&uuml;nglich verlangten 38 Millionen f&uuml;r das &bdquo;kleine Paket&ldquo;. <\/p><p>Jeder andere Manager h&auml;tte sich f&uuml;r einen solch negativen Vertragsabschluss vor seinem Chef rechtfertigen m&uuml;ssen. Doch auf Seiten der Bahn sa&szlig; Bahnchef Lutz h&ouml;chstpers&ouml;nlich mit am Verhandlungstisch und er m&uuml;sste sich h&ouml;chstens vor der Kapitalseite erkl&auml;ren. Da die Bahn aber eine 100-prozentige Tochter des Bundes ist und die Freifahrtscheine ein ausdr&uuml;cklicher Wunsch der Ministerien f&uuml;r Verkehr, Verteidigung und Inneres waren, hat Lutz auch hier nichts zu bef&uuml;rchten. <strong>&Ouml;konomisch stellt das Angebot eine Quersubventionierung des Bundeswehretats durch die Deutsche Bahn AG dar. Dies ist in aller Form zu kritisieren.<\/strong><\/p><p>Doch es geht hier nicht &bdquo;nur&ldquo; um &Ouml;konomie. Die Freifahrtscheine muss man vor allem als politisches Geschenk an die CDU-Chefin und neue Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer werten. Die Verhandlungen zu den kostenfreien Bahntickets laufen schon seit Jahresbeginn und wurden ma&szlig;geblich von der CSU vorangetrieben. Kramp-Karrenbauer nutzte lediglich die Gunst der Stunde und erntete den PR-Erfolg. <\/p><p>Die Kosten f&uuml;r diese PR-Nummer tr&auml;gt der Bahnkunde. Denn wenn die zu erwartenden neuen Kunden in Uniform an den Wochenenden zu den Sto&szlig;zeiten die Fernz&uuml;ge &uuml;berf&uuml;llen, wird die Bahn zus&auml;tzliches Personal und zus&auml;tzliche Z&uuml;ge stellen m&uuml;ssen. Das kostet, nur dass hier den Zusatzkosten keine Zusatzeinnahmen gegen&uuml;berstehen. Die wird die Bahn sich dann &uuml;ber Preiserh&ouml;hungen bei ihren &bdquo;normalen&ldquo; Kunden wieder holen. <strong>Schlussendlich ist es also der &bdquo;normale&ldquo; Bahnkunde, der hier die Bundeswehr &uuml;ber den Ticketpreis quersubventioniert &ndash; ob er es will oder nicht.<\/strong><\/p><p><strong>Respekt und Dank? Wof&uuml;r?<\/strong><\/p><p>Kostenlose Bahntickets f&uuml;r Soldaten werfen jedoch auch noch ganz andere Fragen auf. Die Freifahrtscheine seien &ndash; so Kramp-Karrenbauer &ndash; ein &bdquo;handfester Ausdruck&ldquo; f&uuml;r &bdquo;Respekt und Dank&ldquo;, den die Bundeswehrsoldaten &bdquo;verdienen&ldquo;. Das ist interessant. Wof&uuml;r genau verdienen Soldaten Respekt und Dank? Und warum ausgerechnet Soldaten? Verdienen denn Kranken- oder Altenpfleger keinen Respekt und keinen Dank? Gem&auml;&szlig; der AKK-Logik m&uuml;ssten dann ja alle Berufe, die Respekt und Dank verdienen, kostenlos mit der Bahn fahren d&uuml;rfen. Davon kann nat&uuml;rlich keine Rede sein. <\/p><p>CSU-Landesgruppenchef Dobrindt appelliert in diesem Zusammenhang gar an die &bdquo;Sichtbarkeit der Soldaten in der Gesellschaft&ldquo;. Der uniformierte Soldat soll also zur Normalit&auml;t im &ouml;ffentlichen Raum werden &ndash; wie weiland zu Kaisers und F&uuml;hrers Zeiten. So muss die Bahn auch noch die Kosten f&uuml;r ein Projekt tragen, das zur Militarisierung der Gesellschaft beitragen soll. Es geht also weniger um die Soldaten, sondern vielmehr darum, dass CDU und CSU vor allem in bundeswehraffinen reaktion&auml;ren W&auml;hlerkreisen der AfD wieder Stimmen abjagen wollen. <\/p><p><strong>Netzkarten sind sinnvoll, solange sie auch bezahlt werden<\/strong><\/p><p>Dabei sind kostenfreie Netzkarten f&uuml;r Mitarbeiter generell nat&uuml;rlich eine gute Sache, verhindern sie doch &uuml;berfl&uuml;ssige Fahrten mit dem Auto und sind daher verkehrs-, klima- und umweltpolitisch w&uuml;nschenswert. Wenn diese Karten jedoch aus politischen Gr&uuml;nden nur Soldaten zur Verf&uuml;gung gestellt und die Kosten daf&uuml;r sozialisiert werden, ist dies keine sinnvolle Angelegenheit mehr. Die Bundeswehr kann und sollte ihren Soldaten gerne kostenfreie Bahntickets anbieten &ndash; aber dann sollte sie daf&uuml;r auch den regul&auml;ren Preis zahlen. <\/p><p>Am Ende sei noch an einen Punkt erinnert, der in diesem Kontext immer gerne vergessen wird. Immer wenn es um verkehrs-, klima- und umweltpolitisch sinnvolle Projekte &ndash; wie z.B. die St&auml;rkung des G&uuml;terverkehrs auf Schienen, den Ausbau des Netzes oder bessere Taktzeiten &ndash; geht, hei&szlig;t es von Seiten der Bahn und von Seiten der Politik, die Bahn sei ein privatwirtschaftliches Unternehmen, das kein Spielball der Politik sein d&uuml;rfte, sondern den Regeln des Marktes folgen m&uuml;sse. Ist das so? Denken Sie mal dr&uuml;ber nach. Offenbar geht es auch anders, wenn man nur will. Dummerweise &bdquo;will&ldquo; die Politik aber nur, wenn es weder um Verkehrs-, Klima- noch Umweltpolitik, sondern um das Bundeswehrbudget und die eigenen Umfragewerte geht.  <\/p><p>Bildnachweis: Little Adventures\/shutterstock.com<\/p><p><em>* Ausgenommen sind zur Zeit noch Fahrten mit privaten Bahngesellschaften im Nahverkehr. Deren Betreiber halten das Angebot des Verkehrsministeriums n&auml;mlich f&uuml;r viel zu niedrig.<\/em><\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/aeb6754745ce4117beebf5a3f695e953\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ab n&auml;chstem Jahr d&uuml;rfen Bundeswehrsoldaten die Deutsche Bahn f&uuml;r private und dienstliche Fahrten <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2019-08\/bundeswehr-deutsche-bahn-soldaten-uniform-gratisfahrten-einigung\">kostenfrei nutzen<\/a>. Was umweltpolitisch sicher sinnvoll ist, stellt verkehrspolitisch ein mehr als fragw&uuml;rdiges Man&ouml;ver dar. Die Kosten f&uuml;r die Freifahrtscheine der Soldaten wird n&auml;mlich zum gr&ouml;&szlig;ten Teil die Bahn selbst &uuml;bernehmen m&uuml;ssen. 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