{"id":54266,"date":"2019-08-21T11:17:28","date_gmt":"2019-08-21T09:17:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54266"},"modified":"2019-08-21T12:17:04","modified_gmt":"2019-08-21T10:17:04","slug":"er-tickt-wie-sie-ein-deutscher-fernsehstar-tritt-gegen-mobbing-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54266","title":{"rendered":"Er tickt wie sie: Ein deutscher Fernsehstar tritt gegen Mobbing an"},"content":{"rendered":"<p>Ein ehemaliger deutscher Action-Star macht in den USA Schlagzeilen. Und dies vollkommen zu Recht, denn Carsten Stahl war einst selbst Mobbing-Opfer und k&auml;mpft heute als &bdquo;Jugendfl&uuml;sterer&ldquo; einen bewundernswerten Kampf gegen das Mobbing. Nun hat er es geschafft, dass sein wertvolles und erfolgreiches Engagement sogar <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2019\/08\/16\/world\/europe\/carsten-stahl-germany-bullies.html\">in der New York Times vorgestellt wurde<\/a>. <strong>Josefa Zimmermann<\/strong> hat den Artikel von <strong>Melissa Eddy<\/strong> f&uuml;r die Leserinnen und Leser der NachDenkSeiten ins Deutsche &uuml;bersetzt. Weitere Informationen zu Stahls Initiative &bdquo;Stoppt Mobbing&ldquo; finden Sie auf <strong><a href=\"https:\/\/www.stoppt-mobbing.de\/\">deren Internetseite<\/a><\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nEs war weder sein Ruhm als TV-Actionheld noch sein praller Bizeps, der es Carsten Stahl erm&ouml;glichte, eine Sporthalle voller schnatternder Grundsch&uuml;ler zum Schweigen zu bringen. Es war seine eigene, zutiefst ber&uuml;hrende Geschichte. Stahl begann seine Pr&auml;sentation in breitestem Berliner Dialekt, der Sprache der Gosse, indem er die Sch&uuml;ler ermutigte, sich gegenseitig die schlimmsten Schimpfw&ouml;rter zuzuschreien, die sie auf dem Schulhof benutzen. Mit jeder Beleidigung und jeder Obsz&ouml;nit&auml;t brachen die im Halbkreis eng auf B&auml;nken zusammengedr&auml;ngten F&uuml;nft- und Sechstkl&auml;ssler mehr in Lachen aus.<\/p><p>Als der 46-j&auml;hrige Vater von zwei Kindern und fr&uuml;here Chef einer Stra&szlig;engang den Kindern vom dem 10-j&auml;hrigen Jungen erz&auml;hlte, der monatelang Beleidigungen erduldete, aus denen Bedrohungen und Schl&auml;ge wurden und die damit endeten, dass eine Gruppe von Mobbern auf ihn urinierte, w&auml;hrend er in einer bitter kalten Nacht in Berlin in einer fast zwei Meter tiefen Grube lag, fast an seinem Blut erstickte und nur noch sterben wollte. <\/p><p>W&auml;hrend Carsten Stahl sprach, verbarg ein Junge im gr&uuml;nen T-Shirt sein Gesicht in seinen H&auml;nden und ein M&auml;dchen mit langem Pferdeschwanz unterdr&uuml;ckte ihre Tr&auml;nen. Aber Stahl, der diese Geschichte schon vor mehr als 50 000 Sch&uuml;lern in ganz Deutschland erz&auml;hlt hatte, machte weiter, mit fester Stimme und stechendem Blick brachte er die Geschichte zu ihrem wohl einstudierten H&ouml;hepunkt. <\/p><p>&bdquo;Der zehnj&auml;hrige Junge war ich!&ldquo; schrie er heraus.<\/p><p>&bdquo;Ich h&ouml;re jetzt niemand lachen&ldquo;, sagte Stahl, w&auml;hrend er ein paar Schritte n&auml;her an die Sch&uuml;ler der Elbtal-Grundschule in Bad Wilsnack, gut 100 km nordwestlich von Berlin, herantrat. &bdquo;Mobbing ist kein Spa&szlig;. Mobbing t&ouml;tet Menschen.&ldquo;<\/p><p>In Deutschland ist eines von drei Kindern in irgendeiner Form von Mobbing betroffen, entweder verbal, k&ouml;rperlich oder durch Missachtung, so berichtet eine <a href=\"https:\/\/www.bertelsmann-stiftung.de\/de\/publikationen\/publikation\/did\/childrens-worlds\/\">Studie<\/a> der Bertelsmann-Stiftung. <\/p><p>F&uuml;r Stahl war diese Studie nicht n&ouml;tig, um das Ausma&szlig; des Problems zu erkennen. Er erkannte es am zweiten Schultag seines Sohnes, als der Junge mit blutender Lippe und Nase nach Hause kam und gegen&uuml;ber seiner j&uuml;ngeren Schwester Schimpfw&ouml;rter ausstie&szlig;, die dem Erstkl&auml;ssler vorher nie &uuml;ber die Lippen gekommen waren. <\/p><p>Damals war Stahl der Star in der Fernsehserie &bdquo;Privatdetektive im Einsatz&ldquo;, die ihn zu einem bei Tausenden beliebten Helden machte, vor allem bei Jungen und Teenagern. <\/p><p>&bdquo;&Uuml;berall wo ich war, erkannten mich die Kids&ldquo;, sagte er. Er entschied sich, seinen Erfolg zu nutzen und seine Rolle zu vertiefen, indem er tiefer in die Materie der Pr&auml;vention von Verbrechen bei Jugendlichen einstieg, anstatt nur Verbrecher zu jagen. &bdquo;Sie m&uuml;ssen bedenken, woher ich komme und was ich erlebt habe&ldquo;, sagte er. &bdquo;Aber damals dachte ich nicht mehr &uuml;ber das Mobbing nach. Ich hatte es verdr&auml;ngt, wie alle es tun.&ldquo; <\/p><p>Die Schauspielerei war nicht Teil seines Lebensplans, sagte Stahl, der 18 Jahre Chef einer Stra&szlig;engang in dem von Gewalt gepr&auml;gten Berliner Bezirk Neuk&ouml;lln war, wo er mit einer &auml;lteren Schwester und zwei &auml;lteren Br&uuml;dern in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen war. Dort erlebte er als pummeliges, rotblondes Kind die zerst&ouml;rerische Dem&uuml;tigung, gemobbt zu werden. Dort wurde auch er zum Mobber, als er gr&ouml;&szlig;er wurde und auf dem Fu&szlig;ballplatz und im Boxring an St&auml;rke zulegte.<br>\nAls er 11 war, entschieden seine Eltern, dass er von der Stra&szlig;e weg musste, und sie zogen in das bayerische Dorf, in dem sie den Sommerurlaub verbracht hatten. Seine Mutter, eine Verk&auml;uferin, fand schnell einen Job, aber sein Vater, der Kraftfahrer war, musste pendeln, bis er entlassen wurde. Zwei Jahre sp&auml;ter kehrte die Familie nach Berlin zur&uuml;ck. <\/p><p>Zur&uuml;ck in Berlin gewann er an Kraft und Selbstbewusstsein. Die Erkenntnis, dass er jeden mit seinen F&auml;usten besiegen konnte, brachte ihm Furcht und Respekt ein, w&auml;hrend er als Chef einer Gang mehr Geld machte, als er f&uuml;r goldene Rolexuhren und Porsches ausgeben konnte. Carsten Stahl gibt zu, dass er damals ungestraft Verbrechen beging, die ihn h&auml;tten ins Gef&auml;ngnis bringen k&ouml;nnen &ndash; und er bedauert, dass das nie passierte, denn das h&auml;tte ihm eher den Kopf zurechtger&uuml;ckt. <\/p><p>&bdquo;Aber dann machte ich einen Fehler&ldquo;, sagt er. &bdquo;Ich verliebte mich. Eigentlich zweimal.&ldquo; <\/p><p>Seine erste Freundin war im vierten Monat schwanger, als Mitglieder einer rivalisierenden Gang sie &uuml;berfielen. Sie &uuml;berlebte, aber ihr ungeborenes Kind und ihre Beziehung nicht. Mit 24 stellte Stahl fest, dass er wieder in einer Grube lag &ndash; diesmal gef&uuml;hlsm&auml;&szlig;ig &ndash; und sterben wollte. Er nahm Drogen und kehrte auf die Stra&szlig;e zur&uuml;ck. <\/p><p>Das ging bis 2008, als seine n&auml;chste Freundin ihren gemeinsamen Sohn zur Welt brachte, sagte er. Er wollte die beiden besch&uuml;tzen und verlie&szlig; die Gang, verkaufte seine schnellen Autos und seine protzigen Uhren und kam als Bodyguard &uuml;ber die Runden. Drei Jahre sp&auml;ter schlug ihm ein Freund, der ihm ein paar kleine Fernsehrollen verschafft hatte, vor, sich um die Hauptrolle in einer neuen Krimiserie zu bewerben.<\/p><p>&bdquo;Also, die meisten von euch kennen mich aus dem Fernsehen&ldquo;, sagte er zu der Gruppe in Bad Wilsnack, w&auml;hrend seine Tattoos unter dem Kragen seines wei&szlig;en Hemdes hervorlugten, verziert mit dem leuchtend roten Stop-Mobbing-Emblem des <a href=\"https:\/\/www.camp-stahl.de\/\">Vereins<\/a>, den er gegr&uuml;ndet hatte. &bdquo;Wow, aber das macht mich nicht besser als ihr. Jeder, egal, woher er kommt oder wie er aussieht, verdient es, mit Respekt behandelt zu werden.&ldquo; <\/p><p>Nach sechs Jahren, in denen er an Hunderten von Schulen Workshops f&uuml;r Sch&uuml;ler, Lehrer und Eltern durchgef&uuml;hrt hatte, schrieb Stahl ein Buch und produzierte <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/channel\/UCf475fOjaA07WkLXZwDaZmg\/feed\">Youtube-Videos<\/a>, die mehr als 600 000 Mal abgerufen wurden. Er ist ein Mann mit einer Mission und er lebt von der Aufmerksamkeit seiner Fans und vieler junger Leute, die ihn auf der Stra&szlig;e erkennen. W&auml;hrend eines dreist&uuml;ndigen Interviews in einem Berliner Park wurde er viermal unterbrochen.<\/p><p>Als er begann, sprach er nur vor einzelnen Schulklassen, sagte er. Im Lauf der Jahre erkannte er, dass eine Klasse nicht reicht, wenn man Mobbing frontal bek&auml;mpfen will. &bdquo;Man muss die ganze Schule einbeziehen, einschlie&szlig;lich der Lehrer und Schulleiter und im besten Fall auch der Eltern&ldquo;, sagte er.<\/p><p>Inzwischen hat er in ganz Deutschland Seminare durchgef&uuml;hrt. Das Land Brandenburg, zu dem Bad Wilsnack geh&ouml;rt, unterst&uuml;tzt seit zwei Jahren seine Schulpr&auml;sentationen finanziell. <\/p><p>&bdquo;Er hat nicht diesen warmherzigen, verschwommenen p&auml;dagogischen Ansatz&ldquo;, sagte die Staatssekret&auml;rin im brandenburgischen Innenministerium, Katrin Lange. &bdquo;Aber sein Erfolg ist zum Teil dadurch begr&uuml;ndet, dass die Unruhestifter anfangs alle erwarten, dass er einer von ihnen ist. Und dann stellt sich heraus, dass er selbst Mobbingopfer war.&ldquo; <\/p><p>Oft suchen Eltern, die ihn aus dem Fernsehen oder durch seine Online-Kampagne kennen, seinen Rat oder laden ihn ein, an den Schulen ihrer Kinder zu sprechen. Das war auch bei der Elbtal-Grundschule der Fall, sagte Schulleiterin Sabine Zander, die Stahl auf Vorschlag einiger Eltern an die Schule eingeladen hat. <\/p><p>&bdquo;Gut, dass er kein Lehrer ist&ldquo;, sagte sie, nachdem sie ein Stopp-Mobbing-Emblem und ein Plakat mit dem Versprechen, respektvoll und tolerant miteinander umzugehen, und den Unterschriften aller 149 Sch&uuml;ler drumherum, in Empfang genommen hatte. Sie will es am Eingang der Schule aufh&auml;ngen, sodass die Sch&uuml;ler t&auml;glich an das erinnert werden, was sie in dem 90-min&uuml;tigen Seminar mit Carsten Stahl gelernt haben.<\/p><p>Nach 14 Jahren Schulerfahrung, sagte sie, hat sie keine Illusionen, dass man das Problem mit einer Veranstaltung l&ouml;sen kann, auch wenn ein bekannter Schauspieler dabei eine &uuml;berzeugende Geschichte erz&auml;hlt. <\/p><p>&bdquo;Ich werde abwarten, wie sich die Dinge entwickeln&ldquo;, sagte Sabine Zander. &bdquo;Es wird sich nichts &uuml;ber Nacht &auml;ndern, aber so etwas ist schon hilfreich.&ldquo;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein ehemaliger deutscher Action-Star macht in den USA Schlagzeilen. Und dies vollkommen zu Recht, denn Carsten Stahl war einst selbst Mobbing-Opfer und k&auml;mpft heute als &bdquo;Jugendfl&uuml;sterer&ldquo; einen bewundernswerten Kampf gegen das Mobbing. Nun hat er es geschafft, dass sein wertvolles und erfolgreiches Engagement sogar <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2019\/08\/16\/world\/europe\/carsten-stahl-germany-bullies.html\">in der New York Times vorgestellt wurde<\/a>. <strong>Josefa Zimmermann<\/strong> hat<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=54266\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":54267,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[35,123,161],"tags":[1959,1944],"class_list":["post-54266","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aufbau-gegenoeffentlichkeit","category-kampagnentarnworteneusprech","category-wertedebatte","tag-hate-speech","tag-mobbing"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/190821_titel.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/54266","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=54266"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/54266\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":54270,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/54266\/revisions\/54270"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/54267"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=54266"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=54266"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=54266"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}