{"id":54251,"date":"2019-08-20T14:00:04","date_gmt":"2019-08-20T12:00:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54251"},"modified":"2026-01-27T11:33:24","modified_gmt":"2026-01-27T10:33:24","slug":"mord-an-olof-palme-ein-mann-der-den-eindruck-macht-in-seinen-ermittlungen-voellig-unabhaengig-zu-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54251","title":{"rendered":"Mord an Olof Palme: \u201eEin Mann, der den Eindruck macht, in seinen Ermittlungen v\u00f6llig unabh\u00e4ngig zu sein\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Im Mordfall des schwedischen Ministerpr&auml;sidenten Olof Palme gibt es Hoffnung, dass eine Aufkl&auml;rung doch noch stattfinden wird. Das sagt Autor <strong>Patrik Baab<\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten. Zusammen mit seinem Co-Autor, dem Politikwissenschaftler und R&uuml;stungsexperten Robert Harkavy, hat Baab sich mit dem schwedischen Generalstaatsanwalt getroffen, um &uuml;ber das r&auml;tselhafte Verbrechen, das &uuml;ber 30 Jahre zur&uuml;ckliegt, zu sprechen. Einen Einblick in das Gespr&auml;ch und die Hintergr&uuml;nde des Falls gibt Baab im folgenden NachDenkSeiten-Interview unseren Lesern. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Herr Baab, der Mord an Olof Palme liegt Jahrzehnte zur&uuml;ck. Kann das Verbrechen noch aufgekl&auml;rt werden?<\/strong><\/p><p>Robert Harkavy und ich sind &uuml;berzeugt, dass der Fall Palme gel&ouml;st werden kann. Der derzeitige schwedische Generalstaatsanwalt Krister Petersson scheint dazu der richtige Mann zu sein. Er ist nicht nur Fan des 1. FC K&ouml;ln, sondern nach unserem Eindruck auch gewillt, den Mord aufzukl&auml;ren. Wir haben uns im vergangenen Herbst mehrere Stunden mit Krister Petersson unterhalten. Dabei erkl&auml;rte er, dies sei sein letzter Job als Chefermittler und er wolle unbedingt in den kommenden vier Jahren zu einem Ergebnis kommen. Wenn er sein Vorhaben einl&ouml;st, dann w&auml;re er der erste Palme-Ermittler, der nicht Teil einer Vertuschungsaktion ist.<\/p><p><strong>Warum haben Sie Hoffnung, dass bei den Ermittlungen etwas rauskommen k&ouml;nnte?<\/strong><\/p><p>Krister Petersson f&uuml;hrt aus, dass Christer Pettersson, der lange Zeit von den schwedischen Ermittlern beschuldigte angebliche Einzelt&auml;ter, den Mord gar nicht begangen haben kann. Er habe sich gar nicht am Tatort befunden und sei deshalb Jahre sp&auml;ter vom Berufungsgericht zu Recht freigesprochen worden. Zeugen, die damals Christer Pettersson belastet haben, seien von der Polizei selbst bestochen worden. Damit bricht die Einzelt&auml;ter-Theorie in sich zusammen. Der schwedische Chefermittler denkt an eine professionelle, milit&auml;risch ausgebildete T&auml;tergruppe, m&ouml;glicherweise milit&auml;rische Spezialkr&auml;fte.<\/p><p><strong>Wer ist der Staatsanwalt?<\/strong><\/p><p>Ein Mann, der den Eindruck macht, in seinen Ermittlungen v&ouml;llig unabh&auml;ngig zu sein. Vor allem hat er beruflich alles erreicht, er muss keine Karriere mehr machen und m&ouml;glichen Pressionen nicht mehr nachgeben. Aber er wei&szlig; auch, dass er sich mit m&auml;chtigen Gegnern anlegt. Krister Petersson sieht zahlreiche Hinweise, dass die schwedische Polizei und der schwedische Geheimdienst, die S&auml;po, in die Tat verwickelt sind.<\/p><p>Er hat Ermittlungsteams nach S&uuml;dafrika geschickt und interessiert sich sehr f&uuml;r die schwedischen Zellen der NATO-Geheimarmee Stay-Behind. Denn dem Leitungsgremium dieser NATO-Geheimarmee, dem Allied Clandestine Committee ACC, waren auch Vertreter von Staaten zugeordnet, die der NATO nicht angeh&ouml;rten &ndash; wie z.B. Schweden. Dies belegen Dokumente, die wir in unserem Buch auswerten. Insoweit zeigte Krister Petersson starkes Interesse an unseren Recherche-Ergebnissen. Aber ob er den Fall ausermitteln kann, h&auml;ngt auch davon ab, ob die S&auml;po ihre Archive &ouml;ffnet und ihre Unterlagen zug&auml;nglich macht. Dies ist nach meiner Kenntnis in den vergangenen 30 Jahren nicht geschehen.<\/p><p><strong>Um das kurz zu kl&auml;ren: In dem Fall gibt es einen Krister Petersson und Christer Pettersson.<\/strong><\/p><p>Ja, das mag verwirrend wirken, aber das ist einfach nur eine zuf&auml;llige Namens-&Auml;hnlichkeit. Der lange beschuldigte angebliche Einzelt&auml;ter Christer Pettersson war ein drogen- und alkoholabh&auml;ngiger Kleinkrimineller. Eine Woche vor dem Mord an Olof Palme nahm er einen Schnapsladen hoch und lief danach der Polizei direkt in die Arme. Er w&auml;re gar nicht in der Lage gewesen, einen solchen Mord auszuf&uuml;hren. Robert Harkavy und ich gehen davon aus, dass man einen S&uuml;ndenbock gesucht hat. So wollte man von den wahren Hintergr&uuml;nden der Tat und vor allem auch von der Tatbeteiligung von Teilen der schwedischen Sicherheitskr&auml;fte und des schwedischen Establishments ablenken.<\/p><p><strong>Was spricht gegen die Einzelt&auml;tertheorie?<\/strong><\/p><p>In der eiskalten Winternacht des 28. Februar 1986 kurz nach 23 Uhr n&auml;herte sich der M&ouml;rder von hinten dem Ehepaar Olof und Lisbet Palme. Die beiden kamen aus dem Kino Grant auf dem Sveav&auml;gen mitten in Stockholm. Zeugen sagten aus, dass der T&auml;ter eine kurze Weile neben den beiden herlief, m&ouml;glicherweise mit ihnen gesprochen hat. Dann feuerte er Olof Palme aus n&auml;chster N&auml;he genau in jene Stelle des R&uuml;ckenmarks, bei deren Verletzung der Getroffene sofort tot ist.<\/p><p>Nicht gesichert ist, ob ein zweiter Schuss Lisbet Palme streifte oder ob es sich hier um eine Inszenierung handelt. Dann entfernte sich der M&ouml;rder gemessenen Schrittes hin zu den Stufen der Tunnelgatan. Er drehte sich ruhig um, blickte zur&uuml;ck. Erst dann sprintete er die Stufen der Tunnelgatan hinauf und verschwand in einer der drei von dort abzweigenden Stra&szlig;en. Ein einziger Schuss in die t&ouml;dliche Stelle; ein kaltbl&uuml;tiger R&uuml;ckzug vom Tatort; ein Mord an einem Ort, der sich bestens f&uuml;r die Flucht eignet &ndash; dies ist das Werk eines Profis, eines trainierten, ausgebildeten, routinierten &bdquo;hitman&ldquo;, der sich auf ein eingespieltes Team st&uuml;tzt.<\/p><p><strong>Sie haben sich mit dem Staatsanwalt getroffen. Was sind seine Erkenntnisse?<\/strong><\/p><p>Wie alle professionellen Ermittler spricht Krister Petersson nicht &uuml;ber einzelne Ermittlungsergebnisse. Aber aus den Fragen, die er stellt, und den Themen, die wir diskutiert haben, erkennen wir, in welche Richtungen er ermittelt. Hier gibt es zahlreiche &Uuml;bereinstimmungen mit unserer Arbeit. So betrachtet der Chefermittler genau die sogenannten &bdquo;walkie-talkie-men&ldquo;. Zahlreiche Zeugen sahen rund um den Tatort und entlang des abendlichen Wegs der Palmes M&auml;nner mit Funkger&auml;ten &ndash; Mobiltelefone gab es ja noch nicht. Ihre Positionen sind nicht ganz logisch. Keine einzige dieser Zeugenaussagen wurde sauber ausermittelt.<\/p><p><strong>Wurden Palme und seine Frau an diesem Abend beobachtet?<\/strong><\/p><p>Daf&uuml;r sprechen viele Indizien. Der Entschluss von Olof und Lisbet, mit ihrem Sohn und seiner Freundin ins Kino zu gehen, fiel erst am Abend, vielleicht zweieinhalb Stunden vor dem Beginn der Vorstellung um 21 Uhr. Wer auch immer diese M&auml;nner mit Funkger&auml;ten positioniert hat &ndash; er musste wissen, was Palme und seine Frau an diesem Abend vorhatten. Dies konnte nur wissen, wer das Telefon von Olof Palme abgeh&ouml;rt hat. Daf&uuml;r kommen nur Mitarbeiter von Polizei, Geheimdienst oder Telefongesellschaft in Frage.<\/p><p><strong>Woran war der Staatsanwalt noch interessiert?<\/strong><\/p><p>Gro&szlig;es Interesse zeigt Krister Petersson auch an der S&uuml;dafrika-Spur. Es gibt Dokumente des s&uuml;dafrikanischen Milit&auml;rgeheimdienstes, in denen Palme als Staatsfeind bezeichnet wird und eine Operation gegen ihn befohlen wird. Es liegt eine Reisekosten-Abrechnung eines Agenten namens Roy Allen vor. Dieser Mann geh&ouml;rte einer s&uuml;dafrikanischen Todesschwadron an. Die Reisekostenabrechnung f&uuml;r eine Fahrt &uuml;ber die Niederlande und London nach Stockholm und zur&uuml;ck ist datiert auf die Tage 26.\/27.\/28.\/29. und 30. Februar 1986. Dies kann nicht stimmen &ndash; der Februar 1986 hatte nur 28 Tage. Blo&szlig; ein Irrtum oder eine F&auml;lschung &ndash; das wissen wir nicht genau.<\/p><p>Aber wir wissen: In den Dokumenten des Milit&auml;rgeheimdienstes des Apartheid-Regimes wird davon gesprochen, dass die Operation von Br&uuml;ssel aus gesteuert und &uuml;berwacht wird. Damit kann die s&uuml;dafrikanische Botschaft in Belgien gemeint sein &ndash; was wenig Sinn macht. Damit kann aber auch die Zentrale der NATO-Geheimarmee Stay-Behind &ndash; das Allied Clandestine Committee oder sein operativer Arm, der Secret Operations Planning Staff &ndash; gemeint sein. Dies macht eher Sinn. Denn uns liegen Dokumente dieser Gremien vor, die auf eine Beteiligung von Stay-Behind hinweisen.<\/p><p><strong>Der Fall ist verwirrend &ndash; wie viele Verbrechen dieser Art.<\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst einmal blickt man in eine Nebelwand. Aber die Recherche-Leistung ist es, diese Nebelwand zu durchdringen. Dazu m&uuml;ssen wir die richtigen Fragen stellen: Welche Spuren weist der Tatort auf? Was sehen wir im Tatort-Umfeld? Welche Personen waren Teil der Befehlsketten? Welche Motive kommen ins Spiel? Am Ende sind die Rechercheure angewiesen auf verl&auml;ssliche Informanten.<\/p><p><strong>&Auml;hnlich wie im Fall Barschel gibt es eine ziemliche Gemengelage, oder?<\/strong><\/p><p>Man darf sich von der Vielzahl der Spuren nicht in die Irre f&uuml;hren lassen. Entscheidend ist wirklich, was wir am Tatort sehen und welche Motive ins Spiel kommen. Dies ergibt sich nicht aus Mutma&szlig;ungen, sondern aus Dokumenten oder den Aussagen von Zeitzeugen.<\/p><p><strong>Welche Motive k&ouml;nnten bei Palme eine Rolle gespielt haben?<\/strong><\/p><p>Dokumente belegen, dass es drei Motive gibt: Zun&auml;chst einmal lie&szlig; Olof Palme den schwedischen Waffenhandel mit Teheran im Rahmen der Iran-Contra-Aff&auml;re stoppen. Hintergrund waren gro&szlig;e Razzien des schwedischen Zolls bei dem Waffenschieber Karl-Erik Schmitz und bei Bofors in Karlskoga. Die US-Regierung um Pr&auml;sident Reagan hatte umfangreiche Waffenlieferungen an den Iran &uuml;ber Drittl&auml;nder wie Schweden organisiert, um heimlich ein Verbot des Kongresses zu umgehen, und dr&auml;ngte die schwedische Regierung auf eine Fortsetzung der Lieferungen. Palme verweigerte sich diesem Dr&auml;ngen.<\/p><p><strong>Das zweite Motiv?<\/strong><\/p><p>Olof Palme plante f&uuml;r das Fr&uuml;hjahr 1986 einen Besuch bei Michail Gorbatschow in Moskau. Die NATO-Geheimdienste bef&uuml;rchteten, dass dabei auch &uuml;ber ein atomwaffenfreies Mitteleuropa und ein neutrales Skandinavien gegen sowjetische Sicherheitsgarantien verhandelt werden sollte. Dies betrachtete man als Gefahr f&uuml;r die NATO-Nordflanke und die NATO-Strategie, die im Kriegsfall einen Pr&auml;ventivschlag gegen die russischen U-Boot-Basen auf der Halbinsel Kola vorsah.<\/p><p><strong>Und das dritte Motiv?<\/strong><\/p><p>Schweden war der gr&ouml;&szlig;te Geldgeber des African National Congress um Nelson Mandela, Palme hatte sich klar gegen die Rassentrennung positioniert. Dokumente des s&uuml;dafrikanischen Milit&auml;r-Geheimdienstes zeigen: F&uuml;r das Apartheid-Regime war Olof Palme ein Staatsfeind, gegen den eine verdeckte Operation durchgef&uuml;hrt werden sollte.<\/p><p><strong>Verstehe ich Sie richtig: Diese drei Motive haben dann auch mutma&szlig;lich zusammengewirkt?<\/strong><\/p><p>Aus diesen Punkten erw&auml;chst ein Motivb&uuml;ndel, das auf die Vorg&auml;nge im Hintergrund hinweist. Im Sinne eines secret-service-subcontracting benutzte man offenbar &ndash; das zeigen die uns vorliegenden Dokumente &ndash; die Todesschwadronen des Apartheidstaates, um die Drecksarbeit f&uuml;r die NATO-Geheimarmee Stay-Behind zu erledigen.<\/p><p><strong>Wer sich mit F&auml;llen wie den Palme-Mord auseinandersetzt, wird schnell vorgeworfen, sich auf Verschw&ouml;rungstheorien einzulassen. Hat man Ihnen auch diese Vorw&uuml;rfe gemacht?<\/strong><\/p><p>Dieser Vorwurf kommt immer wieder, meist von Menschen, die unser Buch gar nicht gelesen haben. Denn darin geht es nicht um Verschw&ouml;rungstheorien, sondern um politische Interessen. F&uuml;r unsere Darstellung ziehen wir eine Vielzahl von Belegen heran. Entscheidend f&uuml;r die Aussagekraft einer Theorie ist f&uuml;r mich die Realit&auml;tsprobe. Wer das Buch nicht gelesen hat, kann die Realit&auml;tsprobe nicht machen. Deshalb bleibt der Vorwurf im Ungef&auml;hren.<\/p><p>Der Begriff Verschw&ouml;rungstheorie ist in meinen Augen analytisch unscharf und damit wenig hilfreich. Verwendet hat ihn der konservative Philosoph Karl Popper in der klaren Absicht, alternative soziologische Erkl&auml;rungsmodelle auszugrenzen. Politisch aufgeladen hat ihn die CIA nach dem Mord an J. F. Kennedy. Der Geheimdienst versuchte, Hinweise in ein schlechtes Licht zu r&uuml;cken, die CIA selbst sei in den Mord am Pr&auml;sidenten verwickelt &ndash; was sp&auml;ter historische Studien gut belegt haben. So scheint mir das Wort &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorie&ldquo; ein interessengeleiteter politischer Kampfbegriff mit geringer analytischer Reichweite zu sein. Von &Uuml;berfliegern wird er gerne verwendet, weil man sich damit schnell einer Sache entledigen kann, ohne gr&uuml;ndlich dar&uuml;ber nachzudenken.<\/p><p><em>Lesetipp (aktualisierte Ausgabe): Im Spinnennetz der Geheimdienste &ndash; Warum wurden Olof Palme, Uwe Barschel und William Colby ermordet? Westend Verlag. Frankfurt am Main, 2019. 416 Seiten. 20 Euro.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Mordfall des schwedischen Ministerpr&auml;sidenten Olof Palme gibt es Hoffnung, dass eine Aufkl&auml;rung doch noch stattfinden wird. Das sagt Autor <strong>Patrik Baab<\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten. 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